Hinter den Kulissen der Gesundheitspolitik: Gesunde Zweifel angebracht

(Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2013)

Gesunder Zweifel: Einsichten eines Pharmakritikers – Peter Sawicki und sein Kampf für eine unabhängige Medizin von Ursel Sieber. Berlin: Berlin Verlag, 2010. ISBN: 978-3-8270-0976-0

Die kürzlich mit dem Ernst-Schneider-Preis ausgezeichnete Journalistin Ursel Sieber beleuchtet in ihrem im September 2010 erschienen Buch „Gesunder Zweifel: Einsichten eines Pharmakritikers“ die Zustände hinter den Türen deutscher Gesundheitspolitik. Sie bietet Einblick in das System und die roten Fäden zwischen Fachgesellschaften, Universitäten, Pharmakonzernen und Pharmaagenturen, einzelnen Ärzten und ihren Abhängigkeiten von „Drittmitteln“ für die Pharmaforschung. Sie berichtet dabei auch über den Sachstand in der klinischen Forschung, einschließlich der Rolle einzelner in unterschiedlichem Umfang von der Pharmaindustrie gesponserter Patientenorganisationen wie etwa dem Deutschen Diabetiker Bund, der Deutschen Leukämie- und Lymphom-Hilfe oder auch mamazone (am Beispiel der Durchsetzung des Medikaments Herceptin in Deutschland).

Die Krise unseres einst solidarischen Gesundheitssystems könnte tiefer nicht sein. Neben den Kämpfen um Termine und notwendige medizinische Leistungen, die auch in unserem Lande nicht mehr für alle Menschen selbstverständlich zugänglich sind, macht Ursel Sieber unmissverständlich klar, wie untrennbar wirtschaftliche Zusammenhänge und Medizin heute politisch gesteuert und miteinander verwoben werden.

Die Ausschaltung Peter Sawickis als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Deutschland – Markus Grill spricht in Operation Hippokrates im Spiegel vom März 2010 von „entsorgt“ – ist hier nur ein Schräubchen für unsere auch künftig garantiert weiter ansteigenden Kassenbeiträge. Sie ist symptomatisch für die sich mehr und mehr auseinander bewegende Schere hinsichtlich einer sicheren medizinischen Versorgung und des Zugangs zu ÄrztInnen für alle auf der einen Seite und die Durchsetzung des „medizinischen Fortschritts“ auf der anderen Seite. Dieser sogenannte „medizinische Fortschritt“ besteht aus nie dagewesenen hochpreisigen Arzneimittelinnovationen, hochinvasiven Therapieansätzen und Gerätemedizin, besonders in der Krebstherapie, bei häufig fragwürdigem Nutzen.

Deutschland war schon lange vor Gründung des IQWiG nicht mehr die Apotheke der Welt, so Ursel Sieber in ihrem Buch. Ob Medikamente oder Handys, produziert wird weltweit immer dort, wo es am rentabelsten ist. Diese fundamentale Erkenntnis setzt Gesundheitspolitik zum Schutz einer „deutschen Pharmaindustrie“ in Gang. Die (multinational tätigen) Hersteller haben freien Zugang zu unserem Markt und dürfen die Preise für neue Medikamente in Deutschland selbst bestimmen – und unsere Krankenkassen müssen zahlen.

Und wie agieren Krankenkassen im Ellenbogensystem, dem „Wettbewerb“? Auch das arbeitet Ursel Sieber am Beispiel der HPV-Impfung heraus. In den vergangenen Jahren ist es Normalität geworden, dass eine einzelne Krankenkasse vorprescht mit der Meldung „Die erste Krankenkasse übernimmt die Finanzierung von xyz …“ Ursel Siebers Beispiel ist das Vorpreschen der Techniker Krankenkasse in Sachen HPV-Impfung. Brustkrebs ist bei vielen Krankenkassen ebenfalls beliebt. Die Kassen überbieten sich mit Leistungen, die andere Kassen nicht im Angebot haben. Ob Kurse zur Selbstuntersuchung – nicht evidenzbasiert, AOK Baden-Württemberg, Screening ohne Screening-Programm, Securvita BKK, PET-Untersuchung bei Brustkrebs, wieder Techniker Krankenkasse, jüngstes Beispiel hkk und der uPA/PAI-1-Test, ohne dass hinreichend klar ist, was dieser Test bestenfalls leisten kann  – es bleiben nicht zuletzt auch teure Marketingmaßnahmen im Kampf um Mitglieder, während der Anspruch auf eine gleichwertige medizinische Versorgung für alle Versicherten darüber in Vergessenheit gerät. Und wie bei HPV wird auch die Brustkrebs-Impfung nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wirksam und hilfreich oder unwirksam und schädlich – welche Kasse zahlt zuerst? Das Geschäft – und nicht etwa das bestmögliche Wissen um das, was gesund ist oder krank macht – bestimmt heute den Gesundheitsmarkt.

