Jo Spence’s autobiographische Fotografie: Rebellion und Krankheit heute

(Zuletzt aktualisiert: 12. März 2015)

[Eine Spurensuche – zusammengetragen aus Büchern, Zeitschriftenaufsätzen und Internetquellen von Gudrun Kemper]

Jo Spence (1934 – 1992), geboren als Joanna Patricia Clode, war eine britische Fotografin, Dozentin und politische Aktivistin.

Lebensweg

Jo SpenceGeboren in London als Kind von Eltern aus der Arbeiterklasse, sammelte Jo Spence früh Erfahrungen mit Gefühlen der „totalen Machtlosigkeit“, als sie im 2. Weltkrieg hin und her geschoben wurde, eine Erfahrung, die sie ihr Leben lang beschäftigen würde. Nach dem Besuch einer Sekretärinnenschule begann Spence im Alter von 15 Jahren zu arbeiten. Von 1951 bis 1962 war sie Sekretärin in einem kommerziellen Fotostudio. 1965 eröffnete sie im exklusiven London Hampstead ihr eigenes Fotostudio mit Spezialisierung auf Portrait- und Hochzeitsfotografie sowie Castings für Schauspieler[i]. Sie gab dieses kommerzielle Studio jedoch 1974 auf und setzte ihre in den frühen 1970er Jahren begonnene dokumentarische gesellschaftskritische Fotografie fort, weil sie erkannte, dass sie sozial engagierte Arbeiten machen muss.[ii] Bei der Arbeit und Fotografie auf Einladung des Gypsy Education Council für ein Roma-Alphabetisierungsprojekt beginnt Spence, die „Wahrheit“ der Dokumentarfotografie in Frage zu stellen. Diese Krise führte schließlich zur Beendigung ihrer Karriere als Berufsfotografin[iii]. Ab 1979 studierte sie am Politechnikum in London Fotografie bei Victor Burgin.

Frauenbewegung – Arbeiterbewegung

Die Arbeiten von Jo Spence werden, anders als ursprünglich geplant, bis heute nicht an einem zentralen Ort gesammelt. Sie umfassen ein breites Spektrum an Frauenfragen und haben in Zeiten neuer sozialer Probleme quer durch Europa an Relevanz gewonnen. Die „zweite feministische Welle“ der 1970er Jahre – „das Persönliche ist politisch“ – ist einer der roten Fäden, der sich auch in Spence‘ Fotoarbeiten wiederfindet. Ihrer Auffassung nach waren Fotografien (wie Identitäten) niemals fertig. Sie sollten Debatten anstoßen, zum aktiv Werden ermutigen und Situationen zeigen, wie sie sich auch außerhalb der Fotografie finden. Spence wollte Fotos machen, die die private und die öffentliche Welt zusammenführen[v]. Jo Spence wurde Gründungsmitglied der Hackney Flashers. Hackney ist das alte „Arbeiterviertel“ in London. Als Frauenarbeitsgruppe dokumentieren die Hackney Flashers die Lebensbedingungen,  die Frauen umgeben. Sozialistisch/feministisch orientiert, zeigten sie Ausstellungen wie „Frauen und Arbeit“ (Women and Work) oder „Wer kümmert sich um das Baby?“ (Who is holding the Baby?)[vi]. Die Projekte, die sie umsetzten, haben an Aktualität bis heute nicht verloren. Auch der Prozess der „Bourgeoisierung“, der sie von ihren Wurzeln und den Problemen der Arbeiterklasse wegführt, ist ein gemeinsames Thema der Gruppe.

Brustkrebs

1982 schließt Jo Spence ihr Studium mit dem Diplom ab. Im gleichen Jahr erfährt sie, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Jo Spence‘ Mutter starb an den Folgen von Brustkrebs als Jo 13 Jahre alt war, eine Erinnerung, die sie, wie sie selbst schreibt, verdrängt hat[iv], bis sie selbst erkrankte. [vii] Die Fotografie „I Framed my Breast for Posterity“[viii] – wie zuvor bereits „Mammogram“ in Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Lebenspartner Terry Dennett fotografiert – entstand als Teil einer Fotoserie in der Nacht vor ihrer Operation, zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht wusste, ob sie nach einer Mastektomie oder einer Lumpektomie, wie es ihrem Wunsch entsprach, aus der Operation erwachte. Die Fotografien werden später Teil der Ausstellung „Narratives of Dis-ease“, die ab 1989 gezeigt wurde.

