Kommentar: Brustkrebs vorbeugen? Ja, aber richtig!

(Zuletzt aktualisiert: 4. Juni 2013)

von Beate Schmidt
Kernkraftwerke sind für alle Menschen gefährlich, sie können töten. Nun wurde beschlossen, sie abzuschalten, die ältesten und potentiell gefährlichsten zuerst. Gut so. Glücklicherweise ist bisher niemand auf die Idee gekommen, gesunden Menschen täglich und auf unbestimmte Zeit Jodtabletten zu empfehlen, um einem Atomunfall vorzubeugen.

Hendrikje-Stoffels

Brustkrebs ist ebenfalls gefährlich, auch er kann töten. Einige Ursachen, z. B. Umweltgifte oder zu viele Hormone in der Umwelt und in Medikamenten, sind bekannt. Bisher ist allerdings kaum jemand auf die Idee gekommen, wenigstens bekannte Ursachen konsequent abzuschalten. Stattdessen gibt es jetzt eine neue Pille zur Brustkrebsprophylaxe, für „potentiell gefährdete“ Frauen – zum Beispiel weil sie über 60 sind.

Würden Medien – von der Boulevard- über die Regenbogenpresse bis hin zu Nachrichtenmagazinen wie NZZ online – in der letzten Zeit nicht so euphorisch berichten, ich würde derartige Prophylaxepläne für einen schlechten Scherz halten. Während die Idee als solche traumhaft erscheinen mag, geht sie in Realität jedoch zu Lasten der Frauen, denn die Nebenwirkungen dieser Medikamente sind schwerwiegend. Wir haben in der Vergangenheit wiederholt über die Wirkstoffe, um die es hier geht, berichtet (s. Stichwort Aromatasehemmer bzw. speziell BCA berichtet: Nebenwirkungen bei Aromatasehemmern).

Breast Cancer Action (BCA) ist weltweit eine der wenigen nicht von der Pharmaindustrie finanzierten Frauenorganisationen zu Brustkrebs. In einer Umfrage, an der sich knapp 1.200 Frauen mit Brustkrebs beteiligten, befasste sich BCA im Jahre 2008 mit den Nebenwirkungen von Aromatasehemmern. Einige der insgesamt 38 in der Umfrage genannten Nebenwirkungen sind: Hitzewallungen (66,8%), Knochenschmerzen (63,9%), Müdigkeit (61,2%), Muskelschmerzen (58,5%), Schlafstörungen (53,4%) und Gewichtszunahme (48,7%), Depressionen (31,6%), Osteoporose (20,6%), Bluthochdruck (15,4%) sowie Thrombose, Herzinfarkt und Schlaganfall (zusammen 0,9%).

Im Waschzettel zu Aromasin / Exemestan sind gelistet: „Sehr häufig (mehr als 1 von 10 Personen): Schlaflosigkeit, Hitzewallungen, Kopfschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl, verstärktes Schwitzen, Schmerzen der Gelenke und Skelettmuskulatur einschließlich entzündliche Knochen- und Gelenkerkrankungen, Rückenschmerzen, Gelenkentzündungen (Arthritis) und Gelenksteifigkeit, Müdigkeit. Häufig (1 bis 10 von 100 Personen): Appetitlosigkeit, Depressionen, Benommenheit, Karpaltunnelsyndrom, Bauchschmerzen, Erbrechen, Verstopfung, Verdauungsstörungen, Durchfall, Hautausschlag, Haarausfall, Osteoporose … führt in einigen Fällen zu Frakturen, Schmerzen, geschwollene Hände und Füße. Gelegentlich (1 bis 10 von 1.000 Personen): Schläfrigkeit, Muskelschwäche.“ Zudem werden Hepatitis, Veränderung der Leber- und Blutwerte (Lymphozyten und Blutplättchen) genannt.

Im krankheitsbedingten – also eher unfreiwilligen – Selbstversuch haben sich bei mir viele der genannten Nebenwirkungen eingestellt. Mein gefühltes Lebensalter schoss ca. 30 Jahre nach oben und Familie und Freunde hatten Mühe, die „alte“ Beate in mir wiederzuerkennen. Es erscheint mir daher unvorstellbar, derart schwere Nebenwirkungen zu akzeptieren, ohne dass eine Brustkrebserkrankung vorliegt. Wir wissen, dass viele an Brustkrebs erkrankte Frauen die Therapie mit Aromatasehemmern wegen der Nebenwirkungen abbrechen mussten, woraufhin die Industrie, z.T. zusammen mit Krankenkassen, 1 inzwischen sogar Maßnahmen zur „Therapietreue“ auf den Weg brachte.

