Angelina Jolie, Genpatente und die Medien

(Zuletzt aktualisiert: 6. September 2015)

In einem Artikel (Angelina’s Mastectomy & Media’s Lobotomy) von Chris Kanthan im Fog City Journal8643 1, auf den Breast Cancer Action Montreal uns gerade aufmerksam gemacht hat, ist eine interessante Diskussion zur Medienberichterstattung über Angelina Jolies Mastektomie enthalten. Kanthan beschreibt die Berichterstattung als in erster Linie sehr emotional und überdies irreführend. Logische Erkenntnis: Die Medienberichterstattung erhöht den Run auf Gentests – mit der tragischen Folgeerscheinung, dass viele weitere Frauen prophylaktische Mastektomien vornehmen lassen. Gentests seien eine Form der Wahrsagerei, nur eben wissenschaftlicher, genauer und natürlich besser. Der Fortschritt der Selbstverteidigung, den die Gentests versprächen, wäre schön, aber eben doch zu schön, um wahr zu sein …

Die Myriad-Gentests

Myriad Genetics, Hersteller der Gentests, hat auf der einen Seite massiv von öffentlich-rechtlicher Forschung, öffentlich geförderten Gendatenbanken und der Arbeit von WissenschaftlerInnen und Universitäten profitiert. Auf der anderen Seite wurden – an den eigenen wirtschaftlichen Interessen orientiert – Zweitmeinungen, die für Menschen in medizinischen Entscheidungsprozessen essentiell sein können, durch eine von Myriad Genetics unabhängige Prüfung unterbunden. Damit sei Menschen abverlangt worden, ohne Zweitbeurteilungen durch unabhängige externe Prüfungen der Testergebnisse auszukommen. Dieses nicht am Gemeinwohl orientierte Verhalten ist dabei zugleich sehr profitabel: Mit den über 3.000 US-$ teuren Tests habe Myriad allein im vergangenen Jahr mehr als 500 Millionen US-$ eingenommen.

Fragen zur Testsicherheit sind offen: Mit tragischen Schlussfolgerungen für die Frauen

Ferner stellt Chris Kanthan die Sicherheit der prognostischen Aussage – und die bei Jolie prognostizierten 87% – in Bezug auf eine zukünftige Krebserkrankung erheblich in Frage. Die Marketing-Effekte für die Myriad-Gentests seien beeindruckend gewesen und hätten schlicht darauf beruht, dass die Gene BRCA (Brustkrebsgene) genannt worden seien. Diese Namensgebung hält er für zu simpel und ebenfalls für irreführend, sie berge überdies eine Fülle falscher Versprechen in sich. Die vielen Unwägbarkeiten, die sich in menschlichen Genen bis dato verbergen, sollten genauer betrachtet werden. Es sei für die Wissenschaft noch ein langer Weg bis zum Verständnis von DNA und Genen. Man wisse nicht einmal sicher, wie viele Gene es überhaupt seien und welche davon wiederum „aktiv“ sind. Die zunächst auf 98% geschätzte sog. „junk DNA“ 2 sei zunächst für bedeutungslos gehalten worden. Nun erkenne man jedoch, dass eben genau diese „junk DNA“ eine enorme Rolle bei der Regulierung aktiver Gene spielen könne. Unsicherheiten, mangelndes Verständnis – z.B. für unterschiedliche auslösende Faktoren – und statistische Rückschlüsse könnten zu schrecklichen und falschen Schlüssen führen.

Im Zusammenhang mit Brustkrebs werden gleich eine ganze Latte anderer Gene genannt, die in einen Zusammenhang mit der Entstehung der Krankheit gebracht werden (CDH2, STK11, TP53, AR, ATM, BARD1, CHEK2, ERBB2, NBN, SATB1 usw. usw. usw.. ATM könne das Brustkrebsrisiko verdoppeln, SATB1 könne mehr als 1.000 andere Gene beeinflussen und werde in besonders aggressiven Tumoren gefunden, und die doch nicht „junk DNA“ spiele auch eine Rolle).

Problematische Verknüpfung: Genetik und Vererbung

Kritisch geht Kanthan auch mit der Verknüpfung der Begriffe „Genetik“ und „Vererbung“ ins Gericht. Alle Krebserkrankungen seien möglicherweise „genetisch“ bedingt, und zwar in dem Sinne, dass bestimmte Gene im Laufe der normalen Lebenspanne ihre Funktionsfähigkeit verlieren. Bei 90 bis 95% aller Brustkrebserkrankungen geht man jedoch nach heutigem Verständnis davon aus, dass sie „erworben“ wurden bzw. „sporadisch“ entstehen. Anstatt diese 95% zu betrachten, werde obsessiv der Blick auf die 5% gerichtet, häufig überdies präsentiert mit weiteren irreführenden oder falschen Informationen.