Verletzlichkeit

Besonders interessierte sie sich für die ÄrztInnen/Patientinnen-Beziehung und die Rolle von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung bei der Infantilisierung von Patienten. Ihr Foto, aufgenommen bei der Durchführung einer Mammographie, zeigt ihre Verletzlichkeit, während sie, halbnackt, ihren Körper der Kontrolle und Prüfung einer Maschine überlassen muss.[ix] „Ich muss der Tatsache ins Gesicht sehen, dass ich total verletzbar bin, dass ich sterben kann, dass ich mich terrorisiert fühlen, terrorisiert sein kann, aber fähig, mich zu wehren, mit Hilfe anderer.“[x]

Die Fotoarbeit, die später öffentlich wird als „Property of Jo Spence“, nahm Spence „als Talisman“ mit ins Krankenhaus, damit sie sie daran erinnerte, dass sie einige Rechte über ihren Körper besaß. In ihrem 1986 erschienenen Buch Putting Myself in the Picture: a Political, Personal and Photographic Autobiography beschreibt sie, wie sie sich selbst – wie so viele Frauen vor ihr und so viele danach – der medizinischen Maschine übergab. Das Gefühl, sich dabei zugleich auch einer staatlichen Einrichtung (dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS in Großbritannien) zu überlassen, ist ihr dabei schmerzlich bewusst. Die Gefühle im Zusammenhang mit ihrer Gesundheitsversorgung waren für sie so total negativ, dass sie sich entschied, egal, was da kommt, „Ich muss raus aus dieser orthoxen medizinischen Maschine“. Ohne sie vorzuwarnen, hatte ein weiß bekittelter Arzt sich über sie gebeugt und begonnen, eine Stelle auf ihrer linken Brust mit einem Kreuz zu bemalen. Er, den sie nie zuvor gesehen hatte, erzählte ihr dann, dass ihre linke Brust entfernt werden würde. Gleichzeitig hörte sie sich „NEIN“ sagen. Kaum etwas kann lauter und deutlicher die Frage aufwerfen: Wem gehört die Brust einer Frau? Spence, die Ideologie und visuelle Präsentation (Theorie und Praxis der Fotografie) am Politechnikum in Central London studiert hatte, stellte fest, dass sie jetzt ein ganz anderes Wissen brauchte. „Mit Horror“ realisierte sie, dass ihr Körper nicht aus Fotopapier gemacht war. Es ging nicht mehr um ein Bild, es ging um Blut, Knochen und Gewebe, so Spence, die „nicht einmal wusste, wo ihre Leber lag.“[xi] Die grobe Markierung ihrer Brust, diese Kennzeichnung zur Amputation, setzt Spence später vielfach in fotografische Arbeiten um, in denen entweder sie selbst oder stellvertretend auch andere oder auch Barbie-Puppen ein schwarzes Kreuz auf der Brust erfahren, ihre Haare verlieren, ihre Brust und die vom Objekt „klinischer Untersuchungen“ in die künstlerische Arbeit übersetzt werden. Einige dieser Arbeiten zeigte die von Tamar Tembeck kuratierte Ausstellung Auto/Pathographies im Kunstpavillon Innsbruck im Jahr 2009 erneut.

