Brustkrebs in Berlin: Daten aus der Gesundheitsberichterstattung (Basisbericht 2009)

(Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2013)

Am 1. September 2010 wurde in Berlin in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit  der
Basisbericht 2009 der Gesundheitsberichterstattung Berlin (pdf) mit Daten aus dem Gesundheits- und Sozialwesen vorgestellt. Die Brustkrebssterblichkeit in Berlin hat – entgegen dem allgemeinen Trend – zugenommen. Bei über 700 Todesfällen lag die Brustkrebssterblichkeit zuletzt 1997. Dies passt nicht wirklich zu den Erfolgsmeldungen über verbesserte neue Therapien und bessere Früherkennung. Auch bei Migrantinnen in Berlin ist jetzt ein leichter Anstieg der Brustkrebssterblichkeit erkennbar.

Einige Zahlen aus dem den Berliner Basisberichten und dem GEKID-Atlas zu Brustkrebs in Berlin (Download als pdf)

Einige Zahlen aus den Berliner Basisberichten und dem GEKID-Atlas zu Brustkrebs in Berlin (Download als pdf)

Es folgen weitere Informationen zu Brustkrebs aus dem 828 Seiten umfassenden „Basisbericht 2009“ der Berliner Senatsverwaltung, die sich mit Brustkrebs in der Hauptstadt befassen.

Vermeidbare Sterbefälle

Die Berichterstattung zu Brustkrebs im Basisbericht 2009 (für das Jahr 2008) bezieht sich sehr stark auf sogenannte vermeidbare Sterbefälle (VTF). Brustkrebs bei den bis zu 64-Jährigen wird so deklariert, ebenso wie Lungenkrebs (verursacht durch Rauchen und damit vermutlich wirklich vermeidbar) und alkoholbedingte Leberkrankheiten (vermeidbar). Die Frau unter 65 mit Brustkrebs – womöglich gesundheitsbewusst, sportlich aktiv -, sie kriegt den Schwarzen Peter: Ihr Brustkrebs, der zwischen dem 25. und 65. Lebensjahr auftritt, wird per definitionem als vermeidbar bezeichnet. Was hat sie falsch gemacht, dass die Krankheit nicht vermieden wurde? Die Pille genommen? Zu wenig Sport getrieben? Sich mit Schadstoffen kontaminiert? Das Kind gar nicht oder zu spät bekommen? Wer weiß es? Wenn Brustkrebs zwischen dem 25. und 65. Lebensjahr vermeidbar ist, so fehlen – dem Mammographie-Screening-Programm zum Trotz – Konzepte für Berlin, wie Brustkrebs bei Frauen zwischen 25 und 65 tatsächlich vermieden werden kann. Denn Früherkennung ist keine Vermeidung. Wie dem auch sei, bemerkenswert ist, dass – wie bereits im Vorfeld prognostiziert –  Lungenkrebs bei den Frauen aus dieser Altersgruppe in Berlin erstmals Brustkrebs als Todesursache überholt hat. Die häufig zitierte Aussage „Brustkrebs ist die häufigste Todesursache von Frauen zwischen 30 und 65“ stimmt jedenfalls in Berlin jetzt nicht mehr.

Berlin: Bezirkliche Unterschiede – Leben Frauen „im Osten“ gesünder?

Bei Brustkrebs gelten Todesfälle im Alter zwischen 25 und 64 Jahren als vermeidbar. In allen Berliner Bezirken kam es zu einem Rückgang des Ster­berisikos. Am stärksten vollzog sich dieser Rückgang bei Frauen aus Charlottenburg-Wilmersdorf (‑40%), Neukölln (‑32%) und Steglitz-Zehlendorf (‑30%). Obwohl auch Frauen aus Reinickendorf mit ei­nem Rückgang der Sterberate um 29% über­durchschnittlich „profitierten“ (so heißt es im Bericht, obwohl man es kaum als profitieren bezeichnen kann, nicht an Brustkrebs zu erkranken), wurde in diesem Bezirk immer noch die höchste Brustkrebs­sterblichkeit beobachtet. Den zweithöchsten Wert wiesen Frauen aus Tempelhof-Schöneberg auf, gefolgt von Spandauerinnen.

