Vandana Shiva: Die Kontrolle von Konzernen über das Leben

(Zuletzt aktualisiert: 8. Mai 2013)

Vandana Shiva: Die Kontrolle von Konzernen über das Leben

 

Vandana Shiva: Die Kontrolle von Konzernen über das Leben = The Corporate Control of Life (dOCUMENTA (13): 100 Notes – 100 Thoughts, 100 Notizen – 100 Gedanken No. 012). Ostfildern: Hatje Cantz Verlag 2012, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. ISBN 978-3-7757-2861-4

Wer ist Vandana Shiva?

Vandana Shiva (Jg. 1952) ist Physikerin, Aktivistin, Gründerin von Navdanya International und eine der weltweit führenden Stimmen im Kontext Globalisierungkritik. Sie setzt sich ein für Veränderungen in den Bereichen geistiges Eigentum, Nahrung, Gentechnik, Biotechnologie, Biodiversität, Landwirtschaft und Nahrung. Ihre Bücher wie z.B. Ecofeminism (deutschsprachige Ausg. „Ökofeminismus“ 1995) und Staying alive: Women, Ecology and Development (deutschsprachige Ausg. „Das Geschlecht des Lebens: Frauen, Ökologie und Dritte Welt“ 1989beschreiben „Entwicklung“ als neues Projekt des Patriarchats.

„Ihre Arbeit beruht auf der Überzeugung, dass die Verteidigung der Rechte von Natur und Mensch sich in der Erd-Demokratie vereint haben – der Demokratie allen Lebens auf der Erde, einer lebendigen Demokratie, die von lebendiger Kultur unterstützt wird und die lebendige Ökonomien unterstützt”, beschreibt sie der Hatje Cantz Verlag auf seiner Webseite. Das kleine Büchlein „Die Kontrolle von Konzernen über das Leben“ von Vandana Shiva erschien anlässlich der documenta 13 in Kassel als Notizbuch und ist das Script eines Vortrags, der von der Universität Kassel unterstützt wurde.

Das Leben ist keine Erfindung

In „Die Kontrolle von Konzernen über das Leben“ beschreibt Vandana Shiva, wie durch Patente und Rechte an geistigem Eigentum das Leben in seiner ganzen Bandbreite und Verschiedenartigkeit zunehmend zum „Eigentum“ von Konzernen wird. Patente schützen Erfindungen, doch das Leben sei keine Erfindung. Das erste Patent auf Leben wurde in den USA 1971 erteilt, obwohl amerikanisches Recht die Patentierung von Pflanzen und Tieren grundsätzlich ausschließt. Inzwischen wurden viele solcher Patente erteilt, auch in Europa, darunter auch jene zu den Brustkrebsgenen.

Vandana Shiva erklärt den Kreislauf von Profiten als Ursachen für ungesunde Lebenswelten aus einer Perspektive, die von vielen gar nicht wahrgenommen wird. Konzerne spielen im Kontext Brustkrebs eine wichtige Rolle. Konzerne haben erhebliche finanzielle Interessen am „Management“ der Krankheit, denn einige ihrer Waren, speziell Krebsmedikamente, gehören zu den teuersten Produkten der Welt. Krebs wird mit „ethischen“ Medikamenten behandelt, nach ärztlicher Ethik müssen viele davon verordnet werden. Es wird viel Geld bewegt, speziell in den Industrieländern. Überdies geht es auch bei Brustkrebs und Krebs inzwischen um „Patente auf Leben“ (Stichwort Brustkrebsgene, die sich die amerikanische Firma Myriad Genetics patentieren ließ), um die seit vielen Jahren erbitterte Rechtsstreite geführt werden. Mit solchen Patenten werden exklusive Vermarktungsrechte abgesichert.

Kommerzialisierung der Wissenschaft, Verdinglichung von Natur

Vandana Shiva arbeitet heraus, wie die Patentierung lebender Organismen Formen der Gewalt fördere. Lebensformen würden behandelt, als seien sie Maschinen. Das „Ingenieur-Paradigma“ der Biotechnologie beruhe auf der Annahme, dass man Leben herstellen und besitzen könne. Nach Shiva sind Gentechnologie und Patente auf Leben der schlimmste Ausdruck einer Kommerzialisierung der Wissenschaft und einer Verdinglichung der Natur. Diese Kommerzialisierung ließe Ausbeutung und Beherrschung von Natur ohne Rücksicht auf gesellschaftliche und ökologische Folgen zu. Eine „reduktionistische“ Wissenschaft, die Vandana Shiva für diese Entwicklung verantwortlich macht, sei einhergegangen mit der Kommerzialisierung von Wissenschaft und führe zur Herrschaft über Frauen und nichtwestliche Länder, deren vielfältige Wissenssysteme nicht als legitime Formen von Wissen behandelt würden. Mit dem Ziel der Kommerzialisierung werde Reduktionismus zum Kriterium wissenschaftlicher Gültigkeit, was zur beschriebenen Verdrängung führe.

