Fehldiagnosen und Übertherapie: Anfrage an die Europäische Kommission

(Zuletzt aktualisiert: 27. März 2017)

European Parliament - Europäisches Parlament19. August 2010

Text der Anfrage

Originaltext Schreibung entsprechend Europäisches Parlament

E-6678/2010
an die Kommission
Artikel 117 der Geschäftsordnung
Rodi Kratsa-Tsagaropoulou (PPE)

Betrifft: Brustkrebs: Fehldiagnosen und übertriebene Therapien in Europa

Jüngste Studien greifen immer wieder das Thema von Brustkrebs-Fehldiagnosen auf. Das Problem besteht in der Tatsache, dass Untersuchungen zufolge 17 % der in situ Karzinome (also jene, die noch nicht außerhalb des Milchdrüsenkanals gelegen sind) Fehldiagnosen darstellen, woraus folgt, dass die Frauen ohne echte medizinische Indikation therapiert werden, bis hin zur Amputation beider Brüste. In anderen Fällen, bei denen die Krebsform sogar zu 90% heilbar ist, entscheiden sich jedoch Frauen und ihre Ärzte für eine Therapie, die „aggressiver“ ist als eigentlich notwendig wäre.

Die Kommission hat im September 2009 einen europäischen Plan zur Bekämpfung von Krebs für den Zeitraum 2009 ‑ 2013 ins Leben gerufen, in dem ebenfalls konkrete Maßnahmen gegen Brustkrebs vorgesehen sind. Die ersten in diesem Plan ins Auge gefassten Maßnahmen wurden bereits durchgeführt und die ersten Resultate, darunter die Einrichtung einer Internetseite zum Zwecke der gegenseitigen Information und einer besseren Koordination, dürften ab Mitte 2010 spürbar sein.

Die Kommission wird aufgrund der oben genannten Tatsache um Beantwortung folgender Fragen ersucht:

1. Ist die Kommission auf dem Laufenden, was die Studien zum Thema Fehldiagnosen und Fehlbehandlung bei Brustkrebs in Europa anbetrifft?
2. Finanziert sie auf europäischer Ebene einschlägige Studien?
3. Was hält sie von den bereits erzielten Fortschritten im Rahmen der Durchführung zum oben genannten europäischen Plan, insbesondere im Hinblick auf die Verhütung und Bekämpfung von Brustkrebs?
4. Wie denkt sie über die neuen Daten und Studienergebnisse betreffend Brustkrebs und wie gedenkt sie darauf zu reagieren?

Übersetzung der Antwort der Europäischen Kommission

Antwort der Europäischen Kommission (Mr. Dalli) v. 10.09.2010 (Übersetzung der Kommission in die deutsche Sprache liegt nicht vor, Übersetzung BCAG)

Die Kommission hat eine Europäische Partnerschaft für Maßnahmen zur Krebsbekämpfung in Gang gesetzt mit dem Ziel der Unterstützung der Mitgliedstaaten bei ihren Bemühungen, Krebs effektiv zu bekämpfen, indem sie Rahmenbedingungen zum Austausch von Best Practices sowie Erkenntnissen zur Vermeidung und Behandlung von Krebs zur Verfügung stellt.

Eine Säule dieser Partnerschaft, „Screening und Früherkennung“, hat das Ziel, flächendeckend Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen für Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebs bis zum Jahr 2013 zu erreichen, wie 2003 in der Empfehlung des Rates zur Krebsvorsorge dargelegt. Der Schwerpunkt wird auf die Überwindung von Barrieren bei der Umsetzung der Empfehlungen gelegt. Solche Aktivitäten richten sich auf die Brustkrebsprävention sowie Gebärmutterhals- und Darmkrebs. Synergien zwischen Krebsvorsorge und anderen Wegen der Früherkennung, die zur Lösung des Problems der Fehldiagnosen beitragen könnten, werden gefördert.

Die Säule der „Gesundheitsversorgung“ dieser Partnerschaft wird darüber hinaus darauf abzielen, die Lücke zwischen der Erbringung der Dienstleistungen und den Ergebnissen in der Versorgung zu überbrücken. Brustkrebs wird dabei berücksichtigt.

Es wird erwartet, dass partnerschaftliche Aktivitäten Anfang 2011 beginnen. Fortschritte bei der Implementierung können daher zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Es wird jedoch gehofft, dass diese Maßnahmen zur Bereitstellung der bestmöglichen Standards bei der Vermeidung und Behandlung aller Krebsarten, einschließlich Brustkrebs, in der gesamten EU beitragen.

Darüber hinaus ist die Krebsforschung einer der Schwerpunkte der Maßnahmen der Gesundheitspolitik des 6. und 7. Rahmenprogramms (RP) für Forschung und Technologische Entwicklung. Die Bemühungen richten sich auf die Verbesserung der Krebsbehandlung durch die Förderung der besseren Übersetzung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung.

Im RP 7 unterstützt die Europäische Union 14 Projekte im Bereich der Brustkrebsforschung mit einem EU-Beitrag von über 88 Millionen Euro. Die angegangenen Problemkreise beinhalten Forschung zu Biomarkern und fortschrittlichen Bildgebungstechniken, die zu einer besseren Diagnose führen werden(1) (z.B. Metacancer, O-PTM-Biomarker).