Jo Spence kämpfte, damit ihr Chirurg zur Kenntnis nahm, was sie ihm zu sagen hatte, damit sie die Art von Therapie bekam, die sie für sich für angemessen hielt. Sie begann ein „Forschungsprojekt zur Krebspolitik“ mit dem inbrünstigen Wunsch, mehr zu wissen, Wege ausfindig zu machen, die weniger konsumorientiert waren, die mehr medizinische Verantwortlichkeit entstehen lassen konnten, mehr soziale und mehr Eigenverantwortlichkeit. Spence arbeitete dafür mit ihrem ureigensten Werkzeug, mit ihrer Fotografie. Es entstanden Hunderte von Fotos zu ihrer Diagnose, der Krankheit, ihrem Krankenhausaufenthalt und ihren Therapien. Die Soziologin Susan E. Bell beschreibt Jo Spence‘ Bilder als „Erzählungen über das Leben mit Krankheit“, die sowohl visuelle, wie auch textliche Elemente enthalten. In ihren Bildern konfrontiert Spence westliche Wissenschaft und Medizin mit Bruchstücken erlebter Erfahrung, mit der Reduktion des Menschen auf den Körper bzw. mit der Herstellung von Passivität. Zugleich spricht Spence durch ihre Arbeit mit denen, die Macht über die Verhältnisse in Medizin und Gesellschaft haben, und sie will politisch wirksam werden und am Aufbau einer Community für „dissidente Krebspatientinnen“ mitwirken. Sie suchte nach einer Sprache, mit der sie mit ihren Erfahrungen auch in einen Dialog nach außen treten konnte.[xii]

Widerstand und Ausbruch

Jo Spence kommt zu der Auffassung, dass Krankheit bei ihr Ausdruck findet, so wie die Klasse, der sie angehört, die sie so sozialisiert hat, dass sie sich selbst missachtete, materiell, umweltbezogen, ökonomisch, psychisch, sogar geistig. Das forderte schließlich Tribut, die Erkrankung an Krebs. Sie, die über so viele Jahre hinweg zu viel gegeben hatte, zu viel geleistet, in zu viele Dinge involviert war, oft aus den falschen Gründen und oft mit den falschen Menschen, wurde schwer krank.

Jo Spence widersetzte sich dem Arsenal der Krebstherapien. Sie widersetzte sich der Mastektomie und ließ stattdessen eine Lumpektomie durchführen. Sie wurde Veganerin, ernährte sich gesund nach einer Anleitung eines Brustzentrums in Bristol und nahm viel ab. Sie suchte nach einem Weg zu mehr Balance, ohne das Kämpfen ganz aufzugeben. Sie lernte, selbstbewusster und weniger aggressiv zu sein, das geschlossene System ihrer Logik und unterdrückten Wünsche zu durchbrechen. Sie hörte ihre innere Stimme wieder und empfand Solidarität in politischen Auseinandersetzungen anstelle der totalen Einsamkeit und der Vergötterung der Schulmedizin. Spence schaffte es auch, Schuldgefühle hinter sich zu lassen, außer Kraft zu setzen, wenn sie das Gefühl hatte, nicht hart genug gearbeitet zu haben, oder wenn die Umsetzung nicht immer klappte, ob sie nun eine politisch korrekte Haltung eingenommen hatte oder nicht.

Chinesische Medizin

Spence entschied sich für chinesische Medizin, TCM, weil sie Patienten ermutigt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, sich wohl zu fühlen, gesund zu bleiben. Dies bedeute mehr für PatientInnen: die Notwendigkeit informierter Entscheidungen (im besten Sinne) und es bedeutet, lebenslängliche Gewohnheiten im Zusammenhang mit Ernährung, Medikamenten, Bewegung und die Erkenntnis, dass der Körper nicht endlos mit einer vollständig unharmonischen Beziehung zu psychischen, geistigen, sozialen und ökonomischen Konditionen in Leben und Liebe zurechtkommen kann. Spence formulierte es auch als „sich selbst mehr lieben lernen, mehr Rücksicht auf eigene Bedürfnisse und Gefühle nehmen“. Sie glaubte daran, dass TCM ihr die bestmöglichen Überlebenschancen bei Brustkrebs geben konnte, zumindest eine bessere „Lebensqualität“, ein Begriff der im heutigen Zusammenhang etwas abgegriffen erscheint, da bereits zu häufig instrumentalisiert. TCM biete keine „Heilung“ („cure“), dafür aber einen Weg, mit der Krankheit umzugehen, sie in Schach zu halten, vielleicht zu verlangsamen. Sie nutzte Kräutermedizin, ihre chinesische Heilerin benutzte ihre Hände, ihr medizinisches Wissen, ihre Beratung, gab ihr Beistand. Sie hatten eine „professionelle Beziehung“, Spence wollte auch hier keine Abhängigkeit entstehen lassen. Sie empfand Liebe und Fürsorge bei der Heilerin, beides hatte sie bei schulmedizinisch orientierten niedergelassenen Ärzten und in Krankenhäusern vermisst, und sie beklagt die Ignoranz, sogar Rassismus, angesichts der gegenwärtigen Behandlungsstandards im Vergleich zu dem in Jahrtausenden gewachsenen Wissen der Chinesischen Medizin. In China könnten PatientInnen beides, Schulmedizin und chinesische Heilweisen, für sich beanspruchen. Auch ihre TCM-Therapien dokumentiert sie fotografisch.

