Krankheitsvermeidung und Umweltbrustkrebsbewegung: Barbara Leys Buch "From Pink to Green"

(Zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2016)

Buchcover From Pink to Green von Barbara L. Ley„From Pink to Green: Disease Prevention and the Environmental Breast Cancer Movement“
von Barbara L. Ley
Reihe: Critical Issues in Health and Medicine
ISBN 978-0-8135-4531-8, 978-0-8135-4530-1
New Brunswick u.a. Rutgers University Press im Juli 2009

Text: Gudrun Kemper

„From Pink to Green“  aus der „Reihe Kritische Positionen in Gesundheit und Medizin“ (Critical Issues in Health and Medicines Series) von Barbara Ley (Jg. 1972), die an der Universität von Wisconsin-Milwaukee Journalismus und Kommunikation der Massenmedien lehrt, bietet einen tieferen Einblick in die Brustkrebs- und Umwelt-Thematik und beschreibt Entwicklungen innerhalb der Brustkrebsbewegung im größeren Kontext von Frauengesundheit, Umwelt und Gesundheitsbewegungen. In diesem Buch werden verschiedene der bekannten Organisationen von Breast Cancer Action bis Komen und ihre Strategien an den Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft  und Gesundheitswissenschaften unter Einbeziehung öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten mit ihren Implikationen für die öffentliche Gesundheit und dem Umgang mit Krankheit in unserer Gesellschaft untersucht. Barbara Leys Anliegen mit ihrem Buch ist es, das Verständnis für die Umweltbrustkrebsbewegung auch auf wissenschaftlicher Ebene zu verbessern und Verständnislücken durch den Austausch bzw. die Bereitstellung von Wissen zu schließen.

Dem Buch liegen ihre Forschungsarbeiten aus dem Zeitraum von 14 Jahren (1995 bis 2008) zugrunde. Es ist wiederum eines der Bücher, die wir in deutscher Sprache schmerzlich vermissen müssen, wie auch wichtige Bücher etwa von Galye Sulik, Barron Lerner, Devra Davis (mit der Barbara Ley eng zusammengearbeitet hat und deren Forschungsschwerpunkt endokrine Disruptoren und Brustkrebs sind), Sharon Batt oder Ellen Leopold.

Umwelt Brustkrebs Bewegung

Eine „Umweltbrustkrebsbewegung“ ist in Europa oder Deutschland mit Ausnahme der Aktivitäten von „Women in Europe for a Common Future“ praktisch unbekannt. Organisationen hier und in Europa werden praktisch fast ausschließlich durch die pharmazeutische Industrie gesponsert bzw. die Gruppen und Organisationen kleben eng am Saum der großen Fachgesellschaften, die in den Beschreibungen von Barbara Ley ihre Rolle als Teil der Krebsindustrie spielen. Widersprüchliche bis ungesunde Sichtweisen und Prioritäten der Brustkrebsorganisationen, die vor ganz unterschiedlichen Hintergründen angetrieben werden, macht Ley offensichtlich und zeigt auf, dass Frauengesundheitsorganisationen per se nicht einheitlichen Zielen folgen. Sie kritisiert das breitere „kulturelle“ Milieu um die „rosa Schleife“ mit den dazugehörigen „Bewusstseinskampagnen“ als Teilbereich jener Krebsindustrie, die Umweltrisiken seit Jahrzehnten erfolgreich herunterspielt, um ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen auch zukünftig erfolgreich zu schützen. „From Pink to Green“ erforscht die Schnittstellen zwischen Brustkrebsaktivismus und Gesundheitswissenschaften unter Einbeziehung der Debatte zu öffentlicher Gesundheit und Umweltpolitik in den USA.

Eine Bewegung entsteht

In „A Movement in the Making“ beschreibt Barbara Ley den Kauf einer Postkarte, die sie im November 2000 in einem Buchladen ersteht: Sie zeigt Raven Light, fotografiert von Susan Liroff 1994. Eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren steht dort und zeigt die Narbe auf ihrer rechten Brust, eine Hand in die Hüften gestemmt, trägt sie in der anderen ein Plakat mit der Aufschrift: „Invisibility equals death“[1] (Unsichtbarkeit entspricht dem Tod). Einige statistische Daten befinden sich auf der Karte, die man heute fortsetzen könnte:

  • 1964 – 1 von 20
  • 1980 – 1 von 14 
  • jetzt [= 1994] – 1 von 8

Seit 1971 wurde mehr als eine Billion Dollar für Krebsforschung und Behandlung ausgegeben. Wo sind sie geblieben? [Stand 1994!]

