Der Essener Brustkrebs-Skandal

(Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2016)

Gesundheitsbericht XI, Stadt Essen, Brustkrebs [Auszug]

Ausgangssituation in Essen

In Essen ist das Thema Brustkrebs durch den „Kemnitz-Skandal“  bis heute belastet: Zwischen 1993 und 1997 wurden bis zu 300 Frauen in Essen und Umgebung an Brustkrebs operiert, die möglicherweise nicht an Krebs erkrankt waren. Die Diagnosen stammten von dem in Essen niedergelassenen Pathologen Kemnitz. Dieser Fall erregte in der ganzen Bundesrepublik Aufsehen. Durch die Intervention eines Essener Gynäkologen war aufgefallen, dass die Gewebeproben, in denen Krebs diagnostiziert wurde, nicht den entsprechenden Patientinnen zugeordnet werden konnten. Bei Dreiviertel der Patientinnen hatte zuvor ein Radiologe auffällige Befunde in der Mammographie festgestellt.

Von Juni 1996 bis Ende 2004 haben sich 120 betroffene Frauen zur „Interessengruppe Diagnose Brustkrebs“ zusammengeschlossen um eine Entschädigung zu erreichen. In einem Gutachten auf der Grundlage der Krankenhausakten geht die Vorsitzende der Deutschen Senologischen Gesellschaft, Dr. Schreer, von einer „defekten apparativen und operativen Diagnosekette“ (zitiert in NRZ 21.6.2002) aus, die Qualitätsmängel bei Radiologen, Pathologen und Chirurgen beinhaltet.

Ein Gutachten des Tumorzentrums Aachen (Spelsberg 2001), das 102 der Essener Fälle unter epidemiologischen Gesichtspunkten auswertet, konstatiert eine statistisch unwahrscheinliche Häufung von nicht-tastbaren insitu-Karzinomen (Karzinome, die auf die Oberfläche beschränkt sind und nicht über die Grenze des Oberflächengewebes in die Tiefe eindringen), und kommt ebenfalls zu der generellen Wertung: „In dieser Weise betrachtet ist Essen eben nicht ein sonderbarer Einzelfall, sondern es lassen sich hier erstmals in aller Deutlichkeit die von Fachleuten und betroffenen Frauen seit langem beklagten Missstände minutiös darstellen (…..). Diese Mängel erstrecken sich über die gesamte Versorgungskette
von den beteiligten Fachdisziplinen und den behandelnden Ärzten aus Radiologie, Gynäkologie und Pathologie, über die für die Qualitätssicherung und Arzthaftung zuständigen Körperschaften (Ärztekammer, Kassenärztliche Vereinigung, Krankenkassen) bis zu den sie kontrollierenden Aufsichtsbehörden (…) einschließlich (…) Justiz, Gutachter und Versicherungen.“  Zur Quelle

Urteile

Medienberichte

Artikel wdr.de: Zwei gesunde Brüste amputiert – 250.000 Mark Schmerzensgeld: Zum Urteil des Oberlandesgerichts Hamm
C. K. war 30 Jahre alt, als ihr in zwei Operationen beide Brüste amputiert wurden. Krebs hieß die Diagnose. Sie war falsch. Der Essener Pathologe Dr. Josef Kemnitz hatte bei C. K., wie bei mehr als 150 anderen Frauen, einen Brustkrebs festgestellt, den sie nie hatte. Das Oberlandesgericht Hamm hat C. K. – sie ist mittlerweile 37 Jahre alt – in einem Musterprozess 250.000 Mark Schmerzensgeld zugesprochen. „Ich hoffe, dass die Versicherung jetzt auch zahlt,“ sagte C. K. Der Arzt hatte Selbstmord begangen, nachdem seine Fehldiagnosen bekannt geworden waren. Angeklagt war daher sein Nachlassverwalter.
Als „sensationell“ wertete der Anwalt der Klägerin, Udo Großewentrup, das Urteil. „Damit haben auch die anderen Frauen, die Opfer des Pathologen sind, eine Chance auf Entschädigung.“ Er begrüßte die Höhe des Schmerzensgeldes. „Das Gericht ist der Tendenz gefolgt, dass auch in Deutschland höhere Summen Schmerzensgeld bezahlt werden,“ sagte Großewentrup. In Essen haben viele Frauen auf Entschädigung geklagt. In der ersten Instanz sind sie bislang abgewiesen worden. Das vom Oberlandesgericht Hamm als „Musterprozess“ eingestufte Verfahren dürfte sich auch auf diese Prozesse auswirken.

Die Geschichte

C. K., die nicht fotografiert werden wollte, hatte 1994 einen Knoten in der linken Brust ertastet und ließ sich in einem Essener Krankenhaus untersuchen. Nach dem Befund des Pathologen Dr. Kemnitz litt sie an Brustkrebs. Ihre Brust wurde amputiert. Wenige Monate später trat in der rechten Brust das gleiche Symptom auf. Die Chirurgen nahmen auch diese Brust auf Grund eines Befundes des Pathologen ab.
Ein Jahr danach las C. K. in der Zeitung, dass Kemnitz falsche Diagnosen gestellt hatten. Da schöpfte sie Verdacht, dass auch sie eines seiner Opfer sein könnte. Daraufhin trat sie der Interessengemeinschaft betroffener Frauen bei und begann ihren Klageweg. In der ersten Instanz war sie abgeweisen worden. Der Grund: Sie konnte nicht beweisen, dass sie tatsächlich gesund war. Das sahen die Richter in Hamm aber als erwiesen an. Der Nachlassverwalter des Pathologen hat allerdings noch die Möglichkeit beim Bundesgerichtshof Berufung einzulegen.

