Keine Zukunft für „Our Bodies, Ourselves“ (Unser Körper – Unser Leben) oder: Die Frauengesundheitsbewegung stirbt scheibchenweise

(Zuletzt aktualisiert: 8. April 2018)

Immer wieder hören Frauengesundheitsprojekte und Frauenprojekte, die uns wichtig sind, auf. Viele Frauengesundheitsprojekte, die es bei uns im deutschsprachigen Raum gab, existieren heute nicht mehr. Aber es trifft auch große Netzwerke und Organisationen wie beispielsweise das kanadische Frauengesundheitsnetzwerk „Canadian Women‘s Health Network“ (CWHN), das seine Arbeit wegen fehlender Finanzierung 2017 einstellen musste. Auf der CWHN-Webseite (immer noch online) gibt es eine Vielzahl von Artikeln, die sich aus der Frauengesundheitsperspektive mit Brustkrebs befassen.

Grundlage für das „Frauenhandbuch Nr. 1“

Jetzt trifft es das wohl erfolgreichste, international weit verbreitete feministische Frauengesundheitsprojekt, das als „Boston Women’s Health Book Collective“ begann. Die „Boston Women’s Health Book Collective“ hat Anfang der 1970er Jahre auch Grundlagen für die beiden Auflagen des „Frauenhandbuch Nr. 1“ der Frauengruppe „Brot und Rosen“ geliefert. 1 Die erste Auflage dieses deutschsprachigen „Frauenhandbuchs“ der zweiten Welle der Frauenbewegung in Deutschland erschien damals mit einer Auflage von 10.000, die zweite mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren. Ein Grundstein für mehr Selbstbestimmung mit dem besonderen Schwerpunkt „Reproduktionsmedizin“ wurde so gelegt. Doch bereits gegen Ende 1974 stellte „Brot und Rosen“ die Arbeit wieder ein. Um die Inhalte und Anliegen von Frauen müssen Frauen bis heute weiter kämpfen, sie sind nicht selbstverständlich, wie die Debatte um § 219a und Informationen zur Abtreibung gerade aktuell zeigt. Auch sichere und unschädliche Verhütungsmittel, Politik zu Reproduktionsmedizin, Industrie und Ärzteschaft bleiben als Themen und Arbeitsfeld für frauengerechte Gesundheitsversorgung weiterhin wichtig.

Von Frauen für Frauen: Die „Boston Women’s Health Book Collective“

Im April 1980 erschien die Erstauflage der deutschsprachige Übersetzung von „Our Bodies, Ourselves“ unter dem Titel „Unser Körper – Unser Leben“ als Rowohlt Taschenbuch in zwei Bänden.2 Im Vortext „Zu diesem Buch“ hieß es:

„Die Arbeit an diesem Buch begann 1969 in Boston, als sich eine Gruppe von Frauen in der Überzeugung zusammentat, dass Frau- und benachteiligt sein kein unabwendbares Schicksal ist und dass eine praktische Aufklärung über sich selbst, angefangen beim eigenen Körper, schon ein Schritt zu größerer Unabhängigkeit sein müsste. Gemeinsam eignete sich die Gruppe den Wissensstand einer männlichen Medizin an, um ihn in verständlicher Sprache an andere Frauen weiterzugeben. … Es ist ein Buch, das mit Sachinformation, die auf eigenem Erleben beruht, ein selbstbejahendes Bewusstsein schafft.“

Auch die Neuauflagen wurden ins Deutsche übersetzt und für Frauen hier adaptiert. 1995 erschien die letzte Übersetzung der Neuauflage „The New Our Bodies, Ourselves“ als Gesundheitsinformation von Frauen für Frauen.

Feministischer Traum: Frauengesundheitsinformation transnational verfügbar machen und teilen

Die feministischen Frauengesundheitsinformationen der „Boston Women’s Health Book Collective“ gab es als Handbuch in einer Vielzahl von Ländern. Übersetzungen erschienen in insgesamt 31 Sprachen. Die letzte aktualisierte Neuauflage des Standardwerks „Our Bodies, Ourselves“ in englischer Sprache erschien 2014. Nun wird es nicht mehr fortgeführt.

Ende der Ära „Von Frauen für Frauen“

Der Versuch, mit einer neuen Strategie im „digitalen Zeitalter“ zu überleben, ist aller Mühen zum Trotz gescheitert. Zwar wurde noch ein neues Arbeitsmodell entwickelt, doch weiter reichten die vorhandenen Kräfte nicht. Die Webseite wird vorläufig weiterhin die inzwischen rund 50 Jahre währende Geschichte des Projektes und die Bemühungen einer kontinuierlichen Frauengesundheitsinteressenvertretung, Erreichtes und Erfolge der Vergangenheit dokumentieren. Judy Norsigian, eine Mitbegründerin und früher auch Geschäftsführerin der Initiative, wird die ehrenamtlich geführte Organisation weiterhin betreuen. Auf der Webseite der Initiative informiert Vorstandsfrau Bonnie L. Shepard am 2. April 2018 mit „A Message About the Future of Our Bodies Ourselves” über das letzte Vorstandstreffen, bei dem es um Zukunftsfragen ging. Ergebnis: Am 01.10.2018 wird das Projekt eingestellt.

