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Entmystifizierung, Wegweisung: Das Kerstin Ostmann-Buch

Titel Kerstin Ostmann - Richard Rickelmann - Es lohnt sich um jeden Tag

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Kerstin Ostmann – Richard Rickelmann
Es lohnt sich um jeden Tag
Berlin: Aufbau 2011

ISBN 978-3-351-02739-1

Eine Buchbesprechung von Gudrun Kemper

Unzählige Bücher zu Brustkrebs haben in den vergangenen Jahren den Buchmarkt geflutet. Im September 2011 erschien bei aufbau das Kerstin-Ostmann-Buch „Es lohnt sich um jeden Tag“. Eine junge Frau führt zwölf Jahre lang einen Kampf gegen ihren Krebs: couragiert, unverzagt hoffend, kraftvoll Widerstand leistend. Mit bewundernswerter Energie, unerschöpflicher Geduld und großer Leidensfähigkeit bewältigt sie selbst schwerste Krisen. Getrieben von dem starken Willen, die in ihr wuchernden Zellen zu besiegen, macht Kerstin bald die Erfahrung, dass sie nicht nur gegen ihren Tumor zu kämpfen hat. Weitere Gegner stellen sich ein, auch sie so unberechenbar wir ihre tückische Krankheit. Es sind dem Einzelschicksal gegenüber gleichgültige Ärzte, die meinungsautark und selbstherrlich ihr Behandlungskonzept durchziehen – wie am Fließband, mit pflegmatischer Routine, ohne Interesse an einer individuell auf sie zugeschnittenen Therapie, häufig darauf bedacht, den Aufwand in Grenzen zu halten.

Kerstin Ostmann wird ein Opfer gleich mehrerer medizinischer Behandlungsfehler, die ihre Überlebenszeit verkürzt und ihre Hoffnung auf Heilung zunichte gemacht haben. Im klaren Bewusstsein um ihren Zustand, den sie sich nie schön redet, zeichnet sie die letzten Jahre ihres Lebens auf – mit großer Eindringlichkeit, erkennbar gereift an ihrer Krankheit und ohne Ansätze von Larmoyanz. Ostmanns Schilderungen, die LeserInnen mitreißen und mitfiebern lassen, sind ein Plädoyer gegen Gleichgültigkeit und Verdrängung in der Medizin und in der Gesellschaft. Sie gibt damit einer schweigenden Mehrheit betroffener Frauen ihre authentische Stimme.

Was sich verkauft

Solche Erfahrungen mit dem Medizinbetrieb verschrecken, das Publikum liebt eher die Erfolgsgeschichte – Ärzte als wahre Heilungskünstler. Die Brust wird rekonstruiert, die Patientin gilt als geheilt, sie selbst sieht sich geläutert und gestärkt aus der Krise hervorgegangen. In der Öffentlichkeit vertritt die Patientin in Talkshows öffentlichkeitswirksame Botschaften, die mit der Realität nicht notwendigerweise übereinstimmen müssen. Brustkrebs ist heute allgegenwärtig und ständig präsent in den Lifestylereports, meistens mit der rosaroten Botschaft von seiner Heilbarkeit: nur keine Realitätsnähe, nur keine Schilderungen von Betroffenen mit negativen Erfahrungen, stattdessen lieber Beschönigungen. Das Kerstin-Ostmann-Buch fällt aus diesem Rahmen verklärender, dankbarer und braver Erfahrungsberichte. Deutschsprachige Bücher über das Leben mit der Krankheit Brustkrebs, die hinterfragen und beschreiben, was Frauen tatsächlich erleben, sind rar. Gerade deswegen ist dieses Buch so wichtig.

Sinnloser Schmerz: Ein Lebensweg durchkreuzt

Kerstin Ostmann, gestorben am 14. April 2008 an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung, wurde 43 Jahre alt. Sie hinterlässt zwei Kinder. Die Leistungssportlerin ist 32, als sie die Diagnose Brustkrebs erhält. Familienanamnese einer „Hochrisikopatientin“, trotzdem beschwichtigen Ärzte, als sich Symptome für Brustkrebs zeigen: zu 98% gutartig, heißt es. Betroffene hören solche Besänftigungen, die sich später als falsch erweisen, immer wieder, auch heute noch. Ohne entsprechende Planung einer Krebs-OP wird sie operiert, vom Chefarzt persönlich. „Beten“ empfiehlt er Kerstin Ostmann, um über die nächsten fünf Jahre zu kommen. Er lehne, sagt er ihr eines Tages, „schwerere Geschütze gegenwärtig ab“. Doch zu diesem Zeitpunkt war ihre Erkrankung, wie der Chefarzt einige Jahre später einräumt, schon weit fortgeschrittener , als er angenommen hatte. Durch diese Fehleinschätzung haben sich Kerstins Überlebenschancen deutlich verringert. Vom Chefarzt keine weiteren Erklärungen dazu. Da hat die Patientin eben Pech gehabt, Schicksal einfach. Eminenz- statt evidenzbasierte Medizin – die vagen Hinweise auf therapeutische Unterlassungen durch andere Ärzte bleiben folgenlos. Und jemand, der Fehlbehandlungen zugibt oder Verantwortung übernehmen will, ist nicht in Sicht. Diverse Therapien der jungen Patientin sind von unfassbar schlampigen Unterlassungen gekennzeichnet.

Kerstin Ostmann erzählt eindrucksvoll, ohne Mitleid erheischen zu wollen, ihren mutvollen Kampf gegen die Krankheit, ihre Auswirkungen auf die Familie und auf ihr Umfeld, die Reaktionen von Bekannten und FreundInnen auf ihre verschiedenen Krebsstadien und den nicht nachvollziehbaren Umgang diverser ÄrztInnen mir ihr. (Eine Onkologin nach einer Chemotherapie-Gabe auf ihre Lungenentzündung: „Das hätte Ihnen ja fast die Lunge weggeschossen.“). Es sind die Schilderungen über Erfahrungen, die viele von uns machen, wenn sie selbst mit der Diagnose Krebs konfrontiert werden, die aber nichts desto trotz häufig verklärt und geschönt werden.

 „Stufe I: Meine Krankheit macht die Runde. Mitleid erweckend. Befangenheit auslösend.
Stufe II: Mein Krebs mutiert zum Tratsch. Kerstin, ich habe gehört, du hast Krebs?
Stufe III: Mein Tumor hat das Stadium der Sensation verlassen, weckt kaum noch Interesse, er hat mich isoliert.“

So ist das.

Isolierung wirkt fort.

 Ich bin für viele nur noch eine Bezugsperson auf Abruf, ein nicht mehr lohnender Kontakt.“

Der gesellschaftliche Umgang mit der Krankheit Krebs ist unehrlich. Die Krankheit wird verniedlicht und schön verpackt, eine Realität wird gezeichnet, die mit dem, was die Krankheit bedeutet, nicht das Geringste zu tun hat.

Kerstin Ostmann verliert ihre beste Freundin.

„Außer einem Telefonat, einer knappen Begegnung Jahre später mit der lapidaren Erklärung, sie habe damit nicht umgehen können, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Manchmal schafft mein Krebs Realitäten, für die ich dankbar bin. Er entzaubert jene Leute, deren Verlust eher ein Segen ist.“

Im Krankenhaus

„Was hatte er mir da eigentlich zugemutet als Krebspatientin, die um ihre Brüste fürchtete?Als Krebspatientin lag ich mit einer Frau in einem Zimmer, die sich ihre Brust vergrößern lassen wollte. Ich sagte ihm, das hätte ich als rücksichtslos empfunden.“

Medizin mangelt es immer noch an der notwendigen Sensibilität, dafür bringt Kerstin Ostmann Beispiele über Beispiele.