Von West nach Ost

Nach wie vor hatten 25- bis 64-jährige Frauen aus den ehe­maligen Ostbezirken der Stadt (ohne Mitte und Friedrichshain) mit 19 Gestorbenen je 100.000 eine unter dem Niveau der Frauen aus den ehemaligen Westbezirken (23 je 100.000, ohne Kreuzberg, Tiergarten und Wedding) liegende Brustkrebssterblichkeit – wenn auch längst nicht mehr so deutlich wie in den 1990er Jahren. Demzufolge gehören alle Bezirke, in denen für 25- bis 64-Jährige die berlinweit geringste vermeid­bare Brustkrebsmortalität (Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick, Pankow) ermittelt wurde, zu ehemals Berlin-Ost, während es sich bei Bezirken, in denen die höchsten Raten beobachtet wurden, um ehemalige westliche Bezirke han­delte (vgl. Abbildung 3.44 und Tabelle 3.2.17, der Originalbericht ist unter „Weiterlesen“ verlinkt).

Soziale Einordnung

Hinsichtlich der vermeidbaren Todesfälle durch Brustkrebs können noch keine verifizierten Zusam­menhänge mit der jeweiligen sozialen Lage der Betroffenen abgeleitet werden, hält der Bericht weiter fest. Hier bliebe die weitere Entwicklung, insbesondere die der Prädiktoren und Interventionen (z. B. Mammographie-Screening, vgl. dazu auch Kapitel 7, Schwerpunkt 7.1.3), abzuwarten. Bis auf Neukölln und Marzahn-Hellersdorf wurden zwar in allen anderen Berliner Bezirken mit ungünstigen Sozialindizes über dem Berliner Durchschnitt liegende Sterberaten beobachtet, diese lassen jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse zu. Auch für die in Bezirken mit guter sozialstruktureller Lage (wie etwa in Steglitz-Zehlendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf) unter bzw. auf Berliner Niveau liegende Brustkrebssterblichkeit (bis Ende der 1990er Jahre wurden dort noch deutlich darüber liegende Werte ermittelt) kann kein Zusammenhang mit der Sozialstruktur festgestellt werden.

Bericht vom Mammographie-Screening

Bis Sommer 2008 wurden alle 437.000 Berlinerinnen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren zum Screening eingeladen (s. S. 591 im Bericht), wobei die Teilnahmequote bei rd. 50% lag. Die Brustkrebs-Entdeckungsrate als wichtiger Qualitätsparameter liegt in Berlin bei 9,5 je 1.000 untersuchte Frauen (Anforderung der EU-Richtlinie: 7,5 je 1.000). Ziel ist es in Berlin, eine Teilnahmequote bis zu 70% zu erreichen und dadurch die Sterblichkeit an Brustkrebs auf 25 bis 35% zu senken.

Bilanziert werden konnte lt. Bericht im Sommer 2009 auch, dass rund 80% der Brustkrebserkrankungen in ei­nem nicht tastbaren und beschwerdefreien Frühstadium entdeckt wurden. In Berlin erkrankten jährlich rd. 2.300 Frauen an Brustkrebs, so der Bericht. Werde der Tumor in einem solchen Frühstadium erkannt, bestehe eine Heilungschance von mehr als 90%, die Anzahl radikaler Operationen und belastender Therapien könne erheblich reduziert werden. Wie eine Auswertung der Ergebnisse der Berliner Screening-Einheiten zudem ergebe, erfülle Berlin sämtliche Vorgaben, die aufgrund der EU-Richtlinien für das deutsche Screening-Programm festgelegt worden seien, so der Basisbericht 2009. Nach einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums, die allerdings hier nicht weiter spezifiziert wird, werde das Mammographie-Screening von allen Früherkennungsuntersu­chungen als sicherste Methode eingeschätzt. Die teilnehmenden Frauen bewerteten lt. Basisbericht 2009 das Angebot  – besonders die Einladung mit Terminvorschlag, die hohe Qualität des Programms (Professiona­lität des Screening-Teams, Doppelbefundung, Geräteausstattung) und die freundliche Atmo­sphäre – als positiv.

Im Kapitel „Vorsorgeuntersuchungen“ ist zur Mammographie für das Jahr vermerkt, dass es in Berlin in der Altersgruppe 372.280 anspruchsberechtigte Frauen gäbe, die eine Untersuchung zweijährlich erhalten sollen. 102.412 Frauen haben die Untersuchung im Jahr 2008 durchführen lassen (55%). Das wirkt im Vergleich zu den oben bereits erwähnten Angaben etwas verwirrend (s. S. 618 im Bericht).

