Siddhartha Mukherjee (Jg. 1970) ist ein in New Delhi / Indien geborener amerikanischer Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller. Sein Buch “Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie” (The Emperor of all Maladies) erschien 2012 bei Dumont auch in einer deutschsprachigen Ausgabe.
Mukherjee besuchte eine christlich-englische Schule in Indien und Universitäten wie Stanford, Oxford und Harvard. E ist Assistent (Assistant Prof.) am Medicine (Oncology) Department der Columbia Universität in New York City. Er ist außerdem Mitarbeiter des Ärzteteams am Columbia University Medical Center. Die englische Ausgabe „The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer“ gewann 2011 den Pulitzer Preis für das beste Sachbuch. Mukherjee dankt in seinem Buch seiner Frau Sarah Sze, einer bildenden Künstlerin aus New York, und seinen beiden Töchtern, für die das Buch „ein rivalisierendes Geschwisterkind“ gewesen sei, sowie ungezählten WissenschaftlerInnen und BuchautorInnen, die mit ihrer Mitarbeit, Korrekturen und Vorarbeiten Anteil an „Emperor of all Maladies“ hatten.
Reise der Irrwege – Siddhartha Mukherjees König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie (ressourcen, 04/2012)
Videobericht zum Buch bei ttt (19.02.2012)
Eine der zentralsten Fragen für die meisten Frauen mit Brustkrebs ist diejenige, wie die Krankheit möglichst lange überlebt werden kann. Diverse Eingriffe mit Auswirkungen auf den körpereigenen Hormonhaushalt werden gerade bei Hormonrezeptor positivem Brustkrebs deswegen unternommen.
Als chirurgische Methode wird auch die Entfernung der Eierstöcke angewendet. In Bezug auf das Langzeitüberleben hat es hier eine Reihe von klinischen Studien gegeben, die den Effekt der Entfernung der Eierstöcke bei Brustkrebs (medizinisch wie die Entfernung der Brust ebenfalls auch als “Ablation” bezeichnet) untersuchten.
Die Forschungsgruppe Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group hat im Jahr 2008 eine systematische Übersicht der 15-Jahres-Ergebnisse verschiedener randomisierter Studien mit den Daten zu Krankheitsrückfällen und Todesfällen nach Entfernung der Eierstöcke bei “primärem” – das heißt hier “nicht metastasiertem” – Brustkrebs vorgelegt.
Alle recherchierbaren und nach randomisierten Kriterien durchgeführten Studien, die vor 1980 begonnen wurden, wurden verglichen mit anderen Methoden der Unterdrückung der Ovarialfunktion (Funktion der Eierstöcke). Neben der chirurgischen Entfernung der Eierstöcke wurde in 12 der 13 durchgeführten Studien die “Ablation” teilweise auch mit einer Strahlentherapie erreicht. In den ab ca. 1985 durchgeführten vier Studien, die die medikamentöse Unterdrückung der Ovarialfunktion untersucht haben, war dies jedoch nicht der Fall. Der Menopausenstatus wurde nicht in allen Studien berücksichtigt. Bei der Hauptanalyse wurden ausschließlich die Daten von Frauen unter 50 Jahren berücksichtigt (anstelle von “prämenopausal”). Der Östrogenrezeptorstatus wurde nur in den Studien mit “Ablation” der Eierstöcke plus Chemotherapie bzw. nur Chemotherapie erhoben, das ist wieder nicht sehr präzise gewesen.
Unter den 2.102 Frauen in dieser Analyse, die zum Zeitpunkt der Randomisierung unter 50 Jahre alt waren, waren die meisten bei der Brustkrebsdiagnose prämenopausal (Brustkrebs vor Beginn der Menopause). Es wurde 1.130 Todesfälle und 153 zusätzliche Krankheitsrückfälle berichtet. Statistisch ließen sich die Vorteile durch die ovarielle “Ablation” gut nachweisen. Nach 15 Jahren lebten noch 52,4% gegenüber 46,1% der Frauen ohne Ausschaltung der Eierstöcke, bzw. es waren 45% der Frauen mit “Ablation” rückfallfrei, während es ohne nur 39% waren. Der Vorteil zeigte sich sowohl bei Frauen mit befallenen Lymphknoten, wie auch ohne befallene Lymphknoten. Es gab Hinweise darauf, dass bei Frauen, die außerdem eine Chemotherapie erhalten hatten, der Effekt durch die Ausschaltung der Eierstöcke geringer war als in den vergleichenden Studien, in denen keine Chemotherapie gegeben wurde. [Die Chemotherapie soll in dieser Beobachtung einen Überlebensvorteil für 6% der Patientinnen ohne befallene Lymphknoten und 12% für Frauen mit befallenen Lymphknoten bewirkt haben.]
Bei den 1.354 Frauen in dieser Analyse, die zum Zeitpunkt der Randomisierung 50 Jahre und älter waren, waren die meisten Frauen postmenopausal bzw. bereits nach der Menopause. Der Effekt der Ausschaltung der Eierstöcke für diese Gruppe war lediglich minimal (“nicht signifikant”) in Hinsicht auf das Überleben bzw. auch auf das krankheitsfreie Überleben.
