Zur Parallelität von Krebs und Krieg: Evelyne Accad

(Zuletzt aktualisiert: 28. März 2017)

Evelyne Accad, geboren in Beirut vor 69 Jahren, emeritierte Hochschulprofessorin (für Französisch, Afrikanistik und LAS Global Studies von der University of Illinois at Urbana-Champaign), Autorin zahlreicher Bücher, darunter diverse zur Frauenforschung: In deutscher Sprache ist 2001 „Die Beschnittene“ [1] bei Horlemann erschienen (inzwischen vergriffen). Evelyne Accad sprach im Oktober 2012 im Krankenhaus Hautepierre in Straßburg über ihre persönlichen Erfahrungen mit Brustkrebs.[2] Ihr Buch „The wounded Breast: Intimate Journeys through Cancer“ – die französische Ausgabe erschien unter dem Titel „Voyage en cancer“ – zählt „global“ zu den mutigsten Büchern zum Thema Brustkrebs. Doch eine deutschsprachige Ausgabe ihrer „Reisen mit dem Krebs“ gibt es nicht. 

Zur Parallelität von Krieg und Krebs

Voyages en cancer - Evelyne Accad

Voyages en cancer – Evelyne Accad (französische Ausgabe 2000)

Mit ihrem Beitrag zur Sprache der Krankheit Krebs als Kriegssprache („Cancer Speaks in War Language“) befasste sich Accad 2008 mit Bedingungen für eine Sprache des Friedens (The Implications of Language for Peace and Development Conference, IMPLAN 2008). Die Entmenschlichung („objectification“) von Frauen in Kriegsgebieten gehört ebenfalls zu Accads Forschungsfeldern.[3]

Ihren Aussagen zur Behandlung von Brustkrebs kommt vor diesem Forschungshintergrund entsprechend Bedeutung zu, und das Buchcover der englischsprachigen Ausgabe ihres Buches über ihre Brustkrebs-Erfahrung kann deutlicher kaum sein. „Die Parallelität zwischen Krieg und Krebs erscheint mir eindeutig; um diese Krankheit zu behandeln wird geschnitten, bestrahlt, verbrannt …“ Die gleichen Formulierungen, die hierzulande allerdings überwiegend eher verdrängt oder verleugnet werden, verwendet am Rande angemerkt auch Susan Love („zerfetzen, vergiften, verbrennen“).[4]

Patientinnen fanden kein Gehör

Die Therapieerfahrungen sind nicht zuletzt hart für eine Frau, die sich als Pazifistin definiert und deren Heimatland, der Libanon, in den 1980er Jahren einen Bürgerkrieg durchgemacht hat. Als Evelyne Accad ihre schweren Therapien in den USA erhielt, schrieben wir das Jahr 1984: „Die Patientinnen fanden kein Gehör und die Behandlungen waren sehr aggressiv“, sagt Evelyne Accad.

Evelyne Accad: The Wounded Breast (englischsprachige Ausgabe)

Evelyne Accad: The Wounded Breast (englischsprachige Ausgabe)

Inzwischen wird uns versprochen, dass die Behandlungen weniger radikal durchgeführt werden. Doch das Versorgungssystem hat aufgerüstet: mit seinen Screening-Einheiten, Brustkrebszentren, Disease-Management-Programmen (DMP), „Managed Care“, Effizienzanforderungen von der Profitmaximierung bis zur Kostensenkung, „Compliance-Initiativen“ etc. etc. bahnt es Frauen heute den „Behandlungskorridor“ mächtiger auf denn je. Wie könnten wir entkommen? Wo ist das „frauengerechte“ Gesundheitssystem, für das schon Frauengenerationen vor uns mobil gemacht haben?

Belastungsproben

Die Jahre sind vergangen, aber die Belastungsprobe bleibt auch für Evelyne Accad lebhaft in Erinnerung, so berichtet sie 2012. Da wir auf eine deutschsprachige Übersetzung ihres Buches nicht hoffen dürfen (Anfragen bei Verlagen im deutschsprachigen Raum blieben erfolglos), wird Evelyne Accads Brustkrebs-Buch mit einer ausführliche Rezension für diese Webseite in hoffentlich nicht all zu ferner Zeit gewürdigt. In Paris bestand Accad jetzt darauf, Dr. Dominique Gros[5] zu treffen, ein Spezialist, der lange im CHRU von Straßburg (Universitätskrankenhaus) gearbeitet hat und dessen Bücher über Brustkrebs Evelyne Accad zu der Feststellung „Es ist erstaunlich, dass ein Arzt sich dieselben Fragen stellt wie eine Patientin!“ gebracht haben.