Sexualisierung revisited

Als Fotografin ging Spence der Frage nach, wie Krankheit uns präsentiert wird. Frauen, betrachtet aus einem „männlichen Blickwinkel“, fühlten sich mitunter herausgefordert, sich aufzuhübschen, um liebenswert zu sein, sie kämpften weiterhin für Grundrechte über den eigenen Körper. Die Brust der Frau sei eine Metapher für diesen Kampf. Die Sorge um die richtige Größe und Form bei jungen Frauen, die Macht des Nährens und Stillens, die Entbehrlichkeit danach wollte sie ebenso durch visuelle Repräsentation entdecken wie den Umgang der Medizin mit der weiblichen Brust, und zwar nicht getrennt voneinander, auf dem üblichen Weg, wie wir sexuelle und soziale Identität konzeptionell eher zu trennen gewohnt sind. Ganzheitliche Betrachtungsweisen waren ihr Wegweiser.

Der weibliche Körper ist fragmentiert und besetzt durch die PR-Industrie („by advertizers“[xiii]) auf der Suche nach neuen Märkten. Der weibliche Körper wird fetischisiert und angeboten für den männlichen Konsum durch Pornographie und dabei gleichzeitig umkämpft in der Konkurrenz um medizinische „Versorgung“, in der es keine ganzheitlichen medizinischen Abteilungen gibt, obwohl es ÄrztInnen und Schwestern gäbe, die an einer solchen Medizin interessiert seien. Im Krankenhaus begann Jo Spence zu dokumentieren, was ihr passiert war. Es kostete sie Überwindung, den eigenen Körper im Kontext von Krankheit einzusetzen, öffentlich zu machen. In ihrer eigenen Familie wurden Fragen der physischen und mentalen Gesundheit nicht ausgebreitet. Familienfotos gaben keinerlei Hinweise auf Krankheit, in welcher Form auch immer, während Konventionen das übliche Lächeln erwarten. Mit Fotografien gestaltete Jo Spence auch den Verlauf der Krankheiten ihres Lebens. Alle sollten das Recht haben, sich in den Einrichtungen der staatlichen Gesundheitsversorgung zu fotografieren, so eine von Spence‘ Forderungen, die sie für sich zugleich auch umwandelte in eine Therapie, die „Fototherapie“.[xiv] Diese Fototherapie entwickelte sie später gemeinsam mit der Fotografin Rosy Martin (Jg. 1946) weiter. Mit ihrer Fototherapie erhielt sie neben der Dokumentation und Verarbeitung die Möglichkeit, eigene Fortschritte zu erkennen, ihre Machtlosigkeit im Zusammenhang mit Ärzten und Schwestern aufzuzeigen, das „Management der Infantilisierung“ zu entlarven.[xv]

