Umweltbelastungen und Brustkrebs: Internationales Netzwerk „From Pink to Prevention“ zeigt Defizite auf

(Zuletzt aktualisiert: 29. Februar 2016)

dwFrom Pink to Prevention ist ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Verständnis für die Krankheitsursachen im Zusammenhang mit Umwelt, Lebens- und Arbeitswelt und Brustkrebs zu verbessern. Es ist eine internationale Kooperation von Organsationen aus Kanada, den USA, Großbritannien, Philippinen, Frankreich, Italien u.a. unter dem Motto: Weg mit der rosa Augenbinde.

In vielen Ländern werden die Zusammenhänge zwischen Krankheitsentstehung und Krebs vernachlässigt, auch bei uns. Helen Lynn, Initiatorin des Projekts, zeigte im Februar 2016 exemplarisch anhand einiger Beispiele den Sachstand auf. Ihr internationales UnterstützerInnennetzwerk, dem wir uns angeschlossen haben, besteht derzeit aus 16 Organisationen,

Kritisch sieht das Netzwerk, dass in verbreiteten Standardinformationen zu Brustkrebs keine adäquaten (evidenzbasierten) Informationen zu Umweltbelastungen und Brustkrebs vermittelt werden. Auch bei uns fühlt sich niemand zuständig. Weder Krebscharities noch Fachgesellschaften, weder Politik noch Krankenkassen informieren vollständig, wenn es um die Ursachen von Brustkrebs geht. Das führt dazu, dass die Zusammenhänge der krankheitsverursachenden Faktoren auch in der öffentlichen Diskussion ausgeblendet bleiben, während desinformierende und irrelevante Inhalte den Blick auf das vorhandene Wissen verstellen. Ungünstige Lebens- und Arbeitbedingungen sind kein Thema. Das muss sich ändern.

Ohne Evidenz: Die Opfer Blaming-Strategie

Typisch bei Standardinformationen zu Brustkrebs, die wir in Broschüren, Frauenzeitschriften und Medienberichten aller Art sehen, ist das Durchschimmern einer Ideologie, die mehr oder weniger subtil erkrankten Frauen selbst die Schuld an ihrer Erkrankung zuschreibt und das Verhalten von Frauen ins Zentrum stellt: Nicht gesund genug gelebt, nicht genug bewegt, falsche Ernährung oder „Übergewicht“, obwohl für jüngere Frauen gerade dies als Risikofaktor gar nicht belegt ist. Veränderungsbedarf bei den Lebensverhältnissen und damit Umweltfaktoren werden dagegen nicht thematisiert.

Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen und Brustkrebs werden generell häufig als zweifelhaft beschrieben oder gar nicht erst benannt.

Soziale Faktoren

Auch soziale Aspekte, die eine große Wirkung haben, werden als Ursachen üblicherweise ausgeblendet. Dies betrifft Lebensgewohnheiten, aber auch besonders belastende Lebensbedingungen und belastende Berufe gleichermaßen. Schadstoffbelastungen im Wohn- und Arbeitsumfeld tragen zu höherem Brustkrebsrisiko bei. Eine besondere Rolle kommt dabei auch dem Informationsstand von Frauen zu, ganz besonders auch vor einer geplanten Schwangerschaft oder während der Schwangerschaft.

Umweltbelastungen in Lebenswelt und Beruf

Beispiel Ernährung

Wer gut verdient, kann sich im sehr viel teureren Biohandel zumindest etwas weniger belastete Lebensmittel kaufen. Frauen mit kleinem Einkommen können sich das i.d.R. nicht leisten. Die Ursachen ungleicher Ernährungsqualität in unterschiedlichen sozialen Schichten sind komplex und haben Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen (s. dazu auch Sozialer Status und Ernährungsqualität: Evidenz, Ursachen und Interventionen, Christine Muff und Simone Weyers, in Ernährungs Umschau 2/2010, S. 84 ff). Frauen werden nicht informiert und es gibt keine gesellschaftlichen Ansätze, an diesen Verhältnissen etwas zu ändern.

