Natalee S. Greenfield’s „First Do No Harm …“

(Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2013)

Buchcover 1976

„First Do No Harm …“:
A Dying Woman’s Battle Against the Physicians and Drug Companies Who Misled Her About the Hazards of THE PILL
von Natalee S. Greenfield
New York: Sun River Press / Two Continents Publishing Group 1976
ISBN 0-8467-0198-7

Der Titel des Buches „First Do No Harm“ geht zurück auf Primum non nocere oder Primum nihil nocere (lateinisch für: Zuerst einmal nicht schaden). Dieser Grundsatz, den die hippokratische Tradition der Medizin ins Zentrum ihres Begriffs des moralisch geforderten ärztlichen Handelns stellt, wird hier im Kontext Brustkrebs und Pille diskutiert.

Brustkrebs mit 22: Ein öffentlicher Erfahrungsbericht der „ersten Generation“

„First Do No Harm …“ gehört zur ersten Generation der öffentlichen Erfahrungsberichte zu Brustkrebs, die mit dem Rückenwind der Frauenbewegung, Frauengesundheitsbewegung und der „2. Feministischen Welle“ ab den 1970er Jahren entstanden sind. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, Kathryn Stuart Huffman, Harvard-Absolventin in Internationalem Recht, die 1968 im Alter von 22 Jahren an Brustkrebs erkrankte, aufgrund des jungen Alters ihrer Patientin damals noch sehr selten und alarmierend für die behandelnden Ärzte. Kathryn hatte von April bis Juni des Jahres 1968 die Antibabypille „Cyclemide“ eingenommen und sie wegen Nebenwirkungen wieder abgesetzt. Anschließend wurde ihr ein weiteres hormonell wirksames Medikament mit dem Produktnamen „Mordrine“ verordnet. Es entwickelte sich ein Knoten in ihrer Brust.

Eine verschwiegene Ursache: Brustkrebs als Nebenwirkung der Antibabypille

Bei der chirurgischen Entfernung und anschließenden pathologischen Untersuchung stellte sich der Knoten als medullärer Brustkrebs mit lymphogener Infiltration heraus, jedoch zunächst ohne befallene Lymphknoten. Eine Mastektomie wurde durchgeführt. Ein Schlüsselerlebnis auf der Station, die bereits damals auf Brustkrebs spezialisiert war, alarmierte Kathryn Huffman, denn sie sprach mit einem männlichen Brustkrebspatienten, der bereits seine zweite Mastektomie hinter sich hatte. Als sie ihn ansprach, dass er seine Brustkrebserkrankung zumindest nicht auf die Antibabypille zurückführen könne, erklärte er ihr, dass er die gleichen Hormone, Östrogene, zur Behandlung seiner Prostatakrebserkrankung eingenommen habe und der Brustkrebs bei ihm eine Folgeerscheinung dieser Medikation sei, wie ihm die Ärzte erklärt hätten.

Auf der Suche nach Information

Aus dem Krankenhaus entlassen, setzte Kathryn Huffman sich mit ihrem Apotheker auseinander, um sich über die Nebenwirkungen der Pille zu informieren. In einem gedruckten Informationsblatt, der jedoch in der Regel an Frauen nicht ausgegeben wurde, wurde auf „Brustveränderungen“ hingewiesen und als Kontraindikation wurden Frauen genannt, bei denen Brustkrebs oder der Verdacht auf Brustkrebs bestand. Kathryn Huffman beklagte sich bei ihren Ärzten, warum ihr gesagt worden sei, die Pille sei so harmlos wie Aspirin, doch Aspirin könne keinen Brustkrebs verursachen. In der Folge verklagt sie ihre Ärzte ebenso wie die Pharmakonzerne, die für die fehlenden Informationsmaterialien verantwortlich waren.

In den frühen 1970er Jahren gab es eine Kontroverse um Nutzen und Schaden der Pille in den Medien. Dargestellt wurde die Situation von ÄrztInnen, die unterscheiden mussten zwischen Patientinnenwohl und dem Druck von Pharmakonzernen auf die Verschreibungspraxis: Die Antibabypille war Konfliktstoff. Sie wurde vermarktet und empfohlen, oftmals jedoch ohne Risiken in adäquater Weise zur Sprache zu bringen (S. a. 10 f).