Überleben

„Momentan keine Gedanken an Krebs. Ich hatte die naive Hoffnung, ich könnte mich verstecken vor meinen unerwünschten Gedanken und Gefühlen, meinen quälenden Träumen.“ …

„Ich erinnere mich, dass mich der Gedanke beschäftigte, ob es eigentlich einen Typ des Überlebenden gibt und welche Voraussetzungen er mitbringt für ein langes und tumorloses Dasein, und dann immer wieder die Frage, warum es gerade mich mit dieser immensen Wucht traf, erfüllte ich doch alle von den Gesundheitspredigern aufgestellten Kriterien für eine Krebs vorsorgende Lebensweise. Ich rauchte nicht, trank selten Alkohol und hatte einen durchtrainierten Körper.“ …

„Bei meiner zweiten Krebsoperation war mir bewusst, dass sich meine Heilungschancen drastisch verschlechtert hatten. Hatte ich überhaupt Chancen auf eine Gesundung? Oder drehte es sich bei mir nur noch um die Frage, wie lange ich noch zu leben hätte? Und dann sah ich auf einmal mit großer Klarheit, so deutlich wie unter einem Mikroskop, was auf mich zukommen würde. Im Zustand zunehmender Ermattung würde ich an mehreren Fronten gefordert sein.“ …

„Mein Hauptgegner war der Krebs, gleichzeitig aber würde ich mich auf zusätzliche und zermürbende Scharmützel einstellen müssen, mit desinteressierten Ärzten, mit kleinkarrierten Krankenkassenbürokraten, mit ellenlangen Fragebögen von kommunalen Versorgungsämtern, mit langwierigen Erklärungen gegenüber der Rentenversicherung, mit meiner genervten und überforderten Familie, mit Enttäuschungen durch sich absondernde Verwandte und Bekannte.“

Nüchtern richtet Kerstin Ostmann den Blick auf ihr eigenes Leben.

„Was hatte ich nicht entworfen an Idyllen, Hoffnungen und Plänen. Ich war eine begabte und phantasievolle Architektin meiner Zukunft. Konservierte Hoffnungen, malte Wünsche, plante für Jahrzehnte. Und jetzt? Mein Lebensrest vertröpfelte illusionslos.“ …

„Die Angst hatte mich oft wie in Intervallen von Fieberschüben heimgesucht.“

Widerstand

„Frühjahr 2006. In meinen Krebsjahren war ich zum Glück keinen Anfällen von Demut ausgesetzt und der mit ihr einhergehenden dauerhaften seelischen Ermattung, die ich oft bei anderen erlebt hatte. In meinem Zustand hätte ich mir keine schlimmere Heimsuchung vorstellen können als die der knechtenden Demut, die mich in die Rolle einer lämmerhaftergebenen Beobachterin gedrängt hätte, die zusieht, wie langsam ihr Leben zerfällt. … Die Neigung zum Märtyrertum gehört nicht zur Ausstattung meiner Gene, dafür eine Abneigung gegen jede Form von Ungerechtigkeit …“

Leserinnen des Buches können sich viel Mut borgen, lernen, sich aktiv für das eigene Leben einzusetzen.

Entschädigung?

„Wir hätten Sie hier anders behandelt“, so eine Onkologin an der Uniklinik. „Wie anders?“

Auf diese Frage bekommt Kerstin Ostmann keine Antwort, in diesem Augenblick nicht, auch nicht in den folgenden Jahren. Die Antwort bleibt ihr die Medizin generell schuldig. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, besagt ein bekanntes Sprichwort. Selbst wenn jede medizinische Behandlungsleitlinie die Behandlungsfehler aufzeigt: die Gerichte haben Zeit, viel Zeit. Krebspatienten haben keine Zeit. Auch Kerstin Ostmann überlegt lange, bis sie dennoch 2004 Schadenersatzklage einreicht gegen den Chirurgen, gegen das Krankenhaus, gegen den Betreiber des Krankenhauses. Dass nie eine Entschuldigung für erlittene Behandlungsfehler kommt, gibt schließlich den Ausschlag. Außergerichtlich bietet der Anwalt der Versicherung 1000 Euro an. 1000 Euro für ein Leben? Wir brauchen noch tausendfache Klagen und viel mehr Öffentlichkeit, damit sich die rechtliche Position von PatienInnen endlich verbessert.

Leben im Grenzbereich

„Ich spreche daheim seit langem nicht mehr über meine Befindlichkeiten, selbst höflichen Erkundigungen weiche ich aus. Ich habe erfahren, dass mein Krebs nervt. Unausgesprochene, aber lesbare Gedanken: hoffentlich redet sie jetzt nicht von ihrer Krankheit. Meine Wahrheit war die ausgrenzende Wahrheit meines geliehenen Lebens, dass viele meiner Bekannten in ihrem flapsigen Leben voll hohler Wünsche wie einen Angriff auf ihre schön lackierte Zukunft empfinden mussten.“

Kerstin Ostmann stellt mit der erstaunlichen Abgeklärtheit ihrer jungen Jahre die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Leben, die Menschen vor allem in Grenzsituationen immer wieder beschäftigt. Sie reflektiert mit einer Nachdenklichkeit, die beeindruckt – ohne Pathos, ohne Angst zu machen, nüchtern. Sie motiviert zu mehr Widerstand und weniger duckmäuserischer Ehrfurcht vor einer Medizin, die geprägt ist von den Folgen der „Ökonomisierung“ der letzten Jahre.

„Wir liegen hier bereits unterhalb der Grasnarbe, dachte ich. Ob zufällig oder gewollt, hier lagen die Abgeschobenen, die Perspektivlosen. Eine zynische Art der Unterbringung, der Ausdruck einer insolventen medizinischen Geisteshaltung.“

Die häufig von der Wirklichkeit losgelösten Debatten zu Patientenrechten, medizinischen Fortschritten und der Betreuung Sterbender werden geerdet in Kerstin Ostmanns minutiösen Beschreibungen aus dem Alltag einer Krebspatientin in einem Medizinsystem, das von Gleichgültigkeit geprägt ist und in dem die Achtsamkeit für kranke Menschen abhanden kam. Überwichtig werden dann Menschen, die bleiben, mitgehen durch die Untiefen der Krankheit, als verlässliche und anhängliche Begleiter:

„Nun liegt mir nur noch an Menschen, die den Mut aufbringen, sich zu mir zu bekennen. Es sind wenige …“

Adoption

Die Hartnäckigkeit des Journalisten Richard Rickelmann, Mitbegründer der Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte, hat Kerstin Ostmanns Stimme bewahrt und ihr Gehör verschafft. Das Buch ist zugleich ein solidarisches Bekenntnis. Rickelmann und seine Frau adoptieren Kerstin Ostmann, werden zum Schutzschild und Fallschirm einer Sterbenden. Die Adoption, die auch die beiden Kinder stützt, berührt als Ausdruck tiefster menschlicher Fürsorge, in die sich der urmenschliche Wunsch mischt, einen geliebten Menschen auch über den Tod hinaus festhalten zu wollen. Leben ist kostbar: „Es lohnt sich um jeden Tag.“ Die beispielhafte wie beeindruckende Mitmenschlichkeit Rickelmanns, der vehement und kompromisslos für Kerstin Ostmanns Leben eintritt, setzt Prioritäten und macht dieses Buch, zugleich Zeugnis einer besonderen Vaterschaft, kostbar, nicht zuletzt auch für Angehörige.

