Frauen und Krebs | Sabine Rohlfs

(Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2013)

Buch von Sabine Rohlfs

 

 

Frauen und Krebs | Sabine Rohlfs

Sabine Rohlfs
Frauen und Krebs: Vom Umgang mit einer Krankheit
Fischer Taschenbuch Verlag 1994
ISBN 3-596-11792-5

1994 erschien bei Fischer Taschenbuch in der Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“ das kleine Büchlein „Frauen und Krebs“. Es bietet interessante Einblicke in die Situation von an Krebs erkrankter Frauen, zum Menschenbild einer naturwissenschaftlich orientierten Medizin und dem über lange Zeiträume hinweg entstandenen Machtkomplex, in dem sich an Krebs erkrankte Patientinnen auch heute noch wiederfinden, auch wenn die Verpackung manchmal darüber hinweg täuschen kann. Bis heute werden bei uns in Deutschland die meisten gynäkologischen Lehrstühle, an denen u.a. der Umgang mit gynäkologischen Krebserkrankungen oder Brustkrebs gelehrt wird, in den selben, mitunter dynastischen Kreisen besetzt. 

Sabine Rohlfs stellt gleich vorab klar, dass Frauen über eigene Krankheits- und Krisenbewältigungsmuster verfügen. Zwar gäbe es keine Rezepturen, die Krise – Krebs – zu vermeiden oder möglichst schnell zu meistern, doch es existieren auch Reaktionsmuster und Handlungsstrategien für einen selbstbewussteren Umgang. Die Aktualität der Inhalte von Sabine Rohlfs hat sich in Hinblick auf den Umgang mit Ängsten von Kranken und Nichtkranken heute insofern verändert, als die Allgegenwärtigkeit von Krebs in den letzten 20 Jahren dramatisch zugenommen hat und brainwash-Anweisungen zum Umgang mit Krebs über alle Medienkanäle an Frauen herangetragen werden. Dies verstärkt genau jene von Rohlfs beschriebenen gesellschaftlichen Machtstrukturen und macht ihre Beobachtungen zu Frauen und Krebs beachtenswert.

Menschenbild einer ausschließlich naturwissenschaftlich basierten Medizin

Die von Rohlfs beschriebene „Machbarkeit aller sie [die Menschen] betreffenden Dinge“ – eine Anleihe bei Mechthild Hahn, 1 begegnet uns auch heute beständig in Form von Heilungsversprechen, aktuell mit dem Stand 2013 verstärkt in radikalen chirurgischen Vermeidungsstrategien und Versprechungen, die die Medizin Frauen heute offeriert und nahelegt. 2 Mit Bezug auf Carolyn Merchant und Christa Wichterich 3 beschreibt Rohlfs den Prozess des sich wandelnden Naturverständnisses: „Natur – als etwas Passives, Chaotisches vorgestellt – muss und kann beherrscht werden und für den Mann „urbar“ gemacht werden. Das heißt zugleich, die Frau als einen Teil der Natur zu beherrschen“ – für die es eine lange Tradition gibt.“ Und weiter: „Die moderne Wissenschaft von der Natur ist keineswegs frei von Macht- und Herrschaftsinteressen. Sie ist insofern nicht objektiv, nicht wertneutral“. 3 In fünf Punkten fasst Rohlfs zusammen, dass

  • moderne Medizin auf dem Modell Beherrschung basiere (1),
  • bei dem die Beherrschung von Frauen eingeschlossen sei (2).
  • Wissenschaft legitimiere Herrschaftsinteressen, während die Naturwissenschaften Teil eines patriarchal  strukturierten Gesellschaftssystems seien (3).
  • Der menschlich/männliche Körper wird in einer Analogie zu Maschinen mit ihrer Austauschbarkeit, Auswechselbarkeit und Käuflichkeit von Körperteilen gedacht (4).
  • Und schließlich werde Krankheit als „biologischer Vorgang ohne Bezug zu den Lebensumständen der Betroffenen“ gesehen (5).

