Neu gelesen: Krebs verstehen – neue Wege gehen (1997)

(Zuletzt aktualisiert: 9. Mai 2013)

Krebs verstehen - neue Wege gehen
In Doris Schadow / Heike Schallhammer (Hg.) Krebs verstehen – neue Wege gehen ist das zweite Kapitel Vermeidbare Risiken? Neue Erkenntnisse zu Umweltchemikalien und Krebs der Medizinsoziologin Regina Stolzenberg enthalten. Die Arbeit orientiert sich u.a. an dem bereits Anfang der 1990er Jahre vorwiegend in den USA erarbeiteten, vorhandenen Wissen zu endokrinen Disruptoren bzw. der Erklärung von Wingspread (1991).

Streitfrage „Brustkrebsepidemie“

Stolzenberg verweist auf die ansteigenden Erkrankungsraten u.a. für Brustkrebs. „Zum anderen ist es als Verdienst einer starken, politisch aktiven Bewegung von Betroffenenorganisationen und Gesundheitsaktivistinnen anzusehen, die sich auf kommunaler und nationaler Ebene gebildet hat, dass Brustkrebs inzwischen zu einem politischen Thema geworden ist. Sie erreichte dies, indem sie Brustkrebs als „Epidemie“ bezeichnete und damit das Ausmaß der Bedrohung für jede einzelne Frau deutlich machte. Die Massivität der Zahlen und auch die Schlagkraft der Basisbewegung sind sicher Grund genug, dass Politik und Wirtschaft nicht länger die Augen vor der Problematik verschließen konnten“ (S. 52). Und weiter im Abschnitt Mögliche Zusammenhänge zwischen Umweltchemikalien und Krebs am Beispiel Brustkrebs: „Wenn jede 10. Frau in Deutschland [im Laufe ihres Lebens] damit rechnen muß, Brustkrebs zu bekommen, so ist dies eine Dimension, die deutlich macht, dass es sich um kein Einzelschicksal mehr handelt, sondern das Wort Epidemie zutreffend ist. “ (S. 58)

Gefährdete Lebensphasen, gefährdende Substanzen, Krankheitsbilder

Stolzenberg arbeitet heraus, welche Phasen des Lebens (z.B. Schwangerschaft!) besonders gefährdet sind und listet die bekannten gefährdenden Substanzen von Bisphenol A über Nonylphenole bis hin zu chlororganischen Verbindungen und Schwermetallen wie Blei, Quecksilber und Cadmium auf.  Neben Krebs werden auch andere umweltbedingte Krankheitsrisiken gelistet, die von Autoimmunerkrankungen über Fruchtbarkeitsstörungen und Endometriose bis hin zu Intelligenz- und Verhaltensstörungen reichen.

Beweislast

Auch weiß sicher nicht jeder, dass der „überzeugendste Zusammenhang zwischen Chlororganika und Brustkrebs“ (S. 59) aus Israel kommt. „Zwischen 1976 und 1986 wurde in dem Land ein überraschender und weltweit einzigartiger Rückgang von Brustkrebs festgestellt. Auf der Suche nach den Gründen dafür kamen die Wissenschaftler Westin und Richter zu dem Ergebnis, daß der Rückgang vermutlich auf das 1978 ausgesprochene Verbot der Pestizide HCH, DDT und Lindan zurückzuführen sei, die vorher in extrem hohen Konzentrationen in der Milch vorhanden waren. Die Brustkrebsrate ging insgesamt um acht Prozent zurück, anstatt wie erwartet um 20 Prozent zu steigen, obwohl andere Risikofaktoren wie der Fettkonsum oder das Alter der Mutter bei der ersten Geburt gestiegen waren. Besonders auffällig war der Rückgang bei jungen Frauen, bei denen er 34 Prozent betrug. Es wird vermutet, dass die unerwartet direkte Verbindung zwischen dem Rückgang der Pesitizidbelastung und der Verminderung von Brustkrebs darauf zurückzuführen ist, daß diese Stoffe als starke Kanzerogene (krebserzeugende Stoffe) wirken können (Westin/Richter 1990). Diese Ergebnisse haben zwar weltweit die Aufmerksamkeit auf diese Zusammenhänge gelenkt, gelten aber nicht als wissenschaftliche Beweise, da keine Messungen der Belastungen durchgeführt worden sind (Greenpeace 1995, S. 30), so Stolzenberg weiter. (S. 60)