Bekannte Risiken der Pille

Kathryn Huffman, die junge Patientin, die sich noch in den 1960er Jahren auf die Suche nach Informationen begibt, um in Erfahrung zu bringen, was sie so schwer krank gemacht hat, findet Ansätze in ihrer Universitätsbibliothek:

  • Seit 1898 ist bekannt, dass Hormone Brustkrebs beeinflussen.
  • Östrogene, wie sie in Antibabypillen eingesetzt werden, können das Wachstum von Brustkrebszellen anregen, selbst wenn sie nur in kleinen Mengen verabreicht werden. Heute steht dies in den „Waschzetteln“, den Beipackzetteln vieler Pillen. Doch wir lesen darüber häufig hinweg oder lesen es gar nicht und womöglich würden viele der jungen Frauen sich eine andere Ärztin suchen, wenn ihre Frauenärztin ihnen bei Verordnung der Pille, die heute „Standard“ und eine Selbstverständlichkeit ist, zunächst einen Vortrag über das Risiko an Brustkrebs zu erkranken, hielte.
  • Im Tierversuch wurde gezeigt, dass Östrogene Brustkrebswachstum stimulieren.
  • Diese Forschungsarbeiten mit Versuchstieren lassen Rückschlüsse auf die Wirkung am Menschen zu.
  • Auch andere schwerwiegende Nebenwirkungen wie Thrombose, Thromboembolien etc. etc. standen in den 1968er Jahren auf der Tagesordnung der Behörden. Doch sollten die Pharmakonzerne den Behörden Bericht erstatten, nicht aber die behandelnden ÄrztInnen. Zwischen Januar 1966 und Dezember 1968 wurden 1023 schwerwiegende Nebenwirkungen gemeldet, von denen 115 tödlich für die betroffenen Frauen verliefen.

Kathryns Versuche vom Dezember 1968, über die amerikanische Krebsgesellschaft (American Cancer Society) und die FDA (amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörte) andere Frauen hinsichtlich der Risiken der Antibabypille zu warnen, schlugen fehl. Kathryn Huffman wurde vorgeschlagen, sich um sich selbst zu kümmern und man spielte das Risiko herunter.

Ausschnitt: Ärztliche Betreuung – Stand 1968

Die Betreuung durch dem behandelnden Chirurgen gestaltet sich kurz nach der Operation bereits zunehmend schwieriger. Er will, obwohl die Schmerzen anhalten und eine nicht verheilte Wunde sich in der Achselhöhle befindet, auch die Mastektomienarbe ist nicht verheilt, keine Schmerzmittel mehr verschreiben. Seine Erklärung, dass im Brustgewebe der entfernten Brust keinerlei Nachweis von Krebs möglich war, lässt sie erneut zweifeln. Wozu wurde sie mit einer radikalen Mastektomie behandelt und wofür hatte sie ihre Brust gegeben? Seine Erklärungen, damit Sie sich keine Sorgen mehr über Krebs machen müsste, waren nicht überzeugend für Kathryn. Auch ihre Bitte um ein Gespräch mit ihrem Mann, dass sie wegen der vorhandenen Schmerzen ihr Intimleben mit ihm zum gegenwärtigen Zeitpunkt wegen der Schmerzen und Wunden noch nicht wieder aufnehmen konnte, verweigert der Arzt: Er sieht keinen Grund dafür. Immerhin, Kathryn Huffman findet später auch barmherzigere Ärzte, auch wenn sie aufgrund ihres sich ständig verschlechternden Gesundheitszustands ständig wechseln muss.

Ausschnitt: Zur Lage der Frau – Stand 1969

Bis März 1969 heilt die Operationsnarbe an Kathryns Brust nicht, vielmehr bricht die Operationsstelle weiter auf. Ihr Ehemann macht gleichzeitig Druck: „Erfüllung der ehelichen Pflichten“ innerhalb der nächsten zehn Tage oder die Ehe soll annulliert werden. Kathryn wechselt zu einem indischen Arzt am Universitätskrankenhaus. Gegen Ende des Monats reicht ihr Mann die Scheidung ein. Der Arzt Dr. Peter Gates erklärt sich bereit, ihr für das Gericht zu attestieren, dass sie nicht in der Verfassung für die sexuellen Wunschvorstellungen ihres Ehemannes ist:

„Ihre physische Verfassung während des vergangenen Jahres kontraindiziert sexuelle Beziehungen, so wie von ihrem Ehemann verlangt.“

Engagement für informierte Entscheidung und Antibabypille

Kathryn erhält durch ein FDA-Faktenpaper Kenntnis davon, dass die Pille in den USA nicht rechtmäßig zugelassen wurde, da die Sicherheit nicht belegt ist. Sie versucht, gerichtlich zu klären, dass hier eine andere Art von „Informed Consent“ (informierter Entscheidung) erforderlich ist und diese Medikamenten nicht wie Zuckerbonbons – so sahen sie damals aus, was sie dem Arzt, der sie ihr verordnete auch eindrücklich vorführt – ausgegeben werden dürfen.

