Brücke nach Irgendwo: Abschied vom herkömmlichen System der Nahrungsmittelindustrie

(Zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2016)

Sandra Steingraber Reihe 4 / G. Kemper

Sandra Steingraber >>> Webseite ihres Films

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Warum berichten wir immer wieder aus den USA? Ganz einfach, die spannenden und wichtigen Diskussionen, die dort im Gange sind, werden hier kaum geführt. Verwiesen sei trotzdem insbesondere auf WECF e.V. (Women in Europe for a Common Future, deren Webseite gerade aktualisiert wurde), BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) und Greenpeace, die ebenfalls eine Reihe von Informationen zu Umwelt und Krebsentstehung bereitstellen, auch zum Schwerpunktthema Brustkrebs.

In der Huffington Post vom 7. Juni 2010 antwortet Sandra Steingraber, Biologin, Ökologin, Krebsüberlebende aus New York, auf den Bericht des President’s Cancer Panel. Nach dem Bericht spielten Umweltfaktoren bei der Entstehung von Krebserkrankungen eine sehr viel größere Rolle als bisher angenommen. Sandra Steingraber nimmt eine besondere Rolle ein, da sie einerseits ihre Arbeit fachlich untermauert und andererseits mit ihrem persönlichen Schicksal emotional für Action sorgt, eine Strategie, mit der sie zur Zeit viel Anerkennung und Aufmerksamkeit erhält, die man bei allem Respekt für die Wichtigkeit ihres Anliegens jedoch durchaus auch kritisch sehen muss. Sie verweist zunächst auf >>> Theodore Roosevelt, der bereits vor rund 100 Jahren zu einem sorgsamen Umgang mit Ressourcen in unserer Natur, die als Vermögen zu behandeln sei und deren Wert es zu steigern und nicht zu entwerten gelte, aufrief (The nation behaves well if it treats the natural resources as assets which it must turn over to the next generation increased, not impaired, in value). Dieser Satz ist zur beständigen Mahnung im Kapitol in die Wand geschrieben.

Sandra Steingraber berichtet, dass sie am 21. Mai an einer Arbeitsbesprechung im Kongress (Parlament in den USA, entsprechend wäre dies hier der Deutsche Bundestag) teilgenommen hat, an dem MitarbeiterInnen aus dem Sonderforschungsbereich Gesundheit und Umwelt, leitende Politikerinnen und Breast Cancer Fund teilnahmen. Breast Cancer Fund ist eine derjenigen Gruppierungen, die eng mit Breast Cancer Action zusammenarbeiten und das Schwerpunktthema Brustkrebs und Umwelt bearbeiten, s. auch State of the Evidence, wir haben berichtet.

Sandra Steingraber stellte in der Huffington Post eine Präsentation vor, die sie gemeinsam mit dem Mediziner Dr. Ted Schettler, MPH (Master of Public Health), dem Epidemiologen Dr. Richard Clapp, MPH, Direktor des Massachusetts Krebsregisters und Professor an der Boston University’s School of Public Health, erarbeitet hat.

Ein paar Stunden vor der Vorführung ihres neuen Films Living Downstream besuchte Steingraber eine Hominiden-Ausstellung im Smithsonian Insitute mit Hominiden wie Lucy (Link zur virtuellen Ausstellung des Museums „What does it mean to be human“ – Was bedeutet es, Mensch zu sein, Hominiden sind Menschenaffen), was sie als Biologin eben besonders interessiere, und weiter berichtet sie von ihrem besonderen Grund, diese Ausstellung zu besuchen.

Ihre 11-jährige Tochter Faith hatte sich ein Jahr zuvor die Haare um 25 cm kürzen lassen. Sie schenkte ihr Haar dem Bildhauer John Gurche, der an den Rekonstruktionen der frühen Menschen arbeitet und in der Nachbarschaft der Familie Steingraber lebt. Ihre Tochter wollte hören, was aus ihren Haaren geworden sei. Denn für Faith war die Spende ihrer Haare eine doppelschneidige Geschichte geworden, nicht, weil ihr die Haare fehlten, sondern weil sie ihre Haare sonst einer Organisation spendete, die Perücken für Kinder mit Krebserkrankungen herstellt. Faith fragte sich, ob sie mit ihrer Spende für einen Vorzeitmenschen nicht etwa ein lebendes menschliches Wesen benachteiligt hätte.

