Rezension: Wahre Kraft kommt von innen | Louise L. Hay

(Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2010)

Louise L. Hay: Wahre Kraft kommt von innen
Diverse Ausgaben in dt. Sprache
Originaltitel: „The Power Is Within You“
Louise L. Hay mit Linda Carwin Tomchin.
Zuerst erschienen 1991.

Die Kraft von innen

Eine Rezension von Eva Jungbauer (Wien)

Ich habe ein Buch geschenkt bekommen. “Wahre Kraft kommt von innen” von Louise Hay.

Ich kannte die Autorin nicht, ahnte aber, dass es einer der zahllosen New Age-Ratgeber sein würde. Dennoch habe ich mich guten Willens daran gemacht, es zu lesen. Über Seite 35 bin ich allerdings nicht hinaus gekommen, abgesehen vom mehr oder weniger raschen Durchblättern des Rests. Es stand nichts darin, das ich nicht schon kannte.

Nun habe ich mir diese ersten 35 Seiten des Buches sehr genau durchgelesen und sogar Notizen gemacht. Danach erlahmte mein Durchhaltevermögen. All diese Bücher sind nach demselben Muster gestrickt. Jemand hat vorzugsweise ein dramatisches Erlebnis (meist Krankheit, seelisch oder physisch – Hay hatte Krebs), überwindet diese Krankheit und fühlt sich danach dazu berufen, die ganze Welt mit seinem Glauben zu missionieren, auf den er seine Heilung zurück führt. Da damit aus eigener Erfahrung berichtet wird, wirken diese Autoren besonders glaubwürdig.

Jedes dieser Bücher folgt demselben Muster: das Aufgreifen verbreiteten “Fehlverhaltens”, verpackt in eine mystische Weltanschauung und dargeboten als Heilslehre.

Bemerkenswert fand ich im Vorwort die Aussage, dass es jedem freigestellt sei, die Bezeichnungen für manches durch andere zu ersetzen, falls einem diese nicht zusagen sollten. Auch, dass man nicht alles anzunehmen bräuchte, sondern nur das, was gefällt und anspricht. In vielen anderen Büchern wird das nicht so freimütig gehandhabt. Man könnte eigentlich das gesamte Buch – von weltanschaulichen Ansichten befreit – ganz gut in sachliche Informationen übersetzen. Das Gemisch an “Neo-Religiösem” und psychologisch längst Erforschtem ist aber kaum zu trennen.

Ich denke, die Zielgruppe für derartige Bücher setzt sich aus folgenden Personengruppen zusammen:

  • psychologische Laien, die stimmige Erklärungen für seelische Vorgänge suchen
  • religiöse Menschen, die mit der christlichen Religion nicht viel anzufangen wissen und denen Esoterik Ersatz dafür bietet
  • weltanschaulich Orientierungslose, die der Faszination dieses Systems erliegen
  • Menschen, die den gesellschaftlichen Entwicklungen sehr kritisch gegenüber stehen und sehr unkritisch in Esoterikern Mitstreiter sehen, die sich für eine bessere Welt einsetzen.

Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass allen eines gemeinsam ist: ein Mangel an Liebe (damit schließe ich mich Hay an). Und das ist kein Wunder in unserer Zivilisation, wo das “Gegeneinander” das “Miteinander” bei weitem überwiegt. Wo es Kinder sehr selten ohne innere Mangelzustände und den sich daraus bildenden Neurosen bis ins Erwachsenenalter schaffen.