Leseempfehlung

Empfohlen sei das besondere Buch allen gleichermaßen, Frauen und Patientinnen für mehr Empowerment, Angehörigen und FreundInnen für mehr Beistand und Unterstützung, der Medizin in der Erwartung eines ehrlicheren Engagements, den Medien für ein größeres Interesse an der Realität und den Gesunden in der Hoffnung auf mehr Sensibilität und Solidarität im Umgang mit Betroffenen.

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Info, Leseprobe und mehr Info bei aufbau

KVK-Link: Das Kerstin Ostmann-Buch “Es lohnt sich um jeden Tag” in Buchhandel und Bibliotheken

Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte

Mehr Info bei uns: Was tun, wenn … eine Frau, die Sie kennen, Brustkrebs hat (Info für Angehörige und FreundInnen)

 

Rubrik bücher, erfahrungen

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Alternativen 3: Wer bewegt die Selbsthilfe: Vereinnahmung, Ökonomisierung, Privatisierung

“Wer bewegt die Selbsthilfe? Vereinnahmung, Ökonomisierung, Privatisierung” fasst zwei Arbeiten der irischen Soziologin Orla O’Donovan zusammen und ist der dritte Teil unserer Reihe Alternativen, in der bereits “Ein anderes Rezept” von Anne Rochon Ford aus Kanada und “Eine alte Geschichte” über die amerikanische Brustkrebsaktivistin Rose Kushner erschienen ist. Auch in diesen Arbeiten geht es um Trends in Gesundheitsorganisationen und Selbsthilfe und ihre gesellschaftlichen Ausrichtungen wie etwa dem Trend zur Privatisierung von Selbsthilfe und ihre finanzielle Ankoppelung an Industrieunternehmen.

Download: Wer bewegt die Selbsthilfe: Vereinnahmung, Ökonomisierung, Privatisierung (pdf) von Orla O’Donovan. Zum online Lesen einfach auf das nachfolgende Dokument clicken …

Wir danken Orla O’Donovan für die freundliche Genehmigung der Übersetzung und die Möglichkeit der Bereitstellung. Und besonderes danken wir Uta Wagenmann für die Übersetzung ins Deutsche.

Mehr von und über Orla O’Donovan

Orla O’Donovan arbeitet an Fragen zu Demokratie, Wissenschaft und Gemeinwohlorientierung. Ein großer Teil ihrer aktuellen Forschungsarbeiten basiert auf der Untersuchung von Patientenorganisationen und der Produktion von Wissen, Normen und Erwartungen zum Thema Gesundheit und Gesundheitswesen. Im Jahr 2009 begann Orla O’Donovan gemeinsam mit anderen WissenschaftlerInnen die Arbeit an dem europäischen Forschungsprojekt EPOKS (European Patients’ Organisations in Knowledge Society) Sie ist Mitglied des Vorstandes von Health Action International Europe, einem unabhängigen Netzwerk zu pharmazeutische Fragen in Europa. Außerdem lehrt sie an der Universität von Cork in Irland.

Orla_O_DonovanBuchveröffentlichung: “Power, politics and pharmaceuticals ; drug regulation in Ireland in the global context” von Orla O’Donovan and Kathy Glavanis-Grantham (eds.) Cork, Ireland : Cork University Press, 2008. ISBN 9781859184196. Eine deutschsprachige Übersetzung fehlt bisher.

Aus dem Inhalt

Teil I

Globalisierung, Macht und Wissenschaftspolitik: Wo ist Macht – Widerständig sein, Pharmaindustrie und WHO, das TRIPS-Abkommen: Geistiges Eigentum, globale Führung und Gesundheit, Verzerrungen und Wissenschaft bei der Generierung von Wissen

Teil II – Beispiel Irland

Entwicklung gesetzlicher Regelungen für die Pharmaindustrie im Wettbewerb – auch als Profit bekannt – in Irland, Allianz für den Fortschritt oder Unheilige Allianz: Die transnationale Pharmaindustrie, der Staat und die Universität von Irland, Ausgaben für Medikamente in Irland: Erklärungen gegenwärtiger Trends, Die medizinische Profession und die pharmazeutische Industrie- verflochten, verwickelt oder verstrickt? Die Dominanz medikamentenbasierter Ansätze in der Gesundheitsversorgung psychischer Erkrankungen in Irland: Persönliche Abrechnung eines Allgemeinarztes, der Psychotherapeut wurde

Teil III
Kontroverse und Veränderungen: Arzneimittelrecht in Kanada, Großbritannien und Australien mit drei Einzelbeispielen.

Das Buch wird ergänzt mit einem kleinen Glossar und einer sorgsam recherchierten kleinen Bibliographie (S. 237 – 253). Ein adäquates Buch, dass den Stand in Deutschland betrachtet, fehlt. Für die USA hat Marcia Angell mit ihrem Buch The Truth about the Drug Companies einen Überblick veröffentlicht. Zur Rezension für die deutschsprachige Auflage

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Alternative 1:  Ein anderes Rezept: Fundraising und Ethik in Frauengesundheitsorganisationen nach einer Arbeit von Anne Rochon-Ford

Alternativen 2: Auf den Spuren von Rose Kushner: Brustkrebs, Lobby, Industrie, Therapie

Rubrik broschüren, Reihe Alternativen

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Nach der Heilung

After the Cure - Nach der Heilung ...

After the Cure - Nach der Heilung ...

Text: Gayle Sulik | Übers. Gudrun Kemper

Im Gegensatz zu den Vorstellungen und Geschichten von triumphierenden Überlebenden verändern die Nebenwirkungen [der Brustkrebstherapie] die Qualität des Lebens betroffener Frauen grundsätzlich. Zusätzlich zur Sprachlosigkeit und dem Gefühl von Isolation stechen für mich in diesem Buch die Geschichten eines verengten Leben hervor. Die gemeinsamen Erfahrungen  der Frauen „Nach der Heilung” sind nicht „nur düster” und zeigen Elemente der persönlichen Transformation, wie Menschen ihre Verletzlichkeit akzeptieren lernen.

Doch viele Frauen konnten nicht mehr arbeiten und mussten sich von sozialen Aktivitäten zurückziehen. Körperlich anstrengende Tätigkeiten waren passé, dafür blieb der Umgang mit der Last der Arzttermine, Arztrechnungen, Versicherungsfragen, veränderten Beziehungen sowie körperliche und seelische Nebenwirkungen der Behandlung. Keine dieser Veränderungen im Leben war erwartet worden. Die Frauen dachten, sie würden sich von der Behandlung erholen und dann wieder „normal“ sein. Während einige Frauen keine andere Wahl hatten, als weiter zu arbeiten und familiären Pflichten auch während ihrer Therapien nachzukommen, waren andere nicht in der Lage dazu, wegen der anhaltenden Nebenwirkungen. [Und wenn wir ehrlich sind, wird uns allen doch weis gemacht, dass es auch für all das noch ein tolles weiteres „supportives“ Medikament gibt. Und das war es dann und natürlich müssen wir dankbar sein.]

Es gibt wenig systematische Forschung zu anhaltenden oder latenten Nebenwirkungen nach der Behandlung, und es gibt wenig Informationen für Patientinnen zu diesen Themen. Während einige große Krebszentren Programme für Überlebende nach der Behandlung anbieten, müssen die meisten die Behandlung in ihrem Umfeld ohne diese Ressourcen überstehen. Ein kürzlich erschienener Artikel in The Wall Street Journal berichtet, dass „Patientinnen sich nach der aktiven Behandlung wie am Rande einer Klippe fühlen.”

