Reise zum Mond oder mit Whitepaper ans Eingemachte (NBCC 2020)

(Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2013)

Deadline 2020

Mit einer auf den ersten Blick vielleicht illusorisch erscheinenden Aktion arbeitet aktuell die National Breast Cancer Coalition (NBCC). Die NBCC – ein Zusammenschluss von Frauenorganisationen zum Thema Brustkrebs mit Sitz in Washington, USA – hat zur Bekämpfung von Brustkrebs eine Deadline für das Jahr 2020 ausgegeben. Ein Whitepaper, also ein Papier zur Orientierung und Rechtfertigung, ist der Ausgangspunkt für diese Deadline. Die Dringlichkeit bei dem Ziel, die Krankheit Brustkrebs zu beenden („to end the disease“, in unserem Sprachgebrauch am ehesten vielleicht „Brustkrebs besiegen“), sei verloren gegangen, und es müsse sich radikal etwas ändern. Das Papier beginnt ein wenig phrasenhaft und wortgewaltig, doch das Lesen lohnt sich, denn NBCC hält fest, was Sache ist. Es habe niemals eine Deadline im Zusammenhang mit Brustkrebs gegeben, so NBCC, die jetzt mit einer bis zum 1. Januar 2020 rückwärts laufenden Uhr auf ihrer Webseite das Thema Brustkrebs eröffnet.
Deadline Webseite der NBCC www.stopbreastcancer.org

Was kann sich in den nächsten gut 9 Jahren zum Guten wenden, wenn es sich in den letzten 40 Jahren nicht geändert hat?

Unsere Generation lebt apokalytischem Crash-Kurs, Umweltzerstörung, ungesunde Lebensgewohnheiten und eine von Business und Management geprägte Medizin mögen als Beispiele dafür dienen. Über Engagement gegen Brustkrebs ändert sich daran wohl kaum etwas. Fortschritte sollen fortan Teil eines strategischen Plans werden. In einer konzentrierten Strategie solle die Qualität in der evidenzbasierten Brustkrebsversorgung verbessert werden, nahtlose Koordination, Informationsaustausch und Verantwortlichkeiten seien dabei gefordert. Vision, Dringlichkeit, konsequente Fokussierung, kreative Zusammenarbeit unter wahrhaftiger Führung („true leadership“) sollen die Schlüsselzutaten für den Erfolg sein. Ob die Strategie aufgehen kann, wird sich in den nächsten 9 Jahren zeigen, also dann, wenn auch mehr Daten aus dem Mammographie-Screening-Programm in Deutschland vorliegen.

Deadlines könnten Unmögliches möglich machen, lesen wir weiter im Whitepaper. Unvorstellbares könne Realität werden mit einer Deadline, starker Führung, strategischer Vision und der Kultur der Innovation. Die Sprache erinnert ein wenig an Unternehmensberatung. Vielleicht ist aber der amerikanische Sprachgebrauch einfach nur anders. Die NBCC wolle jedenfalls mehr tun als nur die Deadline setzen. Im Whitepaper folgt zunächst ein Abriss der Geschichte der Krankheit Brustkrebs. Die Awareness-Kampagnen der vergangenen Jahre, die Ausweitung der Screening-Programme, einschließlich Ansätze zur Steigerung von Geldmitteln und Forschung, hätten keine signifikanten Veränderungen in Bezug auf Erkrankungsraten und Brustkrebssterblichkeit erreicht, so die NBCC.

Statistiken

Resultat: Weiterhin sterben weltweit mehr als eine halbe Millionen Frauen alljährlich an der Krankheit Brustkrebs.

Prognose der NBCC unter Bezugnahme auf die WHO: Ändert sich nichts, so werden im Jahr 2030 über 800.000 Frauen jährlich an den Folgen von Brustkrebs sterben. Nach den SEER-Daten (US National Cancer Institute) haben Frauen in den USA derzeit ein Risiko von 1 zu 8, im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken.

