Eine der zentralsten Fragen für die meisten Frauen mit Brustkrebs ist diejenige, wie die Krankheit möglichst lange überlebt werden kann. Diverse Eingriffe mit Auswirkungen auf den körpereigenen Hormonhaushalt werden gerade bei Hormonrezeptor positivem Brustkrebs deswegen unternommen.
Als chirurgische Methode wird auch die Entfernung der Eierstöcke angewendet. In Bezug auf das Langzeitüberleben hat es hier eine Reihe von klinischen Studien gegeben, die den Effekt der Entfernung der Eierstöcke bei Brustkrebs (medizinisch wie die Entfernung der Brust ebenfalls auch als “Ablation” bezeichnet) untersuchten.
Die Forschungsgruppe Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group hat im Jahr 2008 eine systematische Übersicht der 15-Jahres-Ergebnisse verschiedener randomisierter Studien mit den Daten zu Krankheitsrückfällen und Todesfällen nach Entfernung der Eierstöcke bei “primärem” – das heißt hier “nicht metastasiertem” – Brustkrebs vorgelegt.
Alle recherchierbaren und nach randomisierten Kriterien durchgeführten Studien, die vor 1980 begonnen wurden, wurden verglichen mit anderen Methoden der Unterdrückung der Ovarialfunktion (Funktion der Eierstöcke). Neben der chirurgischen Entfernung der Eierstöcke wurde in 12 der 13 durchgeführten Studien die “Ablation” teilweise auch mit einer Strahlentherapie erreicht. In den ab ca. 1985 durchgeführten vier Studien, die die medikamentöse Unterdrückung der Ovarialfunktion untersucht haben, war dies jedoch nicht der Fall. Der Menopausenstatus wurde nicht in allen Studien berücksichtigt. Bei der Hauptanalyse wurden ausschließlich die Daten von Frauen unter 50 Jahren berücksichtigt (anstelle von “prämenopausal”). Der Östrogenrezeptorstatus wurde nur in den Studien mit “Ablation” der Eierstöcke plus Chemotherapie bzw. nur Chemotherapie erhoben, das ist wieder nicht sehr präzise gewesen.
Unter den 2.102 Frauen in dieser Analyse, die zum Zeitpunkt der Randomisierung unter 50 Jahre alt waren, waren die meisten bei der Brustkrebsdiagnose prämenopausal (Brustkrebs vor Beginn der Menopause). Es wurde 1.130 Todesfälle und 153 zusätzliche Krankheitsrückfälle berichtet. Statistisch ließen sich die Vorteile durch die ovarielle “Ablation” gut nachweisen. Nach 15 Jahren lebten noch 52,4% gegenüber 46,1% der Frauen ohne Ausschaltung der Eierstöcke, bzw. es waren 45% der Frauen mit “Ablation” rückfallfrei, während es ohne nur 39% waren. Der Vorteil zeigte sich sowohl bei Frauen mit befallenen Lymphknoten, wie auch ohne befallene Lymphknoten. Es gab Hinweise darauf, dass bei Frauen, die außerdem eine Chemotherapie erhalten hatten, der Effekt durch die Ausschaltung der Eierstöcke geringer war als in den vergleichenden Studien, in denen keine Chemotherapie gegeben wurde. [Die Chemotherapie soll in dieser Beobachtung einen Überlebensvorteil für 6% der Patientinnen ohne befallene Lymphknoten und 12% für Frauen mit befallenen Lymphknoten bewirkt haben.]
Bei den 1.354 Frauen in dieser Analyse, die zum Zeitpunkt der Randomisierung 50 Jahre und älter waren, waren die meisten Frauen postmenopausal bzw. bereits nach der Menopause. Der Effekt der Ausschaltung der Eierstöcke für diese Gruppe war lediglich minimal (“nicht signifikant”) in Hinsicht auf das Überleben bzw. auch auf das krankheitsfreie Überleben.
Die Autoren der Analyse der Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group kommen deswegen zu dem Ergebnis, dass Frauen unter 50 von der Ausschaltung der Eierstöcke profitieren, besonders wenn keine Chemotherapie gegeben wird. Der Vorteil wird auf 6% mehr Überlebende bei den prämenopausalen Frauen mit Brustkrebs beziffert. Es gab bei den beiden untersuchten Methoden chirurgische Entfernung und Ausschaltung der Eierstockfunktion durch Strahlung keine Unterschiede im Überleben, doch beide Methoden waren mit einem wesentlichen Nebenwirkungsspektrum behaftet. Auch da wüssten wir gern genauer, wie es sich hier verhält.
Viele Fragen sind noch offen, und zwar sowohl zu Hinweisen zu den Subgruppen, aber besonders auch zu den jeweils angewendeten Methoden. Es ist bedauerlich, dass offensichtlich bisher keine Daten zum Vergleich von chirurgischer Therapie (Entfernung der Eierstöcke) und medikamentöser Therapie verfügbar sind, was man auch als Hinweis darauf deuten kann, dass es eben kein wirtschaftliches Interesse an diesen Daten gibt, während die Erforschung von Daten zu neuen Medikamenten diesbezüglich interessanter sind. Auch ist es natürlich sehr wenig zufriedenstellend, wenn nach so langen Beobachtungszeiten keine Aussagen ausgerechnet zur Relevanz des Hormonrezeptorstatus’ gemacht werden können. Es ist dieser Forschung anzumerken, dass sie geplant wird, ohne Frauen bzw. Patientinnen bei der Planung zu beteiligen.
