Am 05.11.2009 startet der neue Film “Seelenvögel” von Grimme-Preisträger Thomas Riedelsheimer. “Das Haus bestellen” ist ein Thema, mit dem auch wir uns befassen, seit Jahren. Der Film zeigt die 15-jährige Pauline, den zehnjährigen Richard und den sechsjährigen Lenni, die mit schwerer Krankheit und der Auseinandersetzung mit dem Sterben konfrontiert sind.
Filmkritik von Dimitrios Athanassiou, www.moviemaze.de
Das Sterben stellt die letzte Reise dar, zu der der Mensch am Ende seines Lebens aufbricht. Für manche beginnt diese aber viel zu früh. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 1.800 Kinder an Krebs; meist an einer Form der Leukämie. Die Diagnose ist für alle Beteiligten ein Schock. Zwar haben sich die Überlebenschancen der Kinder in den letzten Jahren durch den medizinischen Fortschritt verbessert, aber eine Garantie auf Heilung gibt es nicht. „Seelenvögel” schildert über drei Jahre sensibel den Kampf dreier junger Menschen gegen diese Krankheit und zeichnet damit eine hautnahe und glaubwürdige Auseinandersetzung mit dem Sterbeprozess.
Unsere Gesellschaft verhält sich im Umgang mit dem Tod meist sehr befangen. Das Ende des Lebens wird gern aus der Wahrnehmung und öffentlichen Diskussion ausgeklammert oder sogar ganz tabuisiert. Es scheint, diese Realität, die zuletzt kommt, wird am liebsten solange verdrängt, wie es eben nur möglich ist. Ganz besonders schwierig gerät die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterbeprozess an sich dann, wenn es um ganz junge Menschen geht. Aber gerade sie stehen im Mittelpunkt bei „Seelenvögel”, einer Dokumentation, die das Schicksal dreier krebskranker Kinder in den Brennpunkt der Betrachtung rückt.
Pauline, 15 Jahre alt, ein lebenslustiger Teenager mit vielen Interessen: sie schreibt Gedichte, möchte die Welt bereisen oder Schauspielerin werden. Filmemacher Thomas Riedelsheimer besucht sie gerade, als sie eine Chemo hinter sich hat. Im Augenblick geht es ihr so gut, dass sie gemeinsam mit einigen Freundinnen sogar ein Bühnenstück einstudiert.
Lenni ist erst sechs und gehört zu den Kindern, bei denen man unwillkürlich denkt, dass sie auf die Welt kamen, um zu leiden: Mit Down-Syndrom geboren, war es für seine Eltern aber nie die Frage, ob sie ein Kind mit solch einer “Benachteiligung” bekommen sollen. Kaum auf der Welt, stellten die Ärzte fest, dass Lenni einen Herzfehler hat: Er wird operiert, gesundet, und als er gerade vier Jahre ist, wird festgestellt, dass er an Leukämie erkrankt ist. Aber Lenni ist ein Kämpfer: Als die Ärzte ihm eigentlich keine großen Chancen mehr einräumen, verblüfft er alle. Seit 14 Tagen ist Lennis Körper komplett krebszellenfrei, als das Filmteam die ersten Szenen dreht.
Richard, der Dritte im Bunde, zehn Jahre alt, spielt leidenschaftlich gern Schach und lernt gerade Chinesisch. Er wird vom Regisseur und Kamerateam im Krankenhaus besucht. Er steckt mitten in der Chemo. Seine Haare sind ihm bereits alle ausgefallen und seine Prognose ist ungewiss.
Drei Jahre begleitete Riedelsheimer diese drei jungen Menschen sowie ihre Eltern und Geschwister. Menschen, die trotz aller Rückschläge und manch einem hoffnungsarmen Augenblick nie aufgeben. Nach jeder kleinen Niederlage kommt die nächste Schlacht, hinter jedem schroffen Gipfel folgt ein grünes Tal. Vor allem erstaunen die Reife und die enorme Einsichtsfähigkeit, mit der die älteren Kinder über ihren Zustand reden. Ganz besonders der zehnjährige Richard hinterlässt einen tiefen Eindruck: Er referiert über seine Krankheit ohne jegliches Pathos, wie andere Gleichaltrige vielleicht über die technischen Raffinessen ihrer Fahrräder sprechen würden. Pauline, die als Älteste der Drei ohnehin erwachsener agieren sollte, gelingt es sogar noch, obendrein ihrer Mutter und Schwester Trost zu spenden. Die Stärke, welche diese Kinder aus ihrem Leid ziehen, verblüfft ein ums andere Mal.
An der Seite dieser drei Kämpfer erlebt man als Zuschauer alle Höhen und Tiefen, welche diese heimtückische Krankheit mit sich bringt. Der Regisseur konzentriert sich dabei auf seine Hauptdarsteller, lässt aber auch deren Umfeld zu Wort kommen. Erst damit entsteht aus dem Film tatsächlich mehr als eine Betroffenheitsdoku. Und das ist alles andere als abwertend gemeint: denn Betroffenheit stellt sich bei diesem Thema automatisch ein. Riedelsheimer fügt aber dieser Komponente noch eine Art poetische Ebene hinzu. Das verleiht dem Sterben eine erfahrbare Sinnlichkeit und befördert diesen Prozess aus den tabuisierten gesellschaftlichen Niederungen heraus; zurück dorthin, wo das Sterben eigentlich hingehört: in die Mitte der Gesellschaft.
Früher starben die Menschen noch zuhause bei ihren Angehörigen. Es gab genug Zeit, sich mit dem Gehen des geliebten Menschen auseinanderzusetzen, sich zu verabschieden und auch im Familienverbund Trauerarbeit zu leisten und Trost zu erfahren. „Seelenvögel” bleibt sich auch hier treu. Auch das letzte Kapitel des Lebens wird nicht ausgeklammert. Damit ist vorweggenommen, dass nicht alle drei jungen Protagonisten am Ende der Dokumentation ihren Kampf gewonnen haben werden. Riedelsheimer ist hier konsequent, ohne jemals aufdringlich zu werden. Trotzdem wird diese leichte, poetische Schilderung mit Zwischeneinblendung des Wandels der Jahreszeiten – symbolisch für das Werden und Vergehen in der Natur – nicht unbedingt Jedermanns Sache sein. Manch einem kann das zu flockig und zu seicht erscheinen – dem Ernst gar nicht angemessen und die Einblendungen schlichtweg zu kitschig. Letzten Endes ist der Tod eine solch intime und persönliche Erfahrung, dass er immer so begangen werden soll, wie jeder das für richtig erachtet. Anliegen des Films ist es einzig und allein gewesen, ihn aus einem tabuisierten Randbereich herauszuholen. Das ist der Dokumentation gut gelungen.
Abdruck der Filmkritik mit freundlicher Genehmigung des Autors und Dank an MovieMaze – hinter MovieMaze steht keine große Redaktion, sondern eine Gruppe von Film- und Kinofans, die offen, ehrlich und unabhängig berichten will – und die auch den „Trailer” zur Verfügung stellt.

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