Sterblichkeit
in den USA seit 1991: Sie sei nur langsam zurückgegangen, und zwar von 117 auf 111 Frauen, die an der Krankheit dort täglich sterben. Bei diesem Tempo werde man 500 Jahre brauchen, um Brustkrebs zu stoppen.

Unermesslicher Schaden: Der durch Brustkrebs bei den Frauen entstehende Schaden sei unermesslich.

Mittel in der US-Brustkrebsforschung: 13,6 Mrd US$ allein im Jahr 2006.

Kosten der Mammographie: 3,3 Mrd US$ zwischen November 2008 und November 2009 allein für die Mammographie (lt. Angaben des American College of Radiology).

Forschungsgelder für die Brustkrebsforschung

  • National Cancer Institute seit dem Jahr 2001 jährlich rund eine halbe Mrd US$
  • Brustkrebs-Forschungsprogramm DOD BCRP seit 1992 über 2,5 Mrd US$ (für peer-reviewed Brustkrebsforschung)
  • Komen-Stiftung seit 1982 – also über den Zeitraum von inzwischen knapp 30 Jahren – 450 Mio US$
  • Amerikanische Krebsgesellschaft (American Cancer Society) 118,1 Mio US$
  • AVON Kosmetikkonzern zwischen 1992 und 2009 mehr als 640 Mio US$
  • Breast Cancer Research Foundation mehr als 250 Mio US$.

Und das sind nur einige Beispiele für die bisher eingesetzten Mittel.

Medikamentenarsenal
Es gäbe mehr als 60 von der FDA (Food and Drug Administration, die Medikamenten-Zulassungsbehörde der USA) zugelassene Medikamente gegen Brustkrebs, ohne „off label use“, doch was wirkt überhaupt, in welchem Umfang, bei welcher Patientin, sicher?

Forschung
In der „Pipeline“ befänden sich lt. Lobbyverband der amerikanischen Pharmaindustrie PhRMA gegenwärtig 106 neue Medikamente. Nach dem staatlichen Register für klinische Studien in den USA – in Deutschland ist die Registrierung solcher Studien bisher nicht gesetzlich verpflichtend – laufen zurzeit rund 1.500 für die „Rekrutierung“ geöffnete Brustkrebsstudien, die überwiegende Mehrheit davon zur Dosierung und Kombination von bereits existierenden Medikamenten.

Diese Zahlen, so heißt es im Whitepaper weiter, seien ein Erfolg, doch die Frage der Fragen bliebe: Was haben die letzten 40 Jahre und die Milliarden von Dollars tatsächlich erreicht?

Ans Eingemachte

Krankheitsverständnis: Das Verständnis für die Krankheit habe sich deutlich verbessert, nicht aber die Situation der betroffenen Frauen.

Situation der betroffenen Frauen: Die erreichten Veränderungen für betroffene Frauen seien auch nicht allein positiv zu bewerten.

Mammographie: So sei die routinemäßige Brustkrebsfrüherkennung mit Mammographie der allseits akzeptierte Standard, doch die Daten zur Reduktion der Brustkrebssterblichkeit durch Mammographie seien widersprüchlich und würden immer noch durch Wissenschaft, Leitlinienersteller und Öffentlichkeit infrage gestellt. Wenn die Mammographie überhaupt eine Auswirkung auf die Brustkrebssterblichkeit habe, so sei sie zumindest sehr gering. (Die NBCC als größter Zusammenschluss von Brustkrebsorganisation in den USA spricht sich bereits seit November 2002 nicht mehr für Brustkrebsfrüherkennung mit Mammographie-Screening aus, da sie die Evidenzlage für unzureichend hält. Entscheidungen für oder gegen eine Mammographie müssen nach ihrer Auffassung auf persönlicher Ebene getroffen werden.)

