False Hope | Falsche Hoffnung von Richard A. Rettig

(Zuletzt aktualisiert: 31. März 2019)
False Hope Titelblatt

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Kurzrezension: Falsche Hoffnung – Knochenmarktransplantation und Brustkrebs von Richard A. Rettig und Peter D. Jacobson

Rettig, Richard A. u.a.: False hope : Bone Marrow Transplantation for Breast Cancer Oxford ; New York : Oxford University Press, 2007.
ISBN 0195187768 = 9780195187762
http://www.worldcat.org/oclc/62787324

Allein schon das Fehlen der klaren Definitionen für „Zeit bis zum Fortschreiten“ / Time to Progression = TTP und „krankheitsfreies Überleben“ / Disease Free Survival = DSF macht deutlich, wie schwierig – wenn nicht sogar unmöglich – der Vergleich in Gruppen ist, in denen nicht einmal alle Teilnehmerinnen die Behandlung überhaupt erhalten haben müssen: In einigen klinischen Studien ist bereits die Absicht, jemanden zu behandeln, mit in die Analyse und Auswertung der Forschungen eingeschlossen worden. Studien sind weithin manipuliert Mängel und Variabilität der Aussagen von RCTs, den sogenannten randomisierten, kontrollierten Studien, sind in der Wissenschaft weithin bekannt. Das Buch „False Hope“ (Falsche Hoffnung) von Richard A. Rettig u.a. zum Versagen der randomisierten, kontrollierten Studien bei der Einführung der Hochdosis-Chemotherapie mit autologer Knochenmark-Transplantation in der Behandlung von Brustkrebs unterstreicht diese Tatsache für Laien und Experten gleichermaßen sehr deutlich.

Bereits in den späten 1980er Jahren leuchtete für Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs eine „vielversprechende neue Behandlungsform“ am Horizont auf: Die Hochdosis-Chemotherapie mit autologer Knochenmark-Transplantation, abgekürzt HDC/ABMT. Sie wurde dann sogar – obwohl bei der fortgeschrittenen Erkrankung noch nicht wirklich erforscht, teilweise bereits auch „adjuvant“ eingesetzt. In den 1990er Jahren wurde diese Therapieform insbesondere in den USA verbreitet und vorschnell eingesetzt, bevor die Forschungsergebnisse sorgfältig ausgewertet worden waren. Mehr als 30.000 Frauen erhielten die gefährliche Therapie, die u.a. die Verkürzung ihres Lebens und unsägliches Leid brachte. „False Hope“ dokumentiert Aufstieg und Einbruch der Hochdosis-Chemotherapie bei metastasiertem Brustkrebs gründlich und analysiert die Auswirkungen. Zur Sprache kommen auch die Faktoren, die beim frühzeitigen klinischen Einsatz von neuen Therapien, wie der Nachfrage von Seiten der Patientinnen, der Begeisterung von Ärzten für neuartige Therapieverfahren, der Berichterstattung in den Medien, wirtschaftliche Ausbeutung und juristische Hintergründe zusammenspielen. Beispielhaft werden die begrenzte Aussagefähigkeit von randomisierten klinischen Studien und entsprechende Auswirkungen dieser Mängel auf die Gesundheitsversorgung heute betrachtet. Abschließend wird die Bedeutung der Zusammenhänge, die heute bereits historisch und damit jüngere Medizingeschichte sind, für unser heutiges Gesundheitssystem hervorgehoben. Wie alle anderen kritischen Bücher zum Thema Brustkrebs liegt auch dieses in deutscher Sprache wie üblich leider nicht vor.