Das Positive an dem Buch: es regt zu Selbstreflexion an. Die eigenen Gedanken und Aussagen zu beobachten, ist ein wichtiger Schritt dabei. Man kann dadurch etlichen seiner Glaubenssätze auf die Schliche kommen. Aber obwohl Hay davon schreibt, dass sie selber eine Psychotherapie gemacht hat, in welcher sie sogar sehr intensiv an ihren seit der Kindheit verdrängten Aggressionen arbeitete – bleibt sie letztlich dennoch bei den üblichen Ratschlägen, sich über Affirmationen und positives Denken “von allem Negativen zu befreien”. Ich finde es sehr schade, dass sie an dieser Stelle nicht den Lesern nahe legt, auch sie sollten sich (u.U. ebenfalls mit Hilfe einer Psychotherapie) ihren inneren Verletzungen und unterdrückten Gefühlen stellen sowie möglichst sachliche Selbstreflexion betreiben. Denn das wäre endlich ein Schritt in die richtige Richtung.

Leider findet er nicht statt. Je weiter man liest, umso esoterischer wird das Ganze wieder. Das Höhere Selbst führt uns zu jeder Zeit (und im Widerspruch dazu kommen Tipps, wie man das Bewusstsein beeinflussen kann, um dem Höheren Selbst wieder die Macht zu geben …), es versorgt uns in allen Lebenslagen verlässlich mit dem, was wir brauchen. Die strikte Ausblendung, dass man selber und auch nicht der Ort, wo man lebt, der Nabel der Welt ist, sondern es eine Menge Länder und Völker gibt, die von nichts und niemandem versorgt werden, oft in bitterster Armut ums Überleben kämpfen, ist in der Esoterik überall anzutreffen. Es funktioniert eben nicht überall, sich nur selbst zu lieben und von seinem Höheren Selbst versorgen zu lassen. Es sei denn, man unterstellt pauschal all diesen Menschen, sie seien selbst an ihrer Misere beteiligt (schlechtes Karma).

Was im Grunde auch getan wird.

Fazit: Wir gehören alle einer Elite an, die solches Karma nicht mehr abzutragen hat. Alles ist in Ordnung und wir können wunderbar über die Missstände hinweg sehen. Mitgefühl ja – aber doch mit dem wohligen Wissen, dass uns das nicht passieren kann, weil wir da längst darüber stehen… Ich kenne keine Esoteriker, die aktiv an positiven Veränderungen mitwirken, sich die Ärmel aufkrempeln, Hilfsprojekte organisieren oder sich für andere einsetzen. Sie kreisen ausschließlich um sich selbst und die erhoffte “Erleuchtung”. Meist im Verein mit anderen, die ebenso denken.

Hay behauptet auch – denn mehr als eine Behauptung ist es nicht –, dass Krebs aus lange unterdrückten Aggressionen entsteht. Ich frage mich, wie das auf krebskranke Babys zutreffen kann!
Weiter schreibt sie, speziell Brustkrebs träfe Frauen, die nicht “Nein” sagen könnten. Ich denke eher, da Frauen noch immer sehr verbreitet dazu erzogen werden, nicht “Nein” zu sagen, gibt es viele solcher Frauen und daher wird auch deren Anteil bei Brustkrebserkrankungen hoch sein. Abgesehen davon kommt Brustkrebs auch bei Tieren relativ häufig vor.

Mich macht die hemmungslose Verbreitung solch einseitiger Erklärungen nahezu wütend. Sie trägt nicht nur zur Verdummung der Menschen bei, sondern kann auch gefährliche Folgen haben. Kranke verweigern sich (oft sogar mitsamt ihren Kindern) medizinischer Hilfe und hoffen auf Selbstheilung. Einige Fälle von Spontanheilung bei schweren Krankheiten (der Prozentsatz ist verschwindend gering) reichen den meisten Esoterikern als unumstößlicher Beweis für ihre Theorien.

Wenn jemand krank wird, verhungert, durch Naturkatastrophen oder Gewalttaten stirbt, trägt er die Verantwortung dafür – ebenso dafür, wenn er davon nicht betroffen ist. Hay schreibt nur, man dürfe das nicht mit Schuld verwechseln, weil Schuldgefühle niemandem weiter helfen, aber man müsse sich seiner Verantwortung bewusst sein.