Woran könnte dies liegen? Abel und Subramanian folgern: „Das Leben in einer Gesellschaft, die erwartet, dass alle Klippen überwunden werden, führt dazu, dass viele Überlebende intensive Scham bezüglich ihrer andauernden gesundheitliche Probleme empfinden.” Konsequenterweise forderten einige daher weder ihr Recht auf Unterstützung bei der Arbeit, noch verlangten sie eine angemessene Unterstützung zu Hause. [Und wenn es genau nehmen: Mit dem „Verlangen“ oder auch dem Insitieren auf Rechten ändert sich nicht wirklich viel.] Auch die Erwartungen an eine triumphale Heilung prägen die Verschleierung komplizierter Realitäten des Lebens mit Krebs und dem Leben nach der Therapie. Diese [komplizierten Realitäten] müssen realisiert, vermittelt und adressiert werden, [genau das passiert aber nicht].

Die 74 Frauen, die in „After the Cure“ befragt wurden, hatten zum Zeitpunkt der Interviews „no evidence of disease“ (NED, [also keinen Nachweis einer Krebserkrankung]). Seitdem haben 12 Frauen einen Krankheitsrückfall erlitten. Die Studie wurde zum Teil von Susan G. Komen for the Cure finanziert.

Danksagung

Danke an dieser Stelle an Gayle Sulik, die diese Übersetzung genehmigt hat und die in ihrer Arbeit als Medizinsoziologin in Bezug auf ihre Solidarität einzigartig ist.

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Originalartikel “After the Cure” im Galye Sulik Blog

“After the Cure” bei Google Books

Bibliographische Angaben

After the Cure: the untold stories of breast cancer suvivors,
Emily K. Abel und Saskia K. Subramanian.
New York: New York University Press, 2008.
ISBN 0814707254, 9780814707258

Rubrik bücher, rezension

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Zuviel ROSA – Die spannende Arbeit der Anthropologin Margret Jäger

Margret Jäger: Früherkennung und Brustkrebs

Früherkennung von Brustkrebs : Diskurse in Brasilien und Österreich ; ein Beitrag zur Gesundheitsanthropologie / Margret Jäger
Verfasser: Jäger, Margret *1951-*
Erschienen: Wien [u.a.] : Lit, 2010
Umfang: 360 S. : Ill., Kt. ; 21 cm
Schriftenreihe: Medizin & Gesellschaft ; 17
Anmerkung: Literaturangaben
ISBN: 978-3-643-50123-3*kart. : EUR 34.90, sfr 55.90 (freier Pr.)

Margret Jäger: Früherkennung von Brustkrebs. Diskurse in Brasilien und Österreich. Ein Beitrag zur Gesundheitsanthropologie. Wien: LIT, 2010 aus der Schriftenreihe Medizin & Gesellschaft, Bd. 17.  ISBN:  978-3-643-50123-3

“ROSA erscheint ausschließlich die Darstellung der Informationen, die bittere Realität von erkrankten Frauen oder jenen Frauen, welche den Verdacht einer Erkrankung als schwere Last mit sich tragen, sieht alles andere als rosig aus. … Die visuelle Wirkung eines kräftigen Rosa Farbtons … zur Erregung von Aufmerksamkeit … ist unbestreitbar, es stellt sich jedoch die Frage, … inwieweit diese die Erkrankung Brustkrebs damit eher verharmlost und verniedlicht. Meines Erachtens trägt die Wahl der Farbe ROSA nicht dazu bei, Informationen zu verschönern oder Hoffnung zu vermitteln. Selten wird in Informationsmaterialien der Grund für diese Farbgestaltung kommuniziert, welcher existiert und erläutert werden könnte”, so schreibt Margret Jäger in der Zusammenfassung ihres Buches. Wie zutreffend diese Feststellung ist, zeigt der erste Blick auf das Internetangebot unseres deutschen Mammographie-Screening-Programms sofort. Jäger verfolgt einen binationalen Ansatz bei der Betrachtung des gesellschaftlichen Umgangs mit Brustkrebs, der wertvolle Hinweise für eine multinationale Betrachtung der gegenwärtigen Situation öffnet.

Die Anthropologin Dr. Margret Jäger aus Wien, die zu den Forschungsschwerpunkten Thematische Schwerpunkte Gesundheit, NGOs, Frauen, Sozialbewegungen, Brustkrebs, Entwicklungspolitik, Regionalplanung, Kultur- und Sozialanthropologie sowie Ethnologie forscht, arbeitet schon länger am Thema Brustkrebs und Gesellschaft. Ihr erstes Buch “Früherkennung von Brustkrebs. Diskurse in Brasilien und Österreich” erschien 2010 im LIT Verlag und entstand auf der Basis ihrer Dissertation an der Universität Graz (“Alles rosa oder was?”, 2008).

Aus der Information des Verlags: Die bikulturelle Studie fokussiert das soziale Phänomen Brustkrebs und die dazu existenten Maßnahmen zu dessen frühzeitiger Erkennung. Im Mittelpunkt stehen die lokalen Auswirkungen der globalen Diskussion und Umsetzung von Maßnahmen auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten von Frauen in Österreich (die Steiermark und Graz) und in Brasilien (Bundesstaat Pará und Belém do Pará). Frauen beider Länder kommen zu Wort in einer Diskussion, in der ihr Körper vor allem von anderen instrumentalisiert wird und ihre Bedürfnisse und Wünsche wenig beachtet werden.

Mehr Info zu diesem spannenden Buch demnächst an dieser Stelle.

Antropology is my life – antropologia é a minha vida – Margret Jäger Blog

Im Buch blättern

bei Google Books

Info in englisch und portugisisch

This bicultural study focuses on breast cancer as a social phenomenon and on the existing measures of early detection. At its core is the analysis of the local impact of the ongoing global debate about the implementation of prevention measures, on female health and health behavior of women in Austria (State of Styira and Graz) and Brazil (State of Pará and Belém do Pará). Women of both countries have their say in this matter that concerns the exploitation of their bodies and the lack of attention for their needs and wishes. (German with Portuguese citations)

O estudo bicultural centra o fenómeno social do cancer de mana e as medidas existentes para detectar o cancer precocemente. No centro da atencao estao os impactos locais de uma discussao global sobre medidas na área de saúde e de comportamento de saúde de mulheres na Austria (Estado de Stiria e Graz) e no Brasil (Estado do Pará e Belém do Pará). Mulheres dos dois paises levantam a voz nesta discussao em que os seus corpos sao instrumentalizados e suas necessidades e seus desejos sao pouco ouvidos. (em Alemao com citacoes em Portugues)

Rubrik bücher, sachbücher

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Die "Kultur" der Geldsammelei gegen Brustkrebs: Das Samantha-King-Buch

Pink Ribbons Inc. von Samantha KingSamantha King:
Pink ribbons, inc. : breast cancer and the politics of philanthropy. Minneapolis : University of Minnesota Press, 2006. ISBN 0816648980, 9780816648986 9780816648, 993 0816648999

Infotext: Gudrun Kemper

Samantha King ist die Autorin des bereits im Jahr 2006 erschienenen Buchs >>> Pink Ribbon, Inc.. Sie schreibt zur Geschäftspraxis und dem geschäftlichen Treiben rund um Wohltätigkeit und Brustkrebs und hat am 6. Oktober 2010 anlässlich des derzeit wieder weltweit boomenden Brustkrebsmonats bei CBC Radio-Canada ein Interview gegeben (>>> anhören oder >>> downloaden , s. The Cancer Fundraising Culture, leider sind die Dateien nicht mehr online).

