Schuld und Brustkrebs oder Das Spiel mit dem Schwarzen Peter

(Zuletzt aktualisiert: 23. April 2011)

Breast Cancer and the Blame Game

Von Beth L. Gainer

leonardo
Ich habe es satt. Ich bin krank davon und es ermüdet mich. Gemeint ist das Spielchen mit der Schuld, das gespielt wird, wenn von Brustkrebs die Rede ist. Die Botschaften unserer Gesellschaft lauten ungefähr so: Wenn du das Pech hattest, an Brustkrebs zu erkranken, dann hast du was falsch gemacht. Aber wenn du dann heroisch über die Krankheit triumphierst, dann hast du es richtig gemacht, gegen die Krankheit zu „kämpfen“.

Besonders die Botschaften in vielen Medien und die in diesem Zusammenhang häufig fehlinterpretierten medizinischen Studien an uns Betroffene sind laut und aggressiv. Wir haben unsere Krankheit verdient, anders ausgedrückt, wir sind selbst Schuld, wenn wir den „Kampf“ verlieren. Und wir werden als Heldinnen gefeiert, wenn wir die Krankheit „besiegen“.

Hier sind einige der Mythen, die die Medien und Studien, die Gesellschaft uns so bieten. Sie wurden entwickelt, um Frauen klein zu machen, zu marginalisieren.

1. Brustkrebs ist die beste Art von Krebs, die man kriegen kann, denn die Heilungsraten sind hoch.

Aktuell gibt es keine Heilung für diese Krankheit. Selbst diejenigen, bei denen es gerade so aussieht, als wären sie krebsfrei, können jederzeit einen Rückfall erleiden. Am Rande erwähnt: Obwohl ich eine prophylaktische doppelseitige Mastektomie mit Rekonstruktion hinter mir habe, teilten mir die Ärzte mit, dass weiterhin die Möglichkeit besteht, einen Rückfall zu erleiden. Huch? Und ich habe gesehen, wie meine Freundin an den Folgen von Brustkrebs starb. Ich glaube nicht, dass sie sagen würde, dass ihr Krebs der beste war, den sie kriegen konnte.

2. Früherkennung rettet Leben.

Nicht immer. Wenn Brustkrebs diagnostiziert wird, bevor er „streut“, ist die Überlebenswahrscheinlichkeit höher, aber nicht garantiert. Eigentlich ist mir diese Phrase „Früherkennung“ ein Rätsel. Was ist überhaupt „Früherkennung“?

3. Die Selbstuntersuchung der Brust (SUB) ist das A und O.

Ich habe meinen Tumor so gefunden, aber es war teilweise auch reine Glücksache. Einige Tumoren können durch die Selbstuntersuchung einfach nicht gefunden werden. Sollten wir Frauen selbst die Schuld geben, weil sie ihren eigenen Tumor nicht finden? Kann man ihnen die Schuld dafür geben, dass sie ihren Tumor erst gefunden haben, nachdem ihr Tumor gestreut hat? [… siehe auch Bericht zur Position der National Breast Cancer Coalition (NBCC), Washington zur >>> Selbstuntersuchung der Brust …]

4. Die Mammographie ist immer der Goldstandard, um Brustkrebs zu diagnostizieren.

Natürlich, mit der Mammographie kann man Tumoren bei vielen Frauen finden, aber zu viele fallen immer noch durch’s Raster. Wenn du dichtes Brustgewebe hast, stehen die Chancen für eine genaue Auswertung der Mammographie schlecht. Mein Brustgewebe war so dicht, dass die Mammographie den Tumor nicht zeigte. Es müssten andere Diagnosemethoden existieren und verfügbar sein.

5. Wenn frau schließlich „frei von Brustkrebs“ ist – was auch immer das bedeutet –, dann geht man davon aus, dass die Krebstherapie dafür verantwortlich ist.

Abhängig vom jeweiligen Grading und der individuellen Biochemie kann Krebs streuen oder auch nicht. Es ist normal, dass einige Brustkrebsarten eine Resistenz gegenüber Krebstherapien entwickeln. Wie können Frauen Schuld an einer Krankheit sein, die abhängig von einem derartigen Bündel von Faktoren ist?

