Kritische neue Strahlentherapien – Brachytherapie und Intraoperative Strahlentherapie bei Brustkrebs

(Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2013)

Brustkrebs und die weibliche Brust in der Medizin ist weiterhin ein Feld für Experimente. Nicht alle durchgeführten Therapiemaßnahmen entsprechen dem wissenschaftlich besten Standard, einzelne Therapieverfahren sind experimentell. Können Patientinnen die Entscheidungen über ihre Therapien nicht einfach vertrauensvoll in die Hände ihrer ÄrztInnen legen? Wir meinen: Patientinnen sollten wissen, ob sie entsprechend eines Standards oder im Rahmen eines medizinischen Experiments behandelt werden. Doch die Grenzen sind heute verschwommen.

Brachytherapie  - c Rebecca Ortega

Auf dem internationalen „Gipfel“ der Brustkrebsforschung, dem San Antonio Breast Cancer Symposium 2011, das alljährlich Anfang Dezember in San Antonio stattfindet, sind auch einige Daten zur Brachytherapie bei Brustkrebs vorgelegt worden, die Anlass zur Besorgnis geben sollten. Die Therapie wird auch als „interstitielle Brachytherapie“ bezeichnet.

Die rückschauende Auswertung von Medicare-Daten (Medicare ist Teil der öffentlich-staatlichen Gesundheitsversorgung für ältere Menschen in den USA) brachte zutage, dass die Ergebnisse des „innovativen“ Verfahrens nicht wirklich gut sind. Auch hier geht es um eine „Teilbrustbestrahlung“, die in den USA erstmals 2002 durchgeführt wurde.

Die Ergebnisse

  • Die Anzahl der späteren Lokalrezidive im Vergleich zur „Standardstrahlentherapie“ liegt doppelt so hoch.
  • Die Infektionshäufigkeit ist um 6% erhöht.
  • Vermehrte Strahlenspätschäden wie Fettnekrosen (mehr als verdoppelt von 4 auf 9%) und Brustschmerzen (Anstieg von 12 auf 15%).
  • 4% Mastektomie-Rate vor dem Hintergrund eines Lokalrezidivs in den ersten 5 Jahren nach Brachytherapie. Die Mastektomierate wegen Lokalrezidiv nach Standardtherapie liegt nach dieser Untersuchung bei 2,2%. [1] Eine erhöhte Rate an Lokalrezidiven dürfte auch die Überlebenschancen der betroffenen Frauen schmälern.

Allein der Blick auf die Abbildungen des Flyers des Klinikums Erlangen zur „Mammakarzinom Brachytherapie“ lässt die dort versprochene „schonende und wirksame Behandlung“ kaum erkennen.[2]

In der Therapie von Brustkrebs werden nach wie vor Verfahren an betroffenen Frauen durchgeführt, bei denen Patientinnen nicht mitgeteilt wird, dass die Verfahren experimentell sind. Es wird den betroffenen Frauen in der Regel nicht erklärt, dass es ein etabliertes Standardverfahren gibt, für das vergleichsweise gesicherte Daten vorliegen. Es wird nicht übermittelt, dass das experimentelle Verfahren möglicherweise schlechter wirksam ist als das Standardtherapieverfahren.

Es zeigt sich jetzt das ungünstige Ergebnis für die betroffenen Frauen am konkreten Beispiel der Brachytherapie, bei der „niemals ein direkter Vergleich mit der konventionellen Strahlentherapie  durchgeführt worden sei“.[3] Nach einem Artikel in den Nachrichten des Deutschen Ärzteblatts werden die günstigen Erfahrungen, die von deutschen Zentren berichtet würden, in Zweifel gezogen.  Uns liegen mehrere Berichte von jungen Patientinnen vor, die nach einer Brachytherapie als Strahlentherapie heute nicht mehr am Leben sind. Das Therapieverfahren wurde diesen Patientinnen als hoch innovatives High-Tech-Verfahren, natürlich ohne den Hinweis, dass es ihre Behandlungserfolge möglicherweise verschlechtern könnte, angeboten.
Das Deutsche Ärzteblatt[4] betont, dass die Einführung neuer Therapien ohne aussagefähige randomisierte klinische Studie ein Wagnis sei. Dies gilt auch für medikamentöse Therapien, die aber zumindest ohne Studienergebnisse heute nicht mehr zugelassen werden, wobei es auch im medikamentösen Bereich Verbesserungspotentiale gibt und auch Medikamentenstudien in einem nationalen Register in Deutschland weder durch ÄrztInnen, noch durch Patientinnen nachvollziehbar sind.

