„Ärzte – Im Einsatz verschollen“ (MIA Doctors)

(Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2015)

von Jeanne Sather, aus dem Amerikanischen übersetzt von Beate Schmidt

Jeanne

 

Ich nenne sie „im Einsatz verschollene Ärzte“ [„Missing in Action“, 1.] – Ärzte, die im Einsatz verloren gehen, während ihre Patienten sterben.

KrebspatientInnen erwarten von ihrem Arzt, der sie über die ganze Zeit der Erkrankung behandelt hat, nicht, dass er sich umdreht und weggeht, sobald sie unheilbar krank sind. Aber das ist es, was öfter passiert als umgekehrt. Der Arzt wird sie bei einem Hospiz zur Palliativversorgung los oder schickt sie zum Sterben nach Hause, und fertig: Diese sterbenden PatientInnen hören oder sehen ihren Arzt nie wieder. Während ihres letzten Termins sagen Onkologen oft nicht einmal auf Wiedersehen oder geben zu, dass sie die PatientInnen nicht wiedersehen werden.

Als meine Freundin Surain af Sandeberg im Frühjahr 2002 [2] an Krebs starb, erzählte mir ihr Ehemann Robert, wie betrübt er war, dass sie von Surains Ärztin seit ihrem letzten Termin nichts gehört hatten.

Surain hatte metastasierten Brustkrebs. Ende 2001 entdeckte ihre Ärztin, dass sich der Krebs in ihr Gehirn ausgebreitet hatte, und sie bekam eine Strahlentherapie ihres Kopfes. Dann wurde in ihrer oberen Wirbelsäule Krebs gefunden, und im Januar 2002 sagte Surains Ärztin zu ihr, dass es unwahrscheinlich sei, dass weitere Behandlung helfen würde.

Surain ging nach Haus in ihr Hausboot auf Seattles Lake Union, wo sie mit Robert seit 1994 lebte, und eine Gruppe von Freunden half Robert, während ihrer verbleibenden Lebensmonate für sie zu sorgen. Aber während dieser Zeit, und sogar zur Zeit von Surains Tod im März, hat ihre Ärztin weder sie noch ihren Ehemann ein einziges Mal kontaktiert. Sie rief niemals an; sie schickte nie ein kleines Zettelchen.

„Es ist definitiv wahr, dass [die Ärztin] vollständig verschwand, nachdem sie uns gesagt hatte, dass Surain nur noch ein oder zwei Monate zu leben hatte“, sagt Rain Robert af Sandeberg (der seitdem den Spitznamen seiner Frau dem seinen hinzugefügt hat). „Surain und ich waren davon überrascht – ich könnte auch sagen, ein bisschen bestürzt.“

„Surain mochte ihre Ärztin sehr. Sie war eine berühmte Ärztin, schien Surains Fall sogar Vorrang zu geben, und sie gab ihr schnell termine, wenn es in ihrem vollen Terminkalender möglich war.“

Ich war eine von denen die halfen, Surain am Ende ihres Lebens zu pflegen, und ich war schockiert, als Robert mir erzählte, dass Surains Ärztin „MIA“ – Missing in Action – im Einsatz verschollen war. Zu der Zeit hatte ich keine Vorstellung, dass dieses bei den meisten Onkologen Standard ist. Sobald sie fühlen, dass sie für die PatientInnen medizinisch nichts mehr tun können, werden sie sie bei einem Hospiz, Sozialarbeiter oder Pastor los oder schicken sie einfach zum Sterben nach Hause.

Seitdem habe ich eine ganze Anzahl ähnlicher Geschichten gehört, und jedes Mal, wenn ich eine höre, wächst meine Empörung. Diese sterbenden PatientInnen bitten nicht um viel: einen Anruf, eine Chance, auf Wiedersehen und danke zu sagen, ein bisschen Anerkennung für die Beziehung, die sie mit ihrem Arzt hatten.

[1] Anm. d. Übers.: Im Einsatz verschollen, im Amerikanischen „MIA“ = Missing In Action. MIA stammt aus der Militärsprache und bedeutet – verschollen bzw. vermisst im (Kriegs-)Einsatz
[2] Anm. d. Übers.: Surain starb am Abend des 8. März 2002

Weiterlesen:

Jeanne Sathers Beitrag vom 05.09.2006 im Original lesen …
Jeanne Sathers Blog: The Assertive Cancer Patient (Die selbstbewusste Krebspatientin)

Interview mit Jeanne Sather:
Discovering the power of goodbye über einen Onkologen in Seattle, der versucht, die beschriebene Situation zu verändern. Bericht aus der Seattle Times vom 19. Mai 2005 mit Jeanne Sather im Interview. (Text nur Englisch)

Bilder von Surain

Dank geht an Jeanne Sather, Seattle, USA, für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und Veröffentlichung an dieser Stelle. Bildnachweis © Jeanne Sather, mit freundlicher Genehmigung. Das © Copyright für Text und Bilder liegt bei Jeanne Sather.

Nachtrag:
Jeanne Sather hat 15 Jahre mit Brustkrebs gelebt, im November 2013 starb auch sie an den Folgen der Krankheit.
Nachruf auf Jeanne Sather in der Seattle Times

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