Medikamente: Die Anzahl der Patientinnen, denen neue Medikamente – etwas – helfen, sei gering. Chemotherapie werde zusätzlich als Standardtherapie weiterhin eingesetzt, ohne viel Evidenz oder Vorteil für die betroffene Frau. Langzeitwirkungen seien kaum belegt, und es entstünden außerdem auch Schäden. Anthrazykline würden weiterhin breit eingesetzt, während es Evidenz dafür gibt, dass nur wenige Frauen davon profitieren, während diejenigen, die nicht von Anthrazyklinen profitierten, mit weniger toxischen Therapien behandelt werden könnten, s. dazu auch unsere Berichterstattung und Pressemeldung aus dem Jahr 2007. Neue Medikamente seien zugelassen worden ohne den Beleg, dass sie Vorteile für die Patientinnen brächten. Die Zulassung von Bevacizumab in den USA (s. bei uns auch Stichwort Bevacizumab / Avastin) habe über 1 Milliarde Dollar jährliche Einnahmen für einen Pharmakonzern gebracht, während dieses Medikament den Patientinnen weder eine Verbesserungen ihrer Lebensqualität noch eine Überlebenszeitverlängerung gebracht hätte. Der Schaden für Kassen und Patientinnen wurde bisher nicht beziffert, auch nicht in Deutschland. Auch Trastuzumab wirke in vielen Frauen mit Her2-positiven Tumoren nicht (s. a. Slamon 2001), so NBCC, und wenn es wirke, trete nach einem bis zwei Jahren eine Resistenz auf (s. a. Valabrega 2007). Ziel müsse es sein, Leben zu retten, während Medikamente zugelassen würden ohne den Nachweis einer Überlebensverlängerung (oder anderer Vorteile).

Industrie: Es habe sich eine robuste Krebsindustrie etabliert, die Brustkrebs-Bewusstsein, Medikamentenproduktion, Screening-Devisen und genetische Tests vorantreibe. Hunderttausende von Artikeln würden publiziert und akademische Karrieren damit aufgebaut. Das gegenwärtige System sei lukrativ, biete elegante Wissenschaft, doch habe es wenig Wirkungen auf die weiterhin negierten Frauen, die es betrifft. Es handele sich eben nicht um wissenschaftliche Errungenschaften, sondern vielmehr organisatorische und systematische Funktionsstörungen.

Selbstverständnis: Die Medien und die Wissenschaft zelebrierten kleine Leistungen. Wir würden bereits zu lange konditioniert, wenige Monate der Lebensverlängerung als „Durchbruch“ anzusehen, in Kombination mit der Plattitüde „Früherkennung rettet Leben“.

Umweltursachen im Zusammenhang mit Brustkrebs werden am Rande erwähnt. Neues jetzt erklärtes Ziel der NBCC ist nicht mehr Behandlung, sondern Behandlung überflüssig machen. Die Krankheit solle vermieden werden und Therapien, die zu Verstümmelung, Krankheit und Tod führten, sollen vermieden werden. Während die Liste der Therapien immer länger werde, habe man sich nicht um die Vermeidung der Erkrankung gekümmert. Das klingt nach später Einsicht. Die NBCC nähert sich damit nach rund 20 Jahren ökofeministischen Organisationen wie Breast Cancer Fund an und liegt damit auch auf Linie mit dem Bericht des President’s Cancer Panel.

Viel Lob für die eigenen Arbeitstrategien übermittelt die NBCC im Whitepaper an sich selbst. Floskeln in einer Sprache, wie sie PR-Strategen gern nutzen, etwa „Die NBCC ist bereit für die strategische Speerspitze innovativer und integrativer Ansätze zur Beendigung von Brustkrebs“ können uns bisher im Whitepaper allerdings ebenso wenig überzeugen wie die rückwärts laufende überdimensionierte Uhr mit Deadline auf ihrer Webseite – zumindest nicht, solange sie mit Suggestivkraft und nicht mit Content (Inhalt) gefüllt wird. Ausgerechnet in Anlehnung an die Visionen einer bemannten Fahrt zum Mond und die Apollo-Projekte will die NBCC in ihrem Papier überzeugen, dass diese Deadline nützlich sei, um Brustkrebs wirksam zu bekämpfen. Eine ähnliche, von Nicht-Amerikanern vielleicht eher etwas peinlich empfundene  Vision wurde auf dem San Antonio Breast Cancer Symposium 2009 bereits von einer europäischen Ärztin mit Schwerpunkt Pharmaforschung vorgestellt: „International Breast Cancer Research: Launching an Expedition to the Moon” – Die internationale Brustkrebsforschung: Start einer Expedition zum Mond.