Zu viel Werbung

Das Deutsche Ärzteblatt[5] verweist außerdem darauf, dass es mehrere Anbieter gäbe, die das Verfahren bewerben. Wir wissen nicht, ob es sich hier um Werbung in Deutschland oder den USA handelt.

Vorsicht – Intraoperative Radiotherapie (IORT)

Auffällig ist aber, dass in den vergangenen Jahren ein weiteres Verfahren massiv von Brustzentren in Deutschland beworben wird. Hierbei handelt es sich um das Therapieverfahren der intraoperativen Strahlentherapie, auch IntraOperative RadioTherapie (IORT). Brustzentren bewerben die Methode mit Versprechungen der Hersteller, obwohl keine Ergebnisse aus randomisierten Studien vorgelegt werden.

Wir warnen Patientinnen deswegen nachdrücklich – und auch dann, wenn es kompliziert ist -, sich auch bei nicht medikamentösen Behandlungsverfahren sachkundig zu machen hinsichtlich der empfohlenen Standardtherapieverfahren (z.B. Blick in die entsprechenden Leitlinien, ggf. gemeinsam mit der ÄrztIn des Vertrauens).

Vorsicht „Selbsthilfe“

Wir warnen Patientinnen außerdem, nicht auf industriell gesponserte Patientinneninitiaven zu vertrauen, die seit Jahren jedes neue „innovative“ Verfahren, das nicht zuletzt vor dem Hintergrund marktwirtschaftlicher Interessen auf den Markt gebracht wird, unkritisch durch Vorträge von ÄrztInnen promoten lassen.

Unsere Bitte an unsere Behandlungseinrichtungen und Brustzentren

Wir rufen alle Brustzentren und Behandlungseinrichtungen auf, Werbung für medizinische Maßnahmen intensiv zu überdenken. Im Feld Brustkrebs wird generell zu viel geworben, auch dann, wenn die angebotenen Maßnahmen nicht durch verlässliche wissenschaftliche Daten abgesichert sind.

Weitere Quellen

Pressemeldung von Breast Cancer Action zur IORT: Keine großen Vorteile … wir berichten gesondert …

Brachytherapy Was Associated With Twofold Increased Risk for Mastectomy, Complications, Pressemitteilung American Association for Cancer Research v. 06.12.2011

APBI Brachytherapy Associated with Higher Rate of Later Mastectomy, Increased Toxicities, and Post-Operative Complications, Compared to Traditional Radiation Therapy in Women with Early Breast Cancer, Pressemitteilung des MDAnderson Cancer Centers v. 06.12.11

Bildnachweis: Rebecca Ortega – Brachytherapie, 2012, Copyright Rebecca Ortega

[1]Alle Zahlenangaben entsprechend: Deutsches Ärzteblatt, Nachrichen v. 07.12.2011, Brustkrebs – Bedenken gegen Brachytherapie
[2] http://www.uk-erlangen.de/e1768/e1771/e2093/e2096/inhalt15543/Mammakarzinom.pdf [Abruf 07.12.2011, Link s. auch Deutsches Ärzteblatt] [3] Zitat Deutsches Ärzteblatt, Nachrichen v. 07.12.2011, Brustkrebs – Bedenken gegen Brachytherapie (rme)
[4] a.a.O.
[5] a.a.O.

 

1 Kommentar
  1. […] Doch die Grenzen sind heute verschwommen. Neue Daten aus San Antonio 2011 sind beunruhiged … Weiterlesen … « ressourcen: 27.11.2011 – Alternativen 3: Wer bewegt die […]

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