Catherine Markstein, Mimi Szyper: Gestern jung und morgen schön

(Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2014)

Catherine Markstein, Mimi Szyper

Dr. Catherine Markstein, Dr. Mimi Szyper: 
Gestern jung und morgen schön.
Aus dem Französischen übersetzt von Anke Mai
 (Original „Le temps de s’emanciper et de s’épanouir“, erschienen 2009)
Berlin: Orlanda. 1. Auflage 2010
ISBN 978-3-936937-77-0

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Das wertvolle Buch von Catherine Markstein und Mimi Szyper richtet sich weniger direkt an Patientinnen als an alle Frauen, solche, die noch nicht von Brustkrebs betroffen sind und diejenigen unter uns, die ein breiteres Verständnis der Anliegen der Frauengesundheitsbewegung suchen. Es sammelt rar gewordenes Wissen von den Wurzeln der Frauengesundheitsbewegung an. Rar geworden deswegen, weil Frauengesundheitsbewegung zunehmend an unabhängiger Förderung verliert. Als Aussteigerinnen stärken Markstein/Szyper mit ihrem Wissen aus Forschung, Medizin und der Frauengesundheitsbewegung Frauen im Zusammenhang mit Medikalisierung und im Verständnis der medizinischen Berieselung durch unterschiedliche Medien, denen wir Frauen uns zunehmend ausgesetzt sehen.

Wege des Umdenkens

Markstein/Szyper zeigen, wie „Wechseljahre“ als Konstrukt zu einer Vorstellung werden, die Frauen verinnerlichen, während viele davon profitieren, nur die Frauen selbst nicht. Beide legen ihrem Denken das Verständnis einer sehr liebevollen, schönen, respektvollen, ethischen Medizin zugrunde,

„einer Medizin von Angesicht zu Angesicht, frei von kontrollierendem Besserwissen, frei von pseudowissenschaftlichen und ökonomischen Einflüssen und Druckmitteln“,

in die Frauen sich selbstständig und verantwortlich einbringen. Sie sehen dabei zugleich den Einfluss der Pharmaindustrie auf die medizinische Praxis und Selbsthilfe/Selbstbestimmung von Frauen oder auf Ökologie und Gesundheitsförderung, der in deutschsprachigen Ländern sowohl an Universitäten wie auch in den politischen Gremien besonders ausgeprägt ist.

Die Sichtweise der Frauengesundheitsbewegung: Medikalisierung weiblicher Lebenszyklen

Medikalisierung weiblicher Lebenszyklen ist nach Markstein/Szyper nicht auf die Phase der Wechseljahre beschränkt. Sie beginnt sehr viel früher, mit existenziell weitreichenden Folgen durch Formen der Verhütung, Schwangerschaftskontrolle und Geburt usw. usw., in deren Folge nicht zuletzt Brustkrebs stehen kann. Die Strategie nimmt in unterschiedlichen Formen Gestalt an. Wechseljahre wurden per Definition in der westlichen Welt zur Krankheit erklärt, zum Vorstadium von Krankheit und zum Problem des öffentlichen Gesundheitswesens, für dessen Lösung ganze Industrien von Pharma, über Gesundheit bis zur Kosmetik Hand in Hand gehen, während eine Aneignung stattfindet, die von vielen vielfach so nicht eingeordnet werden kann, weil das Wissen um die Hintergründe fehlt. Hier wird u.a. angeknüpft an Barbara Ehrenreich, Complaints and Disorders: The Sexual Politics of Sickness, Feminist Press 1977, im Verlag Frauenoffensive (ISBN 3-88104-009-9) unter dem Titel „Zur Krankheit gezwungen“ als schichtenspezifische Untersuchung zur Krankheitsideologie 1982 auch in deutscher Sprache erschienen.

Wechseljahre in der öffentlichen Wahrnehmung

Aufgezeigt werden die Gegenpole: Wechseljahre als

“polymorphe, äußerst risikoreiche Mangelerkrankung“ und “Medizin als Garant für ewige Gesundheit; der Körper der Frau darf nicht altern, denn Altern ist hässlich; Weiblichkeit und Schönheit sind gleich Jugend und Verführung; Hässlichkeit und Alter sind Krankheiten, aber heilbar – mit Hilfe von Hormonersatztherapie, Anti-Age-Medizin, Schönheitschirurgie und medizinischer Kosmetik.“

(Zu diesem Themenkomplex enthält das Buch auch eine Literaturliste.) Nach diesen marktorientierten, sexistischen und schulmedizinischen Konzepten werde das mittlere Lebensalter zum unerwünschten Zustand erklärt, den es aufzuheben gelte und aus dem sich Kapital schlagen lasse. Altern in unserer Gesellschaft wird negiert, Frauen sollen stets aktiv, verfügbar, nützlich, produktiv, jung und schön sein.