Die folgenden Spielereien mit der Schuld zeigen weitere Aussagen, die gern gemacht werden unter dem Deckmäntelchen, dass man Frauen helfen möchte, zu verstehen, warum sie an Brustkrebs erkrankt sind. Aber sie werden gemacht, um Frauen die Schuld für ihre Krankheit zuzuschieben.

6. Wir sollten Kinder im Alter von unter 35 Jahren bekommen.

Ich kenne zu viele Frauen, die ihre Kinder in ihren „20igern“ bekommen haben, und sie sind trotzdem an Brustkrebs erkrankt. [s. dazu auch >>> Prävention, Aromatasehemmer und mehr vom Rande (SABCS V, 2009 – letzter Teil, Abschnitt über den Vortrag von Valerie Beral aus Großbritannien]

7. Sport und die richtige Ernährung verhindern Brustkrebs.

Das sind sehr schöne Lifestyle-Faktoren, aber sie sind keine Gewähr dafür, nicht an Brustkrebs zu erkranken. Ich muss es wissen. Vor der Diagnose war ich „fit“ und ich habe mich gesund ernährt.

8. Wenn die Menstruation früher einsetzt, haben wir ein höheres Brustkrebsrisiko.

Ist dies eine nützliche Information? [s. dazu auch >>> Sandra Steingraber: The Falling Age of Puberty]

9. Brustkrebs ist sexy, niedlich und weiblich.

Die Wahrheit ist, Brustkrebs ist >>> hässlich.

10. Wer keine BRCA-Genveränderungen hat, kann auch nicht an Brustkrebs erkranken.

Wie viele viele andere Menschen habe ich keine Mutation, und ich habe diese Krankheit trotzdem.

Was ich am Schuld-Spiel besonders interessant finde, ist, dass man bei anderen Krebserkrankungen scheinbar weniger mit dem Finger auf diejenigen zeigt, die daran erkranken. Es gibt bei Brustkrebs etwas, das dieses Spiel mit der Schuldzuweisung fördert.

Vielleicht liegt die Ursache in der >>> Sexualisierung von Brustkrebs, die Frauen zu einem Subjekt sozialer Schuld macht.

Ich jedenfalls bin es leid, dass Menschen mit Brustkrebs weiterhin der schwarze Peter zugeschoben wird.

Die Autorin

Beth L. Gainer ist Sprachwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem in Kürze erscheinenden Buch. Mythen zu Brustkrebs sind heute praktisch universell. Die von Beth Gainer hier gezeigten Beispiele sind mit großer Präsenz auch bei uns in den Medien ständig präsent. Sie weisen sehr ähnliche Inhalte und Eingleisigkeiten auf, während bei uns ebenso Ursachen, Umweltbelastungen und durch die individuelle Frau nicht beeinflussbare Faktoren wie die Kontamination mit Umweltgiften und viele weitere Belastungen auf dem Leben von Frauen heute – von Stress über soziale Probleme bis zur Verantwortung für hormonelle Empfängnisverhütung etc. – grundsätzlich kein Thema sind. Wissenschaftlich abgesichertes, weniger einseitiges Wissen zu Brustkrebs dagegen bleibt wichtig.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von und Dank an Beth Gainer.

Weiterlesen

Brustkrebs – Schluss mit den Mythen! zusammengestellt auf Basis der Arbeit von Breast Cancer Action und Breast Cancer Action Montreal von Beate Schmidt

Beth L. Gainer Blog: Calling the Shots

3 Kommentare
  1. […] BreastCancerAction: Schuld und Brustkrebs oder das Spiel mit dem schwarzen Peter […]

  2. […] Die Individualisierung der Krebserkrankung war uns ein Dorn im Auge.  Dabei kreist vieles um die Schuldfrage und was Frauen alles falsch gemacht haben, weil sie an Krebs erkrankt sind. In diesem […]

  3. […] Die Individualisierung der Krebserkrankung war uns ein Dorn im Auge.  Dabei kreist vieles um die Schuldfrage und was Frauen alles falsch gemacht haben, weil sie an Krebs erkrankt sind. In diesem […]

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