Dies betrifft jenen roten Faden, den wir mit krank machenden Umweltbelastungen und Krebserkrankung auf dieser Webseite immer wieder versuchen, zu thematisieren.

Frauen als Patientinnen

Sicher haben sich Verhältnisse in den letzten 20 Jahren seit dem Erscheinen von Rohlfs Buch 1994 geändert, vor allem im Bewusstsein jüngerer Frauen, die sich selbstverständlich als gleichberechtigt wahrnehmen. Die Machtverhältnisse der gesellschaftlichen Realität sind – wie jedoch spätestens ein Blick auf Besitzverhältnisse und Machtverteilung deutlich machen kann – dennoch bisher höchstens ansatzweise verändert worden. So trifft nach wie vor zu, was Rohlfs beschreibt: „Männer rivalisieren um Macht, Geld, Ansehen, Status und sicher sich als Wissenschaftler die Definitionsmacht über die Welt.“ Es wird nicht nur einfacher dadurch, dass auch Frauen heute machtbewusst mitmischen. Rohlfs beschreibt in diesem Sinne „das gesamte Gesundheitssystem“ als „patriarchale Insitution, die nach männlichen Spielregeln funktioniert“, wie Kriege weltweit und der „Krieg gegen den Krebs“, der in den USA im Jahr 1971 von US-Präsident Richard Nixon ausgerufen wurde.

Frauen kommt nach Rohlfs in der Patientinnenrolle per se ein Objektstatus zu. Ihr kranker Körper werde „repariert“, auf der Basis des ungleichen Verhältnisses von Arzt/Ärztin – Patientin. Auch bleibe der Frauenkörper Objekt männlichen Begehrens, männlicher Zuschreibung und Funktionalisierung, Frauen und ihre Körper blieben in Abhängigkeit von männlicher Norm. 4  Rohlfs stellt die doppelt untergeordnete Position von Frauen zu ihren Ärzten als  einen Ausdruck des Spiegelbilds der untergeordneten Stellung der Frau in der Gesellschaft heraus. Weiblichkeitsbilder und Rollenklischees wanderten oftmals völlig unbemerkt ein in die Arzt-Patientinnen-Beziehung, und Frauen gerieten in die ganz besondere Abhängigkeit von ihrem männlichen Arzt.  Wir erinnern uns, der Wunsch von Maureen Roberts nach Ärztinnen in den Brustzentren ist bis heute (2013) nicht durchgängig erfüllt, denn die meisten Chefärzte in unseren Brustzentren sind weiterhin Männer. Ärztinnen in unseren medizinischen Einrichtungen haben diese Einrichtungen nicht selbst aufgebaut – sie sind mitunter nur Teil des Systems (Fallpauschalen, Disease-Management, Ökonomisierung …) geworden. Rohlfs schreibt: „Es scheint so, als ob Frauen auch heute nur die Plätze in der Gesellschaft innehaben, die ihnen von Seiten der Männer gewährt werden.“

Lebenskrise Krebs

Sabine Rohlfs spricht aus ihren Erfahrungen der Arbeit in einer Krebsberatungsstelle, wenn sie festhält, dass die Familie die seelische und körperliche Reproduktionsstätte des Mannes sei. Männer fänden Rat und Unterstützung in der Familie, für die Ehefrau, Freundin, Mutter, Schwester, Tochter gäbe es die Krebsberatungsstelle. Fast 90 Prozent der Ratsuchenden in der Beratungsstelle von Rohlfs waren auch im Jahr 2007 Frauen. 5 „Ein privater Erholungsrraum für Frauen existiert jedoch nicht. Sie sind auf das Gesundheitswesen angewiesen.“ 6

Die Beschreibungen zum Umgang mit der Diagnose Brustkrebs aus den 1990er Jahren lassen inständige Hoffnungen aufkommen, das der massive Druck auf Patientinnen, sich medizinischen Maßnahmen schnell, fügsam und gehorsam zu unterziehen, heute zumindest weniger massiv ist. Die Beispiele zeigen auf, wie Patientinnen unter Druck gesetzt wurden, mitunter aggressiv und autoritär, versehen mit Hinweisen auf die eigene Gesundheitsgefährdung bei Nichtbefolgung. Gehorchen heute funktioniert anders. Frauen können selbst entscheiden, wenn sie den Mut aufbringen, immerhin. Im Zeitalter übermächtiger Malestream-Medien verlaufen Machtarchitekturen über Frauenkörper heute auf der Basis von Beeinflussung und Freiwilligkeit.

