Hinweis für Diabetikerinnen mit Brustkrebs: Kunstinsulin unter Krebsverdacht

(Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2009)

aktuelle Berichterstattung aufgegriffen von Beate Schmidt

"Welcome to the 21st Century" - Foto von Adrian Black auf flickr.com, Creative Commons 2.0

'Welcome to the 21st Century'
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„Kunstinsulin Lantus fördert vermutlich das Wachstum von Krebszellen“ titelten die ARD-tagesthemen gestern in einem Beitrag von Ursel Sieber (RBB). Da es auch Frauen mit Brustkrebs gibt, die unter Diabetes leiden, berichten wir an dieser Stelle zusammenfassend. Das unabhängige arznei-telegramm hält in seinem blitz-a-t vom 27. Juni 2009 (online nicht frei zugänglich) sogar die Marktrücknahme für die notwendige Konsequenz des in Deutschland mit mehr als 1,5 Millionen Packungen im Jahr meistverordneten und umsatzstärksten Insulins und weist darauf hin, dass eine solch breite Verwendung sich nicht rechtfertigen lasse.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) berichtete vorgestern, am 26.06.2009, auf seiner Website über die Auswertung der Daten von rd. 130.000 Diabetes-PatientInnen einer gesetzlichen Krankenkasse, die zwischen Januar 2001 und Juni 2005 ausschließlich entweder mit Humaninsulin oder den Analoginsulinen Lispro (Handelsname Humalog), Aspart (Novorapid) oder Glargin (Lantus) behandelt wurden und zudem in den drei Jahren vor 2001 nicht an Krebs erkrankt waren. Ergebnis der Analyse: Verglichen mit PatientInnen, die eine vergleichbare Dosis Humaninsulin erhielten, erkrankten VerwenderInnen von Glargin häufiger an Krebs. Bei den kurzwirksamen Insulinanaloga Lispro und Aspart wurden keine Unterschiede zu Humaninsulin festgestellt.
Humaninsulin entspricht dem Insulin, das der menschliche Körper selbst herstellt. Insulinanaloga dagegen sind künstliche Moleküle, die natürlicherweise nicht vorkommen.

Zum Ergebnis sagt Prof. Dr. Peter T. Sawicki, Leiter des IQWiG und Mitautor der Studie: „Unsere Auswertung ist zwar kein eindeutiger Beweis, dass Glargin Krebs fördert, allerdings weckt unsere Studie einen dringenden Verdacht, der Folgen für die Behandlung der Patienten haben sollte.

Die IQWiG-Mitteilung betont, dass es sich bei dem gefundenen Zusammenhang zwischen Glargin und einem höheren Krebsrisiko um eine sogenannte statistische Assoziation handele. Zitat: „Es könnte also sein, dass nicht Glargin, sondern andere, noch unbekannte Faktoren die Ursache des höheren Risikos sind. Beunruhigend ist jedoch, dass von drei weiteren, in derselben Ausgabe von Diabetologia veröffentlichten Studien, zwei ebenfalls die mit Glargin verbundene Erhöhung des Krebsrisikos beschreiben.“

Und: „Insgesamt haben sich nach Einschätzung des IQWiG jetzt die Hinweise auf ein Risiko durch Glargin so weit verdichtet, dass sich aus Gründen der Vorsorge eine Umkehrung der Beweislast ergibt: Solange nicht verlässliche Studien die Sicherheit von Glargin im Vergleich zu Humaninsulin belegen, sollte das Medikament nur dann eingesetzt werden, wenn es besonders wichtige Gründe gibt.“ Nach wissenschaftlichen Berechnungen nahm das Krebsrisiko mit steigender Glargin-Dosis zu, was den Verdacht erhärte, dass es einen ursächlichen Zusammenhang gibt.

Für Patienten gäbe es zwar keinen Anlass, die Behandlung nun überstürzt auf Humaninsulin umzustellen, insbesondere dann nicht, wenn die Dosierung von Glargin niedrig sei, so das IQWiG. Prof. Sawicki wird jedoch weiter so zitiert: „Patienten mit einem erhöhten Risiko für Krebs sollten wenn irgend möglich Humaninsulin statt Glargin verwenden.“ Denn wenngleich es keine Anhaltspunkte gäbe, dass Insulinanaloga gesunde Zellen zu Krebszellen werden lassen, könnte es sein, „dass Glargin stärker als andere Insuline das Wachstum von bereits vorhandenen Krebszellen anregen kann.“

Im Dezember 2000, also nur fünf Monate nach Markteinführung von Glargin, zog das arznei-telegramm (a-t) bereits folgendes Fazit: „Insulin Glargin (LANTUS) bietet gegenüber konventioneller Behandlung mit zweimal täglich NPH Insulin (INSUMAN BASAL u.a.) keine Vorteile, weder bezüglich der Blutzuckerkontrolle noch der Reduktion von Unterzuckerungen. Unerwünschte Wirkungen kommen unter Glargin häufiger vor. Langzeitstudien fehlen. Das Insulinanalog ist potenziell kanzerogen und fördert möglicherweise Retinopathien. Wir warnen vor der Verwendung.

Im März 2004 forderte das a-t: „Die aus experimentellen Arbeiten stammenden Sicherheitsbedenken gegenüber Insulinanaloga sind bislang nicht durch valide präklinische oder klinische Studien ausgeräumt. Es ergeben sich sogar zusätzliche Verdachtsmomente. Es liegen für Insulinanaloga keine Endpunktstudien vor, die klinisch relevante Vorteile belegen. Deshalb ist die Anwendung auf klinische Studien zu beschränken.“ und stellte im September 2004 fest: „Die teuren Insulinanaloga stehen im Verdacht, Krebs auslösen zu können. Wir raten von der Anwendung ab.

Weitere Informationen:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vom 26.06.2009: Insulinanalogon Glargin steigert möglicherweise das Krebsrisiko (u.a. mit Link zur Studie in englischer Sprache)

boerse.ARD.de vom 26.06.2007: Sanofi-Insulin Lantus unter Verdacht

Bericht in den ARD-tagesthemen vom 27.06.2009 (Video online verfügbar)

sueddeutsche.de vom 27.06.2009: Lantus unter Verdacht – Das Analog-Insulin erhöht womöglich das Krebsrisiko

arznei-telegramm vom 10.09.2004: Neu auf dem Markt – Basalinsulin-Analog Detemir (Levemir)

arznei-telegramm vom 12.03.2004: Krebsrisiko durch Insulinanaloga

arznei-telegramm vom 01.12.2000: Warnhinweis – Insulin Glargin (Lantus): Keine metabolischen Vorteile, aber potenziell krebsfördernd

Wer sich für aktuelle Entwicklungen in Sachen Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) und Insulinanaloga interessiert, mag hier weiterlesen:

G-BA: Beschluss vom 28.05.2009 und Tragende Gründe für diesen Beschluss

Abschlussbericht des IQWiG zum Auftrag A05-03

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