Subversion in der Brustkrebsbewegung: Sharon Batts Buch „Health Advocacy, Inc.“

(Zuletzt aktualisiert: 22. September 2018)

Text: Gudrun Kemper

Im Klappentext ihres im Juni 2017 erschienenen neuen Buchs „Health Advocacy, Inc.“ wird die kanadische Medizinsoziologin Sharon Batt als „Pionierin unter den Brustkrebspatientinnen“ beschrieben. Batt befasst sich hier mit den Auswirkungen von Pharmageld auf die Brustkrebsbewegung und damit auch mit Patientinnen, die Patientinnenvertretung – absichtlich oder unwissentlich – zur Geschäftsidee gewandelt haben.

Die Autorin

Sharon Batt ist eine der Mitbegründerinnen des kanadischen Ablegers von „Breast Cancer Action“, heute Breast Cancer Action Quebec und Frau der ersten Stunde, die bei der Entstehung der „Brustkrebsbewegung“ von Anfang asn dabei war. Sie war dabei, als unter betroffenen Frauen, zu denen auch sie gehörte, eine neue Frauengesundheitsbewegung entstand. Mit ihrem Buch „Patient no more“ (Das Ende der Geduld) legte sie bereits 1994 einen Meilenstein in der Auseinandersetzung um die Brustkrebspolitik vor. Auf der Webseite ihres Projekts, das zunächst Breast Cancer Action Montreal hieß, prangte damals wie heute gut sichtbar der Hinweis, dass die Organisation kein Geld von der Pharmaindustrie akzeptiert:

„WE DON’T TAKE PHARMA MONEY!“

Pharmageld für Brustkrebspatientinnen?

Sharon Batt beobachtete über Jahrzehnte hinweg die heiß umstrittenen Themenbereiche zu Brustkrebs: von den Empfehlungen zur Selbstuntersuchung der Brust, zum Mammographie-Screening oder der Zulassung von neuen Medikamenten in der Preisklasse eines Eigenheims und schließlich die Zersplitterung einer Frauengesundheitsbewegung unter der „cleveren süßen Verlockung“ durch die Pharmaindustrie.1 Mit dem Geld der Industrie kämpfen für neue Medikamente – ein unmöglicher Tanz auf dem Vulkan des Gesundheitssystems, eine untragbare Belastung, rücksichtslos ausgetragen auf den Schultern von an Brustkrebs erkrankten Frauen.

Vertrauensverluste

Was für die Betroffenen folgte, war der „konsequente Verlust von Authentizität und Vertrauenswürdigkeit“2 der Patientinnenvertreterinnen, während die Industrie kaum Schaden nahm bzw. nimmt. Die Interessenvertretung von Frauen mit Brustkrebs endete fast ausschließlich in den Armen der Pharmaindustrie. Viele Organisationen einer so gestörten Community zerbrachen. Eine unüberwindliche unsichtbare Mauer tat sich auf – auf der einen Seite die Gesponserten, auf der anderen diejenigen, die damit nichts zu tun haben wollen. Auch bei uns in Deutschland war eine Vielzahl der Organisationen betroffen. Hauptnutznießer dieser meistens intransparenten Geldflüsse ist die Industrie.

Selbsthilfe unter neoliberalem Regime

Sharon Batt arbeitet heraus, dass die schrittweise Reduzierung und Streichung staatlicher Finanzierung für Selbsthilfe unter neoliberalem Regime die neuen problematischen Formen der privatwirtschaftlichen „Partnerschaften“ mit forciert hat. Die Zusammenhänge zwischen Neoliberalismus und Unternehmensfinanzierung und die damit verbundene Bedrohung für ein öffentliches Gesundheitssystem werden sichtbar. „Defunding“ – das Einsparen von staatlicher Förderung im Zusammenhang mit Selbsthilfe und Frauengesundheitsorganisationen – ist einer der Trends, die sich weltweit beobachten und nachweisen lassen.3 Das „System“ setzt auf Vergessen. Patientinnenorganisationen verschwinden, wer fragt danach? An der nächsten Ecke warten bereits neue Patientinnen im Finanzierungsdilemma, ohne die finanziell erforderlichen Mittel zur eigenen Interessenvertretung.

Die Analyse zur kanadischen Brustkrebsbewegung von 1990 bis 2010, die Sharon Batt in ihrem Buch dargelegt, zeigt, wie das Geld der Pharmaindustrie zum Machtungleichgewicht führt. Zugleich wird durch diese Form von „Selbsthilfe“ die Fähigkeit, Interessen von Patientinnen vor diejenigen der Geldgeber zu stellen, wirksam untergraben. Die Selbsthilfebewegung, die einst demokratische Beteiligung an der Entwicklung der Gesundheitspolitik gefordert und gefördert hat, veränderte sich durch industrielle Finanzierung und spiegelt schließlich, wie Batt belegt, unheimlich gewandelt die Forderungen der Geldgeber aus der Pharmaindustrie wider.