Und der medizinische Fortschritt?

Betrachtet man die Zahlen insgesamt, so kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass sich nicht sehr viel bewegt. Einrichtung der Brustzentren, Disease-Management-Programme, Maßnahmen zur Qualitätssicherung etc. scheinen also zunächst zumindest in dem zentralen Punkt Überleben nicht in einer Verbesserung der Situation der Berlinerinnen zu fruchten. Für Aussagen zum Früherkennungsprogramm ist es natürlich noch zu früh. Die Neuerkrankungsraten sind bereits leicht angestiegen und haben sich in Berlin auf knapp 2.000 im Jahr 2007 eingependelt. Die Sterbefälle absolut sind im Vergleich etwa auf dem Stand von 1997 und lagen bei über 700. Der Anteil der von Brustkrebs betroffenen Migrantinnen steigt scheinbar etwas an: Auch 26 Migrantinnen starben 2008 in Berlin an den Folgen von Brustkrebs.

Hinter jeder Zahl verbergen sich ein schwerer Weg, ein schweres Schicksal, Leid und Schmerz. Weitere Zahlen mit Überblick über mehrere Jahre s. auch Tabelle zum Download.

Weiterlesen:

Basisberichte beim Referat Gesundheitsberichterstattung des Berliner Senats

Download Basisbericht 2009
, pdf (Webseite des Berliner Senats)

Frühere Zusammenfassungen zum
Basisbericht 2008

Basisbericht 2006

Basisbericht 2005

Brustkrebs in Deutschland, Europa und weltweit
und Zahlen zu Deutschland aus dem GEKID-Atlas (2000 – 2007).


4 Kommentare
  1. Als Nachtrag v. 1.11.2010 hier eine weitere Pressemeldung des Berliner Senats:

    PRESSEMITTEILUNG
    Brustkrebs in Berlin
    Berlin – Aus Anlass des gerade zu Ende gegangenen Brustkrebsmonats Oktober informiert das Gemeinsame Krebsregister (GKR) über die aktuellen Zahlen zum Brustkrebs im Land Berlin:

    Brustkrebs ist bei Frauen mit Abstand die häufigste Tumorerkrankung. Ungefähr jeder 4. Krebsfall (rund 28 %) betrifft bei Frauen in Berlin die Brust. Für das Diagnosejahr 2007 wurden im GKR – dem Gemeinsamen Krebsregister der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Freistaaten Sachsen und Thüringen – 2.014 Fälle von Brustkrebs bei Berlinerinnen registriert. Die Mortalitätsstatistik weist für dasselbe Jahr 632 Todesfälle infolge Brustkrebs aus.

    Nennenswerte altersspezifische Neuerkrankungsraten sind bereits ab dem 40. Lebensjahr zu beobachten. 2007 wurde für die 40- bis 44-jährigen Frauen in Berlin eine Neuerkrankungsrate von 68,5 je 100.000 registriert. In den nachfolgenden Altersgruppen ist ein kontinuierlicher Anstieg der Neuerkrankungsrate zu beobachten. Bei den 65-bis 69-jährigen Frauen beträgt sie 342,4 Erkrankungen je 100.000.

    Wird Brustkrebs früh erkannt, haben die betroffenen Frauen sehr gute Überlebenschancen. Solange der Tumor lokal begrenzt ist, d.h. die Lymphknoten nicht betroffen sind, überleben rund 96% der Erkrankten die nächsten 5 Jahre. An dieser Stelle setzt das qualitätsgesicherte Mammographie-Screening für Frauen zwischen 50 und 70 Jahren an. Das bereits 2002 von Bundestag und Bundesrat beschlossene Brustkrebs-Screening für Frauen wurde in Berlin ab Mitte 2006 umgesetzt. Die Ziele des Programms – die Senkung der Mortalität und eine schonendere Behandlung der Patientinnen – sollen durch die Brustkrebsdiagnose in einem frühen Stadium erreicht werden. So war im Jahr 2008 der Anteil der prognostisch günstigen Tumore mit einer Größe von unter 1 cm in der screeningberechtigten Altersgruppe in Berlin um mehr als doppelt so hoch wie in den anderen Altersgruppen. Während bei den 50-bis 69-Jährigen 17% der Tumore bei Diagnose kleiner als 1cm waren, war dies bei den anderen Patientengruppen nur in 7% der Fälle so.