Die Autoren der Analyse der Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group kommen deswegen zu dem Ergebnis, dass Frauen unter 50 von der Ausschaltung der Eierstöcke profitieren, besonders wenn keine Chemotherapie gegeben wird. Der Vorteil wird auf 6% mehr Überlebende bei den prämenopausalen Frauen mit Brustkrebs beziffert. Es gab bei den beiden untersuchten Methoden chirurgische Entfernung und Ausschaltung der Eierstockfunktion durch Strahlung keine Unterschiede im Überleben, doch beide Methoden waren mit einem wesentlichen Nebenwirkungsspektrum behaftet. Auch da wüssten wir gern genauer, wie es sich hier verhält.
Viele Fragen sind noch offen, und zwar sowohl zu Hinweisen zu den Subgruppen, aber besonders auch zu den jeweils angewendeten Methoden. Es ist bedauerlich, dass offensichtlich bisher keine Daten zum Vergleich von chirurgischer Therapie (Entfernung der Eierstöcke) und medikamentöser Therapie verfügbar sind, was man auch als Hinweis darauf deuten kann, dass es eben kein wirtschaftliches Interesse an diesen Daten gibt, während die Erforschung von Daten zu neuen Medikamenten diesbezüglich interessanter sind. Auch ist es natürlich sehr wenig zufriedenstellend, wenn nach so langen Beobachtungszeiten keine Aussagen ausgerechnet zur Relevanz des Hormonrezeptorstatus’ gemacht werden können. Es ist dieser Forschung anzumerken, dass sie geplant wird, ohne Frauen bzw. Patientinnen bei der Planung zu beteiligen.
Clarke Mike J, Ovarian ablation for early breast cancer, Cochrane Database of Systematic Reviews: Reviews 2008 Issue 4 (07/2008) UK DOI: 10.1002/14651858.CD000485.pub2
Elisabeth Rieping: Die Entfernung der Eierstöcke bei Brustkrebs und Wirkungen der Entfernung der Eierstöcke bei Brustkrebs (Stand 06/2008)
Dissertation: Prophylaktische Chirurgie bei Brust- und Eierstockkrebsrisiko aus psychologischer Perspektive (pdf) von Andrea Vodermaier (Januar 2005)
Die National Breast Cancer Coalition (NBCC) ist ein Zusammenschluss und Lobbyverband von Frauenorganisationen in den USA, der Interessenvertretung für Frauen im Kontext Brustkrebs leistet.
Im Dezember 1990 trafen sich die Ärztin Susan Love und Susan Hester, eine Washingtoner Fundraiserin und Leiterin des Mary-Helen-Mautner-Projects for Lesbian with Cancer, um den Aufbau einer nationalen Lobby für Frauen mit Brustkrebs zu diskutieren. Sie vernetzten sich außerdem mit Amy S. Langer, damals Executive Director der – massiv von der Pharmaindustrie gesponserten – National Alliance for Breast Cancer (NABCO). Zu dritt entwickeln die drei Frauen die Struktur für die National Breast Cancer Coalition (NBCC), die drei Jahre später bereits über 180 Organisationen aus den USA unter einem Dach vereinigte. Über die Zusammenarbeit mit dem demokratischen Politiker Tom Harkin aus Iowa “als Schlüsselfreund” wurde die Vernetzung der NBCC mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium Department of Defense entwickelt.
Das Anliegen der Aktivistinnen 1991 bzw. 1993 bei Gründung der National Breast Cancer Coalition war nicht nur mehr Geld zu sammeln, sondern auch selbst festzulegen, was mit dem Geld passiert, ein Punkt, der bis heute nicht umgesetzt ist, denn Frauen sprechen höchstens im seltenen Ausnahmefall mit, wofür gesammelte Gelder in Sachen Brustkrebs ggf. ausgegeben werden. Dinge, die die NBCC bereits 1993 infrage gestellt hat, war die Selbstuntersuchung der Brust und die beständigen Mammographien.
Bereits 1993 beklagte Fran Visco, die noch heute [Stand 2011] Vorsitzende der NBCC ist, den isolierten Blick auf einzelne Aspekte der Krankheit. Ganzheitliche Ansätze würden nicht aufgenommen, mit der Folge, dass einzelne Frauen deswegen ihren „Kampf“ gegen den Brustkrebs verlieren werden.
Die NBCC erreichte für das Jahr 1994 ein Budget in Höhe von 694 US Dollar für die Brustkrebsforschung. Die NBCC verwies darauf, dass Forschung immer politisch gewesen ist. Man wolle nicht ein größeres Stück vom Kuchen, sondern einen größeren Kuchen. Die Mittel seien noch nie ausreichend gewesen und zu viel sei bisher auf dem Rücken von Frauen ausgetragen worden.