Demokratische Verhandlungen: Fehlanzeige

Vandana Shiva erklärt: „Die Patentierung von Leben wurde durch das TRIPS-Abkommen (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights) im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) der Weltorganisation (WTO) in internationales Recht transformiert. Das TRIPS-Abkommen des GATT ist nicht das Ergebnis demokratischer Verhandlungen zwischen einer breiteren Öffentlichkeit und kommerziellen Interessen oder zwischen den Industrienationen und der Dritten Welt. Es zwingt den unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen der Welt die Werte und Interessen westlicher transnationaler Konzerne auf.“ (S. 27/28) Ihre Feststellungen untermauert Vandana Shiva mit diversen Details zu den Eigeninteressen und ökologischen Auswirkungen, die verknüpft sind mit dem Agieren transatlantischer Konzerne wie BMS, DuPont, Monsanto, Pfizer, Merck, Johnson & Johnson (S. 28), Bayer, Syngenta, BASF (S. 38) etc. Zu den Auswirkungen gehören nach Vandana Shiva die Verbreitung von Monokulturen, Umweltverschmutzung durch Chemikalien, Risiken durch patentierte, gentechnisch veränderte Organismen, die in die Umwelt gelangen, Aushöhlung der Ethik des Umweltschutzes, Schwächung der Fähigkeit, Artenvielfalt zu erhalten, Förderung von Biopiraterie (S. 31). Dazu bringt sie wiederum Beispiele von Patentierungen für Niembaum bis Basmatireis und Weizen und dem zähen wie mühsamen Ringen z.B. durch Greenpeace. Greenpeace gehört zu den Organisationen, die Einsprüche gegen die Patente eingelegt haben und damit zumindest teilweise auch erfolgreich waren.

Biopiraterie: Kein Ende in Sicht

Menschen haben Jahrtausende mit Pflanzen gelebt, sie gepflegt, mit ihnen gearbeitet und von ihnen gelebt. Doch „Biopiraterie“ ist schwer abstellbar und mit kleinen Erfolgen ist es nicht getan. Immer wieder wird es neue Vorstöße für „Patente auf das Leben“ geben, mit nachteiligen bis lebensbedrohlichen oder im schlimmsten Fall tödlichen Folgen für Menschen, die von den Monopolen betroffen sind, sei es weil Lebensgrundlagen zerstört werden oder weil sie keinen Zugang zu teuren patentgeschützten Produkten erhalten. Vandana Shiva erklärt leicht verständlich und gut nachvollziehbar, wo die Probleme liegen

Der Volltext des zweisprachigen (engl. u. dt.)  Büchleins ist teilweise online unter: http://www.hatjecantz.de/controller.php?cmd=detail&titzif=00002861
(Die deutsche Version des Textes beginnt auf S. 23)

Weiterlesen

Die Befreiung der Brustkrebsgene (1): Keine Profite auf Leben & Tod!“ (05/2009)
Die Befreiung der Brustkrebsgene (2): Patentanspruch auf BRCA-Gene abgewiesen (03/2010)
Die Befreiung der Brustkrebsgene (3): CBS-Berichterstattung zum “Patent-Urteil” (04/2010)
Die Befreiung der Brustkrebsgene (4) – Mehrere Tausend Euro (03/2012)

Patent BRCA 1 (EP 95305601beim Europäischen Patentamt

Patent BRCA 2 (EP 96309211beim Europäischen Patentamt

Greenpeace-Berichterstattung: Streit um Brustkrebsgene

„Die wahren Kosten der Genpatente“ – Eine Greenpeace-Dokumentation

Mehr zu den BRCA-Genpatenten bei Greenpeace

Stellungnahme des Nationalen Ethikrates: Patentierung biotechnologischer Erfindungen unter Verwendung biologischen Materials menschlichen Ursprungs

Alessa Hool: Die europäischen BRCA-Patente von Myriad (Seminararbeit, pdf)

Das monopolisierte Brustkrebsgen (FAZ, 24. Oktober 2002, Nr. 247 bei archive.org)
http://www.gene.ch/genpost/2002/Jul-Dec/msg00225.html

Heise-Berichterstattung:
Klage in den USA: Patente auf Gene verstoßen gegen Verfassung

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