Weit weg von Konventionen

Die Bilder werden später Teil einer weiteren Ausstellung: „A Picture of Health?“ Sie dokumentieren die Erfahrung als Patientin. Spence stellt wissenschaftliche Fotografie, wie sie in Krankenhäusern von PatientInnen als „Fällen“ von medizinischen Fotografen häufig gemacht werden, nach. Nackter Oberkörper, eine vernarbte Brust, Seitenansicht, Frontalansicht, ein Schild mit dem Datum der Aufnahme in der Hand. Mit diesen Bildern, so schreibt Jo Spence in ihrem Buch, habe sie gelernt, dass sie den Krebs nicht mehr verleugnet. Sie halfen ihr, anzunehmen, was sie zuvor als schockierend, sogar hassenswert empfand. Sie fotografiert den „fragmentierten“ Umgang der Medizin mit Körperteilen, die sie beschriftet, und macht so fehlende Ganzheitlichkeit sichtbar. „A Picture of Health?“ war eine gemeinsame Ausstellung von Jessica Evans, Rosy Martin, Maggie Murray, Jo Spence und Jana Stajno. Auf dem Plakat zur Ausstellung, die ab Mitte der 1980er Jahre und später auch auf der Documenta in Kassel (2007) gezeigt wird, ist ein Zitat von Jo Spence abgedruckt. Sie schreibt, dass so, wie es aussieht, jede/r von uns, den der Krebs erwischt, auf einem langen einsamen Weg durch die medizinische Orthodoxie mit ihrem Terrorismus, mit Lügen, Einschüchterung, Hierarchien, Antihumanismus wandern muss … es sei denn, wir rebellierten. Anfänglich sei dieses Rebellieren mehr ein Wegschieben, ein Aussprechen ohne irgendeine Idee, wie es weitergehen kann. Erst langsam entstünde ein Netzwerk der Information für andere therapeutische Wege, zu Selbsthilfegruppen, … langsam vernetzten Frauen sich, um neue Strategien des Überlebens, zumindest aber Veränderungen anzustoßen. Es hat Gültigkeit bis heute.

Die letzten Dinge

Weihnachten 1990 erfährt Jo Spence, dass ihr Brustkrebs wieder da ist, und sie hat außerdem Leukämie. Wieder reicht ihr gesammeltes Wissen nicht. Konfrontation weicht erneut Verletzlichkeit und sie findet andere Modi, um trotzdem weiter zu arbeiten. Gemeinsam mit ihrem früheren Lebensgefährten und Projektpartner Terry Dennett (verheiratet ist sie jetzt mit David Roberts, mit dem sie ebenfalls viele ihrer Fotoprojekte umgesetzt hat) setzte Jo Spence auch diese Erfahrungen, wenn auch mit neuen anderen Mitteln, um in Fotografie und Kunst: „The Final Project“ (1991 -92) wird eine fotografische Erkundung der Endlichkeit während Spence‘ letztem Jahr mit Leukämie, in dem auch Tabu im Umgang mit terminaler Krankheit und selbst das Sprechen darüber eine Rolle spielen.  „Wir waren uns des Klassencharakters der modernen Medizin deutlich bewusst, und dass der Zugang zu einer alternativen Gesundheitsversorgung mehr ein politisches als ein medizinisches Problem ist“, so Terry Dennett im Interview Tina Takemoto aus dem Jahr 2009[xvi].  Mit Fotomontage entstehen Arbeiten wie “Looking Death in the Eye”, in denen Erinnerungen und Grenzen zwischen Leben und der Zeit danach ineinander übergehen. Sie und die Menschen, die sie begleiten, lernen, den Tod als eine andere Stufe des Lebens zu betrachten.[xvii]

1992 stirbt Jo Spence an den Folgen ihrer Leukämie.

Würdigung

Die fotografische und künstlerische Arbeit von Jo Spence, die „Generationen von Studenten“ beeinflusste,[xviii] erfuhr ebenso wie ihre Auseinandersetzung mit sozialen Fragen größte Wertschätzung. Jo Spence‘ erste Arbeiten zu Brustkrebs werden nun bald 30 Jahre alt. Jo Spence lebt weiter in ihren Arbeiten, und sie provozieren bis heute eine andere Art des Denkens, auch wenn dies nicht immer willkommen ist. Die Arbeiten sind heute aktuell wie zu Beginn der 1980er Jahre. Jo Spence‘ Erfahrungen sind Erfahrungen, die Millionen von anderen Frauen mit Brustkrebs nicht fremd sind. Sie werden bis heute verleugnet und unterdrückt. Heute werden sie überdies übertüncht durch Kampagnen mit strahlenden, lächelnden oder oft wiederum sexualisierten Frauen mit Brustkrebs und Krankheit, denen, abgesehen von der Darstellung von Brustkrebs als Teil des „modern Lifestyle“, die Aussage und das Verständnis für Brustkrebs als schwerwiegendem Gesundheitsproblem von Frauen abhanden gekommen ist.  Dieses schwerwiegende Gesundheitsproblem wird bis ins Gegenteil verkehrt, bis hin zu Frauenfeindlichkeit und zum „besseren Leben mit Brustkrebs“. In gegenwärtigen Kampagnen sehen wir mitunter die perfekt instrumentalisierte Frau, die fragwürdige Botschaften zu Brustkrebsmedizin und Krankheit – etwa zur Mammographie oder zum sexuellen Status von Frauen mit Brustkrebs –  in die Gesellschaft transportieren soll.

