Längjährige Hormonersatztherapie: Abschlussbericht eines AOK-Projekts stellt Frauen in den Mittelpunkt

(Zuletzt aktualisiert: 13. April 2007)

Der Abschlußbericht eines Projektes, das im Auftrag des AOK-Bundesverbandes durchgeführt wurde, ist nun vorgestellt worden. Die „Interviews mit Frauen unter lang dauernder Einnahme weiblicher Hormone in und nach den Wechseljahren“ wurden unter der Projektleitung von Prof. Dr. Petra Kolip und Prof. Dr. Norbert Schmacke im Zeitraum von Februar 2005 bis März 2006 durchgeführt. Mit der Projektdurchführung war Nicole Höfling-Engels betraut.

"Tabletten": Abb. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tabletten.JPG

Tabletten bei www.commons.wikimedia.org/wiki/File:Tabletten.JPG

Mit 35 Frauen zwischen 46 und 75 Jahren wurden für das Projekt Interviews durchgeführt. Das Projekt geht damit einen neuen Weg, es stellt die Frauen selbst in den Mittelpunkt. Seit dem vorzeitigen Abbruch des ersten Teils der WHI-Studie im Sommer 2002 ist diese Therapieform, die auch mit dem Ansteigen der Brustkrebsinzidenz in Zusammenhang gebracht wird, immer wieder im Gespräch und wird sehr kontrovers diskutiert. Insgesamt sollen von 10.000 Frauen im Zeitraum von gut 5 Jahren zusätzlich 8 Frauen unter der Therapie an Brustkrebs erkrankt sein. Diese zusätzlichen Erkrankungen wurden vielfach auf eine Stimulation von vorhandenen bösartigen Zellen zurückgeführt wurde, jedoch nicht auf eine Krebsauslösung direkt, was jedoch für die betroffenen Frauen im Einzelfall auf das Gleiche hinauslaufen dürfte.

Bei der Auswertung der Interviews stellte sich heraus, dass die Frauen die Studienergebnisse der WHI-Studie sehr wohl kannten, jedoch unterschiedlich darauf reagierten. Von den 35 beteiligten Frauen hatten allerdings die meisten keinen Versuch unternommen, die Hormone abzusetzen oder eine Pause einzulegen. Bemängelt wurde von den Interviewteilnehmerinnen häufiger die unzureichende Aufklärung und Beratung zur Hormontherapie durch die behandelnden Ärzte und Ärztinnen, während die Frauen selbst Ängste hatten, eine falsche Entscheidung zu treffen.

Im Abschlussbericht werden einige Thesen generiert. Unter Bezugnahme auf die informierte Entscheidung (informed and shared decision) wurde formuliert, dass die Nutzen-Risiko-Einschätzung bei einer Hormontherapie immer noch nicht mit den Frauen gemeinsam – in verständlicher Art und Weise – durchgeführt wird.

Dass die Frauen für sich selbst diese Therapieform einfordern, konnte von den Untersuchungsergebnissen her nicht bestätigt werden. Die Frauen haben Nebenwirkungen einer Hormonersatztherapie, in dieser Umfrage, insbesondere deswegen toleriert, weil sie sich z.B. eine bessere Erhaltung ihrer Arbeits- und Leistungsfähigkeit von der Therapie versprochen haben.

Eine weitere These hält fest, dass die „Medikalisierung der Wechseljahre“ nicht nur durch die „schulmedizinischen“, sondern auch durch homöopathische und pflanzliche Mittel gefördert wird. Sie wirken wohl häufiger als ein Einstieg, der den Weg zu den hormonellen Therapien ebnet.

Ferner wird festgehalten, dass die Hormone eine psychische oder sogar physische Abhängigkeit zur Folge haben könnten, denn einige Frauen bezeichneten die Einnahme selbst als „Sucht“ und sich selbst sogar als „Junkie“.

Und ein neues Problem wird erkannt. Nicht nur die Tabuisierung der Wechseljahre und Schönheitsideale für Frauen, sondern nun zusätzlich die Tabuisierung der Hormoneinnahme bildet eine weitere Belastung für Frauen. Nach umfassender Aufklärung und konstanter ärztlicher Begleitung soll es Frauen vorurteilsfrei weiter möglich sein, Hormone einzunehmen. Die aktuelle Richtung ist dabei in einer Formulierung, die interpretationsfähig ist, festgehalten: bei „ausgeprägtem Leidensdruck und einer starken Einschränkung der Lebensqualität mit der niedrigst wirksamen Dosis für die kürzest mögliche Therapiedauer bei schweren Wechseljahreserscheinungen“ …

Interessant in diesem Kontext sind auch die Beobachtungen zum Rückgang der Brustkrebserkrankungen um 7% in USA, wir haben bereits am 15. Dezember 2006 berichtet.

Weitere Information und Quellen:

Zum Abschlussbericht: Interviews mit Frauen unter lang dauernder Einnahme weiblicher Hormone in und nach den Wechseljahren

Akutell erschienen: HTA-Bericht 52: Hormone zur Therapie von Beschwerden im Klimaterium und zur Primärprävention von Erkrankungen in der Postmenopause.

Zitat Dr. Zylka Menhorn/ Prof. Dr. Martina Dören im Deuschen Ärzteblatt zum HTA-Bericht und der Bewertung der Ergebnisse: „Die Kombinationstherapie aus konjugierten equinen Östrogenen und Medroxyprogesteronazetat sollte nur nach Abwägung aller Nutzen und Risiken und dann nur kurzzeitig verordnet werden. „Frauen bleibt es nicht erspart zu entscheiden, ob sie Risiken in Kauf nehmen wollen, wenn sie diese medikamentöse Behandlung wegen Hitzewallungen in Betracht ziehen“.

Linkliste zur WHI-Studie im Deutschen Ärzteblatt

Gift im Jungbrunnen? Hohe Wellen in Fachwelt und Medien hat der Abbruch einer US-amerikanischen Studie zu Nutzen und Risiken der Hormonersatztherapie geschlagen. Was das für Frauen und ihre Ärzte hierzulande bedeutet, ergründet und bewertet Prof. Dr. Norbert Schmacke. (Stand: 10/2002)

Elke Anna Eberhard, Martina Dören, Mareike Koch, Ingrid Mühlhauser, Norbert Schmacke, Gerd Glaeske:
Memorandum: Informationen zur Hormontherapie in den Wechseljahren – Zur Notwendigkeit adäquater Entscheidungshilfen für Patientinnen, Verbraucherinnen und ÄrztInnen
Das Memorandum wurde erstellt auf der Abschlusstagung der Bundeskoordination Frauengesundheit im Januar 2005.

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