Von der Basisarbeit zur Big Pharma-Partnerschaft

Die Brustkrebsbewegung ist dabei nur exemplarisch. Einem globalen Trend folgend, wird heute eine Vielzahl von PatientInnengruppen nicht nur in Kanada von der pharmazeutischen Industrie finanziert. Auch in Deutschland erhalten viele Gruppen und PatientInnenorganisationen Geld von Pharmakonzernen, und zwar in der Regel genau – und nur – dann, wenn neue überteuerte Medikamente oder Medizinprodukte am Markt etabliert werden sollen. Der Kampf für die Bereitstellung neuer Medikamente hat eine große emotionale Anziehungskraft. Wer will das Überleben von an unheilbarem Krebs Erkrankten nicht unterstützen? Neue Medikamente erscheinen als Wunderwaffe, und je schneller sie verfügbar sind, desto besser, so die öffentliche Wahrnehmung. Doch weniger als eines von zehn neuen Medikamenten bietet wirklich einen Vorteil gegenüber den bereits auf dem Markt befindlichen Produkten, während gleichzeitig die Kosten damit nicht selten um ein Vielfaches ansteigen.

Bedrohung des öffentlichen Gesundheitswesens

Sharon Batt geht ethischen Fragestellungen nach. Sie untersucht auf den ersten Blick unsichtbare Folgen, etwa ob Bündnisse zwischen PatientInnenorganisationen und Industriesponsoren letztlich zu einer Gesundheitspolitik führen, die öffentlichen Interessen zuwiderläuft, oder wie es um die Zusammenhänge zwischen Neoliberalismus, Unternehmensfinanzierung und pharmafinanzierten PatientInnengruppen bestellt ist. Batt ordnet die gesponserten Gruppen als Bedrohung des öffentlichen Gesundheitswesens ein.

Das Buch beinhaltet Archivanalysen, Interviews mit Interessen- und Branchenvertretern sowie persönliche Beobachtungen, die dem roten Faden folgen, der von der Reduzierung einer staatlichen Förderung für Selbsthilfe zu Industriepartnerschaften führt und zugleich auch Herausforderungen von Gesundheitsaktivismus heute definiert.

Formen der Subversion

Das Handbuch zur Pharmapolitik mit dem besonderen Fokus auf der Brustkrebsbewegung ist nicht nur für Patientinnenvertreterinnen interessant. Es gibt Anlass zu Diskussionen und ist zugleich ein Beitrag zur Frauenforschung im Kontext politischer Ökonomien. Colleen Fuller, Mitbegründerin und Präsidentin von PharmaWatch Kanada, beschreibt auf der Verlagswebseite, dass sie nach der Lektüre des Buches mehr Informationen darüber wollte, wie sich diese Arbeit auf andere Länder und andere Gesundheitsorganisationen auswirkt.
Unsere Erfahrungen in Deutschland und auf EU-Ebene spiegeln genau dieselbe „Subversion“ von PatientInnengruppen durch die Pharmaindustrie wider, die Sharon Batt beschreibt und bei der sich nicht selten sogar Angestellte von Pharmaunternehmen selbst an die Spitze von Selbsthilfeorganisationen katapultieren. Genutzt werden die gleichen Instrumente, die von der Industrie zur Beeinflussung von Ärzten verwendet werden: Das Versprechen von Professionalität, „Fortbildung“, eine Bühne für die Darstellung von Inhalten, Reisekostenerstattung, kostenloses Essen, Referenten, Finanzmittel für Projekte und Vereine etc. etc.

Die Frauengesundheitsbewegung und die Forderungen nach einer anderen Gesundheitspolitik

Judy Norsigian, Mitbegründerin von „Our Bodies, Ourselves“ (Unser Körper, unser Leben war hier die deutschsprachige Initiative, die es heute nicht mehr gibt, warum? Eine wissenschaftliche Untersuchung steht aus), betont auf der Verlagswebseite wichtige Implikationen, hergeleitet aus der Arbeit von Sharon Batt, die nicht nur Gesundheitspolitik und PatientInnenvertretung betreffen, sondern den breiteren Rahmen über Folgen von Neoliberalismus für die Demokratie, soziale Bewegungen und soziale Fairness. Eine andere Gesundheitspolitik ist nötig.

Bibliographische Daten

Sharon Batt
Health Advocacy, Inc.: How Pharmaceutical Funding Changed the Breast Cancer Movement
Vancouver
UBC Press
2017
ISBN 978-0774833844
288 Seiten

Mehr zum Thema

Unsere „Drittmittelrichtlinie“: Richtlinie zur Beschaffung von Mitteln durch Dritte (Spenden & Sponsoring)

Anne Rochon Ford: Ein anderes Rezept

Sharon Batt: Social Disease – Krankheit der Gesellschaft

Musa Mayer: Wenn klinische Studien gefährdet sind

Auf den Spuren von Rose Kushner: Brustkrebs, Lobby, Industrie, Therapie

Gaea und Pact: Wenn Forschung, Patientinnen, Markt und Werbestrategie verschmelzen

 

References

  1. Klappentext „Health Advocacy, Inc,“ UBC Press 2017, ISBN 978-0774833844
  2. Klappentext
  3. s. dazu auch: http://www.cwhn.ca/en/node/46597

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