Feminismus in Echtzeit: Jessica Yee zu Repression im Feminismus

(Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2011)

Bitchmedia hat in ihrer Rubrik Bibliobitch das neue Buch Feminismus FOR REAL: Deconstructing the Academic Industrial Complex of Feminism (Feminismus in Echtzeit: Dekonstruktion des akademisch industriellen Kompex im Feminismus), hrsg. von Jessica Yee, unter die Lupe genommen. Jessica Yee, die Herausgeberin, beschreibt sich selbst als Frau mit zwei Seelen, als multiethnisch indigene Hip-Hop-Feministin, die sich für vor allem für reproduktive Gerechtigkeit einsetzt. Sie hat >>> Native Youth Sexual Health Network, ein Gesundheitsnetzwerk, dass sich insbesondere für reproduktive Gesundheit indigener Frauen einsetzt, gegründet.

Vor dem Hintergrund eines 500 Jahre alten Erbes von Kolonialisierung und Unterdrückung erforscht Feminismus FOR REAL, was zur Existenz von „Feminismus“ geführt hat und definiert, was Feminismus ist und warum es Feminismus gibt.

In einer Zeit, in der beispielsweise Simone de Beauvoir’s Buch Le Deuxième Sexe (dt. Das andere Geschlecht) nicht mehr wirklich präsent heute ist und viele Entwicklungen Feminismus unterminieren, erscheint es wichtig, den Wandel, den auch die Kommunikationswissenschaftlerin Angela McRobbie in Top Girls: Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes aufgreift, mit neuen repressiven Strukturen, die Frauen betreffen, gerade auch in der Medizin, ins Zentrum zu stellen.

Die von Jessica Yee zusammengestellte Anthologie stellt sich Überprevilegierungen im akademischen Umfeld entgegen und beginnt mit einer Auseinandersetzung mit dem „feministisch-industriellen“ Komplex, untersucht industrielle Einflüsse auf das Verhalten von Frauen. Wenn Feminismus eigene Formen der Unterdrückung findet, stellen sich neue Fragen, wie damit umzugehen ist.

Mit mehr als 20 weiteren Autorinnen geht Yee der Frage auf den Grund, wo „das große F“ für Feminismus versagt hat. Viele der Autorinnen nutzen ihre eigenen Erfahrungen in akademischen Umgebungen und dem „Mainstream-Feminismus“ für ihre Kritik. Diese sehr spezifischen Erfahrungen haben die Autorinnen in Organisationsstrukturen und Forschungseinrichtungen für Frauenfragen gesammelt. Unterschiedliche Bewertungen von Verhaltensweisen bei Frauen, auch solchen, die öffentliche Personen unterschiedlicher Ethnizität betreffen oder feindseelige Empfindungen von Frauen unterschiedlicher Ethnizität in Studiengängen der Frauenforschung fördern zutage, dass die Feindseeligkeiten dabei auch heute noch bevorzugt von – einzelnen – weißen Frauen ausgehen, die Schwierigkeiten damit haben, sich in einem Raum mit Frauen anderer Ethnizität  zu arrangieren. Rassismus im Feminismus sei bisher eher als Fußnote betrachtet worden. Ashley McAlister, die den Bibliobitch-Beitrag zu Feminismus FOR REAL geschrieben hat, merkt dazu an, dass Akademikerinnen ihre eigenen Verhaltensweisen im akademischen Umfeld überdenken müssen, für eine Entwicklung von feministischen „Klassenräumen“, die weniger unterdrücken. Einzelne der Frauen sind Studienabbrecherinnen, andere haben viel Erfahrung im Umgang und der Zusammenarbeit mit Master-Absolventinnen.

Feminism for RealKrysta Williams und Ashling Ligate beschreiben, wie persönliche Gespräche herabgewürdigt wurden, als nicht legitimiert für den akademischen Diskurs. Wenn dies passend erscheint, um akademische Forschungsstrukturen in der Krebsmedizin nicht zu stören, so passt diese Beschreibung auch hier recht gut. Als Akademikerin in der Frauenforschung habe sie oft gespürt, so Ligate, wie stark sie gefordert ist, Berge zu besteigen, damit Erfahrungen bzw. Lernen auf der Basis von Gleichberechtigung als legitime und fundierte Quellen von Wissen anerkannt werden. So wie Zitate aus wissenschaftlichen Arbeiten müssten auch persönliche Erfahrungen Eingang in wissenschaftliche Arbeiten finden.
Yee geht Grundsätzen des Feminismus nach, einem Schwerpunkt in Feminism FOR REAL, sie betrachtet die Widersprüche unterdrückender Reglementierungen von feministischer Seite in einer Relation zu dem Bild gleichwertiger Frauen. In einem Radiointerview hält Yee außerdem auch fest, dass es in ihrem Buch um sehr viel mehr – auch um Grenzüberschreitungen – ginge, und nicht allein um Frauenrechte. Das Buch lässt jene mitreden, die sich ausgeschlossen fühlen vom Feminismus und es lässt Frauen zu Wort kommen, die nicht einverstanden sind mit diesem Ausschluss. Feminsmus FOR REAL ist ein Aufruf zur Umkehr, die Zurückweisung von Ignoranz und eine Aufforderung zur Konfrontation mit der unbequemen Wahrheit: dass viele von uns auch im Feminismus Unterdrückung erfahren, auch dass wir selbst verantwortlich sind für die Tatsache, dass viele vom akademischen bzw. von Mainstream-Feminusmus ausgeschlossen sind.

Feminismus FOR REAL kann über Bitch Media bestellt werden. Es ist erschienen als Teil 4 in der Reihe Our Schools / ourselves bei Canadian Centre for Policy Alternatives, Ottawa 2011.

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