Den Fluss der Medikamente ins Trinkwasser stoppen: Was wir tun können

(Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2018)

Abbildung: Rebecca Ortega, Spiralled 2

Auch Hormone im Trinkwasser haben Auswirkungen auf die Entstehung von Krankheiten und Brustkrebs. Die kanadische Gesundheitswissenschaftlerin Sharon Batt ist eine der Begründerinnen von Breast Cancer Action in Kanada. Sie ist spezialisiert auf neutrale Interessenvertretung in Sachen Gesundheit und industrieunabhängige Forschung. Medikamentenrückstände im Wasser, so z.B. bei der Aktion „Drugs in our Water“ (Medikamente in unserem Wasser) gehört auch zu ihren Themenspecials. Hier findet dieses Thema nur wenig Berücksichtigung, obwohl es wichtig wäre – auch im Zusammenhang mit der Entstehung von Brustkrebs.

Medikamente auf dem Weg ins Trinkwasser

Meere, Seen, Bäche und Flüsse, aber auch das Grundwasser werden mit den Überresten von Medikamenten kontaminiert. Medikamentereste, die vom Körper ausgeschieden werden, gelangen über das Abwasser ins Trinkwasser. Die wachsende Liste solcher Stoffe, die man im eigenen Trinkglas lieber nicht hätte, beinhaltet die Überreste von Schmerzmitteln, Antibiotika, Hormonen, Tranquilizern, Cholesterinsenkern, Epilepsie- und Krebsmedikamenten, auch wenn nicht nur Medikamentenrückstände allein das Problem sind.

Hinzu kommen weitere endokrine Disruptoren aus Moschusextrakten, Parfumrückständen und Phthalaten, einer Gruppe von Chemikalien, die sich in Kosmetika findet. Endokrine Disruptoren und Medikamentenrückstände spielen eine verhängnisvolle Rolle in ihren Auswirkungen auf die Gesundheit. Sie stehen im Verdacht, schwerwiegende Erkrankungen wie Brustkrebs zu begünstigen.

Wie werden wir mit Rückständen von Medikamenten kontaminiert?

Wir werden unfreiwillig mit Medikamentenrückständen von Medikamenten, die wir meist selbst gar nicht brauchen, kontaminiert. 50 bis 90% der eingenommenen Medikamente werden über den menschlichen Körper wieder ausgeschieden, sie landen auf diesem Weg im Abwasser. Man wisse noch nicht so genau, wie sich die Stoffe auf die menschliche Gesundheit auswirkten, doch die Tierwelt biete eine Vorschau auf die Auswirkungen, einschließlich Problemen mit der Fortpflanzung der eigenen Art bis hin zu Störungen des Gehirns, schreibt Batt. Seit einigen Jahren, so Batt in ihrem Artikel „Drugs in our Water“ (zuerst erschienen in „Globe and Mail“ v. 31.03.2007, auch online beim Canadian Women’s Health Network), arbeite die kanadische Regierung deswegen zum Schutz der in Kanada lebenden Menschen an dem Projekt Environmental Impact Initiative (EII). Allerdings sei denkbar, dass die Initiative im Endeffekt mehr der Pharma- und Abwasserindustrie zugute käme. Da ein Großteil der Verschmutzung aus dem persönlichen und nicht dem industriellen Gebrauch stamme, sei eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit der Schlüssel zur Problemlösung. Der einfachste Weg, Umweltbelastungen abzubauen, sei es,  weniger zu benutzen, und zwar durch uns alle. In unseren konsum- und verbrauchsorientierten Gesellschaften sind Empfehlungen für die Verringerung des Verbrauchs auf politischer Seite allerdings in der Regel Fehlanzeige.