Rückblick und Entwicklung der Frauenheilkunde

Kurz streifen auch Markstein/Szyper den Weg, den Frauenheilkunde seit dem 19. Jahrhundert nahm. „Die Wissenschaft entledigte sich der Hebamen und übernahm die Bereiche Mutterschaft und Geburt.“ (Weiterhin anno 2010er Jahre eine gerade jetzt hochaktuelle Frage, betrachtet man gegenwärtige Ausschlussmechanismen, die Hebammen jeglicher Selbständigkeit via versicherungstechnischer Fragen an den finanziellen Abgrund stellen.) Männer beginnen, mittels medizinischer Fachliteratur die Medizin der Frau zu definieren. Der Gynäkologe erfasst Gesundheitspflege und Moral, Geduld und Gehorsam und seine Vorstellungen von alternden und unfruchtbaren Frauen, seine Vorstellungen von Gesundheit, Normalität und Schicklichkeit.

Die Synthetisierung der Östrogene

Die Geschichte der Verabreichung von Östrogenen nahm in den 1920er Jahren ihren Anfang, als ein pharmazeutisches Labor in den Niederlanden mit der künstlichen Herstellung von Östrogenen begann. Sie wurden als Mittel gegen alle möglichen Krankheiten in Umlauf gebracht, doch die Hauptvermarktungsstrategie beschränkte sich bereits bald auf die Wechseljahre der Frau. Das Produkt wurde der holländischen Regierung ebenso wie Arbeitgebern angeboten, mit dem Ergebnis, dass niederländische Fabrikarbeiterinnen es massenweise verordnet bekamen (unter Bezugnahme auf Bell., S. Gendered Medical Science: Producing a Drug for Women. Feminist Studies, Bd. 21, Nr. 3, Univ of Maryland, 1995, S. 467).

Da im Tierversuch bereits getestet wurde, dass das Präparat in Tieren Krebs erzeugte, blieb die allgemeine Verordnungspraxis jedoch zunächst zurückhaltend. Doch in der Folge kam es zu einer Umdefinierung: Wechseljahre wurden zur Krankheit erklärt, einem mangelbedingten Leiden. Gynäkologen, als die inzwischen anerkannten Experten, als Fachärzte und Retter der Frauen, zögerten mit der Verordnung der Hormone nun nicht mehr.

„Für immer weiblich / Für immer gesund“

Wieder ist es ein Buch – „Die vollkommene Frau: Bericht über die Östrogenbehandlung“ oder „Die vollkommene Frau: Östrogen, Geschenk der Wissenschaft: Keine kritischen Jahre mehr“ von Robert Arthur Wilson (in diversen unterschiedlichen Auflagen in deutscher Sprache zwischen 1966 bis 1999 erschienen, im Original „Feminine forever“) – das, von Pharmakonzernen finanziert, den Weg vorgibt. Markstein/Szyper bezeichnen es als Großoffensive der Östrogenfront. Das Ende des körperlichen Verfalls wird versprochen, ewige Jugend und Sexappeal leuchten am Horizont, vorausgesetzt der Hormonspiegel wird von der Pubertät bis ins Grab unter Kontrolle gehalten. Ist es nicht nur Recht, sondern bereits Pflicht, sich behandeln zu lassen? Medien verbreiten die Botschaften permanent und parallel. „Viele Frauen glauben den Versprechen nur allzu gerne.“ Als klar wird, dass die Östrogene für das Auftreten von Karzinomen der Gebärmutter mit verantwortlich gemacht werden, geht es mit Kombinationspräparaten mit künstlichen Gestagenen weiter. Wer kritisch bleibt, dem droht das nächste Schreckgespenst: Knochendichte und Osteoporose tauchen am Horizont auf. Die Hormontherapie macht es einfach, Ursachen auszublenden und „Präventivmedizin“ zu bleiben. Nicht Bewegungsmangel, Hormonmangel wird als Ursache diagnostiziert.