Beispiel Wohnumfeld

Es sind häufig sozial benachteiligte Frauen, die an viel befahrenen Straßen leben und so verstärkt von Abgasemissionen durch Fahrzeuge betroffen sind. Alle Studien, die in diesem Zusammenhang durchgeführt wurden, konnten diesen Zusammenhang belegen. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) gehören hier zu den wahrscheinlich Schuldigen. Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde im Tierversuch gezeigt, dass sie Brustkrebs begünstigen, die Latenzzeit verkürzen und das Tumorwachstum (Proliferation) beschleunigen.

Beispiel Nachtarbeit und Schichtarbeit

Es gibt zahlreiche Studien zu Zusammenhängen zwischen Nachtarbeit und Schichtarbeit mit Brustkrebs und es gibt Studien die zeigen, wie PAKs und Schichtarbeit als Doppelbelastung synergistisch das Brustkrebsrisiko erhöhen.

Einzelne Berufsfelder, die ein höheres Brustkrebsrisiko mit sich bringen, werden nicht öffentlich thematisiert und es werden keine hinreichenden Schutzmaßnahmen getroffen, s. dazu auch unserer Bericht Eingeschränktes Forschungsinteresse: Brustkrebsrisiken und Arbeitswelt. So haben z.B. Flugbegleiterinnen auf Transatlantikflügen mit Schichtarbeit höhere Risiken, die man sicher nicht einfach „falscher Ernährung“ zuschreiben kann. Der Blick auf Frauen mit stärkeren Pestizidbelastungen in der ländlichen Lebens- und Arbeitswelt wird ebenfalls systematisch ausgeblendet usw. usw.

Mangelnde Verantwortlichkeit und keine Vermittlung von Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit

Niemand ist zuständig und übernimmt Verantwortung für vollständige Literaturrecherchen, wenn es um Umweltbelastungen und Brustkrebs geht. Die strukturelle Ausblendung des Themas hat außerdem zur Folge, dass kein Druck auf verantwortliche staatliche Stellen gemacht wird, um Frauen über Risiken zumindest besser zu informieren und am Abbau schädigender Umwelteinflüsse immerhin zu arbeiten.

Keine rechtlichen Konsequenzen für Verursacher: Brustkrebs ist als Berufskrankheit nicht anerkannt

Es wird nicht darauf hingewiesen, welche Schritte Frauen, die vermuten, dass ihre Brustkrebserkrankung auf Belastungen am Arbeitsplatz zurückzuführen ist, einleiten könnten.

Frauen mit entsprechenden beruflichen Belastungen sind vor Gericht bisher gescheitert. Ärztinnen und Ärzte sollten mit ihren Patientinnen dennoch gemeinsam prüfen, ob im einzelnen Verdachtsfall an die Berufsgenossenschaft gemeldet wird. Erst wenn Brustkrebs über die Öffnungsklausel (§ 9 Abs. 2 SGB VII) „wie eine Berufskrankheit“ anerkannt wird, besteht die Hoffnung, dass die Behörden aktiv werden.

Strukturelle Rechte von Frauen am Arbeitsplatz, die im Zusammenhang mit Brustkrebs und Krebserkrankungen stehen, wie etwa Schadenersatz oder Renten nach Eintritt von Krebserkrankungen, können bisher nicht wirksam vertreten werden.

Medizinische Fachgesellschaften und Krebs-Charities arbeiten nicht kooperativ mit Gewerkschaften zusammen, um Gefahren zu verdeutlichen und hinreichende Informationen zu Belastungen am Arbeitsplatz bereitzustellen. Auch das Vertrauen in die bestehenden Gesetze zur Regulierung von Chemikalien wird nicht hinterfragt.

Mehr zum Thema: From Pink to Prevention – Die Projektpartnerinnen

Bildnachweis: Diane Ward, From Pink to Prevention, licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.

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Die dieser Webseite zugrunde liegenden Inhalte beleuchten Einzelaspekte aus der Perspektive von betroffenen Frauen und Frauengesundheitsbewegung. Die hier bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für ärztliche Beratung und Behandlung. Im Einzelfall sind Diagnose und Therapieempfehlungen immer Sache der behandelnden ÄrztInnen. Weiterlesen: Haftungsausschluss / Disclaimer

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