Neue patentierte Brustkrebsmedikamente gehören häufig zu den Blockbustern im Pharmageschäft. Hohe Erkrankungsraten weltweit machen die Medikamente zum Bestseller. Zuerst werden Frauen mit Metastasen behandelt. Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium folgen bei Fuße. Und schließlich geht es um das „therapierbare Risiko“ bei jeder Frau. So auch bei Aromatasehemmern, die ausschließlich Frauen nach den Wechseljahren verabreicht werden dürfen. Wurden sie 2004 noch als die neue Wunderwaffe gegen Rückfälle von Brustkrebs gepriesen, wurde nun die Indikation auf „Vorbeugung“ erweitert. Auch dieses Modell ist nicht neu, nur war es bisher eben leider wenig erfolgreich (s. auch Keine Unterstützung für Präventionsstudie STELLAR).

Dass die „Pille“ die Brustkrebsraten steigen lässt, ist ein alter Hut. Die Tablette, die Frauen bei einer quasi erfundenen „Hormonmangelkrankheit“ verordnet wurde, hatten wir auch schon. Die Hormonersatztherapie hat die Brustkrebsraten ansteigen lassen, und ihr Absetzen wurde zu dem wahrscheinlich bisher größten Erfolg im „Kampf gegen den Brustkrebs“. Diverse andere Tabletten zur Vermeidung von Brustkrebs haben nach Datenlage klinischer Studien bereits versagt.

Träume über einen neuen Superblockbuster leuchten jetzt wieder am Horizont. Doch Frauen haben dazugelernt. Misserfolge wie die Hormonersatztherapie waren eine harte Schule. In der Folge stieg das Brustkrebsrisiko. Nun also wieder ein medikamentöser Eingriff in den Hormonhaushalt von Frauen, ohne Langzeiterfahrungen und mit ungewissem Ausgang.

Mit dieser neuen „Tablette zur Brustkrebsvermeidung“ wird m.E. wieder einmal das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Diese riskante Vogel-Strauß-Politik betrachtet Ursachenforschung ganz offensichtlich als unnötig, die Abschaltung der Ursachen wird erneut hinten angestellt. Man muss die Kuh halt melken, solange sie noch senkrecht steht. Kurz nachgerechnet: 100 Tabletten kosten derzeit ca. 660 €, Summa summarum rund 2.400 € pro Frau und Jahr bzw. 200 € im Monat.

Abgesehen von der Vermeidung individueller Risiken wie z.B. Rauchen kann Brustkrebsprävention nur darin bestehen, alle Frauen und Mädchen endlich besser zu schützen. Das kann jedoch nicht durch Pillen geschehen, sondern erfordert eine lebensfreundliche Umwelt, die uns schützt und nicht krank macht. Die Propagierung von Aromatasehemmern zur „Prävention von Brustkrebs“ ist dagegen in meinen Augen in höchstem Maße unethisch.

All jenen, die weiterhin produkt- und profitorientiert ganz unverdrossen am weiblichen Hormonsystem herumexperimentieren, muss man es wohl wieder und wieder sagen: Frauen sind weder Goldesel noch Versuchsobjekte. Hört endlich auf, aus der (glücklicherweise!) vielfach unbegründeten Angst vor einer möglichen Brustkrebserkrankung Profit zu schlagen.

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bei uns im infoblog!: „Vorsorge“ – nützlich oder schädlich?

Artikel aus „Gute Pillen – Schlechte Pillen“, Ausgabe 4/2011: Geschäfte mit Brustkrebs: Sollen gesunde Frauen Krebsmedikamente nehmen?

Bildnachweis: Hendrikje Stoffels am Fenster, Ausschnitt, von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, 1656/57 (Copyright abgelaufen)

References

  1. 1. Im konkreten Beispiel hat der Hersteller Pfizer mit der gesetzlichen Krankenkasse DAK eine Telefonaktion zur Förderung der Medikamenteneinnahme des Pfizer-Produkts gestartet. Auch andere Hersteller von Aromatasehemmern haben „Compliance-Projekte“ entwickelt, um ihre Produkte in den Vordergrund zu stellen. Dieses spezielle Vorgehen, das man kaum abgekoppelt vom Produktmarketing sehen kann – also die Koppelung von Medikamentenhersteller, der Druck für eine Medikamenteneinnahme aufbaut, und Krankenkasse, die zur Einnahme motivieren will -, hinterlässt ein ungutes Gefühl und sollte hinsichtlich der Zulässigkeit von neutraler Seite durchaus noch einmal hinterfragt werden.
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