von Gudrun Kemper

- Screenshot, Artikel in der Frankfurter Rundschau
(Link führt zum Artikel [1.])
Patientinneninitiativen wie die Frauenselbsthilfe nach Krebs brauchen natürlich auch viel Fachwissen. Doch MedizinjournalistInnen müssen – anders als Patientinnenintiativen, deren Mitglieder “Laiinnen” sind – über so viel Fachwissen verfügen, dass sie die bestehende Situation kritisch betrachten und Knackpunkte aufzeigen. Einige der kritischen Aspekte fehlen uns in Anke Brodmerkels Artikel.
Die Frankfurter Rundschau (FR) bietet – anders als Standard (Österreich), Berliner Tagesspiegel, Spiegel oder diverse andere Medien – nur noch begrenzte Möglichkeiten des Kommentierens für Artikel auf der Titelseite. Deswegen an dieser Stelle ein Kommentar zu dem Artikel von Anke Brodmerkel, der gestern unter der Überschrift “Brustkrebsvorsorge: Der Preis der frühen Diagnose” erschienen ist.
Was zu kommentieren wäre
Beginnen wir gleich mit dem 1. Wort: Mammographie-Screening ist keine “Brustkrebsvorsorge”. Brustkrebsvorsorge wäre zum Beispiel:
- die Vermeidung von Karzinogenen,
- ein gesünderer Lebensstil,
- eine gesündere Lebensumwelt für Frauen,
- weniger Kontamination mit hormonellen Medikamenten oder ihre Reduzierung über den Kreislauf des Wassers, über den die Hormone unsere Körper in Form von Xenoöstrogen (”endokrine Disruptoren”, auch “Umweltöstrogene” genannt) erneut erreichen,
- eine Reduktion der Belastung mit ionisierenden Strahlen.
Doch an diesen Formen der Vermeidung von Brustkrebs – und damit echter “Vorsorge” – besteht nun mal kein geschäftliches Interesse, und deswegen spricht auch niemand davon. Obwohl es zynisch klingen mag: Anders sieht dies bei der Mammographie aus. Im Zeitalter des Gesundheitsmarktes haben mächtige Industrien ein Interesse an möglichst vielen Brustkrebsdiagnosen.
Ein “enormer Fortschritt” wurde nun also bei der Bereitstellung der Information zur Mammographie erreicht. Und immerhin, Risiken werden nicht mehr vollständig unter den Tisch gekehrt. Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser klingt allerdings etwas anders als in ihrem eigenen Artikel, auf den wir für unsere interessierten Leserinnen hier gern nochmals verweisen. Der Artikel hält zurzeit Rangplatz 1 in unserer >>> Übersicht der Materialien zum Mammographie-Screening (Mammographie-Screening: Aktuelle wissenschaftliche Daten und die Situation in Deutschland aus der Zeitschrift clio 69 vom November 2009).
Nicht einzusehen ist, warum das neue Merkblatt doch wieder (mehr oder weniger subtil oder versehentlich?) Frauen – mit von uns eher als irreführend bewerteten Informationen – ausgerechnet im Zusammenhang mit der Strahlenbelastung, die durch die Mammographie abgegeben wird, falsch informiert.
Desinformation – in Merkblättern?
Im Merkblatt lesen wir: “Dabei wird Ihre Brust zwischen Platten gedrückt. Je flacher die Brust gedrückt wird, desto niedriger ist die Strahlendosis und desto aussagekräftiger ist die Aufnahme. Das kann unangenehm oder auch schmerzhaft sein. Krebs kann dadurch nicht ausgelöst werden“.
Was zum Strahlenrisiko nicht im Merkblatt steht: “Dennoch muss das Strahlenrisiko, wie bei jeder röntgendiagnostischen Maßnahme, realistisch abgeschätzt und sorgfältig in Betracht gezogen werden. … Das zusätzliche, strahlenbedingte Lebenszeitrisiko dieser [nach europäischen Leitlinien mit Mammographie geröntgten] Frauen, an Brustkrebs zu erkranken, kann – je nach Studienkohorte und Risikomodell (in das nicht nur die Dosis sondern auch das Alter bei Strahlenexposition oder das Lebensalter eingehen) – Schätzwerte zwischen 0,01 und 0,1% annehmen.”[2] Mit anderen Worten: Schätzungsweise eine von 10.000 bis eine von 1.000 Frauen erkrankt wegen der Mammographie zusätzlich an Brustkrebs. Bei den Risikofaktoren für Brustkrebs werden Röntgenstrahlen weiter oben im Merkblatt zwar aufgeführt, allerdings ohne Bezug zur Mammographie.
Sind die im Merkblatt zum Screening-Programm zur Verfügung gestellten Informationen, die doch die Gefahr durch ionisierende Strahlung zumindest eigenartig darstellen, durch die Verantwortlichen übersehen worden? Verbesserungen bei der Bereitstellung der Information sind weiterhin erforderlich.
Aufschluss über die Auswirkungen des Mammographie-Screenings in Deutschland, dem größten Screening-Programm weltweit, werden zukünftig vorallem die Daten zu Brustkrebsraten und Brustkrebssterblichkeit geben. Unbefriedigend bleibt dabei, dass ein funktionsfähiges Krebsregister nach internationalen Standards beim Start des Programms nicht existierte – und bis heute nach internationalen Standards mangelhaft bleibt – und die Bewertung der Zahlen damit weiterhin ebenfalls problematisch bleibt. Steigen die Erkrankungsraten weiterhin stark an, ohne dass die Brustkrebssterblichkeit sinkt, sind die Befürchtungen der KritikerInnen des Programms zur Gewissheit geworden.
Heute bleibt die Frage, inwiefern der Diagnosezeitpunkt tatsächlich den Ausgang einer Brustkrebserkrankung beeinflussen kann. Die auch von Anke Brodmerkel benannten >>> Kennzahlen zur Mammographie müssten hier noch zeigen, ob sie wirklich richtig sind.
Quellen
[1.] Brokmerkel A.: Der Preis der frühen Diagnose, Frankfurter Rundschau 30.07.2010
[2.] Nekolla EA, Griebel J, Brix G: Einführung eines Mammographiescreeningprogramms in Deutschland. Erwägungen zu Nutzen und Risiko. Radiologe 2005 (45):245–254, online publiziert am 17.02.2005 >>> pdf
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Mammographie-Screening: Aktuelle Wissenschaftliche Daten und die Situation in Deutschland von Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser, Webseite der Universität Hamburg (pdf)