Der Kunstverein Worms zeigt zur Zeit Margareta Kern und ihre Ausstellung “Clothes for living & dying” (Odjeća za život i smrt, Kleider für Leben und Tod). Die Ausstellung wurde bereits an verschiedenen Orten in Kroatien und Großbritannien gezeigt, nun ist sie vom 11. Oktober bis zum 8. November 2009 bei uns zu sehen.
Margareta Kern, geboren 1974 in Kroatien / Bosnien-Herzegowina, ist eine in London lebende Künstlerin, die mit Fotografie, Video und Performance arbeitet, um Möglichkeiten in persönlichen (Frei-)Räumen und ihre Beeinflussung durch sozio-politische Bewegungen zu erkunden, zu verarbeiten und zu beschreiben.
In “Clothes for Living and Dying” stellt Margareta Kern zwei ursprünglich getrennte Projekte, Abendkleider (“Haute Couture”, Graduation Dresses, etwa Kleider für den “Abiball”) und Grabkleider, einander gegenüber. In der Ausstellung, so wie sie jetzt in Worms gezeigt wird, fließen die beiden Projekte zusammen. Die Idee, über diese Ausstellung an dieser Stelle, auf einer Webseite von Frauen mit Brustkrebs für Frauen mit Brustkrebs zu schreiben, ist dem Umstand geschuldet, dass die Krankheit dazu führt, sich praktisch zwangsläufig auch mit Themen wie Lebensende und Tod auseinandersetzen zu müssen, Fragen ins Leben zu holen und uns selbst Gestaltungsraum geben, den wir sonst nicht nutzen, nicht nutzen können, wenn wir alles nur verdrängen.
“Clothes for Death” ist eine fortlaufende Dokumentation darüber, wie Frauen aus Kroatien und Bosnien-Herzegovina die Kleidung, in der sie beerdigt werden möchten, vorbereiten.
Sehr bewegt von dem relativ unbekannten, privaten und zugleich intimen Brauch hat sich Margareta Kern auf den Weg gemacht auf eine komplexe Reise, auf der sie die Frauen trifft, sie fotografiert, wenn sie zustimmen, und sich zeigen lässt, welche Kleider sie gewählt haben, um sich einmal darin beerdigen zu lassen. Einige Frauen, die Margareta Kern getroffen hat, sind bereits um die 90 und ihr Leben ist bewegt worden von der unruhigen Geschichte und dem Krieg in den Balkanländern. Die Grabkleider werden von den Frauen wohl verwahrt und verpackt in Stoff oder Plastiktüten und Taschen, damit sie bereit liegen, wenn die Zeit gekommen ist, vor den Schöpfer zu treten, oder auch um den Familien den Abschied auf diese Weise vorbereitet zu erleichtern. Margareta Kern, die in London lebt, hat ihre Reise als “Ausländerin” angetreten und in den kleinen und oft abgeschiedenen Dörfern, in denen die Frauen leben, den Ort ihrer Kindheit und Jugend wiedergefunden, in einem Land, das von den Spuren des Krieges von 1992 bis 1995 noch gezeichnet ist.
Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen den äußeren Grenzen von Identität und sozio-politischem Kontext und inneren, subtileren Arbeiten und Bedürfnissen des Selbst, so berichtet sie im Ausstellungskatalog “Clothes for Living & Dying”. Sie erkunde eine relationale Art zu arbeiten, bei der der Teil der Auseinandersetzung mit persönlichen Erzählungen zugleich in einem Zusammenhang mit dem Prozess der Kunstproduktion stattfinde. Margareta Kern hat in verschiedenen Projekten Bekleidung und Textilien als Instrument zur Öffnung und Erschließung von Fragen der geschlechtsspezifischen Konstruktion, von Identität und ihren sozialen, politischen und kulturellen Kontexten miteinander verbunden. Ihre Erfahrung der Migration – von einer Kultur zur anderen -, überdies ziemlich abrupt zu Beginn des Bürgerkrieges in Bosnien und Herzegowina, unterstreicht ihre Arbeit und das Interesse an Geschichten, die sich mit ungelösten Fragen zu Ort, Zugehörigkeit und Heimat auseinandersetzen.
“Clothes for Death” ist eine Meditation über den Tod als einer Unterbrechung des Lebens. In ihren Bildern reflektiert sie die Konstruktion der Identität, ihre eigene ebenso wie die derjenigen, die sie fotografiert hat, im Zusammenhang mit dem Land, der Kultur und den Menschen. Susan Sontag wird im Ausstellungskatalog zitiert aus ihrem Buch zur Fotografie (Penguin, 1979): “Die Fotografie macht uns zu Touristen in der Realität der Anderen (und vielleicht auch unserer eigenen).” Ist Austausch zwischen Fotograf_in und Fotografierten möglich? Auf ihren Reisen schrieb Kern in einem Blog. Ihre Fotographien bewegen und erzählen vom Leben, zeigen Frauen und ihre Orte des Lebens, die Geschichte erzählen. Und noch einmal Susan Sontag: “Alle Fotografien sind memento mori. Eine Fotografie zu machen, ist teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzbarkeit und Verwandlung einer Person (oder einer Sache). Präzise beim Aufnehmen und Einfrieren des Moments zeugen alle Photographien von der Unerbittlichkeit der Zeit.” Einer Fremden zu erlauben, Fotographien umgeben mit den Kleidern, in denen wir beerdigt werden wollen, zu fertigen, ist nicht nur ein Akt des Vertrauens, sondern auch des Teilens, sagt Margareta Kern.
Weiterclicken:
Ausstellung im Kunstverein Worms:
http://kunstverein-worms.de/01-aktuell/01-1-aktuell.html
Ausstellungskatalog:
“Clothes for Living and Dying”
(in Bibliotheken)
http://www.margaretakern.com/home.htm
(mit weiteren Infos zu diesem Projekt, Videos, Links, Texten und mehr)
Clothes for Death – Fotoserie & Kurzvideos:
http://www.margaretakern.com/projects/clothesfordeath.htm
Interview mit Margareta Kern bei ArtRabbit:
http://www.artrabbit.com/features/features/september_2007/clothes_for_death?PHPSESSID=5d596c30668ea314d67e4638350c4bd5


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