„Überscreening“ – Der amerikanische Kurs bei der Mammographie wankt

(Zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2013)

„Is it Possible to Overscreen Cancer?” heißt ein Bericht aus einer aktuellen Nachrichtensendung des amerikanischen Fernsehsenders ABC, der kritisch über die Neupositionierung der Amerikanischen Krebsgesellschaft (American Cancer Society) zum Thema Screening berichtet. Allerdings wird hier Mammographie-Screening und Prostata-Krebs-Screening im gleichen Atemzug abgehandelt, obwohl die Evidenzen für beide Verfahren recht unterschiedlich sind. Die Amerikanische Krebsgesellschaft hält jedoch trotz ungewohnt kritischer Töne an ihrer Position „pro Screening“ fest, wie einem aktuellen Statement auf ihrer Webseite zu entnehmen ist. Wer die Positionen der Amerikanischen Krebsgesellschaft genauer verfolgt hat, weiß aber, dass nicht all ihre Empfehlungen wirklich immer „evidence-based“ waren. So hat die Fachgesellschaft ihre beständigen, Jahrzehnte andauernden Aufrufe an die Frauen zur „Selbstuntersuchung der Brust“ erst Ende der 1990er Jahre eingestellt. Erst die großen Studien zur Selbstuntersuchung konnten dann zeigen, dass die Methode zur Senkung der Brustkrebssterblichkeit nicht wirklich geeignet ist und in der Bilanz Frauen mehr Schaden als Nutzen bringt.

Dr. Otis Brawley als Medizinischer Leiter der Amerikanischen Krebsgesellschaft sagte jetzt bei ABC News: „Krebs ist eine sehr komplizierte Erkrankung und das Verdummen durch die Verbreitung von sehr einfachen Antworten ist ein Bärendienst.“ (Cancer is a very complicated disease and to stupify by giving very simple messages actually does a disservice.)

Selbstkritisch müssten die großen Krebsgesellschaften, staatlichen Einrichtungen etc. damit beginnen, ihre Botschaften entsprechend auf den Prüfstand zu stellen. Fran Visco von der National Breast Cancer Coalition (NBCC) weist in derselben Fernsehsendung darauf hin, dass wir, wenn wir beginnen, die gesunde Bevölkerung zu screenen, erreichen, dass wir Krebserkrankungen finden, die nicht behandelt werden müssen, während die Brustkrebsinzidenz ansteigt. Die NBCC – als größter Zusammenschluss von Brustkrebsorganisationen weltweit – hat in ihren Positionen zum Mammographie-Screening sehr genau die Auswirkungen des Screenings beschrieben und insbesondere die Qualität der weltweit bisher durchgeführten Studien zu diesem Thema als nicht ausreichend angesehen, so dass sie allein aufgrund der Studienlage keine ausreichende Grundlage für die Einführung von flächendeckenden Mammographie-Screenings sieht. Die 1992 gegründete NBCC hat Position im Jahr 2002 eingenommen und veröffentlicht regelmäßig umfassende und aktuell gehaltene Positionspapiere und eine Bilanz zum Mammographie-Screening.

Allerdings entspricht das amerikanische Modell des Screenings nicht dem europäischen Weg. Dort wird nach wie vor in ähnlicher Weise wie früher auch in Deutschland ohne Programm in verschiedenen Altersgruppen und ohne eine zentrale Evaluation und Kontrolle gescreent (sog. „opportunistisches“ oder „graues“ Screening), während in Europa mehr und mehr Länder europäische Leitlinien zugrunde legen.

Vor einer weiteren Verbreitung der Mammographie sollte das Verfahren generell auch vor dem Hintergrund der schwindenden verfügbaren Ressourcen für die Behandlung von sozial schwachen Menschen, deren Zahl weltweit und auch bei uns beständig zunimmt, neu diskutiert werden.

Auch die Frage des Einsatzes der Ressourcen für das Mammographie-Screening wurde bereits in den Positionspapieren der NBCC stets kritisch hinterfragt, während die Mammographie zur Abklärung von auffälligen Befunden allerdings nicht zur Diskussion steht.

Mehr zum Thema …

ABC-News-Video „Is it Possible to Overscreen Cancer?”, Stand 2009 (Werbeeinblendung vor dem Start)

Fran Visco in einem Interview mit der Washington Post im Jahr 2002 („But the National Breast Cancer Coalition, a grassroots advocacy group, is changing its policy and no longer advises healthy women over 50 to get an annual mammogram. …“)

Position der NBCC zum Mammographie-Screening, Stand 2001 (… may extend the lives of some women …)

Position der NBCC zum Mammographie-Screening, Stand 2002 (… there is insufficient evidence to recommend for or against screening mammography in any age group of women …)

Aktuell gültige Position der NBCC, Stand Mai 2007

Aktuelle Position der American Cancer Society, Stand Oktober 2009

2 Kommentare
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