Auf der Rückseite der Postkarte befindet sich ebenfalls eine Botschaft:

„Brustkrebs ist der Killer Nummer 1 bei Frauen zwischen 35 und 50. Die Krebsindustrie fährt fort, die Zusammenhänge zwischen ansteigenden Krebsraten und der Kontamination von Luft, Nahrungsmitteln und Wasser zu ignorieren. Wir fordern, dass unser Leben höher wertgeschätzt wird als finanzielle Profite, und adäquate Gesundheitsversorgung für alle.“

Wider kulturelle und gesellschaftliche Standards

Der Verkäufer in dem besagten Buchladen schenkt Barbara Ley die Postkarte schließlich und erklärt ihr, dass er sie nicht verkaufen könne, da sie gegen Brustkrebs sei und man dafür nichts bezahlen sollen müsste. Ley erkennt an dieser Stelle die machtvolle Resonanz auf Brustkrebs in der Gesellschaft und beschreibt die dazugehörige politische Kultur im gegenwärtigen amerikanischen Lebensstil. So sieht sie die Postkarte auch als eine Facette einer zunehmend einflussreichen politischen Kultur, der „Umweltbrustkrebsbewegung“. Die Postkarte sei zugleich ein Symbol für das Versagen des in den 1960er Jahren in den USA ausgerufenen „Krieges gegen den Krebs“ (War against Cancer). Darüber hinaus zeige die Postkarte eine Frau, die sich bestimmten gesellschaftlichen Anforderungen und kulturellen Standards von Weiblichkeit mit ihren kurzen Haaren, ihrem ungeschminkten Gesicht und dem öffentlichen Zeigen ihrer Mastektomienarbe entzieht.

Ursachen erkennen

Ley beschreibt, dass diese Gruppen von Frauen sich im Zusammenhang mit Brustkrebs den krank machenden Ursachen von Umweltverschmutzung entgegenstellen und vernetzt mit Frauengesundheitsnetzwerken, Umweltorganisationen und Organisationen arbeiten, die sich für öffentliche Gesundheit einsetzen. Die Kritik dieser Organisationen richtet sich vor allem gegen die „Krebsindustrie“ und andere Praktiken und Formen von Konzernmacht, die die Ursachen von Krankheit und Krebsvermeidung generell unbeachtet lassen.

Die Wirkung der endokrinen Disruptoren spielt hierbei in der wissenschaftlichen und politischen Landschaft damals bereits eine Rolle. Mit dem Schwerpunkt auf Emissionen, auf krank machenden, giftigen, schädlichen, toxischen Schadstoffen, versucht die Umweltbrustkrebsbewegung das Paradigma des Brustkrebsproblems in ihrer Adressierung, bei der üblicherweise den erkrankten Frauen selbst die Schuld zugeschoben wird, zu verändern. Dabei entstehe eine neue Vision von öffentlicher Gesundheit, Biomedizin, Wissenschaft und Umweltpolitik, die auch eine neue Vision sozialer, politischer, kultureller und alltäglicher Lebensformen sei. Die Vermeidung von Brustkrebs bedeute vielfach ein Zusammengehen mit Verbesserungen der Umweltgesundheit für alle.

Die Rolle der Umweltbelastungen – Umwandlung der bestimmenden Vorurteile

Ley hält fest, dass auch in den USA Brustkrebs eine der gefürchtetsten Krankheiten bei Frauen sei. Wenn man die unzähligen persönlichen Geschichten und Erfahrungen von Frauen sähe, so käme diese Angst nicht überraschend. Die Funktion der Brust als kulturelles Symbol für weibliche Sexualität und Mutterschaft spiele in dem komplizierten Prozess von Krankheit, Identität und Selbstwert eine Rolle. In der Tat ist es heute schwierig, einen Tag lang auszukommen, ohne durch irgendeine Zeitschrift, eine Werbetafel, TV-Sendung oder irgendein anderes Medium nicht mit der Krankheit konfrontiert und nicht zuletzt auch terrorisiert zu werden. Irgendjemand läuft mit einer „rosa Schleife“ herum. Beständig gibt es Spendenaufrufe im Zusammenhang mit Gegenständen des täglichen Bedarfs oder Konsumgegenständen – von Autos über Staubsauger, Kosmetika, Bekleidung, Lebensmittel etc. Für irgendeine der unzähligen Brustkrebsorganisationen wird immer gerade PR gemacht. Auch wenn sich Beschreibungen für Brustkrebs bereits in der Antike finden und auch Ley den historischen Forschungen z.B. von Ramazzini[2] nachgeht, wäre die Krankheit in ihrer Häufigkeit und Allgegenwärtigkeit – in den USA erkrankt derzeit jede 7. Frau [3] – eine Ausprägung unserer industrialisierten Welt.

In der Gegenüberstellung arbeitet Ley heraus, dass die Verantwortlichkeit für die Krankheit nicht allein im nicht hinreichend gesundheitsbewussten Verhalten des einzelnen Individuums liegt, und sie bietet einen thematischen Einstieg zur Rolle, die Umweltbelastungen dabei spielen.

Eine Umweltbrustkrebsbewegung gibt es hier bei uns und in Europa nicht, doch wir bräuchten sie. Die Lektüre von Barbara Ley lohnt sich für alle, die Interesse an den Hintergründen von Frauenorganisationen und ihrer Arbeit am Thema Brustkrebs bzw. besonders an der Umweltthematik haben. Eine deutschsprachige Ausgabe des Buches wäre sehr wertvoll.

 


[1] s. auch http://www.womensart.com/artists/liroff/pages/postcard.htm
[2] Ramazzini, B De morbis artificum diatriba. Venetiis 1743 bzw. 1700 und 1705
[3] Als Quelle wird hier Breast Cancer and the Environment: State oft he Evidence. 4. Aufl., S. 13 genannt. 
 
Bildnachweis: Courtesy Barbara L. Ley
 

Weiterlesen

Brustkrebs und Umwelteinflüsse (Broschüre von AKF e.V. und WECF e.V.)

1 Kommentar
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