In den USA sind insbesondere in den letzten 30 Jahren die Krebserkrankungen bei Kindern stark angestiegen. In amerkanischen Mittelschulen sei es deswegen normal geworden, dass Mädchen ihre Haare spendeten für andere Kinder, die wegen der Krebsbehandlung keine Haare haben.

Sandra Steingraber meint, wenn Mädchen im Mittelschulalter, die keineswegs immer in dem Ruf stünden, besonders nett zu sein, so fürsorglich gegenüber Gleichaltrigen mit Krebs sein könnten, sollten Erwachsene es nicht nur kurios finden, sondern sie dazu veranlassen, mehr zu tun, um die Krebsentstehung bei jungen Menschen zu verhindern. Und diesbezüglich habe der Bericht des President’s Cancer Panel einiges zu bieten:

  • Pestizide würden als Gifte designt, die absichtlich vergifteten und absichtlich in die Umwelt eingebracht würden. Mehr als einige wenige davon wären in der Lage, Krebserkrankungen zu begünstigen.
  • Im Bericht seien harte Daten dafür enthalten, dass Menschen routinemäßig Chemikalien ausgesetzt sind, die in der Landwirtschaft verwendet würden und die uns auf zahlreichen Wegen wieder erreichten. Auf den Feldern eingesetzte Pestizide fänden sich in den Teppichen aus Naturmaterialien, auf denen Kinder krabbeln. Petizide seien in der Luft, die wir atmen, im Wasser, das wir trinken und in der Nahrung, die wir essen.
  • Besonders gefährdet seien Kinder und Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiteten. MitarbeiterInnen in der Landwirtschaft hätten erhöhte Raten bei Krebserkrankungen, ebenso wie deren Kinder, bei denen Leukämie häufiger sei.
  • Von endokrinen Disruptoren (hormonell wirksame künstlich hergestellte Chemikalien, die vom Organismus aufgenommen werden und das Hormonsystem empfindlich stören) bringen weitere Gefahren aus, als Kind oder junges Mädchen kontaminiert in verletzlichen Phasen des Lebens, stiege zu einem späteren Zeitpunkt die Empfänglichkeit für Brustkrebs.
  • Der Bericht empfehle, sich mit Bioprodukten zu ernähren, mit Nahrungsmitteln, die ohne den Einsatz von Pestiziden hergestellt werden, um uns selbst und unsere Kinder vor toxischen und hormonell aktiven Substanzen zu schützen.

Steingraber findet diese Anweisungen gut und richtet sich in ihrem eigenen Haushalt bereits länger nach solchen Empfehlungen. Doch ein Paket Twinkies  – ein amerikanisches Industriegebäck mit Füllung – sei immer noch billiger als ein Paket Biokarotten. Das ist bei uns nicht viel anders, wer „Bio“ kauft weiß, es ist deutlich teurer. Steingrabers Meinung nach ist nun die Regierung gefordert, zur Prävention von Krebs beizutragen, Bionahrungsmittel verfügbar und bezahlbar für alle zu machen und sich vom derzeitigen System der Nahrungsmittelversorgung und seinen Abhängigkeiten von Karzinogenen zu verabschieden.

Quellenangabe

A Bridge to Somewhere – Responding to the President’s Cancer Panel Report (Teil 1, wird fortgesetzt)

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Sandra Steingraber: Biologin, Ökologin, Krebsüberlebende

1 Kommentar
  1. […] körper – unser leben: 08.06.2010 – Brücke nach Irgendwo … Sandra Steingraber Teil 4 – Abschied vom herkömmlichen System der Nahrungsmittelindustrie. Was Sandra Steingraber zum […]

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