„Wir haben nicht aufgegeben“

70 Frauen, die auf Grund der falschen Diagnosen des Pathologen an der Brust operiert wurden, haben sich in Essen in der „Interessensgruppe Diagnose Brustkrebs“ zusammengeschlossen. Ihre Sprecherin H. M. gab sich nach dem Urteil noch vorsichtig: „Ich freue mich erst, wenn die Versicherung das Urteil annimmt.“

R. W. ist optmistischer: „Jetzt zeigt sich doch, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und nicht schon nach den ersten Urteilen aufzugeben.“ Die Interessengruppe berät Frauen, bei denen Brustkrebs diagnostiziert wurde. „Es ist so wichtig, dass die Frauen sich nicht gleich operieren lassen, sondern einen zweiten Befund einholen. Viele Radiologen zum Beispiel haben gar nicht genügend Erfahrung mit Mammografien und können die gar nicht richtig interpretieren,“ sagt R. W. Sie ist nach sechs Jahren in der Selbsthilfegruppe kämpferisch geworden.“ (Quelle, nicht mehr online, Patientinnennamen gekürzt im Zitat)

Pressemeldung Stiftung Koalition Brustkrebs v. 30.11.2002

Brustkrebs-Skandal in Essen – Axa Colonia Versicherung bietet den 170 Frauen Entschädigungszahlung in Höhe von 12 Millionen Euro an

Die Stiftung Koalition Brustkrebs beglückwünscht die Essener Frauen zu ihrem bahnbrechenden Erfolg. Nach fast 10 Jahren aussichtslos erscheinendem Kampf gegen die Instanzen, bei dem sie u.a. der Ignoranz und dem mangelnden Interesse der zuständigen Aufsichtsbehörden (Ärztekammer Nordrhein und Gesundheitsministerium des Landes NRW) und der patienten-unfreundlichen  Rechtssprechung in Deutschland begegnen mussten, haben es die Frauen dennoch jetzt erreicht, ihr Recht zu bekommen. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat am 24. Oktober 2002 das Urteil des Landgerichtes Hamm bestätigt, dass im Gegensatz zum üblichen Verfahren im Essener Fall die Beweislast nicht mehr bei den geschädigten Frauen, sondern bei den angeklagten Ärzten liegt. Damit haben die Essener Frauen einen wichtigen Sieg nicht nur in eigener Sache, sondern für alle künftigen Kunstfehlerverfahren in der deutschen Rechtsprechung erstritten.

Die in der Koalition Brustkrebs zusammengeschlossene Brustkrebsbewegung  hat gemeinsam mit den Essener Frauen die skandalösen Vorgänge als exemplarisch für den Versorgungsnotstand bei Brustkrebs in Deutschland an den Pranger gestellt. Das Urteil des BGH und die von der Axa Colonia Versicherung angekündigte Entschädigungszahlung in beachtlicher Höhe ist für uns ein öffentliches Anerkenntnis dieser Missstände, die so lange von Vertretern der Fachgesellschaften und verantwortlichen Ärztefunktionären in Ärztekammer und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vehement bestritten wurden.

Bisher kostete diese mangelnde Einsicht und Angst vor Transparenz und Qualität der Verantwortlichen in der Brustkrebs-Früherkennung, Therapie, und Nachsorge tausende Frauen hierzulande jährlich das Leben oder bescherte vielen Frauen unnötige Operationen, Komplikationen und Leid, wie es der Essener Brustkrebsskandal belegt.

Die Stiftung Koalition Brustkrebs will mithelfen, dass  Fälle wie  der Essener Skandal sich nicht wiederholen können.  Daher fordern wir nach dem erfolgreichen Vorbild anderer europäischer Länder eine Brustkrebsbekämpfung nach  europäischen Leitlinien endlich auch in Deutschland.

Es ist nicht Geld, das fehlt. Es fehlen ExpertInnen, die nach europäischen Leitlinien (EUREF und EUSOMA) ausgebildet und zertifiziert sind und die in spezialisierten Brustzentren die in den europäischen Leitlinien festgelegten Qualitätsstandards nachprüfbar erfüllen können. Mit Hilfe der die ihr zugedachten Spenden wird die Stiftung Koalition Brustkrebs die Ausbildung von  ExpertInnen aus Deutschland in den europäischen Ausbildungs- und Trainingszentren finanziell unterstützen.

Quellen

Stiftung Koalition Brustkrebs, Pressemitteilung v. 04.12.2002: Brustkrebs-Skandal in Essen – Axa Colonia Versicherung bietet den 170 Frauen Entschädigungszahlung in Höhe von 12 Millionen Euro an

Epidemiologische Verlaufskontrolle 15 Jahre nach dem Brustkrebsskandal in Essen, E. A. M. Hauth et al. , Geburtsh Frauenheilk 2012; 72(6): 513-522, DOI: 10.1055/s-0031-1298541

3 Kommentare
  1. […] Eine eindeutige Warnung muss man dort aussprechen, wo Therapeuten aus dem Bereich alternativer Ansätze suggerieren, man solle einzig und allein auf ihr Verfahren vertrauen und eventuelle etablierte Verfahren, die mitunter bewährt und erfolgversprechend sind, gar nicht erst beginnen oder abbrechen. Ebenfalls zu warnen ist vor Geschäftemacherei in diesem Zusammenhang, nur gibt es hier kein klare Definition und man sollte nicht so tun, als sei dies das Problem einer Fraktion. Noch der dubioseste Heilsversprecher findet sein lautes Echo in der Perfidie des Essener Brustkrebs-Skandals. […]

  2. […] „Essener Brustkrebs-Skandal“ war damals die Spitze des Eisbergs einer mangelhaften Brustkrebsversorgung. Zwischen 1993 und […]

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