Handbuch: Bittere Pillen – Nutzen und Risiken der Arzneimittel

(Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2015)

Bittere Pillen - Nutzen und Risiken der Arzneimittel
Kurt Langbein
Hans-Peter Martin
Hans Weiss

Bittere Pillen: Nutzen und Risiken der Arzneimittel – Ein kritischer Ratgeber. Überarbeitete Neuausgabe 2011 – 2013, 80. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch. ISBN 978-3-462-04303-7

Buchbesprechung

Das Handbuch „Bittere Pillen“ mit einer Gesamtauflage von inzwischen über 2,7 Millionen Exemplaren bietet einen Überblick über 15.000 Medikamente, darunter auch viele, die auch bei Brustkrebs angewendet werden, einschließlich Naturheilmitteln und homöopathischen Medikamenten. „Alternativen aufzeigen“ sei Anspruch des Ratgebers, so der NDR zum Buch. Die Erstausgabe erschien 1983. Anliegen des jetzt auf rund 1.100 Seiten angewachsenen Standardwerks ist die unabhängige Information zum sinnvollen Gebrauch von Arzneimitteln. Unfassbar erscheint, dass Verlag und Autoren rund 100 Klageandrohungen von Pharmakonzernen erhalten haben, erfolglos, so berichtet der Verlag über sein Buch: Bittere Pillen ließe sich nicht einschüchtern und mache weiter – im Interesse von PatientInnen. Und diese überprüfen heute gern unabhängig, welche Medikamente sie einzunehmen bereit sind und welche nicht. „Bittere Pillen“ sei kein Buch gegen Medikamente und von der taz wird es als „unverzichtbar“ dem „Bücherschrank des nichtärztlichen Bundesbürgers“ ebenso empfohlen wie Ärztinnen und Ärzten.

Mitarbeit | Fachliteratur

Wissenschaftliche Begutachtung für diese Ausgabe leisteten u.a. Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske (Uni Bremen, Abteilung Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung im Zentrum für Sozialpolitik) und Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer (Universität Graz, Institut für Pharmazeutische Wissenschaften). Die bei der Bearbeitung verwendete Fachliteratur umfasst u.a. „Arzneimittelverordnungen“ (Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft 2009), das „Arzneimittel-Kursbuch“ (2010), aber auch arznei-telegramm, Arzneimittelbrief, New English Medical Journal u.a.

Rolle der Hersteller

Im Vorwort zur Ausgabe 2011 – 2013 wird auf die hohen Profite der Pharmakonzerne verwiesen, die mit ihren Gewinnraten bei 20 bis 30% längen, im Einzelfall auch höher (Bayer Schering 2006 45,4%). Bei der Autofirma BMW, so der Vergleich, läge diese Profit „in guten Jahren“ bei 6 bis 8% des Umsatzes. „Beliebig hohe Wucherpreise“ würden für neue Medikamente verlangt (S. 14), der Kostenanteil der Wirkstoffe läge dabei durchschnittlich bei 1 bis 2% des Packungspreises. Bestimmender Faktor bei der Preisbildung sei die Angst von PatientInnen vor der jeweiligen Krankheit, deshalb seien Krebsmedikamente am teuersten. Zur Sprache kommen auch diverse illegale Vermarktungspraktiken. (Der Autor Hans Weiss widmet diesem Thema ein weiteres Buch: Korrupte Medizin, Ärzte als Komplizen der Konzerne, als  TB bei KiWi 2010). „Bittere Pillen“ bietet weiter eine Übersicht über verschiedene Klagen gegen die fünf größten Pharmakonzerne (Pfizer, Novartis, AstraZeneca, Merck & Co. und GlaxoSmithKline), jeweils unter Nennung der in den USA gegen die Konzerne verhängten Strafen.