Wege der Irreführung: Wer profitiert davon?

Die größte Quelle für Verwirrung (Desinformation) im Zusammenhang vieler medizinischer Fragen sieht Chris Kanthan in Konzernprofiten. Ob Medikament, Test oder medizinische Maßnahme, wenn Profite gemacht werden können, setze sich die PR- und Marketing-Maschinerie in Gang und Menschen würden bombardiert mit einem Wechselbad von Versprechungen für Allheilmittel und Schreckensnachrichten über mögliches Unheil. Mammographien und Gentests seien Beispiele für solche Schreckensszenarien, von denen Konzerne mehr profitierten als die Frauen.

Medienlandschaft und Medienbotschaft

Medien im Besitz einer Handvoll gigantischer Konzerne kontrollierten tausende Zeitungen, Radiosendungen und Zeitschriften. Die Interessen von großen pharmazeutischen und Medizinkonzernen seien exakt identisch mit denen der Konzernmedien, in den Leitungsetagen säßen in Personalunion oft sogar die selben Leute. Kanthan listet dafür eine Reihe von Beispielen auf. Und genau hier sieht er auch die Gründe, warum das Zusammenspiel von Konzernmedien und Konzernen andere Ursachen für die Krankheit wie Ernährung, Pesitizide, Herbizide, Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln und endokrine Disruptoren in Kosmetika als Risikofaktoren im Dunklen lasse bzw. herunterspiele. Könnten Parabene, Chemie in Shampoo, Seife oder Deo irgendetwas mit Brustkrebs zu tun haben? Könnte „Bio“ gesünder als Gentechnik oder mit Pestiziden aufgesättigte konventionelle Nahrung sein? Spannend ist auch Kathans Hinweis auf Syngenta und die Produktion von Herbiziden, die Brustkrebs durch die Aktivierung der Aromatase verursachen könnten, während die Schwesterfirma mit einem Medikament gegen Brustkrebs genau diese Aromatase hemme. Wir leben, so die Schlussfolgerung, in einer komplexen Welt, in der die Realität durch Marketing, Werbung und Profitgier ausgeblendet wird.

Der Autor, Chris Kanthan, verfügt über Unidiplome in Physik, Technik und Wirtschaft und macht sich Sorgen speziell über Politik, Finanzwelt und Ernährung. Er ist u.a. Autor eines E-Books:  Deconstructiong Monsanto (über gentechnisch veränderte Pflanzen und den Konzern, der dahinter steht), das bei amazon sehr preiswert erworben werden kann.

Mehr zum Thema

Angelina Jolie, BRCA-Gentests und genetisch bedingter Brustkrebs, Pressemeldung Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. vom 05.06.2013, mit Link zur Erklärung des AKF

Angelina’s Mastectomy & Media’s Lobotomy von Chris Kanthan im Fog City Journal v. 21.06.2013

Nachtrag

Am 14.03.2015 wurde auf der Website „gesundheitsstadt-berlin.de das hauptstadtnetzwerk“ ein Artikel mit folgendem Titel veröffentlicht: Forscher entdecken 15 neue Risikogene für familiären Brustkrebs. Forscher haben 15 bislang unbekannte Genvarianten entdeckt, die mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko verbunden sind. Damit seien „nun insgesamt 90 dieser winzigen Erbgutvariationen (SNPs, single nucleotide polymorphisms) bekannt, die das Brustkrebsrisiko beeinflussen.“ BRCA 1 und 2 sind nur zwei von ihnen.

References

  1. 1. Fog City Journal ist ein Bürgerjournalismus-Projekt aus San Francisco, das Themen beleuchtet, die sonst eher unterbelichtet bleiben http://www.fogcityjournal.com/wordpress/about/
  1. 2. s. dazu auch Wikipedia „Nichtkodierende Desoxyribonukleinsäure“ http://de.wikipedia.org/wiki/Nichtkodierende_Desoxyribonukleins%C3%A4ure
3 Kommentare
  1. […] weltweit zunehmend Akzeptanz als Präventionsstrategie gegenüber Brustkrebs erfährt (s. dazu auch Angelina Jolie, Genpatente und die Medien und Angelina Jolie, BRCA-Gentests und genetisch bedingter Brustkrebs). Es gibt auch hier […]

  2. […] zunehmend seit der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, seitdem verschiedene prominente Frauen wie Angelina Jolie, Christina Applegate u.a. ihre persönlichen Wege des Umgangs mit Krankheit und Genveränderungen […]

  3. […] zunehmend seit der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, seitdem verschiedene prominente Frauen wie Angelina Jolie, Christina Applegate u.a. ihre persönlichen Wege des Umgangs mit Krankheit und Genveränderungen […]

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