Siddhartha Mukherjee (Jg. 1970) ist ein in New Delhi / Indien geborener amerikanischer Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller. Sein Buch “Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie” (The Emperor of all Maladies) erschien 2012 bei Dumont auch in einer deutschsprachigen Ausgabe.
Mukherjee besuchte eine christlich-englische Schule in Indien und Universitäten wie Stanford, Oxford und Harvard. E ist Assistent (Assistant Prof.) am Medicine (Oncology) Department der Columbia Universität in New York City. Er ist außerdem Mitarbeiter des Ärzteteams am Columbia University Medical Center. Die englische Ausgabe „The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer“ gewann 2011 den Pulitzer Preis für das beste Sachbuch. Mukherjee dankt in seinem Buch seiner Frau Sarah Sze, einer bildenden Künstlerin aus New York, und seinen beiden Töchtern, für die das Buch „ein rivalisierendes Geschwisterkind“ gewesen sei, sowie ungezählten WissenschaftlerInnen und BuchautorInnen, die mit ihrer Mitarbeit, Korrekturen und Vorarbeiten Anteil an „Emperor of all Maladies“ hatten.
Reise der Irrwege – Siddhartha Mukherjees König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie (ressourcen, 04/2012)
Videobericht zum Buch bei ttt (19.02.2012)
Beispiele für den männlich dominierten, sprachlichen Umgang mit Krebs finden sich z.B. in dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel”, etwa in den Artikeln Stoßkeile gegen den Krebs [1] und Der Krebs wird beschossen [2], in dem die Bewaffnung ebenso wie die Strategie des “Mehr ist besser”, die Breast Cancer Action für den Umgang mit Krebs in den USA kritisiert, ebenfalls gut erkennbar ist. Die Rede ist unter anderem vom
Das Wettrüsten gegen den Krebs zeigt sich auch in den Superlativen hinsichtlich der finanziellen Aufwendungen, der Steigerung von unvorstellbaren Dosierungen und in der Bezugnahme auf Amerika als Vorbild und zugleich Mythos, mit dem man sich in einem Wettbewerb befindet.
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Dr. William Halsted (* 23. September 1852 in New York City; † 7. September 1922 in Baltimore) war ein Chirurg am Johns Hopkins Hospital in Baltimore, USA. Er führte zur die Behandlung von Brustkrebs eine besonders radikale Form der Mastektomie ein, die nach ihm als sog. “Halsted-Mastektomie” benannt wurde. Anders als bei der “einfachen” Mastektomie wurden bei dieser Radikaloperation alle Gewebe entlang der Brustwand entfernt. Die Operation hinterließ die betroffenen Frauen mit schwersten Vernarbungen, oftmals zusätzlich behindert durch ein Lymphödem, dass den betroffenen Arm anschwellen ließ. Der an Brustkrebs erkrankten Frau wurde einfach gesagt, dass es gemacht werden muss. Dass es Alternativen gäbe, wurde nicht vermittelt.[i]
Bildnachweis History of Medicine, Public Domain
Bereits in den 1920er Jahren postulierte Geoffrey Keynes als junger Chirurg die Idee, dass bestimmte Mammakarzinome mit einer eher konservativen Operation und Strahlentherapie behandelt werden könnten, anstatt mit der bei den meisten Chirurgen damals beliebten radikale Mastektomie, die auf die Pionierarbeit von William Halstead im späten 19. Jahrhundert zurückging, und zwar indem nur ein Minimum der Brust anstelle der gesamten Brust einschließlich der Brustmuskulatur und alle Lymphknoten unter dem Arm entfernt werden.
Halsteads radikale Mastektomie war eine anstrengende Operation, die sechs bis acht Stunden in Anspruch nach und die die Patientin extrem entstellt und entkräftet. Selbst die Entfernung von Rippen, Risse und Ausgrabung der Schlüsselbeine wurden vorgenommen, alles in der irrigen Annahme, dass Brustkrebs sich von der Brust in einem zentrifugalen Muster ausging und sich so verbreite.
Nach Keynes erbrachte eine lokale Operationder Brust die gleichen Ergebnisse wie die radikale Mastektomie und ersparte damit vielen Frauen die schrecklichen Nachwirkungen der Halstead-OP. Wie reagierten damals die Halstead-Anhänger? Anstatt Keynes Theorien ernsthaft zu prüfen oder seine Aussagen zu evaluieren, trivialisierten und verunglimpften sie Keynes Ansätze sprachlich.