„Our Bodies, Ourselves“ begann als Buchprojekt, das Internet war noch nicht erfunden. Inzwischen haben sich auch Buchmarkt und Wege der Informationsverbreitung verändert. Anforderungen an Evidenzbasierung und Qualität von Gesundheitsinformation sind entwickelt worden. Und immer wieder: Feministische Frauengesundheitsprojekte, Initiativen und Organisationen haben heute praktisch überall erhebliche finanzielle und organisatorische Beschränkungen, die ohne hinreichende Förderung nicht zu bewältigen sind.

Kein Geld für Frauengesundheitsprojekte: „Ehrenamt“ ist kein Ersatz

Auch „Our Bodies, Ourselves“ hat heute nicht mehr die notwendigen finanziellen Ressourcen für die Finanzierung von bezahlten Mitarbeiterinnen und die technische Infrastruktur. Zwar bleibt ab Oktober 2018 die Organisation als „ehrenamtlich geführtes Projekt“ noch bestehen, doch es werden ab diesem Zeitpunkt keine Gesundheitsinformationen für Frauen mehr veröffentlicht, weder gedruckt noch online. Die Weiterarbeit wird sich auf die Teilnahme an gesundheitsbezogenen politischen bzw. kulturellen Diskursen beschränken. Künftig wird es zudem einen ehrenamtlichen Beirat geben. Übersetzungsprojekte werden weiterhin im Rahmen dieser begrenzten Möglichkeiten unterstützt.

Auswirkungen für feministische Frauengesundheitsinformation weltweit

Die Lage des „Mutterprojekts“ trifft auch Frauen in vielen weiteren Ländern, denn „Our Bodies, Ourselves“ hat bis zum Schluss Initiativen rund um die Welt bei den Übersetzungen ihrer Arbeit unterstützt und feministische Frauengesundheitsinformation so in vielen Ländern weiter gebracht. Bei uns in Deutschland gibt es die Übersetzungen bereits seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr. Zu Themen der Reproduktionsmedizin engagieren sich kleinere Selbsthilfeprojekte wie „Risiko Pille“ und „Risiko Hormonspirale“ oder unser Projekt zum Thema Brustkrebs, Projekte, die hier auch heute Informationen „von Frauen für Frauen“ erarbeiten.  Doch all unsere Projekte sind gefährdet, Nachhaltigkeit ist nicht erreichbar und wir existieren nur, so lange die Kräfte reichen.

Auf der „Our Bodies, Ourselves“-Webseite befassen sich derzeit rund 800 Artikel speziell mit Brustkrebs. In den Kommentaren zu den Entwicklungen schwingt viel Traurigkeit mit. „Our Bodies, Ourselves“ wird als wichtigste und nachhaltigste Errungenschaft des „Second-Wave-Feminismus“ beschrieben. Hervorgehoben werden u.a. Selbstermächtigung, Selbstakzeptanz, Verständnis des eigenen Körpers. Das Handbuch wird als progressive wegbereitende „Gesundheitsbibel“ beschrieben, bahnbrechend, hilfreich und befähigend. Eine Ära der „von Frauen für Frauen“ gemachten Frauengesundheitsinfos endet, während gigantische, gewinnbringende Unternehmen sowohl Medien als auch Medizin kontrollieren. Frauen bringen zum Ausdruck, dass das Projekt mehr denn je benötigt werde. Was uns bleibt, sind einzelne kritische Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen, Buchautorinnen und Frauen, die wichtigen Fragen der Frauengesundheit mehr oder weniger im Alleingang nachgehen. Auch unsere Frauengesundheitsnetzwerke hier sind bedroht.

Mehr zum Thema

A Message About the Future of Our Bodies Ourselves

Workshop: „Unser Körper, unser Leben?!“ Feminsitische Selbstverständnisse von Körper, Politik und Gesellschaftskritik (pdf)
mit: Maria-Luise Botros, Birge Krondorfer (Vorbereitung), Lisa Steininger (Konzept/Vorbereitung), Lisbeth N. Trallori bei „Frauen*FreühlingsUni.at“

 

References

  1. Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972, und Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974
  2. The Boston Women’s Health Book Collective, Unser Körper – Unser Leben: Ein Handbuch für Frauen, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt April 1980, rororo Sachbuch Nr. 7271 und 7272

Benutzungshinweis

Die dieser Webseite zugrunde liegenden Inhalte beleuchten Einzelaspekte aus der Perspektive von betroffenen Frauen und Frauengesundheitsbewegung. Die hier bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für ärztliche Beratung und Behandlung. Im Einzelfall sind Diagnose und Therapieempfehlungen immer Sache der behandelnden ÄrztInnen. Weiterlesen: Haftungsausschluss / Disclaimer

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