Edith Schuligoi: Frauenkastration – Leben nach dem Verlust von Gebärmutter und Eierstöcken

(Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2017)

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Edith Schuligoi: Frauenkastration – Leben nach dem Verlust von Gebärmutter und Eierstöcken
Salzburg: Edition Riedenburg 2013.
188 S., Paperback
ISBN 978-3-902647-31-3

Weil der Begriff fehlt, fehlt auch das Verständnis für die Zusammenhänge und die Folgen: Kastration – was bedeutet das? Welche Folgen hat es für Betroffene? Edith Schuligois Buch „Frauenkastration“ richtet sich an Frauen, ihre Partner und begleitende Fachpersonen und bietet Berichte von betroffenen Frauen und ihren Erfahrungen, Aufklärung und fundierte Information – auch (und besonders!) im Hinblick auf einen geplanten gynäkologischen chirurgischen Eingriff. Ferner werden mögliche Hilfen bei der Bewältigung angeschnitten.

Diese Rezension hat sich nicht etwa versehentlich auf unsere Webseite verirrt. Auch Frauen mit Brustkrebs und Brustkrebsrisiken (Stichwort BRCA-Gene) sind von unterschiedlichen Formen der Kastration tangiert. Bei von BRCA betroffenen Frauen soll die beidseitige Entfernung der Eierstöcke das Brustkrebsrisiko senken. 1 Bei Frauen mit Brustkrebs wird die OP ebenfalls durchgeführt, doch hier ist sie nicht evidenzbasiert. 2

Schuligoi berichtet in ihrem Buch nicht speziell im Kontext Brustkrebs. Ungefiltert, mitunter wütend bis verzweifelt kommen die massiven Verletzungen ans Licht, die Frauen durch gynäkologische Operationen davontragen. Frauen lassen sich „in gutem Glauben“ auf Operationen ein, die keinesfalls immer unumgänglich sind bzw. die sich in der vorgenommenen Radikalität als falsch oder untragbar für die Patientin erweisen. Edith Schuligois Buch ist das erste Buch in deutscher Sprache zu diesem speziellen Thema, das sich direkt an Frauen wendet und die dramatischen Folgeerscheinungen aufarbeitet, die Frauen nach Entfernung der Eierstöcke tragen müssen. Und diese Folgen, sie treffen auch uns. Hormontherapien sind im Höchstfall begrenzt in der Lage, die eintretenden „Ausfallerscheinungen“, die seit über 100 Jahren medizinisch bestens dokumentiert sind, zu lindern, doch ebenfalls nicht ohne Risiken, einmal mehr im Kontext Brustkrebs.

Geleitworte bekannter Gynäkologinnen

Barbara Ehret, bekannte Kritikerin sinnloser Gebärmutter-OPs in Deutschland, verweist darauf, dass die Folgen der Kastration von Frauen in der Medizin ein gut gehütetes Geheimnis seien, während sich

„… die behandelnden Frauenärzte weder darauf einlassen können, noch wollen, was sie mit der Entfernung der Eierstöcke bei einer Frau tatsächlich angerichtet haben – und dass später, wenn der Schaden zu Tage tritt, das große Leugnen an der Tagesordnung ist, bis hin zu Schuldzuweisungen an die Patientinnen“.

Ehret kritisiert die GynäkologInnen-Ausbildung, bei der die Ausbildung am OP-Tisch erfolge, ohne dass diese dazu angehalten würden, sich die Folgen ihres Tuns vor Augen zu halten, ebenso wie das Fehlen jeglicher Hilfen für Frauen nach den OPs: „Und schließlich bleibt die Frage offen, wohin sich Frauen wenden können, um Hilfe zu finden, ohne sich auf den schwierigen und oft weiterhin zerstörenden Weg von Versuch und Irrtum begeben zu müssen.“ Edith Schuligoi lässt weitere Ärztinnen (Sylvain Mimoun, Michèle Lachowsky und Elia Bragagna) zu Wort kommen, die Partei für betroffene Frauen und Frauengesundheit ergreifen.