    Für weitere Informationen und Details steht Herr Roland Stabenow, Leiter der Registerstelle, Tel: 56581-410, e-mail: roland.stabenow@gkr.berlin.de gerne zur Verfügung.

    Kontakt
    Dr. Marie-Luise Dittmar
    Pressesprecherin
    pressestelle@senguv.berlin.de
    Tel (030) 9025 – 2153
    Fax (030) 9025 – 2501
    Brückenstr. 6
    10179 Berlin
    http://www.berlin.de/sen/guv/

  2. […] 26.09.2010 – Brustkrebs in Berlin – Was können Zahlen uns sagen? Der Berliner Senat hat den Basisbericht 2009 der Berliner Gesundheitsberichterstattung der […]

  3. […] von Brustkrebs-Sterblichkeit auf, so etwa in der Berliner Gesundheitsberichterstattung mit der Berichterstattung zu Brustkrebs im Basisbericht 2009 (für das Jahr 2008). Sogenannte vermeidbare Sterbefälle werden vermeidbare Todesfälle (VTF) […]

  4. […] Brustkrebs in Berlin (infoblog! zum Basisbericht der Gesundheitsberichterstattung des Senats von Berlin 2009) […]

Schreibe einen Kommentar

Benutzungshinweis

Die dieser Webseite zugrunde liegenden Inhalte beleuchten Einzelaspekte aus der Perspektive von betroffenen Frauen und Frauengesundheitsbewegung. Die hier bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für ärztliche Beratung und Behandlung. Im Einzelfall sind Diagnose und Therapieempfehlungen immer Sache der behandelnden ÄrztInnen. Weiterlesen: Haftungsausschluss / Disclaimer

Werbung?

Diese Webseite ist werbefrei.

Akkreditierung

Diese Website ist bei der Health On the Net Foundation akkreditiert.
Wir berücksichtigen HONcode Standards. Zur Überprüfung klicken Sie bitte auf das HON-Logo. Diese Website ist seit 2007 bei der Health On the Net Foundation akkreditiert. Wir berücksichtigen HONcode-Standards. Zur Überprüfung klicken Sie bitte auf das HON-Logo.

LibraryThing

Wir …

... sind eine kleine unabhängige Gemeinschaft von Frauen, die sich im Kontext Brustkrebs engagieren. Wir wollen die bestmögliche Behandlung für alle, die von dieser schweren Erkrankung betroffen sind. Wir wollen aber auch, dass die Forschung über die Ursachen von Brustkrebs und über die Möglichkeiten der Primärprävention endlich grundlegend verbessert werden.

Wir sind ein kreatives, privat finanziertes Low-Budget-Projekt, das grundsätzlich jegliche Finanzierung im Interessenkonflikt ablehnt und insbesondere keine Pharmagelder annimmt. Lesen Sie dazu unsere Leitlinie, entsprechend der Richtlinie zur Einwerbung von Drittmitteln von Breast Cancer Action.

Spenden …

Breast Cancer Action Germany - die kritische Annäherung rund um das Thema Brustgesundheit und Brustkrebs im Kontext von Medizin, Krankheitsvermeidung, Umwelt, Gesellschaft und Politik mit dem Schwerpunkt Selbstschutz / Verbraucherinnenschutz.

Wir lehnen uns u.a. an die Arbeit von Breast Cancer Action mit Sitz in San Francisco an. Diese Arbeit hilft uns sehr. Ohne die wichtige Arbeit der engagierten Frauen von Breast Cancer Action (www.bcaction.org) nachzunutzen, hätten wir von Frauenseite in Deutschland keine wirklich neutralen Berichte zu vielen wichtigen und komplizierten Themenbereichen bei Brustkrebs. Die Arbeit von Breast Cancer Action ist wertvoll und nicht kostenlos zu leisten.
Es ist möglich, direkt an Breast Cancer Action in den USA zu spenden. Die Spenden werden in der Breast Cancer Action-Zeitschrift „Source“ veröffentlicht, wenn nichts anderes angekreuzt wird. Es ist auch möglich, für namentlich genannte Patientinnen oder zum Gedächtnis von Frauen mit Brustkrebs, die nicht mehr leben, zu spenden. Eine Spende ist einfach z.B. über Kreditkarte möglich: Breast Cancer Action unterstützen.