Aus esoterischen Kreisen kommen auch immer wieder angstmachende Warnungen vor Impfungen. Wenn aber nicht ca. 90 % der Bevölkerung gegen bestimmte Krankheiten (zum Beispiel Masern) geimpft sind, besteht die Gefahr von Epidemien. Das Riskio von Hirnentzündungen nach einer Erkrankung beträgt 1:1.000, nach der Impfung 1: 1.000.000. Die New Age-Bewegung ist also nicht ganz so harmlos wie oft dargestellt. Obwohl bei ca. 30 Millionen Impfungen in Deutschland 2001 nur 236 Verdachtsfälle von Impfkomplikationen auftraten (0,02%), von denen noch dazu keiner bleibende Schäden hinterließ, werden Impfungen immer mehr verteufelt. Selbst die behauptete steigende Allergieanfälligkeit durch Impfungen wurde längst dadurch widerlegt, dass es in der DDR weit weniger Allergien gab als in der BRD, obwohl in der DDR Impfpflicht herrschte. Doch die Behauptungen halten sich hartnäckig, Fakten werden einfach negiert.

Alles in allem werden wahre Aussagen – jedem Menschen ist es zuträglich, seine eigene Verantwortlichkeit  zu erkennen – mit teilweise absurden Philosophien verwoben, die auf Glauben beruhen (wir brauchen alles, das uns widerfährt, für unsere Entwicklung – wenn Menschen daran zugrunde gehen, gibt es eben die Wiedergeburt).

Immer wieder stelle ich fest, dass esoterische Aussagen dogmatisch sind. Wir haben alle Verantwortung für uns selbst (soweit wir dazu fähig sind, bei manchen Krankheiten würde ich das nicht so sehen), aber einzelne Menschen haben nicht die Verantwortung dafür, dass sie bei einer Flutkatastrophe oder einem Erdbeben umkommen. Sie tragen auch gewiss keine Verantwortung dafür, dass ihnen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. Darin “göttliche Vorsehung” zu sehen, erscheint mir ebenso an den Haaren herbei gezogen wie der naive Glaube, alle Menschen seien grundlegend gut. Differenzierung ist Esoterikern ein Fremdwort, Verabsolutierung das Gewohnte.

Den Wunsch, nicht zu leiden, keine Krankheiten zu haben und ein von allen Katastrophen verschontes, glückliches Leben zu führen, haben wir alle. Aber wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, was in der nächsten Sekunde passieren wird. Wer die Ungewissheit des Lebens nicht annehmen kann (und trotzdem das Beste hofft), ist wie ein Kind im Körper eines Erwachsenen. Der Schutz hinter Mamas Rockzipfel sucht und immer wieder die Bestätigung braucht, dass alles in Ordnung ist. Erschreckend finde ich das rasante Tempo, in dem diese Infantilisierung um sich gegriffen hat und weiter greift.

Gut finde ich an dem Buch den Titel. Wahre Kraft kommt tatsächlich von innen. Erwachsenwerden ist ein langer Prozess, menschliche Reife bedingt ständiges inneres Wachstum. Erkenntnisse kommen aus dem Inneren – und nicht von außen durch die Übernahme diverser Lehren. Weder Reife noch Entwicklung kann vermittelt werden – man kann sich nur die Informationen beschaffen, die zu mehr Wissen führen. Und mit dessen Hilfe zu Verständnis gelangen.

Ich möchte dazu ein Zitat Marie von Ebner-Eschenbachs (eine hochgebildete soziale Denkerin mit politischem Bewusstsein) nennen:

“Wer nichts weiß, muss alles glauben.”

1 Kommentar
  1. katrin winkel sagt:

    vielen, vielen dank!! ein kommentar, der mir aus dem herzen spricht und vor allem bisher
    der einzige im web zu findende, der sich kritisch mit dieser frau und ihren theorien
    befasst. – was jeden frei denkenden menschen übrigens um so stutziger werden lassen sollte.

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