Was sie nicht sehen wollen (Gayle Sulik-Blog)

(Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2012)

Gayle-Sulik-Buch: Pink Ribbon BluesDie Medizin-Soziologin Gayle Sulik gehört zu den wenigen Wissenschaftlerinnen weltweit, die mit kritischem Blick den Umgang mit Brustkrebs in der Gesellschaft thematisieren. Ihre Themenschwerpunkte sind die wirtschaftliche Ausbeutung der Krankheit und der Umgang mit Frauen, die unheilbar erkrankt sind.  Aktuell berichtet sie von einer Ausstellung, die gerade (27.07.2012) eröffnet wurde und die sich dem Leben mit metastasiertem Brustkrebs aus der Perspektive zuwendet, die üblicherweise ausgeblendet wird. Metastasierender Brustkrebs und wie es wirklich ist, wie es den Frauen und ihren Familien geht, steht regelmäßig nicht auf der Tagesordnung: aus Angst, weil es schwer ist, sich damit auseinander zu setzen, und weil es Schatten auf die täglichen Erfolgsmeldungen wirft, die uns im Zusammenhang mit Brustkrebs in Sicherheit wiegen sollen.

Nicht freiwillig

Der Fotograf Angelo Merendino zeigt in dieser Ausstellung Fotos aus dem Leben seiner Frau Jennifer, die im Dezember 2011 an den Folgen von Brustkrebs gestorben ist. Bereits in den vergangenen Jahren hatte das Paar Fotos aus dem Leben mit der Krankheit online gezeigt und darüber berichtet: „Der Kampf, den wir nicht ausgesucht haben: Meine Frau kämpft gegen Brustkrebs“. Angelo Merendino begann kurz nach der Diagnose seiner Frau im Jahr 2008 die Dokumentation der Krankheit mit den Mitteln der Fotografie. Er hat Fotografie studiert und ist spezialisiert auf Dokumentarfotografie. Fünf Monate nach der Hochzeit erhielt seine Frau die Diagnose Brustkrebs, zwei Jahre später Metastasen in den Knochen und in der Leber, dann im Gehirn. Jennifer Meredino starb im Dezember 2011. Die Fotografien sollen den Alltag dokumentieren und sie zeigen menschliche Tragik, Traurigkeit, Isolation und das Leben eines Paares, das ein Leben lang gemeinsam verbringen wollte und mit einem kleinen Rest davon auskommen muss.

Gefangen zwischen Therapien

Was bedeutet es, in fortlaufenden Therapien gefangen zu sein, die Nebenwirkungen auszuhalten, den psychischen Stress zu bewältigen und mit eingeschränkter „Leistungsfähigkeit“, den alltäglichen Schwierigkeiten und mit dem „Auf“ und „Ab“ der Krankheit klarzukommen? Die Bilder zeigen das Fortschreiten der Krankheit und vermitteln Einblick in das, was eine Patientin aushalten muss. Als authentische Erfahrungen zeigten die Bilder das Wesentliche des menschlichen Lebens, aber auch Gefühle der Angst und tiefe Traurigkeit, so schreibt Gayle Sulik mit ihrer Verbundenheit mit jenen Frauen, deren Krankheit kein „happy end“ nimmt.

Die Schwarz/Weiß-Fotos von Angelo Meredino werden auch bei CNN Photos gezeigt, herzzerreißend, wie Sulik in ihrem Blog dazu kommentiert, während das eigentliche Gesicht der Krankheit zu oft verschwinde hinter den normalisierenden Botschaften von Stärke und „Kampf“. Die Kommentare (aktuell sind es 212, Abruf 27.07.2012) bei CNN zeigten positive Zuwendung anstelle der erwarteten Abwendung.

Entfernt – Kein Platz im „Treffpunkt“?

Zuvor war die Ausstellung aus einem jener Projekte, die das zulässige positive Gesicht der Krankheit Krebs zeigen wollen, vor die Tür gesetzt worden.[1] Man wolle eine friedvolle, heilende und förderliche Umgebung schaffen, in der die zulässigen Botschaften gedeihen. Die emotionalen Fragen, die die Konfrontation mit Krebs bedeute, wolle man bewusst fernhalten.

Realität unerwünscht

Die Meredino-Fotos zeigen nicht das zuckerüberzogene Bild der Krankheit, das von Plattitüden, frechen T-Shirts und unterhaltenden Gala-Abenden inzwischen weltweit geprägt ist. Für manche sei das reale Bild der Krankheit vielleicht zu viel, so Sulik, doch solange eine Gesellschaft es sich leiste, die Krankheit nicht als das zu sehen, was sie ist, wäre die Kapazität, die Betroffenen zu unterstützen, immer begrenzt. Genau diese Risse sind es, die auch hier bei uns unausgesprochen und äußerst hartnäckig wirksam sind. Der diensteifrige Rummel um Brustkrebs in den üblicherweise industriell finanzierten Charities macht auf dessen Schattenseite die Betroffenen vergessen, lässt sie voll im Stich: Realität ist unerwünscht.

Ein Gefühl der Ehre

Im Oktober 2012 wird das Gayle-Sulik-Buch „Pink Ribbon Blues“ als Paperback-Ausgabe erscheinen. Bisher fand sich in Deutschland kein Verlag für das wichtige Buch. Sulik kündigt an, dass sie sich geehrt fühle, einige der Fotos von Angelo Meredino und seiner Frau Jen in der Neuauflage ihres Buches unter der Überschrift: „Jenseits der Kultur: Alltag mit Brustkrebs“ zeigen zu dürfen.

Danke an dieser Stelle für den Finger auf der Wunde an Gayle Sulik, eine der wenigen Wissenschaftlerinnen und Medizinsoziologinnen, die nicht verbarrikadiert im Elfenbeinturm der Wissenschaft zuhause ist, sondern auf Erden, wo wir auch leben.


[1] Das Projekt „Gathering Place“ definiert sich ausgerechnet als sorgender Platz für jene Menschen, die von Krebs betroffen sind, s. dazu auch: Gathering Place abruptly removes breast cancer patient photo exhibit, says it stirred emotions http://www.cleveland.com/healthfit/index.ssf/2012/07/gathering_place_abruptly_remov.html 

Weiterlesen

Gayle Sulik: Webseite und Blog zum Buch „Pink Ribbon Blues“

Jennifer Meredino Blog: Mylifewithbreastcancer (bis November 2011)

My Wife Fights Breast Cancer: Webseite von Angelo Meredino

2 Kommentare
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