„Schulmedizin“ und „Alternativmedizin“

Im Kapitel 3 nimmt Rohlfs kurz dieses schwierige und zugleich aktuelle Thema ebenfalls auf.  Sie verweist auf die Vorwürfe der Unwissenschaftlichkeit als gravierendstem und schlagkräftigsten Einwand gegen die nicht ausschließlich naturwissenschaftliche Sichtweise der „Außenseiter“. Sie klammert das Feld von Unseriösität und Scharlatanerie nicht aus, will hier jedoch keine Pauschalzuweisungen gelten lassen. Sie verweist darauf, dass in einer Gesellschaft, in der das „schulwissenschaftliche“ (naturwissenschaftliche) Modell dominiert, Mut und Vertrauen in eigene Entscheidungen notwendig sei, um eine Infragestellung zu wagen. Ihre Thesen fasst Rohlfs zusammen:

  • Patientinnen könnten unfreiwillig in diesen Streit geraten, der nicht ihrer sei (1),
  • das Feld des Konflikts verlaufe zwischen ÄrztInnen, persönlichem Umfeld und eigenen Zweifeln(2),
  • der schwierigen Unterscheidung zwischen seriösen Versuchen und Scharlatanerie (3) und
  • der Finanzierbarkeit (4), denn gesetzliche Kassen übernehmen die „alternativen“ Heilversuche nur selten.

Weitere kleine Beiträge zum Umgang mit Krankheit und Hilfen zur Bewältigung (z.B. Psychotherapie, Selbsthilfe, Ernährung, Bewegung oder Kunsttherapie) und einige kleine Gedanken zum Thema Abschied/Sterben ergänzen Sabine Rohlfs Büchlein „Frauen und Krebs: Vom Umgang mit einer Krankheit“, das besonders in Bezug auf die „Genderfrage“ auch heute interessant bleibt.

Die Autorin: Sabine Rohlfs

Sabine Rohlfs leitet seit 1991 eine Beratungsstelle für Krebskranke und Angehörige der Caritas in Nordenham und hat zuvor bereits eine Beratungsstelle in Oldenburg geleitet. Sie studierte Erziehungswissenschaften in Münster, war anschließend wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster und ließ sich in Bremen in Gesprächsführung weiterbilden.

References

  1. 1. Anleihe bei Mechthild Hahn, Lebenskrise Krebs, Hannover 1981
  2. 2. Man stelle sich im Vergleich zu der von Angelina Jolie begonnenen weltweiten Kampagne „My Medical Choice“ zur prophylaktischen Brustamputation eine Kampagne vor, bei denen Männern radikal die prophylaktische Entfernung ihrer männlichen Geschlechtsorgane angetragen wird, um Krebs zu vermeiden.
  3. 3. Von der Mutter-Natur zur Maschine-Natur. In: Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e.V.: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. Natur, Technik, Magie, Alltag. 1984
  1. 4. Was dies in Bezug auf die Implantation von Silikon in die weibliche Brust bedeutet, kann eine Auseinandersetzung mit dem Skandal um die PIP-Implantate näher bringen. s. dazu Zur Geschichte des Silikons als "Rohstoff" der Schönheitsindustrie: Skandalöser Normalzustand http://www.bcaction.de/bcaction/geschichte-des-silikons/
  2. 5. Nordwest Zeitung NWZ online v. 29.05.2008 Diagnose Krebs – Caritas will helfen http://www.nwzonline.de/wesermarsch/wirtschaft/diagnose-krebs-caritas-will-helfen_a_3,1,83987424.html
  3. 6. Unter Bezugname auf: Kluitmann, Annette: Klageweiber – Klagemänner, Psychologie heute, Heft Gesundheit, 1990
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