Neben allen Leistungen – wie etwa dafür Sorge zu tragen, dass die Behandlungskosten für Patientinnen ohne Krankenversicherung in den USA abgesichert wurden oder die Bereitstellung ihrer fachlich fundierten Positionspapiere, die von der Webseite der Organisation seit über 10 Jahren abgerufen werden können – fehlt vielleicht auch ein kleines Eingeständnis des eigenen Versagens. Die NBCC ist kritisch, aber ist sie auch selbstkritisch? Wenn sie für sich in Anspruch nimmt, die Politik zu Brustkrebs zu steuern, so fragt es sich schon, warum 20 Jahre einer hoch aufwändigen Arbeit, in der es zumindest an Mitteln nicht gefehlt hat, nicht wirklich weiter geführt haben, s. Bilanz oben. Und was Frauen heute dazu bewegen könnte, ausgerechnet auf eine Deadline von 9 Jahren zu hoffen. Dass die Reise zum Mond einst gelang, kann dafür ja wohl kaum der Maßstab sein.

Brustkrebs global

Die NBCC hat, neben dem Abschied von rosa Schleifen und dem Anspruch, Geld zu sammeln, den Wechsel von rosa zu tiefem bordeauxrot geschafft und ruft mit ihrem Whitepaper nicht allein zu einer nationalen, sondern zu einer globalen Strategie der Brustkrebsbekämpfung auf. Es ist also nicht so, dass uns alle dies gar nichts angeht, nur weil es sich im fernen Amerika abspielt. Angesichts der sich weltweit angleichenden Lebensbedingungen von Frauen (z.B. Ernährungsprobleme mit chemisch und industriell manipulierten Nahrungsmitteln, einer mit Umweltgiften hoch belasteten Lebensumwelt, Umweltgifte, die sich weltweit verbreiten und von denen viele nachweislich in einem Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs und Brustkrebs stehen) sowie vielen weiteren von der Lebenswelt abhängigen Parametern, die Frauen nachweislich krank machen, erscheint die Suche nach globalen Lösungen notwendig. Auch die Krebsindustrie mit ihrem ausgeklügelten System der Medikalisierung und Profitgenerierung (s. oben) nutzt den Schauplatz global für sich.

800.000 Frauen, die im Jahr 2030 weltweit an Brustkrebs sterben werden – das ist eine tragische Meßlatte. Um daran etwas zu ändern, müssen wir die Welt, in der wir leben, zunächst auf den Kopf stellen und alles, was Frauen krank macht, ändern. Nichts deutet bisher darauf hin, dass dies geschieht. Im Gegenteil.

Quellenangaben

Whitepaper der National Breast Cancer Coalition, NBCC (pdf), neue URL Abruf 02/2013: http://www.breastcancerdeadline2020.org/about-the-deadline/dl-2020-whitepaper.pdf

Department of Defense (DOD) Breast Cancer Research Program (Brustkrebs-Forschungsprogramm des amerikanischen Verteidigungsministeriums)

1 Kommentar
  1. […] Die NBCC hat im Herbst 2010 zur Bekämpfung von Brustkrebs eine Deadline für das Jahr 2020 ausgegeben.  Ein Weißpapier ist der Ausgangspunkt für diese Deadline. Mehr lesen: Reise zum Mond oder mit Whitepaper ans Eingemachte (NBCC 2020) […]

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