Frankreich – ein Vorbild?

So kam es zu einem Vortragsabend, bei dem die ehemalige Patientin, die sich in Frankreich weiter behandeln lassen hatte („Es gibt kein besseres Gesundheitssystem auf der Welt, ihr Franzosen wisst gar nicht, was für ein Glück ihr habt!“), mit dem Publikum ins Gespräch kam. Eines der besten PatientInnenrechtegesetze hat Frankreich übrigens auch, und Frankreich kennt private Krankenversicherungen nicht! Im Gespräch in Paris waren Patientinnen, Angehörige und Straßburger SpezialistInnen, deren „Nähe und Menschlichkeit“ Accad lobte.

Deeskalation?

Professorin Carole Mathelin sagt für Frankreich, dass die heutige Verfahrensweise gegenüber Brustkrebs eher „die  Deeskalation“ sei, jedenfalls im Vergleich zu dem, was man noch vor einigen Jahren mit Frauen gemacht hat. „Mit weniger radikalen chirurgischen Eingriffen – Ausnahmen ausgenommen – und einer besonders wirksamen Nachbehandlung mit so wenig wie möglichen Nebenwirkungen.“ Soweit das Zitat. Isabelle Collot (Bewegung  Nest, Mouvement du Nid) hat dagegen eine Patientin zitiert, die „die Heftigkeit der Behandlung akzeptiert, denn sie will überleben“. Prof. Israel Nisand berichtete darüber hinaus von einer Krebspatientin, die sogar eine besonders aggressive Behandlung verlangt hatte. Steht Gewalt letztendlich nicht hinter jeder Krankheit? So geht es uns und so ging es uns, betroffenen Frauen, durch die Jahrhunderte hinweg auch.

Allein mehr Verständnis darüber, wie diese Krankheit wirklich funktioniert, wird weiter helfen.

Text: Susanne Schroeder / Gudrun Kemper

1. Accad, E. „L’Excisée“ (zur weiblichen Genitalverstümmelung)
2. Temoignage  autheur du cancer, MDL, 30.09.2012
3. Accad, E. „The Objectification of Women in War Zones“, The Public: Urbana-Champaign Independent Media Center. [Champaign-Urbana] 1 Mar. 2009, Vol 9th ed., sec. #2
4. zitiert nach Lynn, H. Linking breast cancer and our environment: politics and prevention: „Slash, Poison and Burn“, und Yalon, M. A „History of the Breast“
5. Gros, D. „Cancer du sein: entre raison et sentiments“ (Brustkrebs: Zwischen Verstand und Gefühl), Springer 2009, ISBN 2-287-79502-2

Weiterlesen

Interview: Elizabeth Zahnd, Evelyne Accad – Brustkrebs interkulturell betrachten: „Die Austreibung meines Schmerzes“

Evelyne Accad – Buchveröffentlichungen:
The Wounded Breast, Spinifex Press 2001, ISBN 1-876756-12-1
Voyage en Cancer,  L’edition Harmattan 2000, ISBN 2-738499139

Ellen Leopold:
Unter dem Radar – Krebs und Kalter Krieg: Spurensuche zu Ellen Leopolds Under the Radar: Cancer and the Cold War (Under the Radar, Rutgers Univ. Press 2008, Reihe Critical Issues in Health and Medicine, ISBN 978-08-1354404-5)

3 Kommentare
  1. […] Zur Parallelität von Krebs und Krieg: Evelyne Accad […]

  2. […] auch ins Arabische übersetzt wurde. Accads fundamentale Beschreibung zerbrochener Grenzen, die die Parallelität von Krebs und Krieg einschließt und interkulturelle Aspekte berücksichtigt, fehlt bei Deshazer ganz, obwohl es unzweifelhaft […]

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