Im Kapitel „Ende einer Dienstfahrt“ nimmt Ursel Sieber auch die „Dienstwagen-Affäre“ auseinander. Im Raum stehen bleibt die Frage der Fragen: Warum war die geplante Stellenneubesetzung nach Auslaufen des Zeitvertrags von Prof. Peter Sawicki als Leiter unseres inzwischen Dank seiner Leistung international angesehenen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitsweisen IQWiG nicht ohne diese für die Verantwortlichen zutiefst beschämende öffentliche Erniedrigung umsetzbar?

Wer mehr wissen will über den Stand des Gesundheitswesens in Deutschland 2010, dem sei Ursel Siebers „Gesunder Zweifel“ zur Lektüre ans Herz gelegt.

Weiterlesen:

Gesundheit und Profit: Interview mit Ursel Sieber bei Heise
Diplomatie nützt nicht viel … (Tagesschau-Beitrag mit Ursel Sieber und dem Nachfolger von Peter Sawicki, Jürgen Windeler, v. 01.09.2010)

 

1 Kommentar
  1. […] 02.11. 2010 – Hinter den Kulissen bundesdeutscher Gesundheitspolitik: Gesunde Zweifel angebracht! Ein spannendes Buch hat die Journalistin Ursel Sieber mit Gesunder Zweifel vorgelegt. Sie geht […]

Benutzungshinweis

Die dieser Webseite zugrunde liegenden Inhalte beleuchten Einzelaspekte aus der Perspektive von betroffenen Frauen und Frauengesundheitsbewegung. Die hier bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für ärztliche Beratung und Behandlung. Im Einzelfall sind Diagnose und Therapieempfehlungen immer Sache der behandelnden ÄrztInnen. Weiterlesen: Haftungsausschluss / Disclaimer

Werbung?

Diese Webseite ist werbefrei.

Akkreditierung

Diese Website ist bei der Health On the Net Foundation akkreditiert.
Wir berücksichtigen HONcode Standards. Zur Überprüfung klicken Sie bitte auf das HON-Logo. Diese Website ist seit 2007 bei der Health On the Net Foundation akkreditiert. Wir berücksichtigen HONcode-Standards. Zur Überprüfung klicken Sie bitte auf das HON-Logo.

LibraryThing

Wir …

... sind eine kleine unabhängige Gemeinschaft von Frauen, die sich im Kontext Brustkrebs engagieren. Wir wollen die bestmögliche Behandlung für alle, die von dieser schweren Erkrankung betroffen sind. Wir wollen aber auch, dass die Forschung über die Ursachen von Brustkrebs und über die Möglichkeiten der Primärprävention endlich grundlegend verbessert werden.

Wir sind ein kreatives, privat finanziertes Low-Budget-Projekt, das grundsätzlich jegliche Finanzierung im Interessenkonflikt ablehnt und insbesondere keine Pharmagelder annimmt. Lesen Sie dazu unsere Leitlinie, entsprechend der Richtlinie zur Einwerbung von Drittmitteln von Breast Cancer Action.

Spenden …

Breast Cancer Action Germany - die kritische Annäherung rund um das Thema Brustgesundheit und Brustkrebs im Kontext von Medizin, Krankheitsvermeidung, Umwelt, Gesellschaft und Politik mit dem Schwerpunkt Selbstschutz / Verbraucherinnenschutz.

Wir lehnen uns u.a. an die Arbeit von Breast Cancer Action mit Sitz in San Francisco an. Diese Arbeit hilft uns sehr. Ohne die wichtige Arbeit der engagierten Frauen von Breast Cancer Action (www.bcaction.org) nachzunutzen, hätten wir von Frauenseite in Deutschland keine wirklich neutralen Berichte zu vielen wichtigen und komplizierten Themenbereichen bei Brustkrebs. Die Arbeit von Breast Cancer Action ist wertvoll und nicht kostenlos zu leisten.
Es ist möglich, direkt an Breast Cancer Action in den USA zu spenden. Die Spenden werden in der Breast Cancer Action-Zeitschrift „Source“ veröffentlicht, wenn nichts anderes angekreuzt wird. Es ist auch möglich, für namentlich genannte Patientinnen oder zum Gedächtnis von Frauen mit Brustkrebs, die nicht mehr leben, zu spenden. Eine Spende ist einfach z.B. über Kreditkarte möglich: Breast Cancer Action unterstützen.