Medikamente nicht über die Toilette entsorgen

Besonders wichtig sei es, nicht verwendete Medikamente nicht über die Toilette zu entsorgen. (Hinweis: In Deutschland nehmen Apotheken in der Regel nicht verbrauchte Medikamente zur ordnungsgemäßgen Vernichtung zurück. Sofern sie dieses einmal nicht tun, sind Medikamente über den Restmüll zu entsorgen.) Aber auch in der Landwirtschaft gelangen zu viele Medikamentenrückstände in Ab- und Grundwasser. Die bioaktiven Abfälle seien sehr wohl in der Lage, auch der menschlichen Gesundheit zu schaden, und zwar selbst dann, wenn sie schließlich in wieder aufbereitetem Wasser nur noch stark verdünnt sind. Medikamente würden bereits in geringer Konzentration wirken, und auch das Vermischen verschiedenster Medikamente im Wasser berge Gefahren. Besonders gefährdet durch bereits kleine Mengen der chemischen Gemische sei das menschliche Leben durch diese Verschmutzungen und Rückstände insbesondere in der Embryonalphase. Weil die Problematik noch nicht so alt ist, gibt es noch keine „sicheren Grenzwerte“.

„Wenn mein verschreibungspflichtiges Medikament in deinem Frühstückskaffee landet, ist jede Hausapotheke eine Angelegenheit des öffentlichen Interesses“, sagt Sharon Batt.

Vieles könne glücklicherweise getan werden, um den Verbrauch zu reduzieren, z.B.:

  • Reduktion von Werbung für nicht verschreibungspflichtige Medikamente. Wer diese Werbung in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt hat, kann auch bei uns den starken Anstieg der Werbung für nicht verschreibungspflichtige Medikamente über sämtliche Medien sehr gut feststellen.
  • Verbot der Abgabe von Musterpackungen für Medikamente an ÄrztInnen.
  • Reduktion der Medikamentenmengen, die verordnet werden (auch diese Möglichkeit zum Nutzen und nicht zum Schaden unserer Gesundheit gibt es).
  • Herstellung kleinerer Medikamentenpackungen.
  • Berücksichtigung nicht toxischer Behandlungsalternativen.
  • Recyling statt Entsorgung bei einigen unbenutzten Medikamenten.

Verschwendung von Medikamenten kostet viele Millionen (Dollar, Euro …). Die Vermeidung eines nicht angemessenen Medikamentengebrauchs, des übermäßigen Gebrauchs oder  Missbrauchs schützt Gesundheit, spart Geld und schützt auch die Umwelt. Alle können dazu beitragen, diese Logik umzusetzen.

Frauen sollen die Debatte anführen …

… sagt Sharon Batt. Ob Einkauf, Ernährung oder Medikamenteneinnahme, Frauen kümmern sich um ihre Familien, pflegen kranke Familienmitglieder und sie sind – leider – nach wie vor auch immer noch diejenigen, die die Hormonprodukte z.B. zur Schwangerschaftsverhütung einnehmen. Viele Medikamente werden genderspezifisch in den Markt gebracht. Lt. Batt sind Frauen auch die Hauptkonsumenten von Antidepressiva, die ihnen häufiger als Männern verordnet würden. Viele der Verschreibungsgewohnheiten spiegeln unnötige Medikalisierungen im Leben von Frauen, in denen normale, physiologische, gesunde Zustände wie Menstruation, Schwangerschaft, Geburt oder Menopause „behandelt“ werden.

Frauen sind auch die Hauptkonsumentinnen von Kosmetika, Parfums und Haarkosmetik, deren gesundheitliche Auswirkungen weder konsequent von den Frauen selbst erfragt, noch hinreichend erforscht werden. Beides muss sich ändern. Ihre Rückstände landen ebenso im Wasser, und wie bei Medikamenten verdichten sich die Hinweise, dass dieser Lebensstil zu Unfruchtbarkeit und schweren Krankheiten bis hin zu Krebs und Brustkrebs führen kann.

