Brustkrebs: Wie die Gesellschaft eine Epidemie prägt (Rezension Kasper/Ferguson)

(Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2016)
Kasper/Ferguson: Breast Cancer: Society shapes an epidemic

Kasper/Ferguson: Breast Cancer: Society shapes an epidemic

Es ist inzwischen einfach nicht mehr das Problem, dass Brustkrebs ein „Tabu“ ist, über das nicht gesprochen werden kann. Das Gegenteil ist der Fall: Das Thema, die Krankheit Brustkrebs, bordet tagtäglich und beständig über. Frauen werden mit Nachrichten bombardiert, die häufig mehr oder weniger verdeckte medizinisch-industrielle Botschaften transportieren, die den Frauen eingeimpft werden sollen. Die meisten Medien machen sich dabei nicht die Mühe, sehr exakt zu recherchieren oder gar verlässliche Daten zusammenzustellen. Genaue „Evidenzen“ im Zusammenhang mit Screening und Diagnostik oder der Behandlung von Brustkrebs werden oft bewusst verschwiegen. Plakative Botschaften bestimmen das Bild und es bleibt schwierig, die Menge der Mythen und Desinformationen der vergangenen Jahrzehnte zurückzunehmen und auf das zu beschränken, was wir im Zusammenhang mit Brustkrebs inzwischen meinen, wirklich zu wissen. Brustkrebs ist kein leicht verständliches Thema, aber es gibt gute Bücher, die helfen, gesellschaftliche Strukturen besser zu verstehen, leider zu wenige davon in deutscher Sprache. Wir stellen deswegen einige davon vor, ebenso wie die Wissenschaftlerinnen und Autorinnen, die diese Bücher geschrieben haben, vor. Eines dieser Bücher ist „Breast Cancer: Society Shapes an Epidemic“ (Brustkrebs: Wie die Gesellschaft eine Epidemie prägt) von Anne S. Kasper and Susan J. Ferguson.

Anne S. Kasper war im Jahr 1976 in den USA eines der Gründungsmitglieder des nationalen Frauengesundheitsnetzwerks National Women’s Health Network. Sie hat wissenschaftlich zu verschiedenen Fraungesundheitsthemen am Zentrum für Frauenforschung und Gender der Chicagoer University of Illinois gearbeitet. In einem Projekt zu Frauen, Körper und Krankheitserfahrung hat Kasper Forschungsarbeit an einer kleinen Gruppe armer städtischer Frauen geleistet. Sie beschreibt das komplexe Versagen beim Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung im Zusammenhang mit dem aktuellen amerikanischen System der Krankenversicherung, dem sich unseres trotz des weltweit bekannten Versagens zur Zeit mit der zunehmenden Abkehr vom Solidarsystem – hin zu einer vom Kapitalmarkt gesteuerten  Versicherungslandschaft, die politisch gewollt und so gesteuert wird – mehr und mehr annähert. Kasper forschte zum Gesundheitssystem, Armut, sozioökonomischem Hintergrund – Stichwort Klassengesellschaft, immer noch bzw. wieder –,  rassistischer und ethnischer Diskriminierung und den zunehmenden sozialen Ungleichheiten von Frauen in den USA, die sich mittlerweile bei uns ebenso immer deutlicher sichtbar abzeichnen.

Susan J. Ferguson ist Soziologie-Professorin in Iowa mit Schwerpunkt Medizinsoziologie, Frauengesundheit und feministischer Soziologie.

Das politische Verständnis der Erkrankung Brustkrebs, jenseits der individuellen Patientin, jenseits der besten ärztlichen Behandlung, der besten Selbsthilfe und jenseits der augenscheinlich viel versprechendsten Forschung ist das gemeinsame Thema von Anne S. Kapser und Susan J. Ferguson in dem von ihnen herausgegebenen Buch. Feministische Ansätze haben Brustkrebs nicht nur als verschwiegene Krankheit betrachtet, die wegen der sexuellen Spezifität in aller Stille ertragen und negiert wurde und wird, während die Schnittstellen zwischen Medizin und Politik von wissenschaftlicher Seite lange und teilweise bis heute anhaltend abgelehnt werden. Die amerikanische Frauengesundheitsbewegung der 1970er Jahre hat wichtige Fragestellungen identifiziert, darunter die „beunruhigende Zerstörungskraft der radikalen Mastektomie“ (Spanier 2003) als Standardbehandlung bei Brustkrebs: trotz fehlender wissenschaftlicher Grundlage für diese Form der Behandlung von Brustkrebs. Die informierte Entscheidung im Zusammenhang mit dieser Art der Brustchirurgie oder den vielen ungeklärten Fragen zur Chemotherapie heute, die Fragen zur gesundheitlichen  „Versorgung“ von Frauen mit Brustkrebs generell, sowie zur Rolle von Wissenschaft und Gesundheitsaktivismus im biomedizinischen System speziell, werden betrachtet, während Kasper & Ferguson in ihrem Vorwort klarstellen, dass soziale Zusammenschlüsse und Wissenschaft, das Gesundheitssystem, die Ökonomie und Medien Brustkrebs zu mehr machen, als einfach zu einer weiteren Krankheit, die behandelt werden muss. Die radikale amerikanische Frauengesundheitsbewegung in den Vereinigten Staaten hat den Weg zu vielen Erkenntnissen bereits gewiesen und die Notwendigkeit einer radikale Re-Vision verdeutlicht, damit die „Brustkrebsepidemie“ in den USA gestoppt werden kann.