Die Möglichkeiten der u.a. von Jo Spence entwickelten „Fototherapie“ sind bisher wenig genutzt worden. Die Fototherapie hätte Potential zur Dokumentation der Befindlichkeiten von an Krebs Erkrankten heute, sozial, auf den Zustand von Klassengesellschaft und Medizin bezogen.

Links

Jo Spence Exibition Page Mit Workshops und Slideshows

Jo Spence Memorial Archive (Terry Dennett, nur noch in den Internet-Archiven)

Judy Weiser: Phototherapy – Webseite (Judy Weiser (Jg. 1945) ist eine Psychologin, die unabhängig von Jo Spence bereits seit Jahrzehnten mit Fototherapie arbeitet. Judy Weisers theoretische Arbeit aus dem Buch PhotoTherapy Techniques, erschienen 1993,  wurde bereits mehrfach – u.a. von Rosy Martin,  s.o. – in einem Fachbeitrag in dem Buch Feminist Approaches to Art Therapy – erschienen 1997 – plagiiert. Deutschsprachige Infoseite Phototherapeutische Techniken in Beratung und Therapie von Judy Weiser)

Bücher von und mit Jo Spence (Auswahl)

Photography. Richard Greenhill; Margaret Murray; Jo Spence. London : Macdonald Educational, ISBN 0-35606010-1 [Deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel: Besser fotografieren: Fotografie für Anfänger. Ravensburg 1980. ISBN 3473430420

Photography / Politics: One.  Erste Sammlung kritischer und theoretischer Aufsätze zur Fotografie, hrsg. von Jo Spence und Terry Dennett. 1987. ISBN 0-90689090-X

Photography / Politics: Two. Patricia Holland, Jo Spence, Simon Watney. Workshop: London 1986. ISBN 0-90689089-6

Putting Myself in the Picture: a Political, Personal and Photographic Autobiography. London: Camden Pr., 1986. ISBN 0-948491-14-0

Family Snaps. Jo Spence, Patricia Holland. London: Virago 1991. ISBN: 1-85381-270-6

Cultural Sniping: The Art of Transgression. London: Routledge, 1995. ISBN 0-415-08884-4, Buch bei Amazon durchblättern [Eine intensivere Auseinandersetzung mit diesem posthum erschienen Buch von Jo Spence folgt eventuell zu einem späteren Zeitpunkt hier auf dieser Webseite.]

Jo Spence : Beyond the Perfect Image: Photography, Subjectivity, Antagonism. Barcelona : Museu d’Art Contemporani, 2005, ISBN 84-89771-17-0

Jo Spence Projekte / Ausstellungen / Workshops / Filme (Auswahl)

1970er Jahre

  • Children photographed: Bilder von Kindern, 1. Ausstellung von Jo Spence, Gründung des „Children’s Rights Workshop“
  • Gypsies and Travellers, Fotografien von Jo Spence, Terry Dennett über das Leben der Roma in und um London.
  • Working Lives: Fotoporträts zu einem Buch mit mündlichen Erzählungen über die Geschichte des Ostlondoner Bezirks Hackney
  • Zusammenarbeit mit Terry Dennett: Entwicklung von Lehrmethoden, um Kinder in Fotografie zu unterrichten und Fotografie auf Abenteuerspielplätzen zu lehren, Fotografie-Workshop als unabhängiges Forschungs-, Publikations- und Archivprojekt von Jo Spence mitbegründet. (1974)
  • Woman and Work: Gesellschaftskritische Fotografien über die „unsichtbare Arbeit“ von Frauen, Plakat Women and Work, 1975
  • Women Musicians: Kultur der Frauenbewegung
  • Organisation von Wanderausstellungen zur Arbeitergeschichte und den Kulturkämpfen der 1930er Jahre.
  • Who’s Holding the Baby? An Exhibition on Childcare 1978 (Anm.: „Holding the Baby“ umgangssprachlich im Engl. „den Schwarzen Peter haben”)
  • Beyond the Family Album, als Teil von Three Perspectives on Photography. Jo Spence geht „Abwesenheiten und Auslassungen in Familienarchiven“ nach und der Art, wie in Fotoalben Familiengeschichte geschrieben wird. The Hayward Gallery, London, 1979

