Neue Studie zu Körpergewicht und Brustkrebs: DAMES

(Zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2013)

Bericht von Beate Schmidt

Mit Obst und Gemüse gegen Brustkrebs?

Mit Obst und Gemüse gegen Brustkrebs? Fruit and Veg Box von Tim Bayman

In der April-Ausgabe des monatlichen Newsletters „CancerWise“ des M. D. Anderson Cancer Centers mit Sitz in Texas, USA erschien ein Artikel über eine neue Studie zum Zusammenhang von Brustkrebs und Körpergewicht. Titel: Weight-Loss Trial Targets Breast Cancer (dt.: Studie zur Gewichtsreduktion zielt auf Brustkrebs). Neu an dieser Studie ist, dass sie Zusammenhänge zwischen Müttern und ihren erwachsenen Töchtern bei der Reduktion des Körpergewichts genauer unter die Lupe nimmt.

Sinniger Name dieser Studie: DAMES – DAughters and MothErS Against Breast Cancer (dt.: Töchter und Mütter gegen Brustkrebs). Sie wird an zwei Krebszentren des M. D. Anderson und der Duke Universität durchgeführt. Teilnehmerinnen werden gebeten, ihre Ernährung entweder im Alleingang oder als Mutter-Tochter-Team durchzuführen und zu verbessern. Ziel ist nicht nur, die Effekte von Mutter-Tochter-Beziehungen auf die Veränderung der Lebensgewohnheiten zu untersuchen, sondern auch herauszufinden, welche Mechanismen die Teilnehmerinnen motivieren. Die Teilnehmerinnen werden in drei Studienarmen untersucht und mit Hilfsmitteln wie Newslettern und Ernährungs-/Bewegungs-Magazinen bis hin zu Schrittzählern und Apple iPods ausgestattet.

Man hofft, dass die Ergebnisse dieser Studie für (offenbar weitere) Studien benutzt werden können, die auf die Gewichtsreduzierung zur Verhinderung von Rezidiven und anderen Erkrankungen von Brustkrebspatientinnen und ihren Töchtern abzielen.

Die Studie basiert augenscheinlich auf einem Bericht der American Cancer Society (dt.: Amerikanische Krebsgesellschaft), nach der Übergewicht das Risiko für alle Arten von Krebs, inklusive Brustkrebs, erhöht. Allerdings nimmt Prof. Wendy Demark-Wahnefried vom M. D. Anderson Krebszentrum die Ergebnisse praktisch vorweg, denn sie ist überzeugt, dass diese Studie Frauen tatsächlich helfen wird, etwas zu tun, um ihr Krebsrisiko zu reduzieren. Um erfolgreich zu sein, müsse man wissen, welche Hilfsmittel und Unterstützung nötig sind, um Frauen zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren. Es fragt sich, warum die Studie überhaupt noch durchgeführt wird, wenn das Ergebnis „wird tatsächlich helfen“ vor Beginn bereits deklamiert und publiziert wird.

Die Forscher hoffen, 134 Frauen und ihre Töchter für diese einjährige Studie gewinnen zu können. Potentielle Teilnehmerinnen müssen sich vorher mehreren Telefoninterviews sowie einer persönlichen Beurteilung, die in einem der beiden Krebszentren oder zu Hause durch eine Krankenschwester durchgeführt wird, unterziehen. Zulassungskriterien für diese Studie sind ein Wohnsitz in den USA, Puerto Rico oder auf Guam. Ferner muss bei den Mütter während der letzten zwei Jahre Brustkrebs diagnostiziert worden sein, und sowohl Mütter als auch Töchter müssen einen Body Mass Index von 25 oder höher haben. Mütter müssen mindestens 50 Jahre alt sein, Töchter mindestens 21. Weitere inhaltliche Kriterien als „übergewichtige Mutter und Tochter“ wurden bei einer relativ geringen Anzahl der Studienteilnehmerinnen zumindest im vorliegenden Bericht nicht genannt.

Die Einteilung der Frauen in „DAMES“ erfolgt in drei Gruppen:

Gruppe 1: Mütter und Töchter erhalten zu Beginn ein Arbeitsbuch, anschließend zweimal monatlich allgemein zugängliche Druckschriften über Diät und Bewegung, z.B. von der American Cancer Society.