Inhalte

Nach Gebrauchshinweisen und Methodik sowie einem umfangreichen Index (Medikamente, Wirkstoffe, Stichworte am Ende des Buches) werden im Hauptteil die Medikamente in einzelnen Kapiteln von „1. Schmerzen“ über „2. Psyche, Nervensystem“ bis „22. Naturheilkunde und Alternativmedizin“ und „23. Homöopathie und Anthroposophie“ vorgestellt. Kapitel 19 befasst sich mit Mitteln zur Behandlung von Krebs. Die enthaltenen Seiten 930 bis 939 können allerdings kaum vertiefend informieren. Die im Einleitungsteil genannten Erkrankungszahlen sind leider nicht mehr aktuell. Für Brustkrebs werden 46.000 Neuerkrankungen angegeben, Schätzungen der GEKID (Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. ) für 2012 belaufen sich inzwischen allerdings auf 74.500 (bei Redaktionsschluss der neuen „Bittere-Pillen“-Ausgabe waren an dieser Stelle wahrscheinlich 72.000 verzeichnet).

Krebstherapie

Hinsichtlich der großen Bedeutung der Gruppe der Krebsmedikamente wäre eine intensivere Betrachtung für künftige Ausgaben wünschenswert, auch etwa in einem special „Bittere Pillen: Krebstherapie“. Dennoch lohnt für an Krebs Erkrankte der Blick in die „Bitteren Pillen“, denn KrebspatientInnen erhalten besonders häufig alle möglichen Medikamente als Begleitmedikation zu Oncologica. Hilfreich sind die einordnenden Erklärungen zu Medikamenten und ihren Wirkmechanismen, Alternativvorschläge und Bewertungen. Kritisch und recht knapp werden im Überblick zu Krebs auch Maßnahmen „zur biologischen Krebsabwehr“ besprochen: „zwar umstritten“, aber mit geringerem Risiko in der Anwendung (S. 939). Als gefährlich werden Totalkrebskur nach Breuss, Fiebertherapie, Ozontherapie, hämatogene Oxydationstherapie, Thymustherapie und Immuno-Augmentative Therapie beschrieben. Die Ozontherapie habe bereits einige Dutzend Todesopfer gefordert. Mistelpräparate werden ebenfalls kritisch angesprochen (kein Beleg für die Wirksamkeit, Gefahr der Anregung von Tumorwachstum, Ablehnung durch American Cancer Society und Schweizer Gesellschaft für Onkologie in Bezug auf Injektionen). Die Einstufung erfolgt entsprechend als „wenig zweckmäßig“. Die „gängigen“ Brustkrebsmedikamente von Tamoxifen über Aromatasehemmer („therapeutisch zweckmäßig“) bis hin zu Bisphosphonaten bei bestimmten Indikationen sind enthalten, Chemotherapeutika und Biologicals fehlen dagegen. Krebsmedikamente haben im Vergleich zu anderen Medikamenten häufiger sehr viel schwerwiegendere Nebenwirkungen und wirken häufiger nur bei einem sehr geringen Teil der PatientInnen. Gerade deshalb hier wäre ebenfalls neutrale PatientInnen-Information zu Medikamenten eigentlich dringend erforderlich, besonders da bisher kaum pharmazeutische Information durch öffentliche Anbieter wie etwa IQWIG, gesundheitsinformation.de oder BfARM zu Krebstherapien angeboten wird. Auch „quackwatch“ (kritische Betrachtung unseriöser Methoden) in der Krebstherapie fehlt.

Hinweis zur Benutzung

Wichtig bleibt der auch in den „Bitteren Pillen“ enthaltene Hinweis: Das Buch ersetzt nicht den Arztbesuch und auch nicht die genaue Beachtung von Anweisungen zum Gebrauch von Medikamenten (S. 23). Aber als umfassendes Nachschlagewerk für unabhängige Information zu Medikamenten ist „Bittere Pillen“ gut geeignet.

[Text: G. Kemper]

Bildnachweis:  c Kiepenheuer & Witsch, mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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2 Kommentare
  1. […] von Pharmakonzernen erhalten haben, erfolglos, so berichtet der Verlag über sein Buch. Weiterlesen … « umwelt: 03.06.2012 – „The Idiot Cycle“ soll Public Domain […]

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