1980-er Jahre – Studium und danach

  • Remodelling Photo History: Zusammenarbeit mit Terry Dennett, warum Fotografie ganz bestimmte Sichtweisen konstruiert. Herrschende Formen visueller Repräsentation werden in Frage gestellt, um besser verständlich zu machen, dass die Kamera kein Fenster zur Welt ist. (1982)
  • Family, Fantasy, Photography: Eine Arbeit von vier Fotografiestudentinnen, u. a. auch von Jo Spence. (1982)
  • The Crisis Projects, 1982-1992
  • The Cancer Project / The Picture of Health. Gemeinsam mit anderen Frauen untersucht Spence ihre eigene Rolle als Krebspatientin sowie inhumane und infantilisierende Behandlungspraktiken, Bilder und Begriffe von Krankheit / Gesundheit. 1982 – 1990
  • Cancer Sisters: The Cancer Series. 1982-83
  • Photo Therapy: Jo Spence und Rosy Martin entwickeln die Fototherapie, wobei sie sich vor allem für die politische und therapeutische Macht des Geschichtenerzählens auf der Basis bestehender Familienalben und für inszenierte Studioarbeiten interessieren. 1984 – 1989
  • Decay Project. The Cancer Project. 1984
  • The Picture of Health? Jo Spence, Rosy Martin u.a. Camerawork, London. 1985
  • Transformation I, 1985
  • How Do I Begin to Take Responsability for My Body, 1985
  • Mother and Daughter Work, 1986
  • Don’t say cheese, say lesbian,  Rosy Martin, Jo Spence. Leeds Pavillion. 1986
  • Double exposure – the minefield of memory by Rosy Martin, Jo Spence. Photographers Gallery, London. 1987
  • Transforming the suit – What do lesbians look like? Rosy Martin, Jo Spence in ‚Body Politic‘. Photographers Gallery, London. 1987
  • Behind net curtains, Rosy Martin, Jo Spence in ‚Family – my history – myself‘. Untitled Gallery Sheffield. 1988
  • Cross Class Perspectives, 1988
  • Libido Uprising. 1989
  • Notes from our psychic family albums, Rosy Martin, Jo Spence in ‚Matter of facts‘ – Contemporary British Photography – Musee des Beaux-Arts Nantes and touring in France. 1988-89
  • Dirty Linen – Phototherapy, Rosy Martin, Jo Spence. Muziekcentrum Enschede, ‚British Photography‘,  Foto Biennale Enschede, Netherlands. 1989
  • Tip of the Iceberg: Fernsehproduktion von Jo Spence über die kulturelle und ideologische Bedeutung von Frauenbrüsten. Gesendet von BBC in England und SBS in Australien.  1989
  • Narratives of Dis-ease: Ritualisierte Vorgänge. Jo Spence, Tim Sheard. 1989/90
  • Jo Spence – collaborative works. National tour in Australia. 1990
  • Family Matters? Rosy Martin, Jo Spence in ‚Affairs of the Heart‘. Untitled Gallery, Sheffield. 1991
  • Libido uprising, Jo Spence, Rosy Martin in ‚Exploring the unknown self – self-portraits of contemporary women‘. Tokyo Metropolitan Museum of Photography. 1991
  • Missing Persons / Damaged Lives. Jo Spence in Zusammenarbeit mit Rosy Martin, Ya’acov Khan, David Roberts und Tim Sheard.  Leeds City Art Galleries. 1991
  • Libido Uprising, Jo Spence, Rosy Martin zusammen mit Unbecoming Mothers‘ Jo Spence, Rosy Martin, Tim Sheard and Ya’acov Khan in ‚Embodiment‘. Randolph Street Gallery. Chicago. November/December 1991
  • The Generation(s) of Meaning, Rosy Martin, Jo Spence, Penny Cloutte, Sue Isherwood zusammen mit  Unbecoming Mothers  in A Daughter’s View. Watershed, Bristol. 1991
  • A Personal Journey. Doku-Film von Claire Fletcher, 18 Min. Jo Spence diskutiert ihre Arbeiten in Erinnerung an The Family Album, Phototherapy, Class Stuggle und ihren Umgang mit Krankheit. (1992)
  • Body politics‘, Rosy Martin, Jo Spence, Shari Caroline Diamond. PS 122 Gallery, 150 First Avenue, New York. January 1993
  • Middle class values? Jo Spence, Rosy Martin in Renegotiations: Class, Modernity and Photography‘. Norwich Gallery. 1993
  • Jo Spence: Matters of concern, Collaborative Images 1982-92, Royal Festival Hall, London, and Impressions Gallery, York, 1994
  • Matters of concern: collaborative images 1982-1992, Jo Spence, Rosy Martin, David Roberts, Valerie Walkerdine, Terry Dennett, Ya’acov Khan and Maggie Murray. Festival Hall, London Sept/Oct 1994
  • Beyond the Perfect Image, Kunsthaus Graz, 2006
  • The Picture of Health? Jo Spence, Rosy Martin u.a., Documenta 12, Kassel  2007
  • The Crisis Projects, 1982-1992, Volokurakeskus Peri Photographic Centre, Turku, Finland, Juni – August  2008
  • Auto/Pathographies: Re-constructing Identity through Representations of Illness –  / (Selbst-)Darstellung des Krankseins in der zeitgenössischen Kunst u.a. mit Werken von Jo Spence zum Thema Sterblichkeit aus der Serie „The Final Project“. Kunstpavillon, Innsbruck. 2009.

