Auf den Kopf gestellt: Risikofaktoren für Brustkrebs

(Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2019)

Bildnachweis: Paul Dunleavy, Be Happy in the Moment… That’s Enough, CC BY 2.0


Einen ganz neuen Blick auf Risikofaktoren und unsere eigene Erkrankung bietet Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser mit ihrem im Oktober 2019 erschienenen Artikel „Warum Risikofaktoren für Brustkrebs revidiert werden müssen“.1

Überraschung: Junge Frauen mit Übergewicht sind besser vor Brustkrebs geschützt als schlanke. Die bekannten Erkenntnisse im Zusammenhang mit Brustkrebs und Geburten sind mehr oder weniger falsch und Stillen, wir haben es immer geahnt, schützt wohl doch nicht. Aber immer der Reihe nach.

Unsere veralteten Risikofaktoren

„Wissenschaftlich anerkannt“ und dabei zugleich „moralisch anmutend“ werden als Risikofaktoren für Brustkrebs in Endlosschleife beispielsweise Übergewicht, Alkohol und Rauchen vermittelt, während Geburten und Stillen das Risiko vorgeblich reduzieren sollen. Doch die Forschungsergebnisse aus jüngerer Zeit zeigen ein anderes Bild.

Risikofaktoren – neu betrachtet und wertfrei kommuniziert

  • Übergewicht vor der Menopause schützt vor Brustkrebs; Frauen, die von Kindheit an bis ins Erwachsenenalter deutlich übergewichtig waren, haben sogar ein erheblich reduziertes Brustkrebsrisiko.2 Etwa 3 von 100 Frauen erkranken vor der Menopause an Brustkrebs. Eine Risikoreduzierung von 50 bis 70%, wie von Xue 2016 berichtet, beträfe entsprechend 1 bis 2 von 100 Frauen.
  • Geburten schützen nicht vor Brustkrebs, vielmehr erhöht eine Geburt das Brustkrebsrisiko (mit einem Höhepunkt nach 5 Jahren), weitere Geburten steigern das Risiko zusätzlich.3 Die Risikozunahme hält über einen Zeitraum von 20 Jahren an, für Östrogenrezeptor-negativen Brustkrebs hält das erhöhte Risiko durch Geburt/en sogar an bis in die Postmenopause. Nur für Östrogenrezeptor-positiven Brustkrebs nimmt das Risiko nach 20 bis 30 Jahren wieder ab.
    Erst für ältere Frauen gilt: Wer Kinder geboren hat, hat jetzt ein niedrigeres Brustkrebsrisiko.
    Die Verdoppelung des Brustkrebsrisikos durch mehrere Geburten (nach der von Nichols 2019 berichteten Datenlage) bedeutet: Es würden nicht 3 von 100 sondern 6 von 100 Frauen vor der Menopause an Brustkrebs erkranken. Das ist erheblich.
  • In der gleichen Untersuchung zum Stillen von Nichols 20194 zeigte sich überdies auch hier kein positiver Einfluss auf das Brustkrebsrisiko.

Offene Fragen

Die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser hat in ihrem Artikel überdies folgende Fragen in den Raum gestellt, die einer weiteren Untersuchung bedürfen:

  • Verschiebt Übergewicht in jungen Jahren das Erkrankungsalter nach hinten bzw. ist es bei jüngeren Frauen ein Schutzfaktor?
  • Bewirken Geburten eine „Vorverlegung“ der Erkrankung in ein jüngeres Lebensalter?
Offene Fragen werden nicht betrachtet bzw. vorliegende Daten werden ungeprüft endlos weiter verwendet. Jüngere Frauen, die in jungen Jahren an ihrer Brustkrebserkrankung verstorben sind, fehlen in den Analysen der Daten von älteren Frauen bereits („Survivor bias“ – in der Studie die Gesunden, Kranke und Verstorbene fehlen).

Was läuft hier falsch?

Es fragt sich, warum Frauen nicht über diese Forschungsergebnisse sachlich informiert werden und wie es über so lange Zeiträume hinweg zu einer mythenhaften Vermittlung von Risikofaktoren durch die Wissenschaft kommen kann. Auch in diesem Zusammenhang hat Ingrid Mühlhauser die Schwachstellen beleuchtet. Folgende Fehler und Schwachstellen gibt es in Wissenschaft und Forschung:

  • Bei der Studienauswertung wurde/wird oftmals keine Unterscheidung zwischen Brustkrebserkrankungen vor und nach der Menopause gemacht.
  • Nicht alle Altersschichten werden bezüglich der Risikofaktoren für Brustkrebs kontinuierlich betrachtet: Es bräuchte jedoch Untersuchungen, die systematisch die gesamte Lebensspanne von Frauen umfassen.
  • Datenverzerrungen (Bias): Zur Datenerhebung braucht es prospektiv geplante – also vorausschauende – Kohortenstudien, nicht retrospektive oder Fall-Kontrollstudien. Anders formuliert: Es braucht große Kohortenstudien in hochwertiger Qualität, die Frauen von Geburt bis ins hohe Alter einschließen. Ebenso muss das Studienergebnis sorgfältig und wissenschaftsbasiert berichtet werden. (Krebsinformationsdienst, Krebsgesellschaften, Fachgesellschaften, Behörden und sogar die WHO sowie Medien tun das leider viel zu häufig nicht.)
  • Offene Fragen werden nicht betrachtet bzw. vorliegende Daten werden ungeprüft endlos weiter verwendet. Jüngere Frauen, die in jungen Jahren an ihrer Brustkrebserkrankung verstorben sind, fehlen in den Analysen der Daten von älteren Frauen bereits. Die Wissenschaftssprache nennt dies „Survivor bias“, also eine weitere Art der „Verzerrung von Daten“, weil in den Studien Kranke und Verstorbene fehlen.
  • Moralische Färbungen der Risikokommunikation aus Behörden, Wissenschaft und Forschung sowie in der Medienberichterstattung. Dies nennt sich „Reporting bias“: Verzerrung der vorliegenden Daten durch die Art der Berichterstattung belasten Betroffene zusätzlich und sind ein Qualitätsmangel.

Empfehlungen für Lebensstilveränderungen oder medizinische Empfehlungen: Lassen sich für Gewicht, Geburten oder Stillen nicht treffen, betont Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser, die auch die Notwendigkeit formuliert hat, Rauchen, Alkoholkonsum und Sport auf den Prüfstand zu stellen wie oben geschehen mit Gewicht, Geburten und Stillen.

Deutsche Krebshilfe, Krebsinformationsdienst DKFZ, WHO

Wie notwendig es ist, auf Basis aktuell verfügbarer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu informieren, vermittelt gerade die neue Präventionskampagne der Kampagnenpartner Deutsche Krebshilfe und Krebsinformationsdienst DKFZ (pdf) im Rahmen der Nationalen Dekade gegen den Krebs, die mit den alten „Risikofaktoren“ Frauen unzureichend oder falsch informiert – ohne die angegebenen Empfehlungen entsprechend neu zu prüfen oder eine differenziertere Sichtweise möglich zu machen.
Selbst die WHO verbreitet über soziale Medien, wie unten eingeblendet beispielhaft bei instagram, am 18. Oktober 2019 aktuell undifferenziert erneut Stillen und Gewichtskontrolle als Mittel zur Vermeidung von Brustkrebs. Das stimmt so leider nicht.

Weiterlesen

Warum Risikofaktoren für Brustkrebs revidiert werden müssen (pdf) von Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser

References

  1. Mühlhauser, I. Warum Risikofaktoren für Brustkrebs revidiert werden müssen. KHV-Journal 10/2019, S. 32-35
  2. Xue F et al. Body fatness throughout the life course and the incidence of premenopausal breast cancer. Int J Epidemiol 2016; 45: 1103–1112, https://doi.org/10.1093/ije/dyw149, direkt zum pdf
  3. Nichols HB et al. Breast Cancer Risk After Recent Childbirth: A Pooled Analysis of 15 Prospective Studies. Ann Intern Med 2019; 170: 22-30, https://doi.org/10.7326/M18-1323, Volltext nicht frei zugänglich, Zitat aus der Originalstudie: Im Vergleich mit Frauen, die kein Kind geboren haben, zeigt sich, dass Frauen mit Geburt(en) mehr als 20 Jahre nach einer Geburt ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben. Erbringer von Gesundheitsdienstleistungen sollten eine kürzliche Geburt als Risikofaktor für Brustkrebs bei jungen Frauen betrachten. (Compared with nulliparous women, parous women have an increased risk for breast cancer for more than 20 years after childbirth. Health care providers should consider recent childbirth a risk factor for breast cancer in young women.) […]Verglichen mit Frauen, die nicht geboren hatten, erreichte das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, bei Frauen etwa 5 Jahre nach der Geburt den Höhepunkt (HR, 1,80 [95% CI, 1,63 bis 1,99]), 34 Jahre später war es jedoch dann niedriger als bei Frauen, die keine Kinder geboren hatten (HR 0,77 (CI, 0,67 bis 0,88). (Compared with nulliparous women, parous women had an HR for breast cancer that peaked about 5 years after birth (HR, 1.80 [95% CI, 1.63 to 1.99]) before decreasing to 0.77 (CI, 0.67 to 0.88) after 34 years.
  4. Nichols HB et al. Breast Cancer Risk After Recent Childbirth: A Pooled Analysis of 15 Prospective Studies. Ann Intern Med 2019; 170: 22-30, https://doi.org/10.7326/M18-1323, Volltext nicht frei zugänglich

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