King greift die beliebte „Bewusstseins-Begründung“ („Bewusstsein gegen Brustkrebs“, im angloamerikanischen „Awareness“) für die geschäftlichen Aktivitäten im Zusammenhang mit Brustkrebs auf. Sie steht allerdings auf dem Standpunkt, dass Frauen in Sachen Brustkrebs bereits hyperbewusst seien. Sie hinterfragt den Umgang mit Frauen in anderen gesellschaftlichen Kontexten und stellt fest, wie ungleich unser Umgang mit unterschiedlichen Krankheiten ist. Auf die Frage, ob denn die Bewusstseinskampagnen zu Brustkrebs nicht letztlich doch auch Gutes bewirken würden, meint Samantha King, dass sie zwar ermöglicht hätten, Gruppen zu bilden – wofür es genau genommen aber auch noch andere Wege gibt. Vorallem gäbe es aber auch eine Kehrseite. Frauen würden aufgefordert, Produkte zu kaufen und Geld zu sammeln. Frauen und Mittel werden fehlgesteuert, sie kämen den gegenwärtigen Forschungsaktivitäten zugute und es sei fraglich, ob der Pfad, auf dem sich die produktorientierte Forschung derzeit befände, der richtige sei. Viele Gelder versickern aber auch einfach in Projekten und Organisationen die sei einsammeln, nicht nur in den USA, ohne dass transparent nachvollziehbar wäre, was damit passiert.

In Kanada und den USA haben gerade gleich drei große TV-Sender zum Spenden gegen Brustkrebs aufgerufen und mehrere Telefonhotlines wurden geschaltet. Der Trend, die Krankheit Brustkrebs über unterschiedliche Medien im „Infotainment“ – einer Kombination aus Unterhaltung und (Des-)Information – wieder und wieder zu thematisieren, ist auch in Deutschland seit einigen Jahren spürbar. In kurzfristig angebotenen Telefonhotlines und Telefonsprechstunden werden bei uns unter anderem z.B. Hinweise für die Medikamenteneinnahme etc. erteilt. Auch hier geht es prinzipiell sehr wohl um Produkte von Arzneimittelherstellern oder anderen Leistungsanbietern (auf Sponsoring achten!). Industriell gesteuerte Aktionen für “Brustkrebs-Bewusstsein” prägen auch das Denken. Rosafarbene T-Shirts, Anstecker, Schleifen, Armbänder etc. demonstrieren praktisch Akzeptanz: Brustkrebs gehört zum Leben jeder Frau, so oder so.

Was läuft falsch bei den Bewusstseins-Kampagnen?

Die rosarote Brille steht bei Samantha King in der Kritik und sie fragt, wie ausgerechnet rosa die Farbe dieser Krankheit sein könne. Ein klischeehafter und nicht reflektierter Abzug von Weiblichkeit, Kindlichkeit werde benutzt.

Rosa Fußballstadion: Ajax Amsterdamm Arena: Bildnachweis: Merljin Hoek, Creative Commons 2.0

Rosa Fußballstadion: Pink Ribbon - Ajax Amsterdam Arena; Bildnachweis: Merljin Hoek, Creative Commons 2.0

Die Kosmetik-Industrie, allen voran Estee Lauder, aber auch AVON, drehen weltweit kräftig mit an den Schrauben solcher Bewusstseins-Kampagnen. Mit viel Aufwand betreibt z.B. der Lauder-Konzern zur Steigerung des “Bewusstseins gegen Brustkrebs” die Superlative: sogenannte „Illuminations“, bei denen weltweit bekannte Gebäude (Empire State Building, Taj Mahal, Präsidentenpalast in Argentinien, Niagarafälle, Opernhaus in Tallinn, Tokyo-Tower oder Küçüksu-Palast am Ufer des Bosporus) mit rosafarbenem Licht angestrahlt werden. Aufmerksamkeit steht im Vordergrund bei solchen Werbe-Highlights. Die Namen der Konzerne werden – versehen mit einer rosa Schleife – in die Köpfe von Frauen eingegraben und es wird Engagement demonstriert. Und die Fragen nach den Inhaltsstoffen der Kosmetika, zum Beispiel? Sie treten in den Hintergrund. Nach möglichen Zusammenhängen bei der Entstehung von Brustkrebs wird nicht gefragt. Ernsthafte Initiativen dieser weltweit tätigen Kosmetikkonzerne, sämtliche ihrer eigenen Produkte für Konsumentinnen sicher zu machen, sind bisher nicht bekannt. Bei vielen Kosmetika wurden und werden weiterhin Inhaltsstoffe sogar verschleiert oder erst gar nicht deklariert (Tipp: nur Kosmetika mit bekannten Inhaltsstoffen verwenden). Samantha King hält die Lichtaktionen gegen Brustkrebs schlicht für Stromverschwendung. Sie änderten nichts und würden auch nicht gegen Brustkrebs helfen. Die Realität einer hässlichen Krankheit werde überblendet. Nichts an Brustkrebs ist rosa oder niedlich.

Für eine andere Art von Forschung, nämlich der Forschung nach den Ursachen, fehlten dagegen die Mittel, die notwendig seien. Auch wenn „Prävention“ im Zusammenhang mit den Illuminationen bei Lauder groß geschrieben wird: Der propagierte Weg der Mammographie entdecke Brustkrebs im Körper der Frau erst, wenn es zu spät sei, Brustkrebs zu vermeiden. King selbst vermeidet aktiv den Kauf der „Awareness-Produkte“.

Mehr zum „Brustkrebsmonat“:

Zum >>> Radio-Interview mit Samantha King

Breast Cancer Action Montreal: Frauen fordern sichere Kosmetika: >>> Femme Toxic

Breast Cancer Action Projekt >>> Think before you pink

Aktuelle Berichte

Philadelphia Inquirer: A stink about pink: Consume your way to the cure von Karen Heller mit Kommentar Beware corporate ‘pinkwashing’

Growing a Green Family: Are pink products making you and the planet sick?

Rubrik bücher, rezension

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Clarity Haynes: Radikale Akzeptanz – Radical Acceptance

Vom 5. Februar bis zum 5. März 2011 zeigte die bildende Künstlerin Clarity Haynes (Jg. 1971) in der Tabla Rasa Gallery in Brooklyn (New York) die Ausstellung „Radical Acceptance“ mit Werken aus ihrem „Breast Portrait Project“, zu dem Haynes auf ihrer Website sagt, dass der Portrait-Malerei historisch betrachtet das Privileg zukomme, Schönheit und gesellschaftliche Macht festzuhalten.

Radical Acceptance: The Breast Portrait Project in der Tabla Rasa Gallery, Click auf das Bild zum Video von Mark J. McQuade bei vimeo

Radical Acceptance: The Breast Portrait Project in der Tabla Rasa Gallery, Click auf das Bild zum Video von Mark J. McQuade bei vimeo

Clarity Haynes hat sich entschieden für die sonst unsichtbare Darstellung des Körpers von Frauen in unserer Kultur, ungeschönt, ungeschminkt, wie er ist. Das Gesicht entspräche normalerweise unserem „anerkannten Selbst“, unserer Maske einer Identität, so Haynes. Ihre Fokussierung ausschließlich auf den Oberkörper bringe einen persönlichen und private Teil eines Individuums ans Licht, wie er in der Regel verborgen sei.[1] Haynes begann ihr Breast Portrait Projekt 1998 mit einem Selbstportrait und setzte es mit mittlerweile über 500 Brustportraits fort.[2] Clarity Haynes malt seit ihrem 16. Lebensjahr. Ihr Mentor Carlo Pittore (Charles Stanley), ein international bekannter Künstler der Mail Art Bewegung, starb im Jahr 2005 an den Folgen einer Krebserkrankung. Er beeinflusste sie maßgeblich in ihrer Arbeit, Themen des Lebens und den menschlichen Körper darzustellen. Für Clarity Haynes ist Malen ein Weg, um einen magischen, besonderen Ort zu Schaffen, der Frauen in ihren Beziehungen zueinander und als intellektuelle und starke Wesen darstellt.