Neben einer Einleitung zu den physiologischen  Funktionen, die unsere inneren Organe im Unterleib für uns leisten, stellt Schuligoi ihrem Buch ihre eigene Geschichte voran. Sie selbst fand Information und Unterstützung erst im englisch- und französischsprachigen Internet (USA).

Entfernung von Eierstöcken und Gebärmutter: Betroffene Frauen berichten

Ins Zentrum ihres Buches stellt Schuligoi Frauen, die ihre Erfahrungen nach unterschiedlichen Operationen für uns verfügbar machen. Ein gemeinsamer roter Faden ist dabei unübersehbar. Operationsrisiken und Operationsfolgen werden Frauen im Vorfeld in ihrer Tragweite vollständig verschwiegen. Fragliche Vorteile werden überbetont, informierte Entscheidung ist vor dem Hintergrund fehlender Information Fehlanzeige. Selbst wenn es sich um Notoperationen handelt: Das Bemühen um Erhalt der inneren Organe von Frauen hat in der gegenwärtigen Medizin keine Priorität. In kaum nachvollziehbarem Sicherheitsdenken wird großzügig „ausgeräumt“. Die betroffenen Frauen richten sich in Briefen an ihre ÄrztInnen, um aufzurütteln.

Selbstvorwürfe der betroffenen Frauen an sich selbst sind nicht selten. Aber auch sie können hilfreich sein, um daraus zu lernen. Eine Betroffene schreibt (S. 56):

„Ich entschuldige mich bei meinem Schöpfer für die Überheblichkeit der Menschen, der Ärzte, wie sie mit dem großen Geschenk unseres Körpers umgehen. Wie sie sich anmaßen zu behaupten, Organe in unserem Körper wären entbehrlich, ja überflüssig, und dass man sie beliebig wegschneiden könne. Und ich entschuldige mich bei meiner Gebärmutter! Ich habe sie schwer unterschätzt, dieses perfekte Gefüge mit Verbindungen in alle Ecken und Enden meines Körpers und meiner Seele. Unterschätzt, darin steckt das Wort „Schatz“, und das war sie. Heute bin ich mir dessen bewusst. … Sie haben mich erwischt bei meiner Krebsangst und der erhöhten Krebssterblichkeit in meiner Familie.“

Es sind betroffene Frauen, die uns im Zusammenhang der Entfernung der Eierstöcke darauf hinweisen, dass eine Kastration irreversibel ist und bleibende Schäden hinterlässt. Die Klage betroffener Frauen ist unüberhörbar:

„Ihr habt mich einfach entlassen – ohne Organe, ohne Mitgefühl und ohne Betreuung!“ (S. 62)

Wichtig sind auch die Hinweise auf die Unmöglichkeit von Hormontherapien, die im Zusammenhang mit Brustkrebs ebenfalls eine große Rolle spielt. Und die Patientin muss es selbst lernen, selbst erschließen, selbst nachlesen: „Bei einem Karzinom, wie ich es hatte, soll nicht mit Hormonen substituiert werden!“ (S. 66). Eine Betroffene fordert:

„Traut euch, den Frauen zu sagen, wenn ihr nicht weiterwisst“ (S. 85)

Und selbst aufgeschlossene feministische Gynäkologinnen haben Schwierigkeiten im Umgang mit Frauen, denen Organe und Hormone fehlen, krasse medizinische Probleme werden als „psychologische Abhängigkeit“ umgedeutet (S. 88).

Vielen Betroffenen gemeinsam: Sie fühlen sich „im Regen stehen gelassen“ und ihre Sichtweise ist nicht versöhnlich, doch ihre offene Aussprache der Dinge ist notwendig, wenn sich etwas ändern soll. Unsere Medizin besticht nach wie vor durch Machbarkeitswahn. Gynäkologinnen, die sich offensiv, wie einst Barbara Ehret, aus dem Fenster lehnen, um für mehr Organenthalt zu kämpfen, sind derzeit weniger in Sicht.

Schluss mit der Bagatellisierung von Eingriffen: Kastration, Gebärmutterentfernung – und dann?