“They retaliated by giving his operation a nickname: the lumpectomy. The name was like a low-minded joke, a cartoon surgery in which a white-coated doctor pulls out a body part and calls it a ‘lump’ “. Keynes’ theory and operation were largely ignored by American surgeons……….his challenge to radical surgery was quietly buried.” [Zitat Siddhartha Mukherjee, The empereor of all maladies, 2010]
Übers.: “Sie rächten sich, indem er seiner Operation einen Spitznamen gaben: Lumpektomie. Der Name war wie ein gewöhnlicher Witz, die Karikatur einer Chirurgie, eine Operation bei der weißbekittelte Ärzte etwas aus dem Körper herausziehen, dass sie “Klumpen” nennen. Keynes Theorie und Operationsmethode wurde von amerikanischen Chirurgen weitgehend ignoriert … seine Ablehnung der Radikaloperation wurde leise begraben. “
Nach heftigem und anhaltenden Widerstand der Halstead-Anhänger hielten dessen Überzeugungen bei der Ärzteschaft an bis die 1970er Jahre – etwa vierzig Jahre nachdem Keynes seine Ideen vorgestellt hatte – als man schließlich begann, die Lumpektomie regelmäßiger für die chirurgische Behandlung bestimmter Mammakarzinome in Betracht zu ziehen.
If we are to believe Mukherjee’s historical account, then we can only surmise that the Halsteadian followers’ resistance to clinical challenge, and the resulting institutionalized trivialization of Keyne’s treatment theory by the use of jokes and euphemism, was the cause for this long delay in finally changing the breast cancer treatment status quo.
Schenkt man Mukherjee’s historischer Bewertung Glauben, könnte man annehmen, dass der Widerstand der Halstead-Anhänger gegen diese klinische Herausforderung und die daraus resultierende institutionalisierte Trivialisierung von Keynes Theorie zur Behandlung von Brustkrebs durch den Einsatz von Witzen und Euphemismus die Ursache war eine lange Verzögerung und Veränderung des Status Quo in der Behandlung von Brustkrebs gewesen ist. Tragisch bleibt, dass Hunderttausende von Frauen weiterhin dem Schrecken der radikalen Mastektomie in der Zeit unterworfen waren, bevor Lumpektomien und weniger invasive Formen der Mastektomie Standardtherapie wurden. [Quelle s. Rachnel, Anna: The Lanugage of Breast (Cancer)]
Geoffrey Keynes (Wikipedia)
William Steward Halsted (Wikipedia)
Ellen Leopold sich in den 1990er Jahren im Women’s Community Cancer Project (WCCP). Aktuell [Stand 2011/04] ist sie Mitglied des National Advisory Council von Breast Cancer Action. Leopold ist Autorin von Under the Radar: Cancer and the Cold War (Rutgers Univ. Pr., erschienen 2008), A Darker Ribbon: Breast Cancer, Women, and Their Doctors in the Twentieth Century (Die dunklere Schleife: Brustkrebs, Frauen und ihre Ärzte im 20. Jh., erschienen 1999) und Coautorin von The World of Consumption (Die Welt des Konsums, gemeinsam mit Ben Fine, erschienen 1993). Sie forscht seit Jahrzehnten zum Thema Brustkrebs und war wissenschaftliche Mitarbeiterin der University of London und wirtschaftspolitische Beraterin im >>> Greater London Council, bis dieser von Margaret Thatcher im Jahr 1986 abgeschafft wurde. Sie ging später nach Massachusetts in den USA und veröffentlichte Artikel zum Thema Brustkrebs unter anderem in „The Nation“ und der „Chicago Tribune“.