In den Arbeiten der lesbischen Künstlerin nehmen Frauen die Hauptrolle ein, auch wenn sie während des Malens nicht dezidiert versucht, diesen Teil ihrer Identität zu integrieren, so Haynes in einem Interview mit Tom Saettel. Doch komme bei der Arbeit ihre Liebe zu Frauen, die mehr als eine sexuelle sei, durch. Das ist auch spürbar, wenn ihre Bilder auf die BetrachterInnen wirken. Haynes erklärt, was wir wissen und täglich hinnehmen müssen, dass wir in der Repräsentation des Körpers von Frauen an junge, dünne oder chirurgisch bzw. kosmetisch bearbeitete Bilder gewöhnt sind, während Frauen – und in diesem Zusammenhang auch Männer – ein reales Selbstbild weder reflektieren, noch zelebrieren.

Bevor Haynes mit dem Arbeit am „Breast Portrait Projekt begann, habe sie den eigenen Körper mehr als Gebrauchsgegenstand wahrgenommen, während die spirituelle Ebene, Menschlichkeit, unsichtbar blieb. Während des Arbeitens entwickelte das Projekt ein Eigenleben, das so nicht geplant war, etwa ein Zeichen gegen die Unsichtbarkeit von Brustkrebs zu setzen. Viele der Frauen hätten durch das Projekt für sich den Weg gewählt, sichtbar zu werden, um ihre Stärke mit anderen Frauen zu teilen, die Selbstakzeptanz zu fördern.[3]


[1] http://www.clarityhaynes.com/projects_statement.html
[2] http://www.bportraitproject.org/Site_5/herstory____.html
[3] s. a. Just Real Looking; The Portrait Art of Clarity Haynes: An interview with Clarity Haynes by Tom Saettel in Journal of the Leslie/Lohan Gay Art Foundation, Iss. 20/2006

Weiterlesen

Webseite Clarity Haynes
Webseite des Breast Portraits Projects
Clarity Haynes Breast Portraits Project auf Twitter

Rubrik bildende kunst, internet, webseite

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Jo Spence’s autobiographische Fotografie: Rebellion und Krankheit heute

[Eine Spurensuche - zusammengetragen aus Büchern, Zeitschriftenaufsätzen und Internetquellen von Gudrun Kemper]

Jo Spence (1934 – 1992), geboren als Joanna Patricia Clode, war eine britische Fotografin, Dozentin und politische Aktivistin.

Spence

Lebensweg

Geboren in London als Kind von Eltern aus der Arbeiterklasse, sammelte Jo Spence früh Erfahrungen mit Gefühlen der „totalen Machtlosigkeit“, als sie im 2. Weltkrieg hin und her geschoben wurde, eine Erfahrung, die sie ihr Leben lang beschäftigen würde. Nach dem Besuch einer Sekretärinnenschule begann Spence im Alter von 15 Jahren zu arbeiten. Von 1951 bis 1962 war sie Sekretärin in einem kommerziellen Fotostudio. 1965 eröffnete sie im exklusiven London Hampstead ihr eigenes Fotostudio mit Spezialisierung auf Portrait- und Hochzeitsfotografie sowie Castings für Schauspieler[i]. Sie gab dieses kommerzielle Studio jedoch 1974 auf und setzte ihre in den frühen 1970er Jahren begonnene dokumentarische gesellschaftskritische Fotografie fort, weil sie erkannte, dass sie sozial engagierte Arbeiten machen muss.[ii] Bei der Arbeit und Fotografie auf Einladung des Gypsy Education Council für ein Roma-Alphabetisierungsprojekt beginnt Spence, die “Wahrheit” der Dokumentarfotografie in Frage zu stellen. Diese Krise führte schließlich zur Beendigung ihrer Karriere als Berufsfotografin[iii]. Ab 1979 studierte sie am Politechnikum in London Fotografie bei >>> Victor Burgin.

Frauenbewegung – Arbeiterbewegung

Die Arbeiten von Jo Spence werden, anders als ursprünglich geplant, bis heute nicht an einem zentralen Ort gesammelt. Sie umfassen ein breites Spektrum an Frauenfragen und haben in Zeiten neuer sozialer Probleme quer durch Europa an Relevanz gewonnen. Die „zweite feministische Welle“ der 1970er Jahre – “das Persönliche ist politisch” – ist einer der roten Fäden, der sich auch in Spence’ Fotoarbeiten wiederfindet. Ihrer Auffassung nach waren Fotografien (wie Identitäten) niemals fertig. Sie sollten Debatten anstoßen, zum aktiv Werden ermutigen und Situationen zeigen, wie sie sich auch außerhalb der Fotografie finden. Spence wollte Fotos machen, die die private und die öffentliche Welt zusammenführen[v]. Jo Spence wurde Gründungsmitglied der >>> Hackney Flashers. Hackney ist das alte „Arbeiterviertel“ in London. Als Frauenarbeitsgruppe dokumentieren die Hackney Flashers die Lebensbedingungen,  die Frauen umgeben. Sozialistisch/feministisch orientiert, zeigten sie Ausstellungen wie „Frauen und Arbeit“ (Women and Work) oder „Wer kümmert sich um das Baby?“ (Who is holding the Baby?).[vi] Die Projekte, die sie umsetzten, haben an Aktualität bis heute nicht verloren. Auch der Prozess der „>>> Bourgeoisierung“, der sie von ihren Wurzeln und den Problemen der Arbeiterklasse wegführt, ist ein gemeinsames Thema der Gruppe.

Brustkrebs

1982 schließt Jo Spence ihr Studium mit dem Diplom ab. Im gleichen Jahr erfährt sie, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Jo Spence’ Mutter starb an den Folgen von Brustkrebs, als Jo 13 Jahre alt war, eine Erinnerung, die sie, wie sie selbst schreibt, verdrängt hat[iv], bis sie selbst erkrankte. [vii] Die Fotografie „I Framed my Breast for Posterity“[viii] – wie zuvor bereits „>>> Mammogram“ in Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Lebenspartner Terry Dennett fotografiert – entstand als Teil einer Fotoserie in der Nacht vor ihrer Operation, zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht wusste, ob sie nach einer Mastektomie oder einer Lumpektomie, wie es ihrem Wunsch entsprach, aus der Operation erwachte. Die Fotografien werden später Teil der Ausstellung “Narratives of Dis-ease”, die ab 1989 gezeigt wurde.

Verletzlichkeit

Besonders interessierte sie sich für die ÄrztInnen/Patientinnen-Beziehung und die Rolle von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung bei der Infantilisierung von Patienten. Ihr Foto, aufgenommen bei der Durchführung einer Mammographie, zeigt ihre Verletzlichkeit, während sie, halbnackt, ihren Körper der Kontrolle und Prüfung einer Maschine überlassen muss.[ix] „Ich muss der Tatsache ins Gesicht sehen, dass ich total verletzbar bin, dass ich sterben kann, dass ich mich terrorisiert fühlen, terrorisiert sein kann, aber fähig, mich zu wehren, mit Hilfe anderer.”[x]

