Wessen Überleben sichert das Überlebensbuch Brustkrebs von Goldmann-Posch und Martin?

(Zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2014)

Rezension vom 13. Mai 2007 von Elisabeth Rieping (www.erieping.de) Gegen Müdigkeit durch Blutarmut, wie sie oft nach Chemotherapie und Bestrahlung von Brustkrebs auftritt, wird von Ursula Goldman-Posch und Rita Rosa Martin in ihrem Überlebensbuch Brustkrebs 2006 über mehrere Seiten ausgeführt zu Erythropoetin, meist EPO genannt, geraten. Das könnte aber sehr gefährlich sein. Von der FDA, der amerikanischen Behörde für die Sicherheit von Medikamenten, wird aber mittlerweile vor diesem Medikament gewarnt, weil es die Lebenserwartung von Krebspatientinnen verringern kann. Ein Wisserschaftler C. Anthony Blau hat dazu kürzlich eine Zusammenfassung in der Zeitung Stem Cells veröffentlicht, in der die diesen Verdacht begründenden Studien angeführt werden. Der Grund für diese Lebenszeitverkürzung, die bei Menschen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs ungefähr eine Halbierung der Lebensdauer ausmacht, wird darin gesehen, dass auch Krebszellen oft Rezeptoren für Erythropoietin haben und deshalb auf dieses Blutbildungshormon mit Zellteilung und Vermehrung reagieren. Das, was man bei Krebs ja gerade nicht möchte. Blau CA 2007 schreibt dazu, dass schon ältere Studien darauf hindeuteten, dass die Gabe von Erythropoietin die Überlebenszeit von Krebspatientinnen verkürzt, ohne dass sich die Verschreibungspraxis dadurch geändert hätte. Auch auf der Internetseite von Amgen, einem wichtigen Hersteller dieser Hormone, dessen Kurs deshalb auf Talfahrt ist, wird nicht auf die Gefahren durch diese Blutbildungshormone hingewiesen, die zur Bekämpfung von Müdigkeit, heute auch Fatigue genannt, empfohlen werden. Bei Ulla Goldman-Posch und Rita Rosa Martin heißt es, Erythropoietin würde nicht genug verschrieben, weil es den Ärzten zu teuer wäre und sie Racheakte der Krankenkassen fürchten müssten. Aber es kommt auch die Patientin teuer, wenn sie mit der Lebensdauer bezahlt, und das könnte leider der Fall sein. Die Erfahrungen mit Erythropoietin veranlassen sogar zu der Frage, ob die Chemotherapie an sich zu einer Lebensverkürzung führe. Denn sie führt ja auch zu Anämien, die in der Folge auch zur Ausschüttung dieses Hormons durch die eigenen Nieren führen und so vielleicht indirekt das Tumorwachstum begünstigen. Bis jetzt ist eine Lebensverlängerung bei metastatischem Brustkrebs durch die Chemotherapie nicht nachgewiesen. Man kann sich ihr überall unterziehen, sollte aber unbedingt darauf aufmerksam gemacht werden, dass es sich um die Teilnahme an einem Experiment zur Erforschung der Behandlung handelt und nicht um eine Behandlung mit erwiesener Wirkung. Die Wirkung der Chemotherapie bei jüngeren Frauen ohne Metastasen soll auf der Ausschaltung der Eierstöcke beruhen, die sich aber wesentlich weniger belastend durch eine Operation bewirken läßt. Darauf sollte doch in einem Buch, das sich als Patientinnen-Ratgeber empfiehlt, hingewiesen werden. Genauso problematisch finde ich die Empfehlung, gegen die Probleme der Antihormontherapie Psychopharmaka wie Prozac einzunehmen. Prozac macht aggressiv, gegen sich und andere, das heißt dass es für Selbstmorde und Amokläufe verantwortlich gemacht wird. Sicher seltene Reaktionen. Normaler, aber auch ein großes Problem, sind wohl ein aggressives Verhalten in der Familie und am Arbeitsplatz, das Ehen und Arbeitsstellen gefährdet, und das in einer Situation, in der Rückhalt von Freunden und Verwandten besonders wichtig sind. Sonst steht man hinterher nicht nur ohne Brust, sondern ohne Mann, Freundin und Kollegen da. Das Buch ist sehr gut gemacht, bringt viele Informationen, die sogar mir noch neu waren, und ich habe es gerne gelesen, auch weil die Buchstaben so groß sind, dass es eine Freude ist. Man kann sich darin über den gegenwärtigen Standard der Brustkrebsbehandlung in Deutschland gut informieren und sich mit dem bekannt manchen, was einen erwartet, wenn man dazu durch die Erkrankung gezwungen wird. Insofern ist es sicher informativ, in dieses Buch zu schauen, um überhaupt zu verstehen, wie die Behandlung heute läuft. Aber sollte man sich den darin vorgeschlagenen Maßnahmen unterziehen? Ich kann vor den darin gegebenen Ratschlägen nur warnen, es sei denn, man möchte eine Erbtante legal früh ins Grab befördern. Ob durch dieses Buch das Überleben der Erythropoietin-Hersteller günstig beeinflusst wird oder das der Frauen, die mit Erythropoietin ihre Müdigkeit bekämpfen, sollte man sich gut überlegen. Vielleicht nach einem an Nebenwirkungen ärmeren Nickerchen.

Hinweis: Diese Rezension ist auch auf der Webseite von amazon verfügbar unter der URL: http://www.amazon.de/review/R1ROEFG34NY7XR/ref=cm_cr_pr_viewpnt#R1ROEFG34NY7XR

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Elisabeth Rieping

Weiterlesen Geben und Einnehmen von Martina Keller in der ZEIT (mit Hinweisen zum „Überlebensbuch“)

Bert Ehgartner: Der lange Abschied von EPO aus der Krebstherapie http://tinyurl.com/byeEPO

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