Die amerikanischen Brustkrebsorganisationen haben aus den damaligen Entwicklungen sehr wohl Schlüsse gezogen und sind dementsprechend in der Regel sehr vorsichtig, wenn die Werbetrommel für neue Therapien gerührt wird. Dies zeichnet sich bei uns bisher eher weniger ab, wie beispielsweise Veranstaltungen von Patientinnenorganisationen oder die Beteiligung an Werbekampagnen der Pharmakonzerne bei uns deutlich zeigen. Schließlich aber haben sich auch andere, lange propagierte und durchgeführte Maßnahmen als unwirksam erwiesen. Dementsprechend sieht z.B. die Lage bei der langjährig eingesetzten adjuvanten Therapie mit Anthrazyklinen zurzeit aus. Auf dem San Antonio Breast Cance Symposium (SABCS) 2007 berichteten Onkologen, dass in den meisten Gesprächen auf dem SABCS die Onkologen ihr gesagt hätten, dass sie die Therapie mit Anthrazyklinen am liebsten sogleich einstellen würden, denn auf dem Kongress wurde gezeigt, dass die meisten Frauen von dieser aggressiven Therapie nicht profitieren, also keinen Vorteil und nur Schaden haben. Wieder ein Fall, bei dem man heute bezüglich des Einsatzes der aggressiveren Chemotherapien bei Frauen mit Brustkrebs Jahrzehnte später zu der bitteren Erkenntnis gelangt, dass sie häufig nichts nutzen.

Mehr zum Thema

Diese Rezension erschien zuerst als Teil des Artikels
Keine Hoffnung, nirgends? Sarah Lochlann Jain beim SABCS 2007

Kurzbericht: Der Fall Bezwoda. Deutsches Ärzteblatt 97, Heft 12, 24. März 2000, S. 752

Nachtrag 2015

Der Gesundheitspolitiker Prof. Dr. med. Karl Lauterbach beschreibt in seinem Buch „Die Krebsindustrie“ die 1980er Jahre als besonders düstere Zeit der Krebsmedizin und kommt darin auch auf die autologe Knochenmarktransplantation, die vor allem bei Brustkrebs propagiert worden sei, zu sprechen. Er verweist darauf, dass die Knochenmarktransplantation in Deutschland in vielen Kliniken durchgeführt wurde, eine aufwändige Prozedur, für die viele Einrichtungen kaum qualifiziert gewesen seien. Doch sie wurde sehr gut honoriert mit bis zu 150.000 Mark, so dass auch schlechter ausgerüstete Kliniken mit der Behandlung begonnen hätten.

„Für die Brustkrebspatientinnen war es eine besonders schlimme Zeit, da mehrere Probleme zusammentrafen. Die Therapie basierte zunächst auf einem völlig unzureichenden Verständnis davon, wie Krebs funktioniert. Zudem waren die Studien, mit denen man die Wirksamkeit eines neuen Verfahrens untersuchte, eher minderwertig. Die evidenzbasierte Medizin mit ihren hohen Standards für die Durchführung von klinischen Studien und deren Auswertung war gerade erst im Entstehen begriffen, und der Betrug in der Forschung war noch nicht als großes Problem erkannt worden. So war etwa die international einflussreichste Studie zur Durchführung der autologen Knochenmarktransplantation bei Brustkrebs nur durch den spektakulären Betrug eines bekannten südafrikanischen Chirurgen zustande gekommen. Diese Studie wurde später zurückgezogen, und der entehrte Forscher verschwand in der Versenkung.“

Lauterbach beschreibt die Knochenmarktransplantation weiter als Vorboten der späteren Kostenexplosion in der Krebsindustrie.1

 

References

  1. Lauterbach, K.: Die Krebsindustrie. Berlin, Rowohlt 2015. ISBN 978-87134-798-6, S. 48-50
4 Kommentare
  1. […] Brustkrebs ein dramatisches Beispiel für Wissenschaftsbetrug gewesen, s. dazu zum Beispiel auch False Hope / Falsche Hoffnung (Berichterstattung im Dt. Ärzteblatt s. Der Fall […]

  2. […] Strategie – “mehr ist besser” – umgesetzt, dosisinteniviert bis hin zur  “Falschen Hoffnung”  Hochdosistherapie (auch heute noch). Neue teure Medikamente ersetzten die alten “billigeren”. Auf […]

  3. […] die eskalierende Strategie “mehr ist besser” umgesetzt, dosisinteniviert bis hin zur  “Falschen Hoffnung”  Hochdosistherapie, und das bis heute. Neue teure Medikamente ersetzten die alten “billigeren”. Auf CMF […]

  4. […] Kampf um neue Therapien beschrieb auch Belle Shayer in False Hope im Zusammenhang mit Hochdosistchemotherapie und Stammzelltransplantationen. Es ging insbesondere […]

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