IQWiG: Schaden-/Nutzen-Bilanz für uPA/PAI-1-Test unklar

(Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2014)

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat seinen Abschlussbericht zu den „Biomarkern“ uPA und PAI-1 veröffentlicht, mit ernüchterndem Ergebnis. Zu klären war besonders die Frage, ob für Frauen mit mittlerem Risiko für das erneute Auftreten einer invasiven Brustkrebserkrankung der Test auf uPA und PAI-1 hilfreich sein kann. In Medien und TV-Sendungen wurde seit vielen Jahren viel versprochen. Der Test sollte demnach die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie erleichtern, wir haben mehrfach berichtet.

Kurzgefasst geben Leitlinien derzeitig Empfehlungen für Frauen mit geringem Risiko für einen Rückfall (= keine Chemotherapie) und hohem Risiko (= Chemotherapie), auch wenn nicht vorhersagbar ist, welche Patientin von einer Chemotherapie konkret einen Überlebensvorteil hat. Für Frauen mit „mittlerem Risiko“ ist die Entscheidung nicht einfach. Bei der Entscheidungsfindung sollten die Biomarker helfen, die Marker uPA und PAI-1, die Aussagen zum Stoffwechsel im Tumorgewebe machen, wurden zur Entscheidungsfindung herangezogen. Fachexpertinnen waren bezüglich des Nutzen uneinig und gaben gegensätzliche Empfehlungen heraus.

Das IQWiG hat die vorhandene Studienlage jetzt geprüft. Derzeit gibt es zum Nutzen des Biomarkertests nur eine Studie (Chemo-N0-Studie). In der Kurzfassung des Abschlussberichts kommt das IQWiG zu folgendem Ergebnis:

„Insgesamt wurde 1 Studie als relevant für die Fragestellung der vorliegenden Nutzenbewertung identifiziert. Bei dieser Studie handelte es sich um eine Studie im Hybriddesign (Anreicherungsdesign mit zusätzlicher Nachbeobachtung der nicht randomisierten Teilpopulation), die untersuchte, ob Patientinnen, die nach klinisch-pathologischen Faktoren der Gruppe mit einem intermediären Rezidivrisiko zugeordnet werden konnten, bei hohen Konzentrationen von uPA / PAI-1 im Tumorgewebe nach einer adjuvanten Chemotherapie mit CMF länger überleben als ohne Chemotherapie. Eine Studie dieses Designs eignet sich in erster Linie dazu, einen Teilaspekt der Fragestellung zu beantworten, und zwar die Frage zum Effekt einer Chemotherapie in der Gruppe der Patientinnen, die anhand hoher Konzentrationen von uPA / PAI-1 ausgewählt wurden.
Hierzu wurden die Patientinnen über die Konzentrationen von uPA und PAI-1 in eine Gruppe mit hohem und eine Gruppe mit niedrigem Rezidivrisiko unterschieden. Die Patientinnen mit hohem Rezidivrisiko wurden randomisiert: Entweder wurde ihnen eine Behandlung mit einer Chemotherapie zugewiesen oder sie wurden nachbeobachtet. Die Patientinnen mit hohem Rezidivrisiko, die einer Randomisierung nicht zustimmten, wurden separat ausgewertet. Patientinnen mit niedrigem Rezidivrisiko auf Basis der Konzentrationen von uPA / PAI-1 wurden nachbeobachtet – erhielten also keine Chemotherapie. In der Intention-to-treat-Analyse dieser Studie konnte in der randomisierten Gruppe der Patientinnen mit hohen uPA / PAI-1-Konzentrationen weder für das Gesamtüberleben noch für das krankheitsfreie Überleben ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Behandlungsoptionen – Chemotherapie oder keine Chemotherapie – festgestellt werden. Die Studie lieferte keinen Beleg für einen patientenrelevanten Nutzen einer uPA- und PAI-1-gestützten Strategie zur Entscheidung für oder gegen eine adjuvante Systemtherapie.
Fazit: Der patientenrelevante Nutzen bzw. Schaden einer uPA- und PAI-1-gestützten Strategie zur Entscheidung für oder gegen eine adjuvante Systemtherapie beim primären Mammakarzinom mit intermediärem Rezidivrisiko nach R0-Primäroperation ist aufgrund fehlender geeigneter Studien unklar.“ 

Die Unterstreichungen sind von uns. Es bleibt für uns sehr erschreckend, wie über einen Zeitraum von über 10 Jahren hinweg für diesen Test bei Patientinnen – u.a. auf Patientinneninformationstagen, in Medien und Selbsthilfeorganisationen – geworben wurde, während die Datenlage in Bezug auf das, was evidenzbasiert belegt ist, so dünn ist. Wir werden die weitere Entwicklung beobachten.

Weiterlesen

Biomarker uPA/PAI-1 bei Mammakarzinom: Nutzen und Schaden des Tests unklar, Pressemitteilung des IQWiG vom 20.10.2014

Kurzfassung des IQWiG-Abschlussberichts (pdf)

Bestimmung der Antigenexpressionslevel von uPA und PAI-1 beim primären Mammakarzinom mit intermediärem Rückfallrisiko nach R0-Primäroperation, Abschlussbericht, vollständiger Bericht des IQWiG vom 22.08.2014, Auftrag des G-BA, Auftrags-Nr. D13-02 (pdf)

Chemotherapie bei Brustkrebs unter Verdacht: 10.000 Übertherapien bei Ersterkrankung?

Unser Archiv zum uPA/PAI-1-Test

 

1 Kommentar
  1. […] Hinweis: Den aktuellsten Wissensstand zu uPA/PAI-1 hat das IQWIG  im Oktober 2014 zusammengefasst (Tipp: Im Zusammenhang mit diesem Text unbedingt lesen). Eine Zusammenfassung zum Stand […]

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