„Wahrscheinlich muss man der Frau als Geschöpf und der Biologie des weiblichen Körpers wenigstens ein Minimum an Achtung und Wertschätzung entgegenbringen, um in eine ganz andere Richtung zu denken und ganz andere Hypothesen aufstellen zu können. Denn dann könnte man zum Beispiel versuchen, den Beweis dafür zu erbringen, dass der Rückgang der Östrogenausschüttung in den Wechseljahren keineswegs ein Irrtum der Natur ist, sondern im Gegenteil eine sinnvolle, notwendige und geradezu geniale Einrichtung, die für ein gesundes Gleichgewicht in dieser Lebensphase sorgt, und uns z.B. vor Krankheiten wie Brust- und Gebärmutterkrebs schützt!“ (S. 43)

Dies und viele weitere spannende Dinge über Frauen und Frauengesundheitsbewegung, Frauengruppen, sich treffen und reden, das Verhältnis zu Ärzten, Gesundheitsfürsorge und Selbstheilung, Lust, Leidenschaft und Sexualität, Identität, Ernährung und Pflege der eigenen Gesundheit vermitteln Markstein/Szyper. Nicht ausgespart bleiben auch die Kontroversen um Selbstuntersuchung, Mammographie und Ernährung & Brustkrebs. Markstein/Szyper plädieren im Zusammenhang mit dem Mammographie-Screening vor allem auch für das Recht auf unabhängige und umfassende Information der Frauen.

Die Frauen von Machsom Watch

Einer Parabel gleich takten Markstein/Szyper die Frauen der Menschenrechtsorganisation Machsom Watch ein, die von in Israel lebenden Frauen gegründet wurde. Demnach treffen sich an den israelischen Checkpoints (Machsom) Frauen im mittleren Alter, die die Augen offen halten. Sie bleiben stundenlang, reden, versuchen zu helfen, fotografieren, dokumentieren, berichten. Sie wollten wissen, was sich an den Checkpoints abspielt. „Niemand sollte später sagen, er habe nichts gewusst. Gleichzeitig ging es ihnen darum, den in ihrem Land allgegenwärtigen Militärkult insgesamt in Frage zu stellen und der Allmacht des dominanten militaristischen Diskurses etwas entgegen zu setzen. …  Sie werden belächelt, verhöhnt, beschimpft – als reiche Schnepfen, die hier nichts verloren haben und zum Kaffeeklatsch gefälligst an den Strand gehen sollen, als debile Großmütter, die keine Ahnung haben von Militärstrategien und Staatsräson … Und sie sind da. Und sie bleiben da.“ Wie wir!

Für eine neue Zukunft

Mit dem Kapitel „Eine neue Zukunft“ enden Szyper/Markstein. Das leicht lesbare Büchlein empfehlen wir allen, die abseits vorgegebener Pfade das Blickfeld über den Tellerrand des machtvollen Apparats der Frauengesundheit erweitern möchten. Das Buch ist sorgfältig um Quellen ergänzt. Hinzu kommt die Literaturliste zur Frauengesundheit und Infoadressen, die in etwa unserem Wegweiser Frauengesundheit entsprechen.

Die Autorinnen

Die beiden Autorinnen, die wesentliche Impulse aus dem Berliner Feministischen Frauengesundheitszentrum FFGZ erhielten, kommen mit ihrem Buch aus dem französischsprachigen Kulturbereich zu uns, doch ihr Background ist breiter.

Dr. Mimi Szyper

Dr. Mimi Szyper absolvierte den wichtigsten Teil ihrer Ausbildung zur Neuropsychiaterin in Nordamerika und ist mit der feministisch geprägten Analyse und Infragestellung der schulmedizinischen Bevormundung vertraut. Sie hat weitere Wurzeln in der Antipsychiatrie-Bewegung und ist Präsidentin von Femme et Sante in Belgien.

Dr. Catherine Markstein

Die Ärztin Dr. Catherine Markstein hat in Wien Medizin studiert und kam mit der damaligen Frauengesundheitsbewegung in Kontakt („mit Spiegel und Spekulum in der Gruppe auf Entdeckungsreise“). 1955 in Wien geboren, lebt sie seit 1983 in Brüssel, ist verheiratet und hat vier Kinder. 22 Jahre Tätigkeit in Klinik und Wissenschaft, mit 48 Jahren (2003) berufliche Neuorientierung. Rina Nissim (Genf) und Mitarbeiterinnen des Feministischen Frauengesundheitszentrums Berlin waren richtungsweisend beim Einstieg in Theorie und Praxis des feministischen Frauengesundheitsansatzes. Von genderspezifischen Gesundheitskonzepten angeregt, gründet sie 2005 gemeinsam mit der Ärztin Dr. Mimi Szyper das Frauengesundheitszentrum Femmes et Santé in Brüssel. Seit 2009 ist Catherine Markstein die Koordinatorin der Plattform für Frauengesundheitsförderung in Brüssel.

Rezension: Gudrun Kemper

Bildnachweis: Buchcover c Orlanda, c Markstein/Szyper

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Internet: www.plateformefemmes.be
Aktuelles: s. auch AKF-Jahrestagung 2013 (Dokumentation, in Vorbereitung) 

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