Im zweiten Teil des Buches befasst Schuligoi sich sachlich mit den Folgen der Operationen. Sie stellt dabei Informationen aus umfangreichen Quellen zusammen und durchbricht eine scheinbar undurchdringliche Mauer des Schweigens, der Unwissenheit und der Ignoranz, die speziell die Kastration von Frauen umgibt. Und wieder wird Krebs benutzt, das bekannte „Spiel mit der Angst um Krebs“, das uns Frauen zum Mitmachen bewegt bei drakonischen Operationen, die unser Leben für immer aus den Fugen heben. Nebenwirkungen und Folgen der Operationen werden detailliert gelistet, oftmals mit Quellen versehen. Viele von uns – Frauen mit Brustkrebs –, die die gleichen Operationen zusätzlich erlitten haben, um die eigenen Hormone auszuschalten, haben die Folgen am eigenen Körper erfahren. Doch wir können sie nicht wirklich zuordnen. Das Beschwerdebild reicht von definitiver Sterilität über Hitzewallungen, Haarausfall, massive Gewichtszunahme, beschleunigten geistigen Abbau, von Schüttelfrost bis Herzrasen oder bis hin zum Totalverlust der Libido und Inkontinenz (Auswahl).

Schuligois detaillierte Auseinandersetzung mit den schwerwiegenden Operationsfolgen ist überfällig.  Sensibel und hilfreich gelingt ihr auch die Thematisierung der Lebenssituationen von Partnern (Das stille Leid der Partner) an der Seite operierter Frauen und Auswirkungen der Operation auf Sexualität und Liebesleben. Von großem Wert sind auch die Hinweise zur Nachbehandlung oder unser Unwissen über den eigenen Körper. Erkenntnisse aus Europa und den USA werden zu unterschiedlichen OPs zusammengestellt. Eine Checkliste vor geplanten Operationen ist ebenfalls hilfreich. Das Buch wird ferner ergänzt durch ein Glossar und Literatur zum Weiterlesen. Selbst wenn man zugrunde legt, das hilfreiche Wege bisher kaum gefunden sind, ist es von erheblichem Wert, mit diesem Buch Ansätze zu finden, an deren Weiterentwicklung unbedingt angeknüpft werden muss. Auch Entscheidungen von Frauen mit Brustkrebs müssen in vollständiger Kenntnis der zu erwartenden Nachteile durch Operationen wie die Entfernung der Eierstöcke getroffen werden.

Geht es um Verständnis und um die Einordnung von Folgen gynäkologischer Operationen, so ist dieses Buch unverzichtbar für Betroffene, ÄrztInnen und Partnerschaft, Gutachter, Schiedsstellen und Gerichte sowie Engagierte in Sachen Frauengesundheit gleichermaßen.

Die Autorin

Edith Schuligoi, Jg. 1962, lebt in Graz. Schuligoi gründete 2006 die Selbsthilfegruppe FEMICA (femina castrata, lat. kastrierte Frau). Sie ist Lehrerin für Französisch, Geschichte, Sozialkunde und evangelische Religion.

Weiterlesen mit Leseprobe

Frauenkastration von Edith Schuligoi bei ihrem Verlag Edition Riedenburg (mit Leseprobe)

Webseite: offline

Stichworte: Oophorektomie, Ovariektomie

 

References

  1. 1. Hierzu gibt es entsprechende wissenschaftliche Daten, die jedoch gesondert aufgearbeitet werden müssen und den Rahmen dieser Rezension sprengen.
  1. 2. In der adjuvanten Behandlung haben sich andere Therapieverfahren überlegen gezeigt. Bei metastasiertem Brustkrebs (MBC) stehen ebenfalls andere Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Eine aktuelle und umfassende Betrachtung der Datenlage bei MBC fehlt ebenfalls.
3 Kommentare
  1. […] Edith Schuligoi: Frauenkastration – Leben nach dem Verlust von Eierstöcken und Gebärmutter […]

  2. […] Entfernung der Eierstöcke führt ebenfalls zur Reduzierung des Brustkrebsrisikos, da die Östrogenproduktion im weiblichen […]

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