Gesundheitsbericht XI, Stadt Essen, Brustkrebs [Auszug]
“Ausgangssituation in Essen
In Essen ist das Thema Brustkrebs durch den „Kemnitz-Skandal“ bis heute belastet: Zwischen 1993 und 1997 wurden bis zu 300 Frauen in Essen und Umgebung an Brustkrebs operiert, die möglicherweise nicht an Krebs erkrankt waren. Die Diagnosen stammten von dem in Essen niedergelassenen Pathologen Kemnitz. Dieser Fall erregte in der ganzen Bundesrepublik Aufsehen. Durch die Intervention eines Essener Gynäkologen war aufgefallen, dass die Gewebeproben, in denen Krebs diagnostiziert wurde, nicht den entsprechenden Patientinnen zugeordnet werden konnten. Bei Dreiviertel der Patientinnen hatte zuvor ein Radiologe auffällige Befunde in der Mammographie festgestellt.Von Juni 1996 bis Ende 2004 haben sich 120 betroffene Frauen zur „Interessengruppe Diagnose Brustkrebs“ zusammengeschlossen um eine Entschädigung zu erreichen. In einem Gutachten auf der Grundlage der Krankenhausakten geht die Vorsitzende der Deutschen Senologischen
Gesellschaft, Dr. Schreer, von einer „defekten apparativen und operativen Diagnosekette“ (zitiert in NRZ 21.6.2002) aus, die Qualitätsmängel bei Radiologen, Pathologen und Chirurgen beinhaltet.Ein Gutachten des Tumorzentrums Aachen (Spelsberg 2001), das 102 der Essener Fälle unter epidemiologischen Gesichtspunkten auswertet, konstatiert eine statistisch unwahrscheinliche Häufung von nicht-tastbaren insitu-Karzinomen (Karzinome, die auf die Oberfläche beschränkt sind und nicht über die Grenze des Oberflächengewebes in die Tiefe eindringen), und kommt ebenfalls zu der generellen Wertung: „In dieser Weise betrachtet ist Essen eben nicht ein sonderbarer Einzelfall, sondern es lassen sich hier erstmals in aller Deutlichkeit die von Fachleuten und betroffenen Frauen seit langem beklagten Missstände minutiös darstellen (…..). Diese Mängel erstrecken sich über die gesamte Versorgungskette
von den beteiligten Fachdisziplinen und den behandelnden Ärzten aus Radiologie, Gynäkologie und Pathologie, über die für die Qualitätssicherung und Arzthaftung zuständigen Körperschaften (Ärztekammer, Kassenärztliche Vereinigung, Krankenkassen) bis zu den sie kontrollierenden Aufsichtsbehörden (…) einschließlich (…) Justiz, Gutachter und Versicherungen.” Zur Quelle
Urteil OLG Hamm, Aktenzeichen Az 3 U 119/00
Urteil OLG Köln, Aktenzeichen 5 U 51/09
Brustkrebsskandal: Verbrannt Dtsch Arztebl 2000; 97(33): A-2130 / B-1806 / C-1722
Fehldiagnose Brustkrebs: Defekte Diagnosekette v. Klaus Koch, Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-416 / B-338 / C-316
Artikel wdr.de: Zwei gesunde Brüste amputiert – 250.000 Mark Schmerzensgeld: Zum Urteil des Oberlandesgerichts Hamm
C. K. war 30 Jahre alt, als ihr in zwei Operationen beide Brüste amputiert wurden. Krebs hieß die Diagnose. Sie war falsch. Der Essener Pathologe Dr. Josef Kemnitz hatte bei C. K., wie bei mehr als 150 anderen Frauen, einen Brustkrebs festgestellt, den sie nie hatte. Das Oberlandesgericht Hamm hat C. K. – sie ist mittlerweile 37 Jahre alt – in einem Musterprozess 250.000 Mark Schmerzensgeld zugesprochen. “Ich hoffe, dass die Versicherung jetzt auch zahlt,” sagte C. K. Der Arzt hatte Selbstmord begangen, nachdem seine Fehldiagnosen bekannt geworden waren. Angeklagt war daher sein Nachlassverwalter.
Als “sensationell” wertete der Anwalt der Klägerin, Udo Großewentrup, das Urteil. “Damit haben auch die anderen Frauen, die Opfer des Pathologen sind, eine Chance auf Entschädigung.” Er begrüßte die Höhe des Schmerzensgeldes. “Das Gericht ist der Tendenz gefolgt, dass auch in Deutschland höhere Summen Schmerzensgeld bezahlt werden,” sagte Großewentrup. In Essen haben viele Frauen auf Entschädigung geklagt. In der ersten Instanz sind sie bislang abgewiesen worden. Das vom Oberlandesgericht Hamm als “Musterprozess” eingestufte Verfahren dürfte sich auch auf diese Prozesse auswirken.Die Geschichte
C. K., die nicht fotografiert werden wollte, hatte 1994 einen Knoten in der linken Brust ertastet und ließ sich in einem Essener Krankenhaus untersuchen. Nach dem Befund des Pathologen Dr. Kemnitz litt sie an Brustkrebs. Ihre Brust wurde amputiert. Wenige Monate später trat in der rechten Brust das gleiche Symptom auf. Die Chirurgen nahmen auch diese Brust auf Grund eines Befundes des Pathologen ab.
