Erfahrungen aus einer anderen Zeit: Brustkrebs im 18. Jahrhundert

(Zuletzt aktualisiert: 28. März 2017)

kaartinenAuch Ärzte in früheren Jahrhunderten versuchten bereits mit Hochdruck, die Krankheit Brustkrebs zu verstehen. Sie testeten dabei neue Behandlungs- und zunehmend radikalere Operationsmethoden am Körper ihrer Patientinnen, um sie von der Krankheit zu heilen.  Marjo Kaartinen, Dozentin für Kulturgeschichte an der Universität Turku in Finnland, hat 2013 ein Buch zu Brustkrebs in England im 18. Jahrhundert veröffentlicht, mit dem sie einfühlsam dem Schicksal von Frauen in dieser Zeit nachgeht. Kaartinen, die die Geschichte von Frauen in Großbritannien und speziell Körpergeschichte erforscht, leitet auch das Zentrum für Mittelalter und Frühgeschichte der Universität Turku. In ihrem Buch „Breast Cancer in the Eighteenth Century“ ist die emotionale Lage von Patientinnen mit Brustkrebs sowie das soziale und familiäre Umfeld ihr Forschungsgebiet. Kaartinens ermöglicht eine  historische Sicht auf Krankheit  und Gender im Spiegel der Zeit.

Wie Informationen weitergegeben wurden

Für ihr Buch hat Kaartinen das verfügbare Spektrum von Quellen – überwiegend Briefe und Tagebücher von Frauen sowie Aufzeichnungen und Veröffentlichungen der behandelnden Ärzte – ausgewertet. Sie untersucht, wie Informationen zu Brustkrebs weitergegeben wurden, so auch von Frauen und Patientinnen untereinander. Der medizinhistorische Blick auf die Erfahrungen erkrankter Frauen und ihre behandelnden Ärzte im 18. Jahrhundert dokumentiert Einstellungen im Zusammenhang mit Krebs, zur Arzt-Patientinnen-Beziehung und wie Patientinnen die Krankheit und ihre Körperlichkeit in dieser Zeit, die teilweise für Medizin bis heute prägend ist, erfuhren.

Frauen als Brustkrebspatientinnen – Interessenvertreterinnen in eigener Sache

Marjo Kaartinen knüpft mit ihrem Buch an bedeutende Medizin- und KulturhistorikerInnen an, von denen im deutschsprachigen Raum vor allem Barbara Duden bekannt ist (Geschichte unter der Haut: Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730, erstmalig erschienen 1987). Trotz der heute unvorstellbaren Grausamkeit medizinischer Behandlungen bei Brustkrebs, so die These von Maarjo Kaartinen, kämpften betroffene Frauen auch in jener Zeit bereits bis zum Ende für ihr Weiterleben. Sie gaben nicht auf, waren nicht schicksalsergeben und ließen sich in Entscheidungen über ihren Körper nicht hineinreden.

Literatur und rare Patientinnenberichte im 18. Jahrhundert

Für ihre Arbeit zog Kaartinen überwiegend medizinische Fachliteratur zu Rate. Es gibt für die Zeit, um die es ihr in ihrem Buch geht, nur wenige Patientinnen wie beispielsweise Fanny Burney (Jg. 1752), die bereits im frühen 19. Jahrhundert ihre Erfahrungen schriftlich festhielten. Burney war Schriftstellerin, die sich für Frauen- und Menschrechte gleichermaßen einsetzte. Ihre Bücher sind bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden, obwohl sie mit ihren Werken maßgeblich Jane Austen beeinflusste. In einem Brief an ihre Schwester schilderte Fanny Burney realistisch und detailliert die neun Monate nach der OP und ihre Erfahrungen bei der Durchführung ihrer Mastektomie aus dem Jahr 1811. Fanny Burney überlebte die Tortur um fast drei Jahrzehnte. Sie starb 1840.

Überwiegend arbeitet Kaartinen jedoch mit den Beschreibungen von Ärzten in handschriftlich geführten Krankenakten und ihren Veröffentlichungen aus dieser Zeit, soweit sie erhalten geblieben sind. Auch auf die Erfahrung der Patientinnen darin richtet sich das Forschungsinteresse von Kaartinen, die darauf verweist, dass sie alle authentischen Quellen nutzte, die sie finden konnte.

Für die Zukunft erhofft sie sich, dass mehr authentische Quellen von Patientinnen verfügbar sein werden. Die medizinischen Veröffentlichungen und Diskussionen zu Brustkrebs richteten sich im 18. Jahrhundert  nicht allein an die Ärzteschaft, sondern ebenso an medizinische Laien. So seien Fachliteratur und Literatur zu Medizin für andere LeserInnen noch recht nahe beieinander gewesen.