Gruppe 2: Mütter und Töchter erhalten zu Beginn ein auf sie persönlich abgestimmtes Arbeitsbuch, anschließend zweimal monatlich Informationsmaterial über Diät und Bewegung. Sie bekommen auch Tagebücher, in denen sie ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten verfolgen können. Diese Materialien werden an Mütter und Töchter unabhängig ausgehändigt.

Gruppe 3: Die Teilnehmerinnen werden in Mutter-Tochter-Teams zusammenarbeiten. Sie erhalten die gleichen Materialien wie die Teilnehmerinnen in Gruppe 2. Außerdem werden sie gebeten, sich regelmäßig über ihren Fortschritt zu unterhalten.

Alle Teilnehmerinnen werden in unterschiedlichen Stadien der Studie einen Schrittzähler und einen iPod erhalten.

Anfang 2007 haben wir in unserem Blog über die WINS-Studie (Women’s Intervention Nutrition Study evaluating dietary fat reduction and breast cancer outcome), die bereits im Jahr 1994 initiiert worden war, berichtet. Diese Studie umfasste 975 Patientinnen sowie 1.462 Patientinnen in einer Kontrollgruppe und hat also erheblich mehr Teilnehmerinnen als DAMES mit ihren134 Müttern plus Töchtern in drei Gruppen. Ergebnisse der WINS-Studie, wie sie in unserem Blog nachzulesen sind:
„Diese Ergebnisse der WINS-Studie lassen darauf schließen, dass eine reduzierte Aufnahme von Fett in der Ernährung, die einen moderaten Einfluss auf das Körpergewicht erreicht, bei Brustkrebspatientinnen, die eine konventionelle Krebsbehandlung erhalten haben, die Überlebensraten positiv beeinflusst.

Insbesondere für die Patientinnengruppe, die an hormonrezeptorpositivem Brustkrebs erkrankt war, zeigte sich der Vorteil für die fettreduzierte Diät, allerdings nicht „signifikant“. Zusammenhänge werden vermutet bei den Einflüssen, die die Gewichtsreduktion im Zusammenhang mit dem Hormonrezeptorstatus ausübt. Die Ergebnisse werden weiter überprüft und es erfolgt ein weiteres Follow up.
Hervorgehoben wurde bei der WINS-Studie vor allem, dass die Daten zur Fettaufnahme auf den Selbstauskünften der Studienteilnehmerinnen beruhten und dass möglicherweise auch die Gewichtsabnahme – ganz unabhängig von der Fettaufnahme – zu den besseren Überlebensergebnissen geführt haben könnten.“

Eine weitere Studie, die WHEL-Studie (Women’s Healthy Eating and Living), deren Ergebnisse Mitte 2007 veröffentlicht wurden, kam zu anderen Ergebnissen. So berichtete das Deutsche Ärzteblatt über die seinerzeit größte randomisierte kontrollierte Studie zum Einfluss der Ernährung auf das Mammakarzinom, dass der erhoffte Nutzen ausblieb. Nach im Schnitt 7,3 Jahren hatten 16,7% der Frauen in der Interventionsgruppe und 16,9% in der Vergleichsgruppe ein Brustkrebsrezidiv erlitten. Auch bei den Todesfällen (10,1 ggü. 10,3%) gab es keine signifikanten Unterschiede. Das Ärzteblatt schlussfolgerte, dass damit das WHEL-Projekt gescheitert sein dürfte (Artikel im Deutschen Ärzteblatt: http://www.aerzteblatt-studieren.de/doc.asp?docid=106005).

