Die Brustkrebs-Barbie

(Zuletzt aktualisiert: 31. Oktober 2006)
von Jeanne Sather
Jedes einzelne Teil, das die Brustkrebs-Barbie trägt, ist rosa: Handschuhe, Abendkleid, die gesprenkelte Stola, Lippenstift und die winzige rosa Schleife auf ihrer linken Schulter. Die Stola ist quer um die Schulter gelegt und im Rücken zusammengehalten, genau wie die kleine rosa Schleife als Symbol für das „Bewusstsein gegen Brustkrebs“. Die Verpackung ist natürlich auch rosa. Ich linse unter die vier Lagen von Tüll, die die Puppe von den Füßen bis zu den Knien bedeckt, um die Schuhe anzusehen und muss in der Tat feststellen, dass sie barfuß ist. Aber das ist ein Ablenkungsmanöver, vielleicht sind alle Puppen aus der Barbie-Sammlung wie diese eine „Pink-Label-Andenken-Puppe“ barfuß? Oder bin ich etwa geneppt worden?
Als Frau, die mit Brustkrebs und minus einer Brust lebt und sich über jedes neu hinzugekommene „rosa-Schleife-Produkt“, das im „Namen der betroffenen Frauen“ jedes Jahr im Oktober auf den Markt kommt, doch eigentlich freuen sollte, habe ein paar Fragen dazu im Kopf…Was sagt diese Schönheitskönigin oder Märchenprinzessin, diese PUPPE im rosa Kleid über mich und meine Erfahrungen mit Brustkrebs? Die Antwort ist: Nichts.Nichts. 

— Die Puppe vermittelt mir keine Hoffnung.

— Die Puppe vermittelt auch kein positives Bild einer tapfer mit Krebs lebenden Frau.

— Und mit dem Verkauf der Puppe sind nicht einmal geeignete Möglichkeiten verknüpft, Spenden gegen Brustkrebs zu sammeln.

Barbie, die Puppe, die für viele Frauen mit einer Art Hassliebe verknüpft ist, war immer schon ein bisschen mehr als nur eine Puppe, vor allem aber war sie über Jahrzehnte ein Bestseller. Natürlich, die Schizophrenie der US-Kultur bewirkt, dass wir sie wohl lieben. Die erste Barbie kam 1959 auf den Markt. Wenn diese Puppe mich repräsentiert, oder etwa die durchschnittliche Frau mit Krebs, so müsste sie älter sein. Ich war 43, Barbie ist 18 oder vielleicht 22 jetzt.

Außerdem müsste die Barbie, wenn sie uns repräsentierte, mit einem Sortiment von Perücken und Kopftüchern ausgestattet sein, das haben die Designer bei Mattel, die die „glitzernde Tüllstola, die an den Kult der rosa Schleife erinnert“ entwarfen, vergessen. Auch haben sie eine Brustprothese (oder auch zwei) vergessen, und das, obwohl doch auch Ruth Handler, die die Barbie erfunden und nach ihrer Tochter benannt hat, bereits 1970 eine Mastektomie zur Behandlung ihrer Brustkrebserkrankung hatte. Presseberichten und der Konzerngeschichte zufolge war es ihr nicht möglich, eine Brustprothese zu finden, die sich natürlich anfühlt. Deswegen entwarf sie dann ihre eigenen, die sie sich 1975 mit dem Markennamen „Nearly me“ („Fast wie ich“) patentieren ließ. Ruth Handler starb im Jahr 2002 im Alter von 85 Jahren.

Die Brustkrebs-Barbie bräuchte eigentlich noch einige weitere essentielle Chemo-Accessoires, so etwa eine kleine, pinkfarbene Toilette mit Abzug, wenn das Erbrechen kommt. Und – natürlich – die Strümpfe für ihre Arme, um dem Lymphödem vorzubeugen. Diese könnten ebenfalls rosa sein, wie die Handschuhe. Okay, es macht nicht so viel Spaß, mir Barbie mit einem winzigen (rosafarbenen) BH und einer winzigen abnehmbaren Brust vorzustellen, zurück zum Punkt.

Warum sollte man diese Puppe kaufen?Inspiration. Mattel sagt, die Puppe ist eine Inspiration. Ich sage: Nein. Worte wie Empowerment, Hoffnung und Stärke auf dem Schriftzug im inneren der Verpackung tun es nicht. Ich habe Brustkrebs, Runde 1 geht an mich.

Geld für den „guten Zweck“(Cause Marketing)

Mattel sagt, man will $ 100.000 für den Verkauf der Puppe an Komen spenden. Ich bin überwältigt bei so viel Großzügigkeit. Es ist nicht nur ihr Geld, und es sind Peanuts. Meine Krebsbehandlung wird mehr als 300.000 US-Dollar in diesem Jahr kosten. Das sind die Kosten für eine Frau in einem Jahr. Eine Spende von $ 100.000 wird kaum ausreichen für die Reagenzgläser bei einer durchschnittlichen klinischen Studie. Runde 2 für mich.

Als Geschenk für ein Kind, das von Brustkrebs betroffen ist

Mattel sagt auf der Rückseite der Brustkrebs-Barbie-Verpackung „Die Barbiepuppe bietet die großartige Möglichkeit, Kinder über die Krankheit und ihre Folgen (s. oben, Perücken, Toiletten etc.) zu schulen und Unterstützung, Hoffnung und Trost zu geben. Heute sind viele Kinder mit Brustkrebs konfrontiert, weil die Erkrankung die Mutter, Großmutter, Bekannte, Freundinnen oder ihre Lehrerinnen betrifft. Wir hoffen, dass die „Pink Ribbon Barbiepuppe“ hilft, den Dialog zu beginnen und den richtigen Ton zu unterstützen.“

Ich bin nicht hier, um Witze zu machen. Man sollte diesen Marketingschwindel nicht ernst nehmen und diese Puppe nicht für ein Kind kaufen, dessen Mutter oder Großmutter Brustkrebs hat. Bitte nicht. Es gibt bessere Geschenke: Deine Zeit, deine Achtung. Wenn ein kleines Kind sie haben will, meinetwegen als Krankenhausgeschenk oder damit es Doktor spielen kann. (Aber es ist so offensichtlich, mit einem Doktorkoffer um die Ecke zu kommen, wenn die Mutter im Bett liegt, also sollte man sehr sensibel sein.)

Meine beiden Söhne waren 8 und 13, als ich die Diagnose Brustkrebs erhielt. Und ich weiß, wie schwierig dieser Umstand gerade für Kinder sein kann. Es ist schwer zu glauben, dass Mattel gerade diesen letzten Punkt wirklich ernst nimmt. Da ist kein Hinweis auf der Website von Mattel, auch nicht auf der Elternseite, wo man sich einen Newsletter mit „Tipps für Eltern“ bestellen kann. Die Botschaft von Barbie war schon immer: Kauf mich. Fall nicht drauf rein, besonders nicht im Oktober.

Meine Brustkrebs-Barbie genießt mittlerweile die Konservendose mit rosa Campbell-Suppe in einem Schrein für die Ahnungslosen in Amerikas Konzernen.

Dank geht an Jeanne Sather für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und Veröffentlichung an dieser Stelle. Das © copyright liegt bei Jeanne Sather.

Weiterlesen

Jeanne Sather im Original lesen …

Jeanne Sathers Blog „The Assertive Cancer Patient“ (Die durchsetzungsfähige Krebspatientin):http://www.assertivepatient.com/

http://www.assertivepatient.com/2006/10/breast_cancer_b_1.html

Breast Cancer Action Germany – 31. Okt, 02:41

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