Anfänge einer globalen Medizin

Auch wenn Kaartinens Buch sich auf Großbritannien konzentriert, hält sie doch fest, dass Medizin bereits damals sehr international gewesen sei. Britische Ärzte studierten schon damals im Ausland, z.B. in Leiden (Holland). Medizinische Fachbücher dieser Zeit wurden aus dem Französischen oder aus dem Deutschen übersetzt, andere wiederum aus dem Lateinischen oder Schwedischen. Aus allem gemeinsam bildete sich ein historisch gewachsenes Wissen. Es ist bis heute relevant. Autoren und Ärzteschaft zitierten und kopierten sich gegenseitig.

Die Krankheit: Ursachen und Krankheitsverlauf

Die Angst, die den Umgang mit der Krankheit Brustkrebs bis heute prägt, hat ihre Wurzeln auch in warnenden Hinweisen, wie sie im 18. Jahrhundert weitergegeben wurden. Bereits das leiseste Anzeichen sei als Anlass zu ernster Sorge betrachtet worden, war hochgradig alarmierend und Anlass für Beratungen, da die Krankheit voller Gefahren, ja die gefährlichste Krankheit für menschliche Wesen überhaupt sei, und dies ganz besonders, wenn die Brust betroffen ist. Ein Knoten in der Brust war damals noch mehr oder weniger gleichbedeutend mit einer Todesbotschaft. Alle Knoten, auch gutartige, müssten entfernt werden, da nach den Vorstellungen der Zeit immer die Möglichkeit bestand, dass sie in Krebs „umschlagen“ könnten. In dieser Hinsicht ist der medizinische Stand heute ein anderer.

Brustkrebs im 18. Jahrhundert war eine sehr gefürchtete, alptraumhafte Krankheit. Die Krankheit war gefürchtet wegen ihres langsamen, üblicherweise schmerzvollen Fortschreitens, gefolgt von einem qualvollen Tod. Sie wurde als die häufigste und gefährlichste Krebserkrankung bei Frauen betrachtet, und der tödliche Verlauf galt damals als sicher. Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Großstadt mit einer Vielzahl von Krankheitsfällen für die Entstehung von Brustkrebs verantwortlich gemacht. Die Suche nach Ursachen wurde demnach bereits zu dieser Zeit diskutiert, vor rd. 200 Jahren. Blockierungen („Stockungen“) wurden ebenfalls für die Krankheitsentstehung verantwortlich gemacht, verschiedene Temperamente und Körpersäfte, manchmal sogar Viren (S. 7). Ein Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhoe) wurde als problematisch eingeschätzt.

Diagnosemethoden

Kaartinen beschreibt Krankheitszeichen und Diagnosemethoden, wie wir sie heute noch kennen. Britische Ärzte gingen anders mit ihren Patientinnen um. Sie wurden abgetastet, Abgrenzung, Beweglichkeit von tastbaren Veränderungen wurden physisch untersucht, was auf der Britischen Insel kein Tabu dargestellt habe (S. 6). Doch es gab Unsicherheitsfaktoren. Der geduldige Umgang (modern „wait and see“, also Abwarten und Beobachten) kam zusätzlich zu leichten Therapien wie z.B. Diät oder Bäder ebenfalls zum Einsatz. Schmerz wurde als Zeichen von Krebs verstanden.

Behandlungsmöglichkeiten damals – Ein trauriges Kapitel

Die Rolle von Frauen bei der Durchführung der Therapien war nicht zu unterschätzen. Auch damals hätten Patientinnen bis in die letzten Lebenswochen gekämpft, wollten sich Operationen unterziehen, auch wenn die Krankheit weit fortgeschritten war. Dies, so Kaartinen, zeige, dass die Patientin als Handelnde, die die bestmögliche Therapie für sich sucht, bereits maßgeblich mitbestimmt habe. Die schrecklichen Details einer Brustkrebstherapie der in der Regel fortgeschrittenen Tumorerkrankung sparen wir hier aus.

Epilog

Kaartinen beschreibt abschließend, dass die Krankheit Frauen schwerstes Leid und Schmerz zufügte. Sie könne den LeserInnen ihres Buches nicht das Bild eines friedlichen Todes vermitteln. Die Krankheit sei gefürchtet gewesen, aus gutem Grund. Auch Patientinnen der Gegenwart hätten ihr dies bis in die jüngste Zeit hinein mit quälenden Therapien und entsprechendem Verlauf gezeigt.