Hormonquellen

Im Abschnitt Die vermutete Wirkungsweise der Xeno-Östrogene bei der Auslösung von Brustkrebs erklärt Stolzenberg: „Wenn wir davon ausgehen, dass Östrogene das Brustkrebsrisiko steigern, sind es wahrscheinlich vor allem die Xeno-Östrogene, die hier eine Rolle spielen, indem sie die lebenslange Exposition von Frauen verstärken, von der sie durch ihre eigenen Hormone, durch die Gabe von künstlichen Hormonen und durch die Hormone in der Nahrung (natürliche in vielen pflanzlichen Produkten und synthetische in Fleisch, das aus der Massentierhaltung stammt) betroffen sind.“ (S. 61)

In Bezug auf Ernährung hält Stolzenberg den besonderen Stellenwert der vegetarischen Ernährung fest, versehen mit dem Hinweis darauf, dass Fleisch und Fisch chlororganische Verbindungen – mit bekannten endokrin-disruptiven Wirkungen – in den höchsten Dosen enthalten. Gleichzeitig hätten Gemüse und Obst viele Wirkstoffe, die vor Krebs schützen, einschließlich Pflanzen mit Östrogenwirkung. Und „Wichtig ist es sicher auch, biologisch angebaute Nahrung zu bevorzugen, sich möglichst ausgewogen zu ernähren, industriell hergestellte Nahrungsmittel zu vermeiden und auf Plastikprodukte so weit als möglich zu verzichten.“ (S. 65)

Genforschung als Lösung?

Auch den Hoffnungsträger Genom-Forschung relativiert Regina Stolzenberg vor dem Hintergrund von Umweltbelastungen und Brustkrebs: „Das Wissen über die Möglichkeit vorgeburtlicher Einflüsse läßt die Forschung nach dem sogenannten Brustkrebs-Gen, auf die besonders viel Geld und Energie verwendet wird, als noch unsinniger erscheinen als bisher. Sie relativiert vor allem die Sichtweise, nach der genetische Deformationen mit ’schlechter Erbmasse‘ gleichzusetzen sind und damit als individueller Makel gelten.“ (S. 63)

Neu gelesen

Die einzelnen Artikel des Buches von Schadow/Schallhammer wirken heute in der Rückschau nicht mehr sämtlich relevant, und besonders die Hinweise von Nina Rissim zu den Außenseiter-Methoden bei Brustkrebs lesen sich wie eine Werbung für Dr. Hamer und Co. Regina Stolzenbergs Artikel bleibt aber auch heute noch besonders lesenswert und es fragt sich, warum das hier zusammengetragene Wissen, das in den 1990er Jahren bereits bekannt war, aus dem öffentlichen Bewusstsein auch heute noch, wo es an Relevanz noch gewonnen hat, nach wie vor praktisch vollständig ausgeblendet wird, wobei Stolzenberg auch hier eine vorausschauende Erklärung mitliefert: „Es wird nicht einfach sein, die Weichen neu zu stellen, da eine starke Lobby der Chemie- und Agrarindustrie mit Sicherheit ihre riesigen Profite verteidigen wird.“ (S. 71) Heute – Stand 2011, 20 Jahre nach Wingspread – haben sich die Machtverhältnisse noch weiter verschoben, hin zu dieser Industrie, die so engmaschig mit den Pharmakonzernen, die aus Brustkrebs Profit ziehen, verwoben ist.

 Weiterlesen

Die verkannte Gefahr: Brustkrebs und Umweltbelastung (pdf der gemeinsamen Broschüre von Women in Europe for a Common Future (WECF e.V.) und Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF e.V.)

Linksammlung Internetquellen zum Themenschwerpunkt Umwelt und Brustkrebs und zu den Stichworten

 

1 Kommentar
  1. […] viele der Ursachen für steigende Erkrankungsraten bei Brustkrebs und es bleibt viel zu tun. >>> Weiterlesen « ressourcen: 23.08.2011 – Léa Pool Doku: Pink Ribbons, […]

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