Ein Jahr danach las C. K. in der Zeitung, dass Kemnitz falsche Diagnosen gestellt hatten. Da schöpfte sie Verdacht, dass auch sie eines seiner Opfer sein könnte. Daraufhin trat sie der Interessengemeinschaft betroffener Frauen bei und begann ihren Klageweg. In der ersten Instanz war sie abgeweisen worden. Der Grund: Sie konnte nicht beweisen, dass sie tatsächlich gesund war. Das sahen die Richter in Hamm aber als erwiesen an. Der Nachlassverwalter des Pathologen hat allerdings noch die Möglichkeit beim Bundesgerichtshof Berufung einzulegen.“Wir haben nicht aufgegeben”
70 Frauen, die auf Grund der falschen Diagnosen des Pathologen an der Brust operiert wurden, haben sich in Essen in der “Interessensgruppe Diagnose Brustkrebs” zusammengeschlossen. Ihre Sprecherin H. M. gab sich nach dem Urteil noch vorsichtig: “Ich freue mich erst, wenn die Versicherung das Urteil annimmt.”R. W. ist optmistischer: “Jetzt zeigt sich doch, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und nicht schon nach den ersten Urteilen aufzugeben.” Die Interessengruppe berät Frauen, bei denen Brustkrebs diagnostiziert wurde. “Es ist so wichtig, dass die Frauen sich nicht gleich operieren lassen, sondern einen zweiten Befund einholen. Viele Radiologen zum Beispiel haben gar nicht genügend Erfahrung mit Mammografien und können die gar nicht richtig interpretieren,” sagt R. W. Sie ist nach sechs Jahren in der Selbsthilfegruppe kämpferisch geworden.” (Quelle, nicht mehr online, Patientinnennamen gekürzt im Zitat)
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Pressemeldung Stiftung Koalition Brustkrebs v. 30.11.2002
Brustkrebs-Skandal in Essen – Axa Colonia Versicherung bietet den 170 Frauen Entschädigungszahlung in Höhe von 12 Millionen Euro an
Die Stiftung Koalition Brustkrebs beglückwünscht die Essener Frauen zu ihrem bahnbrechenden Erfolg. Nach fast 10 Jahren aussichtslos erscheinendem Kampf gegen die Instanzen, bei dem sie u.a. der Ignoranz und dem mangelnden Interesse der zuständigen Aufsichtsbehörden (Ärztekammer Nordrhein und Gesundheitsministerium des Landes NRW) und der patienten-unfreundlichen Rechtssprechung in Deutschland begegnen mussten, haben es die Frauen dennoch jetzt erreicht, ihr Recht zu bekommen. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat am 24. Oktober 2002 das Urteil des Landgerichtes Hamm bestätigt, dass im Gegensatz zum üblichen Verfahren im Essener Fall die Beweislast nicht mehr bei den geschädigten Frauen, sondern bei den angeklagten Ärzten liegt. Damit haben die Essener Frauen einen wichtigen Sieg nicht nur in eigener Sache, sondern für alle künftigen Kunstfehlerverfahren in der deutschen Rechtsprechung erstritten.
Die in der Koalition Brustkrebs zusammengeschlossene Brustkrebsbewegung hat gemeinsam mit den Essener Frauen die skandalösen Vorgänge als exemplarisch für den Versorgungsnotstand bei Brustkrebs in Deutschland an den Pranger gestellt. Das Urteil des BGH und die von der Axa Colonia Versicherung angekündigte Entschädigungszahlung in beachtlicher Höhe ist für uns ein öffentliches Anerkenntnis dieser Missstände, die so lange von Vertretern der Fachgesellschaften und verantwortlichen Ärztefunktionären in Ärztekammer und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vehement bestritten wurden.
Bisher kostete diese mangelnde Einsicht und Angst vor Transparenz und Qualität der Verantwortlichen in der Brustkrebs-Früherkennung, Therapie, und Nachsorge tausende Frauen hierzulande jährlich das Leben oder bescherte vielen Frauen unnötige Operationen, Komplikationen und Leid, wie es der Essener Brustkrebsskandal belegt.
Die Stiftung Koalition Brustkrebs will mithelfen, dass Fälle wie der Essener Skandal sich nicht wiederholen können. Daher fordern wir nach dem erfolgreichen Vorbild anderer europäischer Länder eine Brustkrebsbekämpfung nach europäischen Leitlinien endlich auch in Deutschland.
Es ist nicht Geld, das fehlt. Es fehlen ExpertInnen, die nach europäischen Leitlinien (EUREF und EUSOMA) ausgebildet und zertifiziert sind und die in spezialisierten Brustzentren die in den europäischen Leitlinien festgelegten Qualitätsstandards nachprüfbar erfüllen können. Mit Hilfe der die ihr zugedachten Spenden wird die Stiftung Koalition Brustkrebs die Ausbildung von ExpertInnen aus Deutschland in den europäischen Ausbildungs- und Trainingszentren finanziell unterstützen.