Die europäische EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), die bereits im Jahre 1992 begonnen wurde und darauf abzielte, Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs sowie anderen chronischen Erkrankungen aufzudecken, stützt die Ergebnisse der WHEL-Studie. Sie untersuchte sowohl den Verzehr von Obst und Gemüse (Blattgemüse, Fruchtgemüse, Wurzelgemüse, Kohl, Pilze und Zwiebeln/Knoblauch) als auch den von Frucht- und Gemüsesäften. Dabei wurden 285.526 Frauen zwischen 25 und 70 Jahren aus acht von zehn beteiligten europäischen Ländern untersucht. Dazu wurden Daten aus Ernährungserhebungen der Jahre 1992-1998 mit dem Auftreten von Brustkrebs bis zum Jahr 2002 ausgewertet. Bis dahin waren 3.659 Brustkrebsfälle diagnostiziert worden. Die untersuchten Aufnahmekategorien reichten bei Gemüse von bis zu 110 bis über 245 und bei Obst von bis zu 115 bis über 370 Gramm pro Tag. Laut Robert-Koch-Institut verzehren Frauen in Deutschland im Durchschnitt etwa 200 g Gemüse und 190 g Obst pro Tag. Alle EU-weiten EPIC-Analysen, einschließlich der deutschen, zeigten interessanterweise gleiche Ergebnisse.

Schon 2003 hat ein Expertengremium des IARC die Evidenz für einen krebssenkenden Effekt von Obst und Gemüse bei Brustkrebs als unzureichend bewertet. Dennoch wurde die Möglichkeit eines leicht risikosenkenden Effekts für diese Krebsform durch Obst und Gemüse nicht ausgeschlossen. Mit der Analyse der Daten der EPIC-Studie hat sich diese Hoffnung jedoch nicht erfüllt.
„Wir können aber nicht ausschließen, dass bestimmte – in dieser Studie nicht untersuchte – Obst- und Gemüsesorten trotzdem einen schützenden Effekt haben“, so die recht vage Schlussfolgerung der Experten. Siehe dazu auch die Pressemitteilung des für den deutschen Arm der Studie verantwortlichen Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke vom 07.02.2005.

Als Folge der Ergebnisse der EPIC-Studie musste die Deutsche Krebsgesellschaft mit ihrer nicht wirklich evidenzbasierten Kampagne „5 am Tag“ ihre Aussagen zur Ernährung revidieren. Siehe dazu auch: „Versprechen mit zu vollem Mund – Experten rudern zurück: Obst und Gemüse schützen vor Krebs erheblich weniger als behauptet“ von Klaus Koch, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 12.01.2005.

Abschließend bleibt festzustellen, dass der Ansatz, die bekanntlich durchaus nicht immer spannungsfreien verwandtschaftlichen Beziehungen von Müttern und ihren erwachsenen Töchtern zur Basis einer neuen Studie über Brustkrebs und Ernährung zu machen, zwar interessant erscheint, neben der geringen Zahl Teilnehmerinnen jedoch konstatiert werden muss, dass auch bei der DAMES-Studie die Ergebnisse zu einem erheblichen Teil auf den Selbstauskünften der Frauen, die sie in ihren Tagebüchern geben, beruhen werden, und nur zum Teil auf objektiv messbaren Kriterien wie Gewicht, Blutdruck, Fett- oder Muskelmasse sowie Rezidivgeschehen. Der Vorgriff auf das Ergebnis sowie die sehr geringe Anzahl der Studienteilnehmerinnen und deren nicht sehr transparente Vorauslese werfen genau wie die Rekrutierung über das Geschenk eines Apple iPod Fragen auf. Ein namenloser MP3-Player könnte seinen Zweck sicherlich genau so erfüllen, wenn er denn zur Erreichung der Studienziele erforderlich ist. Insgesamt steht zu befürchten, dass die DAMES-Studie und ihr bereits geplanter Nachfolger vor allem wieder nur Geld verbrauchen, das an anderer Stelle besser verwendet werden könnte. Und ganz nebenbei gibt es Werbung und Aufmerksamkeit für Apple iPods und die beiden Studienzentren.

Quellen und Links:

Link zum Original des englischsprachigen „CancerWise“-Artikels (inzwischen archive.org)

Für Interessierte: Auf der Website von Breast Cancer Action San Francisco findet sich das Schreiben einer Frau, die zur Teilnahme an der WHEL-Studie eingeladen wurde, an die Studienkoordinatorin: http://bcaction.org/index.php?page=newsletter-37i

Externer Link: Ernährungsinformationssystem der Universität Hohenheim (mit BMI-Rechner)
https://www.uni-hohenheim.de/wwwin140/info/info.htm

Bildnachweis: Fruit and Veg Box von Tim Bayman, CC BY-NC-SA 2.0

 

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