Frauen sind nach Batt auch diejenigen, die an diesen Themen am meisten interessiert sind. Sie haben ein Interesse am sicheren Gebrauch und der sicheren Entsorgung von Medikamenten, auch dann, wenn es unbequemer ist, so hat es eine Health Canada-Studie des EARP (Environmental Assessment Regulations Project) gezeigt. Dieses Projekt zur gesetzlichen Regulierung von Produkten, die Umweltschäden verursachen können, hat in Kanada für verschiedene neue gesetzliche Regelungen gesorgt. So müssen neue Produkte wie Medikamente gemäß Health Canada dort ihre Unschädlichkeit für die Umwelt bereits vor der Verbreitung durch Sicherheitstests belegen. Die Tests sollen auch für bereits auf dem Markt befindliche Produkte eingeführt werden. Einige Hersteller seien nervös, man befürchte die Kosten der Tests, eine Verlangsamung bzw. im Einzelfall gar die Unmöglichkeit der Vermarktung. Doch diese natürlichen Fragen für die Hersteller seien schlicht die falschen Fragen in Bezug auf Gesundheits- und Umweltschutz.

Debatte in Deutschland

Ein Gutachten des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kam zu dem Ergebnis, dass die Kosten für die Entfernung von Arzneimittelresten aus dem Abwasser von den Herstellern selbst getragen werden sollten. Rund 1,2 Milliarden Euro fielen demnach jedes Jahr zusätzlich an, die entweder auf die gesamte Arzneimittelvertriebskette umgelegt oder über einen Fonds finanziert werden könnten, so die Meinung des BDEW und der Grünen-Bundestagsabgeordneten Dr. Bettina Hoffmann.1 Bettina Hoffmann weiter in der DAZ:

„Die Bundesregierung muss endlich das Vorsorgeprinzip ernst nehmen und Gewässerverunreinigungen mit Spurenstoffen schon an der Quelle unterbinden.“

Weiterlesen:

Sharon Batt

Drugs in our Water von Sharon Batt

Drugs in our Water Campaign: Mit Video. Sharon Batt berichtet über den sorglosen Umgang mit Medikamenten und deren Entsorgung (leider bisher nur in englischer Sprache)

BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland: Hintergrundpapier Hormonaktive Substanzen im Wasser – Gefahr für Gewässer und Mensch (pdf, Stand 2001)

Hormonaktive Substanzen und Arzneimittel
: Zusammenhänge, politische Bewertung, Handlungsstrategie (pdf, Stand 2007)

Pharmaceutical products in the environment in the context of demographic change in the UK von Ruth Willis, Royal Commission on Environmental Pollution (UK), (pdf, Stand 2010)

Kosten und verursachungsgerechte Finanzierung einer vierten Reinigungsstufe in Kläranlagen: Ökonomische Instrumente zur Reduktion von Arzneimittelrückständen: Eine Studie der civity Management Consultants im Auftrag des BDEW (2018)

Bildnachweis: Spiralled 2, Copyright: Rebecca Ortega

References

  1. Abwasser: Pharmaindustrie soll zahlen: Grüne und Wasserwirtschaft fordern Umweltabgabe, Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ, 158. Jg., 25.10.2018, Nr. 43, S. 16
2 Kommentare
  1. […] körper – unser leben: 12.08.2010 – Den Fluss der Medikamente ins Trinkwasser stoppen: Was wir tun können und was es mit Brustkrebs zu tun hat. Das Thema Wasser und […]

  2. […] Den Fluss der Medikamente in unser Trinkwasser stoppen: Was wir tun können – Über Sharon Batts Arbeit zu Medikamenten, die im Trinkwasser landen (2003, 2005) […]

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... sind eine kleine unabhängige Gemeinschaft von Frauen, die sich im Kontext Brustkrebs engagieren. Wir wollen die bestmögliche Behandlung für alle, die von dieser schweren Erkrankung betroffen sind. Wir wollen aber auch, dass die Forschung über die Ursachen von Brustkrebs und über die Möglichkeiten der Primärprävention endlich grundlegend verbessert werden.

Wir sind ein kreatives, privat finanziertes Low-Budget-Projekt, das grundsätzlich jegliche Finanzierung im Interessenkonflikt ablehnt und insbesondere keine Pharmagelder annimmt. Lesen Sie dazu unsere Leitlinie, entsprechend der Richtlinie zur Einwerbung von Drittmitteln von Breast Cancer Action.

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