Mit dieser sehr bitteren Erkenntnis tut sich Medizin und Gesellschaft bis heute ausgesprochen schwer. Das Verständnis für vergangene Realitäten nach Kaartinen zeigt demnach deutlich und gültig bis heute, dass Krankheiten wie Krebs nichts anderes als schrecklich seien. Doch mache es keinen Sinn, Krankheitserfahrungen verschiedener Jahrhunderte miteinander zu vergleichen. Kaartinens Beschreibungen von lokal fortgeschrittenen Krankheitsstadien sind heute fast vergessen und in der Medizin tatsächlich selten geworden. Sie stehen im Vergleich zur Situation von Frauen, die gegenwärtige Screeningtechniken nutzen, in krassem Gegensatz.

Auch wenn keine Zahlen zur Häufigkeit der Krankheit im 18. Jahrhundert verfügbar gewesen seien, so sei sie doch verbreitet gewesen. Wie heute habe bereits damals jede/r Frauen gekannt, die daran litten. Patientinnen hätten Rezepte und Information über die besten Behandler miteinander ausgetauscht.

Die schreckliche Krankheit habe jedoch auch Gutes hervorgebracht, etwa den Einblick in dunkle Seiten der menschlichen Existenz, Empathie und die Tatsache, dass diejenigen, die die Torturen der Krankheit durchlitten hätten, zu Heldinnen der Hinterbliebenen geworden wären. Das ist ein sehr schwacher Trost aus der Perspektive der Betroffenen …

Bibliographische Angaben:
Kaartinen, Marjo: Breast Cancer in the Eighteenth Century. London : Pickering & Chatto 2013. ISBN 978-1-84893-364-4. Erschienen als Bd. 4 der Reihe Studies for the International Society for Cultural History

Gelesen von: G. Kemper

 

Weiterlesen

Frauen bewältigen Brustkrebs – Über die Jahrhunderte hinweg von Anna Rachnel (Rachel Cheetham Moro, 1970 – 2012)

Benutzungshinweis

Die dieser Webseite zugrunde liegenden Inhalte beleuchten Einzelaspekte aus der Perspektive von betroffenen Frauen und Frauengesundheitsbewegung. Die hier bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für ärztliche Beratung und Behandlung. Im Einzelfall sind Diagnose und Therapieempfehlungen immer Sache der behandelnden ÄrztInnen. Weiterlesen: Haftungsausschluss / Disclaimer

Werbung?

Diese Webseite ist werbefrei.

Akkreditierung

Diese Website ist bei der Health On the Net Foundation akkreditiert.
Wir berücksichtigen HONcode Standards. Zur Überprüfung klicken Sie bitte auf das HON-Logo. Diese Website ist seit 2007 bei der Health On the Net Foundation akkreditiert. Wir berücksichtigen HONcode-Standards. Zur Überprüfung klicken Sie bitte auf das HON-Logo.

LibraryThing

Wir …

... sind eine kleine unabhängige Gemeinschaft von Frauen, die sich im Kontext Brustkrebs engagieren. Wir wollen die bestmögliche Behandlung für alle, die von dieser schweren Erkrankung betroffen sind. Wir wollen aber auch, dass die Forschung über die Ursachen von Brustkrebs und über die Möglichkeiten der Primärprävention endlich grundlegend verbessert werden.

Wir sind ein kreatives, privat finanziertes Low-Budget-Projekt, das grundsätzlich jegliche Finanzierung im Interessenkonflikt ablehnt und insbesondere keine Pharmagelder annimmt. Lesen Sie dazu unsere Leitlinie, entsprechend der Richtlinie zur Einwerbung von Drittmitteln von Breast Cancer Action.

Spenden …

Breast Cancer Action Germany - die kritische Annäherung rund um das Thema Brustgesundheit und Brustkrebs im Kontext von Medizin, Krankheitsvermeidung, Umwelt, Gesellschaft und Politik mit dem Schwerpunkt Selbstschutz / Verbraucherinnenschutz.

Wir lehnen uns u.a. an die Arbeit von Breast Cancer Action mit Sitz in San Francisco an. Diese Arbeit hilft uns sehr. Ohne die wichtige Arbeit der engagierten Frauen von Breast Cancer Action (www.bcaction.org) nachzunutzen, hätten wir von Frauenseite in Deutschland keine wirklich neutralen Berichte zu vielen wichtigen und komplizierten Themenbereichen bei Brustkrebs. Die Arbeit von Breast Cancer Action ist wertvoll und nicht kostenlos zu leisten.
Es ist möglich, direkt an Breast Cancer Action in den USA zu spenden. Die Spenden werden in der Breast Cancer Action-Zeitschrift „Source“ veröffentlicht, wenn nichts anderes angekreuzt wird. Es ist auch möglich, für namentlich genannte Patientinnen oder zum Gedächtnis von Frauen mit Brustkrebs, die nicht mehr leben, zu spenden. Eine Spende ist einfach z.B. über Kreditkarte möglich: Breast Cancer Action unterstützen.