Wechseljahre: Hormon“ersatz“therapie weiterhin nicht empfehlenswert

(Zuletzt aktualisiert: 7. Mai 2018)

Wir leben in einem hormonellen Zeitalter. Bereits mehrfach haben wir über die Risiken, die mit der Hormon“ersatz“therapie bei Wechseljahrsbeschwerden einhergehen, berichtet. Eine Hormontherapie erhöht das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, und kann eine Vielzahl weiterer unerwünschter Nebenwirkungen mit sich bringen, die die beworbenen Vorteile keinesfalls aufwiegen. Und wie beim Einsatz von Diethylstilbestrol (DES) fehlte immer der wissenschaftliche Beleg aus randomisierten klinischen Studien für die Wirksamkeit.1

Ein sehr gut verständlicher Artikel von Univ.-Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser „Substitution oder Medikalisierung gesunder Frauen?“ (pdf) ist gerade im Rundschreiben des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg „KHV-Journal“. Sie weist darin auf die wesentlichen wichtigen Nebenwirkungen von häufig als „Anti-Age-Therapie“ angepriesenen Hormonbehandlungen hin:

  • Herzinfarkte
  • Schlaganfälle
  • Brustkrebs
  • Gallenblasenleiden
  • Harninkontinenz

Die letztgenannte Nebenwirkung ist besonders häufig! Sie wird Frauen in Patientinneninformationsmaterialien häufig verschwiegen, auch darauf weist Ingrid Mühlhauser hin:

„Es ist fraglich, ob Frauen eine medikamentöse Behandlung wollen, die ihnen zwar kurzfristig die Beschwerden durch Hitzewallungen lindert, gleichzeitg aber in erheblichem Ausmaß zum unfreiwilligen Harnverlust führt.“

Eine Tabelle mit den exakten Zahlen ist in dem Mühlhauser-Artikel (pdf) enthalten.

Nachdem in jüngster Vergangenheit in den Medien wieder vermehrt Beiträge erschienen, mit denen diese Therapie empfohlen wurden und Frauen schmackhaft gemacht werden sollten, während zugleich die Risiken heruntergespielt wurden, meldete außerdem am 9. April 2018 „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ (GPSP):

Hormontherapie und Wechseljahre: Trotz „neuer“ Datenlage keinesfalls zu empfehlen

„Große klinische Studien belegen, dass bei Frauen in und nach den Wechseljahren die Behandlung mit Östrogen, dem wichtigsten weiblichen Sexualhormon, keinen Langzeitnutzen hat, sondern eher Nachteile. Mehrere Fachgesellschaften wollen das nicht wahrhaben und unternehmen immer neue Anläufe für ein Comeback der Hormonbehandlung.

Hintergrund: Am besten dürfte die Nachricht für Zigtausende Pferdestuten in den USA gewesen sein: 2002 wurde eine sehr große klinische Studie mit Frauen in und nach den Wechseljahren vorzeitig abgebrochen. Denn die Behandlung mit weiblichen Sexualhormonen hatte nicht wie erwartet vor Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz geschützt, im Gegenteil, manche dieser Erkrankungen nahmen in ihrer Häufigkeit eher zu. Umso schlimmer, weil Brustkrebs und Thromboembolien (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) als Risiken der Hormontherapie schon lange bekannt sind. Ein jahrzehntelang weltweit als Standard geltendes „Menopause-Medikament“ wurde damit über Nacht bedeutungslos. Warum das eine gute Nachricht für die Pferde war? Aus ihrem Urin, gesammelt unter wenig schönen Tierhaltungsbedingungen, hat man die Hormone gewonnen, die in die Arzneimittel zur Hormontherapie eingearbeitet werden. Diese Praxis endete nach der Studie abrupt, der Markt brach geradezu ein. GPSP berichtet bereits mehrfach über das Märchen der Hormontherapie, zuletzt im Heft 5/2016, S. 15.

Aktuell: Anstrengungen, den Nutzen einer Hormontherapie zurechtzubiegen, halten bis heute an. So wurden nachträglich die alten Studiendaten, die das Aus für eine Hormontherapie brachten, neu analysiert. Danach soll doch ein Nutzen vorhanden sein, wenn die Hormongabe früh, also bereits während der Wechseljahre, begonnen wird. Der große Fehler dabei: Die Daten haben keine Beweiskraft, sie deuten allenfalls Möglichkeiten an. Die Studienautoren selbst formulieren wissenschaftlich seriös, dass ihre Auswertungen inadäquat seien, um einen Unterschied zwischen den verschiedenen Altersgruppen zu belegen. Dies hindert hierzulande allerdings einen Berufsverband und eine Fachgesellschaft derzeit nicht, auf ihren Webseiten eine Hormontherapie in Sachen Vorbeugung bei koronaren Herzerkrankungen oder Alzheimer zu befürworten. Auch wenn dort durchaus die enttäuschenden Studienergebnisse und die Risiken erwähnt werden, bleibt der vermittelte Gesamteindruck der Hormontherapie aus unserer Sicht zu positiv. GPSP findet dies unverantwortlich.

Fazit: Eine Hormontherapie ist kein ungefährlicher Tausendsassa gegen natürliche Alterungsprozesse und die Gesundheitsrisiken, die der dritte Lebensabschnitt nun halt so mit sich bringt. Nur bei schwerer Ausprägung der Wechseljahresbeschwerden kann eine Hormontherapie zur Verringerung der Symptome sinnvoll sein. Aber dann so niedrig dosiert wie möglich und nicht länger als zwei bis drei Jahre.“

Mehr zu den Studienauswertungen und den aktuellen Befürwortern einer Hormontherapie in und vor allem nach den Wechseljahren finden Sie im Originalartikel der Ausgabe GPSP 2/2018: http://gutepillen-schlechtepillen.de/pressemitteilung/hormontherapie-und-wechseljahre/ (hier als PDF).

Unser Fazit für Frauen: Immer schön kritisch bleiben!

Quelle: www.gutepillen-schlechtepillen.de

„Gute Pillen – Schlechte Pillen“ wird von der Gemeinnützigen Gesellschaft für unabhängige Gesundheitsinformation herausgegeben, die von den drei Gründungszeitschriften arznei-telegramm®, Der Arzneimittelbrief und Pharma-Brief eingerichtet worden ist. GPSP finanziert sich über Abonnements, es enthält keine Werbung, die Beiträge sind wissenschaftlich fundiert und ohne Einfluss der Pharmaindustrie.

References

  1. s. dazu auch den hier von Ingrid Mühlhauser verlinkten Artikel

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