Quellenangaben

Die überwiegend meisten Informationen über Jo Spence in diesem Artikel sind ihrem Buch Putting Myself in the Picture: a political, personal and photographic autobiography. London, Camden Press, 1986, ISBN 0-948491-14-0, entnommen.

[i] National Portrait Galery: Mirror Mirror. Self Portraits by Women Artists. Portrait 33, Jo Spence

[ii] Camera Austria, http://www.camera-austria.at/presse_offen/1972915_Biografie.pdf

[iii] Camera Austria, a.a.O.

[iv] „No I can’t do that, my consultant wouldn’t like it“ in Silent Health: Women, Health and Representation (Camerawork, 1990). s. archive.org

[v] Kuhn, A. (Einleitung), in Jo Spence: Cultural Sniping: The Art of Transgression. London, Routledge 1995, ISBN: 0-415-08883-6 ; 0-415-08884-4

[vi] “Holding the Baby”, im Englischen auch Synonym für “den Schwarzen Peter”

[vii] Jo Spence, Putting Myself in the Picture: a political, personal and photographic autobiography. London, Camden Press, 1986, ISBN 0-948491-14-0, S. 151, “1982 onwards … Four years ago I was diagnosed as having breast cancer. …”

[viii] “Ich habe meine Brust gerahmt für die Nachwelt”, abgedruckt in: Bell, Susan E.: Living with breast cancer in text and image: making art to make sense, Qualitative Research in Psychology 2006; 3: S. 37

[ix] s. Interpretation Wikipedia, engl. Version

[x] Spence, a.a.O., S. 153

[xi] Spence, a.a.O., S. 151, Abbildung s. http://www.billedkunstmag.no/Content.aspx?contentId=1932

[xii] Bell, Susan E.: Photo Images: Jo Spence’s narratives of living with illness. Health, 2002, Vol. 6 (1): 5-30

[xiii] Spence, a.a.O., S. 155

[xiv] Spence, a.a.O., S. 155

[xv] … “my infantilization whilst being managed and ‚processed’ within a state institution“, Spence, a.a.O., S. 156

[xvi] Remembering Jo Spence, Terry Dennett im Interview mit Tina Takemoto.  Afterimage:
The Journal of Media Arts and Cultural Criticism vol. 36, no. 5 (2009)

[xvii] Remembering Jo Spence, a.a.O.

[xviii] … und auch heute noch beeinflusst, s. beispielsw. Arbeiten der Fotografin Iza Moczarna-Pasiek, die mit ihren Arbeiten erneut Krebs und Frauenbild  in westlich geprägten Gesellschaften „einrahmt“.

Bildnachweis: Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Terry Dennett

 

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