Die Fotoarbeit, die später öffentlich ist als „>>> Property of Jo Spence“, nahm Spence „als Talisman“ mit ins Krankenhaus, damit sie sie daran erinnerte, dass sie einige Rechte über ihren Körper besaß. In ihrem 1986 erschienenen Buch Putting Myself in the Picture: a Political, Personal and Photographic Autobiography beschreibt sie, wie sie sich selbst – wie so viele Frauen vor ihr und so viele danach – der medizinischen Maschine übergab. Das Gefühl, sich dabei zugleich auch einer staatlichen Einrichtung (dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS in Großbritannien) zu überlassen, ist ihr dabei schmerzlich bewusst. Die Gefühle im Zusammenhang mit ihrer Gesundheitsversorgung waren für sie so total negativ, dass sie sich entschied, egal, was da kommt, „Ich muss raus aus dieser orthoxen medizinischen Maschine“. Ohne sie vorzuwarnen, hatte ein weiß >>> bekittelter Arzt sich über sie gebeugt und begonnen, eine Stelle auf ihrer linken Brust mit einem Kreuz zu bemalen. Er, den sie nie zuvor gesehen hatte, erzählte ihr dann, dass ihre linke Brust entfernt werden würde. Gleichzeitig hörte sie sich „NEIN“ sagen. Kaum etwas kann lauter und deutlicher die Frage aufwerfen: Wem gehört die Brust einer Frau? Spence, die Ideologie und visuelle Präsentation (Theorie und Praxis der Fotografie) am Politechnikum in Central London studiert hatte, stellte fest, dass sie jetzt ein ganz anderes Wissen brauchte. „Mit Horror“ realisierte sie, dass ihr Körper nicht aus Fotopapier gemacht war. Es ging nicht mehr um ein Bild, es ging um Blut, Knochen und Gewebe, so Spence, die „nicht einmal wusste, wo ihre Leber lag.“[xi] Die grobe Markierung ihrer Brust, diese Kennzeichnung zur Amputation, setzt Spence später vielfach in >>> fotografische Arbeiten um, in denen entweder sie selbst oder stellvertretend auch andere oder auch Barbie-Puppen ein schwarzes Kreuz auf der Brust erfahren, ihre Haare verlieren, ihre Brust und die vom Objekt “klinischer Untersuchungen” in  die künstlerische Arbeit übersetzt werden. Einige dieser Arbeiten zeigte die von Tamar Tembeck kuratierte Ausstellung >>> Auto/Pathographies im Kunstpavillon Innsbruck im Jahr 2009 erneut.

Jo Spence kämpfte, damit ihr Chirurg zur Kenntnis nahm, was sie ihm zu sagen hatte, damit sie die Art von Therapie bekam, die sie für sich für angemessen hielt. Sie begann ein „Forschungsprojekt zur Krebspolitik“ mit dem inbrünstigen Wunsch, mehr zu wissen, Wege ausfindig zu machen, die weniger konsumorientiert waren, die mehr medizinische Verantwortlichkeit entstehen lassen konnten, mehr soziale und mehr Eigenverantwortlichkeit. Spence arbeitete dafür mit ihrem ureigensten Werkzeug, mit ihrer Fotografie. Es entstanden Hunderte von Fotos zu ihrer Diagnose, der Krankheit, ihrem Krankenhausaufenthalt und ihren Therapien. Die Soziologin >>> Susan E. Bell beschreibt Jo Spence’ Bilder als „Erzählungen über das Leben mit Krankheit“, die sowohl visuelle, wie auch textliche Elemente enthalten. In ihren Bildern konfrontiert Spence westliche Wissenschaft und Medizin mit Bruchstücken erlebter Erfahrung, mit der Reduktion des Menschen auf den Körper bzw. mit der Herstellung von Passivität. Zugleich spricht Spence durch ihre Arbeit mit denen, die Macht über die Verhältnisse in Medizin und Gesellschaft haben, und sie will politisch wirksam werden und am Aufbau einer Community für „dissidente Krebspatientinnen“ mitwirken. Sie suchte nach einer Sprache, mit der sie mit ihren Erfahrungen auch in einen Dialog nach außen treten konnte.[xii]

Widerstand und Ausbruch

Jo Spence kommt zu der Auffassung, dass Krankheit bei ihr Ausdruck findet, so wie die Klasse, der sie angehört, die sie so sozialisiert hat, dass sie sich selbst missachtete, materiell, umweltbezogen, ökonomisch, psychisch, sogar geistig. Das forderte schließlich Tribut, die Erkrankung an Krebs. Sie, die über so viele Jahre hinweg zu viel gegeben hatte, zu viel geleistet, in zu viele Dinge involviert war, oft aus den falschen Gründen und oft mit den falschen Menschen, wurde schwer krank.

Jo Spence widersetzte sich dem Arsenal der Krebstherapien. Sie widersetzte sich der Mastektomie und ließ stattdessen eine Lumpektomie durchführen. Sie wurde Veganerin, ernährte sich gesund nach einer Anleitung eines Brustzentrums in Bristol und nahm viel ab. Sie suchte nach einem Weg zu mehr Balance, ohne das Kämpfen ganz aufzugeben. Sie lernte, selbstbewusster und weniger aggressiv zu sein, das geschlossene System ihrer Logik und unterdrückten Wünsche zu durchbrechen. Sie hörte ihre innere Stimme wieder und empfand Solidarität in politischen Auseinandersetzungen anstelle der totalen Einsamkeit und der Vergötterung der Schulmedizin. Spence schaffte es auch, Schuldgefühle hinter sich zu lassen, außer Kraft zu setzen, wenn sie das Gefühl hatte, nicht hart genug gearbeitet zu haben, oder wenn die Umsetzung nicht immer klappte, ob sie nun eine politisch korrekte Haltung eingenommen hatte oder nicht.

Chinesische Medizin

Spence entschied sich für chinesische Medizin, TCM, weil sie Patienten ermutigt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, sich wohl zu fühlen, gesund zu bleiben. Dies bedeute mehr für PatientInnen: die Notwendigkeit informierter Entscheidungen (im besten Sinne) und es bedeutet, lebenslängliche Gewohnheiten im Zusammenhang mit Ernährung, Medikamenten, Bewegung und die Erkenntnis, dass der Körper nicht endlos mit einer vollständig unharmonischen Beziehung zu psychischen, geistigen, sozialen und ökonomischen Konditionen in Leben und Liebe zurechtkommen kann. Spence formulierte es auch als „sich selbst mehr lieben lernen, mehr Rücksicht auf eigene Bedürfnisse und Gefühle nehmen“. Sie glaubte daran, dass TCM ihr die bestmöglichen Überlebenschancen bei Brustkrebs geben konnte, zumindest eine bessere „Lebensqualität“, ein Begriff der im heutigen Zusammenhang etwas abgegriffen erscheint, da bereits zu häufig instrumentalisiert. TCM biete keine „Heilung“ („cure“), dafür aber einen Weg, mit der Krankheit umzugehen, sie in Schach zu halten, vielleicht zu verlangsamen. Sie nutzte Kräutermedizin, ihre chinesische Heilerin benutzte ihre Hände, ihr medizinisches Wissen, ihre Beratung, gab ihr Beistand. Sie hatten eine „professionelle Beziehung“, Spence wollte auch hier keine Abhängigkeit entstehen lassen. Sie empfand Liebe und Fürsorge bei der Heilerin, beides hatte sie bei schulmedizinisch orientierten niedergelassenen Ärzten und in Krankenhäusern vermisst, und sie beklagt die Ignoranz, sogar Rassismus, angesichts der gegenwärtigen Behandlungsstandards im Vergleich zu dem in Jahrtausenden gewachsenen Wissen der Chinesischen Medizin. In China könnten PatientInnen beides, Schulmedizin und chinesische Heilweisen, für sich beanspruchen. Auch ihre TCM-Therapien dokumentiert sie fotografisch.