Die Bemühungen im gesamten RP6 beinhalten die Unterstützung von 16 Projekten in diesem Bereich (finanziert über EU-Mittel im Umfang von nahezu 68 Millionen EUR). Das Exzellenznetzwerk TRANSBIG (2), das sieben Millionen EUR erhält, führt derzeit eine große klinische Studie durch, um die Wirksamkeit eines Werkzeugs zu testen, das durch die bessere Vorhersage des Rückfallrisikos von Krebs ermöglichen soll, festzustellen, welche Patientinnen eine Chemotherapie nach der Operation benötigen und welche nicht. Dies könnte zu einer besseren massgefertigten Anpassung von Brustkrebstherapiestrategien und zu einer Reduzierung unnötiger Interventionen beitragen.

(1) METACANCER, http://www.metacancer-fp7.eu/OPT-MBIOMARKERS, http://www.clrc.rhul.ac.uk/o-ptm/
(2) TRANSBIG http://www.breastinternationalgroup.org/Research/TRANSBIG.aspx

Originaltext des Europäischen Parlaments – Englischsprachige Version

The Commission has launched the European Partnership for Action Against Cancer with the aim of supporting Member States in their efforts to tackle cancer effectively by providing a framework to exchange best practices, and knowledge in cancer prevention and control.

Under the ‘screening and early diagnosis’ pillar of the Partnership, the objective is to achieve 100 % coverage of screening for breast, cervical and colorectal cancer by 2013, as set out in the 2003 Council Recommendation on cancer screening. The focus will be on overcoming barriers to implement the recommendation. Such activities will target breast cancer prevention, as well as cervical and colorectal cancer. Synergies will be promoted between cancer screening and other means of early diagnosis, which could contribute to addressing the issue of misdiagnoses.

The ‘healthcare’ pillar of this Partnership will further aim to bridge the gap on delivery of services and outcomes of care. Breast cancer will be addressed.

Partnership activities are expected to begin early 2011 and therefore progress in implementation cannot be evaluated at this stage. However, it is hoped that these measures will contribute towards providing the best possible standard of prevention and treatment of all cancers, including breast cancer, throughout the EU.

In addition, cancer research is one of the priority areas of action under the Health theme of the 6th and 7th Framework Programmes (FP) for Research and Technological Development Efforts are focused on the improvement of cancer care by fostering the translation of basic discoveries into clinical applications.

The European Union is supporting 14 projects, on breast cancer research with an EU contribution of over EUR 88 million under FP7 calls. Issues tackled include research on biomarkers and advanced imaging techniques that will lead to better diagnosis(1) (e.g. Metacancer, O-PTM-Biomarkers).

Efforts undertaken throughout FP6 led to the support of 16 projects devoted to this area (EU contribution close to EUR 68 million). The Network of Excellence Transbig(2) (EUR 7 million), is currently performing a major clinical trial to test the effectiveness of a tool that, by better predicting the risk of cancer recurrence, would allow to identify which patients could need chemotherapy after surgery, and which do not. This could contribute to a better tailoring of breast cancer therapeutic strategies and to a reduction of unnecessary interventions.
(1) METACANCER, http://www.metacancer-fp7.eu/OPT-MBIOMARKERS, http://www.clrc.rhul.ac.uk/o-ptm/
(2) TRANSBIG http://www.breastinternationalgroup.org/Research/TRANSBIG.aspx

© Europäische Union, [2010] – Quelle: Europäisches Parlament

Kommentar BCAG

Leider geht das Europäische Parlament in seiner Antwort gar nicht auf die gestellte Frage (Problematik der Diagnose von sog. Vorstufen wie DCIS und Übertherapie) ein, die u.a. ein Ergebnis der Etablierung von Mammographie-Screening-Programmen ist. Wie mit den aktuellen Forschungsprojekten die Vermeidung von Brustkrebs möglich sein soll, erschließt sich hier nicht. Auch entsprechende Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit der Vermeidung von Brustkrebs werden nicht genannt und sind nicht zu erwarten. Die an dieser Stelle genannten Forschungsprojekte werden kaum Aufschluss zu den in der Anfrage gestellten Fragen geben. Es sind sehr hohe Summen in Forschung investiert worden, von der zu hoffen bleibt, dass zumindest die Forschungsprojekte und ihre Ergebnisse langfristig transparent werden. Die Nachverfolgung über die Webseiten der Projekte zeigen immer wieder, dass diese einfach verschwinden bzw. dass sie nicht gepflegt werden und nicht aktuell sind. Von EU-Projekten, die mit EU-Mitteln gefördert werden, sollte hier Nachhaltigkeit zur Fördervoraussetzung gemacht werden. Die Forschung erfolgt Markt basiert, d.h. private Firmen werden aus den mit EU-Geldern erforschten Forschungsergebnissen Gewinn schlagen. Der Umgang mit neuen Ergebnissen aus Studien bräuchte ein zentrales Monitoring durch ein unabhängiges Gremium, das auch die entsprechenden Empfehlungen daraus ableitet. Ein entsprechendes Gremium fehlt bzw. die Behördenstruktur und Strukturen von Fachgesellschaften sind dezentral und relativ zersplittert.  

 Bildnachweis: Christopher Cotrell, CC 2.0 CC BY-NC-SA 2.0

 

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