Nachdem die oralen Kontrazeptiva auf dem Markt waren, engagierten sich z.B. die Ärzte Dr. Herbert Ratner und Dr. Edmond Kassouf bereits früh dafür, dass die Zusammenhänge zwischen Thrombophlebitis und möglichen schwerwiegend oder tödlich verlaufenden Folgeereignissen wie Lungenembolie oder Schlaganfall und der Gabe von oralen Kontrazeptiva, die in den frühen sechziger Jahre zu beobachten waren, ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Sie setzten sich dafür ein, dass Frauen über diese Zusammenhänge in Kenntnis zu setzen sind und wurden damit ebenfalls zu Wegbereitern für die informierte Entscheidung (informed Consent), bei der das gesamte Spektrum von schädlichen Nebenwirkungen, dass in der medizinischen Literatur belegt sei, für Patientinnen bzw. Konsumentinnen offen gelegt werden müsse. Bei den Anhörungen im amerikanischen Kongress von 1970 wurde die Regierung beauftragt sicherzustellen, dass bekannte Risiken auf den Beipackzetteln fortan vollständig zu erwähnen sind, ein „Meilenstein“ für die informierte Entscheidung (s. dazu Wikipedia Eintrag Herbert Ratner (engl., Abruf 12/2013)].

Systemisches Versagen eines Gesundheitssystems oder „chemische Kriegsführung“ gegen Frauen

Obwohl die Befürworter der Pille die früheste und breiteste Erkenntnis zu den klinischen Erfahrungen mit der Pille hätten, wären sie nicht diejenigen, die ernsthafte Nebenwirkungen entdeckt und berichtet hätten. Speziell, wonach nicht gesucht würde, würde auch nicht gefunden, was nicht untersucht werde, werde übersehen und, was dennoch passiere, werde übersehen, so die Quintessenz zur Antibabypille, die Ratner in dem Büchlein „Die medizinischen Gefahren der Antibabypille“ (The Medical Hazards oft he Birth Control Pill, Child and Family No. 7, ISSN 0009-3882 ersch. 1968 und 1969 als Reprint) zusammenfasst. 1 Er zeigt als massives Versagen auf, dass in einer wichtigen Studie zur Sicherheit der Antibabypille nur Patientinnen untersucht wurden, die das Medikament über 25 Monate eingenommen hatten, während Frauen, die zuvor starben, unter den Tisch fielen, ebenso wie jene, die das Medikament zuvor wegen Komplikationen absetzen mussten. Die Studie hätte die medizinische Fachwelt im Zusammenhang mit der Produktsicherheit in falsche Sicherheit eingelullt. Ratner bezeichnet dies, zitiert nach Natalee S. Greenfield (S. 143), als „chemische Kriegsführung“ gegenüber Frauen.

Kathryn, die nach ihrer Mastektomie nie wieder gesund wird, stirbt am 17. April 1974 nach vielen weiteren Komplikationen im Alter von 25 Jahren. Sie erlebt noch das Scheidungsurteil und sie überträgt die Wahrnehmung ihrer Rechte auf ihre Eltern. Diese verklagen, mit Unterstützung einer Freundin von Kathryn, die verantwortlichen Ärzte und Pharmahersteller aufgrund der mangelhaften Aufklärung wegen Fahrlässigkeit. Die als „Schadenersatz“ erstrittenen Summen wurden Bibliotheken gespendet, um den Zugang zu kritischen Informationsmaterialien, so wie Kathryn Stuart Huffman es sich erwünscht hat, zu verbessern.

Die Autorin

Die Autorin Natalee S. Greenfield verwendet ein Pseudonym, da sie selbst als Wissenschaftlerin arbeitet und unter diesem Pseudonym gesellschaftlich heiklere Themen, u.a. auch Geschlechtsumwandlung, aufgenommen hat. Sie stellt in ihrem Buch Protokolle der Gerichtsverfahren und Aufzeichnungen aus den Krankenakten zur Verfügung.

Weiterlesen

Eva und Isabel Schindele: Wie die Pille die Selbstwahrnehmung verändert(e) – persönliche Erfahrungen und philosophische Überlegungen – Mutter und Tochter im Dialog. Ein Beitrag zur 19. AKF Jahrestagung 2012: Frauengesundheit – Generationen im Dialog

Selbsthilfegruppe „Drospirenon-Geschädigte“ / Risiko Pille

In ihrem Buch „The Journey Beyond Breast Cancer: From the Personal to the Political“ nimmt Virginia M. Soffa im Kapitel „Searching for the Cause“ (Suchen nach der Ursache) Bezug auf First  Do No Harm (S. 31 f). 

Diethylstilbestrol (DES)

References

  1. 1. The medical hazards of the birth control pill von Herbert Ratner. Child and Family, Vol. 7, 1969 http://www.worldcat.org/title/medical-hazards-of-the-birth-control-pill/oclc/3677082?referer=br&ht=edition

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