Clarke Mike J, Ovarian ablation for early breast cancer, Cochrane Database of Systematic Reviews: Reviews 2008 Issue 4 (07/2008) UK DOI: 10.1002/14651858.CD000485.pub2
Elisabeth Rieping: Die Entfernung der Eierstöcke bei Brustkrebs und Wirkungen der Entfernung der Eierstöcke bei Brustkrebs (Stand 06/2008)
Dissertation: Prophylaktische Chirurgie bei Brust- und Eierstockkrebsrisiko aus psychologischer Perspektive (pdf) von Andrea Vodermaier (Januar 2005)
Angemessene Berücksichtigung von Frauen bei klinischen Arzneimittelprüfungen
Kleine Anfrage Drucksache 1764/18 (pdf)
Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Birgitt Bender, Dr. Harald Terpe,Elisabeth Scharfenberg, weiterer Abgeordneter und der FraktionBÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN– Drucksache 17/6418 –
Drucksache 17/6634 (pdf, 20.07.2011)
Petition zur nationalen Registrierung klinischer Studien in Deutschland
Text und Begründung – Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF)
Ablehnung der Petition – Antwort des AKF an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags
Die Studiengruppe „Gene-ENvironment Interaction and Breast CAncer in Germany” (GENICA) führte von 2000 bis 2004 unter Beteiligung des Instituts für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV / Institut der Ruhr-Universität Bochum eine Fall-Kontroll-Studie zu Risikofaktoren des Mammakarzinoms durch.
Die GENICA-Studie hatte ursprünglich insgesamt 2298 Teilnehmerinnen, die wegen der Verschreibung von Hormontabletten befragt wurden.
Die Zukunft arbeitsmedizinischer Forschung liege letztlich in der Entschlüsselung von Gen- Umwelt-Wechselwirkungen.[ii]
Vorbeugung
Neue Ansätze zur Vorbeugung von Brustkrebs finden, um künftig die Zahl der Neuerkrankungen zu senken.
Umwelt
Schon heute wisse man, dass es sich bei der Krebsentstehung um kein monokausales, sondern um ein sehr komplexes Zusammenspiel von genetischen Veranlagungen und Umweltfaktoren handele. Beantwortung der Frage, warum nicht alle Menschen gleichermaßen auf gleiche Umweltbedingungen reagieren
Ernährung
Krebs entstehe immer in mehreren Schritten und im Wechselspiel mit Umweltfaktoren wie z.B. den Ernährungsgewohnheiten, so dass sich hier eine Möglichkeit, die Erkrankungswahrscheinlichkeit für Risikopatientinnen zu senken, biete.
Bewertung von Belastungen am Arbeitsplatz
Präventionskonzepte am Arbeitsplatz: Ziel sei es, bestimmte Anzeichen (Marker) dafür zu finden, ob eine Person Schadstoffen ausgesetzt war. Anhand solcher Marker ließe sich dann einschätzen, inwieweit eine Krankheit auf die Belastung am Arbeitsplatz zurückgeführt werden muss (Brückenbefund).
Nachbefragung zur Schichtarbeit
Bei einer umfangreichen Nachbefragung der Studienteilnehmerinnen zur Schichtarbeit wurden 857 Brustkrebspatientinnen und 892 Kontrollen verglichen und hinsichtlich aller mindestens ein Jahr lang ausgeübten Berufe in der Berufsbiographie befragt. 13% der GENICA-Teilnehmerinnen hatten zeitweise in Schichtarbeit gearbeitet. 56 der Brustkrebspatientinnen und 57 der Frauen aus der Kontrollgruppe hatten mindestens ein Jahr lang in Nachschicht gearbeitet. Frauen, die nachts gearbeitet hatten, hatten in dieser Untersuchung öfter keine Kinder und waren schlechter ausgebildet. Auch hatten die Nachtarbeiterinnen seltener eine Hormonersatztherapie (35.7% versus 51.9%). Bei Frauen, die über 807 Nachtschichten übernommen hatten, zeigte sich ein leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko von 1.73, bei Frauen, die über 20 Jahre lang Nachtarbeit leisteten, lag das Risiko bei 2.48, bei 12 beobachteten Brustkrebsfällen und 5 Frauen in der Kontrollgruppe. Es sollen sich hier keine Hinweise auf Risiken von Schicht- bzw. Nachtarbeit gezeigt haben, jedoch fand sich eine „Tendenz zu einer Risikoerhöhung nach langjähriger Nachtschichtarbeit.[iii] Die GENICA-Studie ist jedoch aufgrund der geringen Anzahl der untersuchten Teilnehmerinnen, die Nachtarbeit geleistet haben, nur begrenzt aussagefähig.[iv],[v]
Ergebnisse der GENICA-Studie
Hormonersatztherapie
Erste Ergebnisse im Rahmen der GENICA- Studie haben das in der Literatur bereits beschriebene erhöhte Brustkrebsrisiko bei langjähriger Einnahme von Hormonen in der Menopause bestätigt. Allerdings seien diese Ergebnisse vorläufig und bedürfen im Hinblick auf Risiken und Nutzen der Hormontherapie weiterer sorgfältiger Prüfungen. [vi]
[ii] Internetseite BGFA, Zaghow a.a.O.
[iii] Schichtarbeit und Krebs, Thomas Brüning u.a., Fachzeitschrift für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung DGVU-Forum, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, 2011/4, S. 14/15, zum Archiv der Zeitschrift
[iv] Night work and breast cancer – results from the German GENICA study, Pesch B, Scand J Work Environ Health 2010;36(2):134-141
[v] Internetseite BGFA, Zaghow a.a.O.
[vi] Internetseite BGFA, Zaghow a.a.O.