Kasper und Ferguson haben insgesamt 11 Essays zusammengestellt, die die Argumente für das Verständnis von Brustkrebs als einer sozial konstruierten Krankheit erklären. Sie beginnen mit einem Vorwort, in dem die Brustchirurgin und Wissenschaftlerin Susan Love eine Überblick über Zusammenschlüsse von Frauen gibt, die sich in den USA vernetzt haben, um Veränderungen in der politischen und gesundheitsbezogenen Landschaft im Interesse von Frauen auf den Weg zu bringen.

Verschiedene Schwerpunkte werden umfassender betrachtet:

  • Der historische Kontext: Diagnose und Behandlung, Brustkrebs als soziales Problem zwischen Ökonomie und Politik und Gedanken zu soziopolitischen Veränderungen. Im Teil 1 kommt auch Barron Lerner zu Wort, der erklärt, wie die Medizin aus der vermeintlich unheilbaren Krankheit Brustkrebs mit dem schlichten Erfinden einer völlig willkürlichen 5-Jahres-Überlebenszeit zu einer „heilbaren“ Krankheit gemacht hat. Überlebende in beliebiger Weise ohne wissenschaftliche Basis umzudefinieren, wird als fehlgeleitete Position herausgestellt, deren Erkenntnis sich bisher nur sehr langsam verändert.
  • Die Medikalisierung der weiblichen Brust wird beschrieben und aufgezeigt wie die Brüste von Frauen ideologisch und materiell umgewandelt werden in Körpermerkmale – ähnlich wie z.B. Körpergewicht – in ein medizinisch kontrollierbares Problem. Um eine Rückerstattungsmöglichkeit bei Krankenkassen zu erreichen, haben plastische Chirurgen beispielsweise die Krankheit „Hypoplasia“ für sehr kleine Brüste erfunden, als ein Beispiel dafür, wie das Gesundheitssystem in die Medikalisierung des weiblichen Körpers mündet. Die rekonstruktive Brustchirurgie wird eingeordnet in den größeren Kontext der Brustvergrößerung, buchstäblich durch Fachgesellschaften und die Vereinigungen der plastischen Chirurgen sowie die Hersteller von Brustimplantaten geformt, die diesen medizinischen Interventionen auf dem Fuße folgenden gesundheitliche Problematiken für die Frauen vollständig ausblenden, sie zu einer Laune unserer Bedenken gegenüber negativen Auswirkungen von Brustimplantaten machen. (In Deutschland gibt es bisher keinerlei kritisches Informationsangebot zu entsprechenden Leistungsangeboten.) Die vielen unterschiedlichen Probleme mit Brustimplantaten wie die Verschlechterung der Möglichkeit, Brustkrebs zu diagnostizieren, zusätzliche unnötige Biopsien, Probleme im Zusammenhang mit der Stillfähigkeit und negative Auswirkungen auf das gestillte Kind werden Frauen so gut wie möglich verschwiegen, ganz ab gesehen von der Tatsache, dass Brustimplantate nicht ewig im Körper der Frau verbleiben können, die meisten sind nach wenigen Jahren bereits wieder entfernt und der Zustand nach Entfernung sich durchaus einer Brustamputation annähern kann, da dann eben auch Eigengewebe zusätzlich verloren geht, während die Deformationen und Schmerzen der Vernarbungen hinzukommen können. Die fehlende Information und Herstellung eines „informed consent“, eingebettet in den akzeptierten medizinischen „Standard“ bleibt problematisch und langfristig schwer zu verarbeiten für betroffene Frauen.
  • Auch soziale Faktoren begünstigten Brustkrebs und würden in der Forschung ignoriert, so etwa der ungleiche Zugang zu Versicherungsleistungen (US), schlechte Wohnverhältnisse und schlechte Arbeitsbedingungen oder schlechter Bildungsstand von Frauen führten auch zu schlechteren Überlebenschancen für diese Betroffenen
  • Verschiedene Kapitel des Buches befassen sich außerdem mit den Zusammenhängen zwischen Brustkrebs und Umwelt (z.B. Sandra Steingraber). Kasper und Ferguson stellen dabei die Verringerung der Erkrankungsraten als eines der vordringlichen Ziele für Forschung und klinische Praxis heraus, bei der, wie das Beispiel des Umgangs mit Hormonen in der medizinischen Praxis sehr gut aufzeigt, noch viel Spielraum besteht, während die Profite der Konzerne, um an der Krankheit zu verdienen, zurückgedrängt werden müssen und das Schweigen über Umweltfaktoren im Zusammenhang mit der Brustkrebsentstehung gebrochen werden soll.

Bibliographische Angaben

Breast Cancer: Society Shapes an Epidemic: Anne S. Kasper and Susan J. Ferguson. New York, St. Martin’s Press, 2000. ISBN 0-312-21710-2

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Quellenangabe

Buchrezension Bonnie B. Spanier, Signs, Vol. 28, No. 3, Gender and Science: New Issues (Spring, 2003), pp. 983-987

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