Außerdem wollte die NBCC eine umfassende Strategie gegen Brustkrebs (Comprehensive Breast Cancer Strategy), die direkt aus dem Weißen Haus koordiniert wird, erreichen.[1]
Die Organisation setzte sich, trotz einer bereits in den 1990er Jahren gemäßigt kritischen Einstellung, damals zunächst für Zugang zum Mammographie-Screening für alle Frauen, einschließlich Frauen ohne Krankenversicherung, ein.
Mit ihrem Positionspapier zum Mammographie-Screening vom November 2002 änderte die NBCC ihre Position zur Mammographie grundlegend und übernahm die Position, die auch die Cochrane Collaboration vertritt: … “There is insufficient evidence to recommend for or against screening mammography in any age group of women …” und zwar mit identischem Wortlaut. [2, 3]
Die Selbstuntersuchung der Brust: Bericht zum Standpunkt der NBCC
Genexpressionsprofile in der Brustkrebstherapie: Bericht
Die NBCC hat im Herbst 2010 zur Bekämpfung von Brustkrebs eine Deadline für das Jahr 2020 ausgegeben. Ein Weißpapier ist der Ausgangspunkt für diese Deadline. Mehr lesen: Reise zum Mond oder mit Whitepaper ans Eingemachte (NBCC 2020)
Fran Visco, Präsidentin der NBCC, erklärt das amerikanische Forschungsprogramm des US-Verteidigungsministerium zur Brustkrebs-Bekämpfung (DOD BCRP, Department of Defence Breast Cancer Research Programm) bei youtube (Stand: Juli 2011).
Internetquellen
Alte Internetseiten der NBCC bei archive.org
[1] The Anguished Politics of Breast Cancer von Susan Ferraro, New York Times Magazine [08/15/1993]
[2] s. alte Webseite der NBCC, archive.org
[3] The Mammography Controversy, The Lancet, Vol. 366, Issue 9496, P. 5019-5020, Gotzsche P. 29. Oct. 2005 und früher
Mehr zur NBCC:
“Wir wissen mittlerweile aus der großangelegten Auswertung vieler einzelner klinischer Studien, dass nur vier Prozent der Patientinnen sicher von einer Chemotherapie profitieren.”
Zitat: Dr. Randy Scott, Firmengründer von Genomic Health Inc., Anbieter des Genexpressionsprofil-Tests Oncotype DX in dem firmeneigenen Informationsblatt Genomic Health Im Dialog, Ausg Dez. 2011. Weiterlesen Genexpressionsprofile
“Seattle – Die neurokognitiven Auswirkungen der Chemotherapie, von den Patienten auch als Chemo-Brain bezeichnet, wurden lange Zeit unterschätzt. Eine Studie im Journal of Clinical Oncology (2011; doi: 10.1200/JCO.2010.33.9119) zeigt, dass einige Defizite noch nach 5 Jahren nachweisbar sind.” …
Dt. Ärzteblatt, Nachrichten, 05. Mai 2011
Die Daten wurden erhoben in Bezug auf die “mildere” Chemotherape mit “CMF”. Zitat Nachrichten im Dt. Ärzteblatt v. 29.02.2012: “… lebenslange Auswirkungen auf die kognitiven Leistungen. Diese zeigt eine Fall-Kohortenstudie im Journal of Clinical Oncology (2012; doi:10.1200/JCO.2011.37.0189) …
Ende eine Therapiestrategie: Anthrazykline bei Brustkrebs (v. 21.05.2009)
Artikel von Ulrich Dührsen: Therapie-induzierte Leukämien – ein zu wenig beachtetes Problem der medikamentösen Tumortherapie? (Therapy-induced Leukemia – An Underestimated Complication of Antineoplastic Chemotherapy?) Zentralbl Gynakol 2005; 127(4): 235-241
Eine Chemotherapie bei Brustkrebs in der Schwangerschaft wird in der medizinischen Literatur ab der 14. Schwangerschaftswoche als möglich beschrieben. Daten zu den Langzeitfolgen bei den Kindern sind bisher rar. Eine Untersuchung befasst sich mit den kognitiven Langzeitfolgen bzw. Auswirkungen auf das Herz bei Kindern im Alter ab 18 Monaten, deren Mütter eine Chemotherapie während der Schwangerschaft gemacht wurde. Originaldaten: Fredéric Amant u.a. Long-term cognitive and cardiac outcomes after prenatal exposure to chemotherapy in children aged 18 months or older, The Lancet Oncology, Feb. 2012, doi:10.1016/S1470-2045(11)70363-1, Kurzbericht in dt. Sprache in den Nachrichten des Dt. Ärzteblatts.
Auch gibt es bisher keine vergleichenden Daten und Langzeitdaten, die Aussagen über mögliche Krebserkrankungen bei den Kindern auch im späteren Erwachsenenalter zulassen.
Litton, J in: Boyles, S Breast Cancer in Pregnancy: Chemo OK, WebMD Health News, Apr.18,2008