Sexualisierung revisited

Als Fotografin ging Spence der Frage nach, wie Krankheit uns präsentiert wird. Frauen, betrachtet aus einem „männlichen Blickwinkel“, fühlten sich mitunter herausgefordert, sich aufzuhübschen, um liebenswert zu sein, sie kämpften weiterhin für Grundrechte über den eigenen Körper. Die Brust der Frau sei eine Metapher für diesen Kampf. Die Sorge um die richtige Größe und Form bei jungen Frauen, die Macht des Nährens und Stillens, die Entbehrlichkeit danach wollte sie ebenso durch visuelle Repräsentation entdecken wie den Umgang der Medizin mit der weiblichen Brust, und zwar nicht getrennt voneinander, auf dem üblichen Weg, wie wir sexuelle und soziale Identität konzeptionell eher zu trennen gewohnt sind. Ganzheitliche Betrachtungsweisen waren ihr Wegweiser.

Der weibliche Körper ist fragmentiert und besetzt durch die PR-Industrie („by advertizers“[xiii]) auf der Suche nach neuen Märkten. Der weibliche Körper wird fetischisiert und angeboten für den männlichen Konsum durch Pornographie und dabei gleichzeitig umkämpft in der Konkurrenz um medizinische „Versorgung“, in der es keine ganzheitlichen medizinischen Abteilungen gibt, obwohl es ÄrztInnen und Schwestern gäbe, die an einer solchen Medizin interessiert seien. Im Krankenhaus begann Jo Spence zu dokumentieren, was ihr passiert war. Es kostete sie Überwindung, den eigenen Körper im Kontext von Krankheit einzusetzen, öffentlich zu machen. In ihrer eigenen Familie wurden Fragen der physischen und mentalen Gesundheit nicht ausgebreitet. Familienfotos gaben keinerlei Hinweise auf Krankheit, in welcher Form auch immer, während Konventionen das übliche Lächeln erwarten. Mit Fotografien gestaltete Jo Spence auch den Verlauf der Krankheiten ihres Lebens. Alle sollten das Recht haben, sich in den Einrichtungen der staatlichen Gesundheitsversorgung zu fotografieren, so eine von Spence’ Forderungen, die sie für sich zugleich auch umwandelte in eine Therapie, die „Fototherapie“.[xiv] Diese Fototherapie entwickelte sie später gemeinsam mit der Fotografin >>> Rosy Martin (Jg. 1946) weiter. Mit ihrer Fototherapie erhielt sie neben der Dokumentation und Verarbeitung die Möglichkeit, eigene Fortschritte zu erkennen, ihre Machtlosigkeit im Zusammenhang mit Ärzten und Schwestern aufzuzeigen, das „Management der Infantilisierung“ zu entlarven.[xv]

Weit weg von Konventionen

Die Bilder werden später Teil einer weiteren Ausstellung: „A Picture of Health?“ Sie dokumentieren die Erfahrung als Patientin. Spence stellt wissenschaftliche Fotografie, wie sie in Krankenhäusern von PatientInnen als „Fällen“ von medizinischen Fotografen häufig gemacht werden, nach. Nackter Oberkörper, eine vernarbte Brust, Seitenansicht, Frontalansicht, ein Schild mit dem Datum der Aufnahme in der Hand. Mit diesen Bildern, so schreibt Jo Spence in ihrem Buch, habe sie gelernt, dass sie den Krebs nicht mehr verleugnet. Sie halfen ihr, anzunehmen, was sie zuvor als schockierend, sogar hassenswert empfand. Sie fotografiert den „fragmentierten“ Umgang der Medizin mit Körperteilen, die sie beschriftet, und macht so >>> fehlende Ganzheitlichkeit sichtbar. „A Picture of Health?“ war eine gemeinsame Ausstellung von Jessica Evans, Rosy Martin, Maggie Murray, Jo Spence und Jana Stajno. Auf dem Plakat zur Ausstellung, die ab Mitte der 1980er Jahre und später auch auf der Documenta in Kassel (2007) gezeigt wird, ist ein Zitat von Jo Spence abgedruckt. Sie schreibt, dass so, wie es aussieht, jede/r von uns, den der Krebs erwischt, auf einem langen einsamen Weg durch die medizinische Orthodoxie mit ihrem Terrorismus, mit Lügen, Einschüchterung, Hierarchien, Antihumanismus wandern muss … es sei denn, wir rebellierten. Anfänglich sei dieses Rebellieren mehr ein Wegschieben, ein Aussprechen ohne irgendeine Idee, wie es weitergehen kann. Erst langsam entstünde ein Netzwerk der Information für andere therapeutische Wege, zu Selbsthilfegruppen, … langsam vernetzten Frauen sich, um neue Strategien des Überlebens, zumindest aber Veränderungen anzustoßen. Es hat Gültigkeit bis heute.

Die letzten Dinge

Weihnachten 1990 erfährt Jo Spence, dass ihr Brustkrebs wieder da ist, und sie hat außerdem Leukämie. Wieder reicht ihr gesammeltes Wissen nicht. Konfrontation weicht erneut Verletzlichkeit und sie findet andere Modi, um trotzdem weiter zu arbeiten. Gemeinsam mit ihrem früheren Lebensgefährten und Projektpartner Terry Dennett (verheiratet ist sie jetzt mit David Roberts, mit dem sie ebenfalls viele ihrer Fotoprojekte umgesetzt hat) setzte Jo Spence auch diese Erfahrungen, wenn auch mit neuen anderen Mitteln, um in Fotografie und Kunst: “The Final Project” (1991 -92) wird eine fotografische Erkundung der Endlichkeit während Spence’ letztem Jahr mit Leukämie, in dem auch Tabu im Umgang mit terminaler Krankheit und selbst das Sprechen darüber eine Rolle spielen.  „Wir waren uns des Klassencharakters der modernen Medizin deutlich bewusst, und dass der Zugang zu einer alternativen Gesundheitsversorgung mehr ein politisches als ein medizinisches Problem ist“, so Terry Dennett im Interview Tina Takemoto aus dem Jahr 2009[xvi].  Mit Fotomontage entstehen Arbeiten wie “Looking Death in the Eye”, in denen Erinnerungen und Grenzen zwischen Leben und der Zeit danach ineinander übergehen. Sie und die Menschen, die sie begleiten, lernen, den Tod als eine andere Stufe des Lebens zu betrachten.[xvii]

1992 stirbt Jo Spence an den Folgen ihrer Leukämie.

Würdigung

Die fotografische und künstlerische Arbeit von Jo Spence, die „Generationen von Studenten“ beeinflusste,[xviii] erfuhr ebenso wie ihre Auseinandersetzung mit sozialen Fragen größte Wertschätzung. Jo Spence’ erste Arbeiten zu Brustkrebs werden nun bald 30 Jahre alt. Jo Spence lebt weiter in ihren Arbeiten, und sie provozieren bis heute eine andere Art des Denkens, auch wenn dies nicht immer willkommen ist. Die Arbeiten sind heute aktuell wie zu Beginn der 1980er Jahre. Jo Spence’ Erfahrungen sind Erfahrungen, die Millionen von anderen Frauen mit Brustkrebs nicht fremd sind. Sie werden bis heute verleugnet und unterdrückt. Heute werden sie überdies übertüncht durch Kampagnen mit strahlenden, lächelnden oder oft wiederum sexualisierten Frauen mit Brustkrebs und Krankheit, denen, abgesehen von der Darstellung von Brustkrebs als Teil des “modern Lifestyle”, die Aussage und das Verständnis für Brustkrebs als schwerwiegendem Gesundheitsproblem von Frauen abhanden gekommen ist.  Dieses schwerwiegende Gesundheitsproblem wird bis ins Gegenteil verkehrt, bis hin zu Frauenfeindlichkeit und zum “besseren Leben mit Brustkrebs”. In gegenwärtigen Kampagnen sehen wir mitunter die perfekt instrumentalisierte Frau, die fragwürdige Botschaften zu Brustkrebsmedizin und Krankheit – etwa zur Mammographie oder zum sexuellen Status von Frauen mit Brustkrebs –  in die Gesellschaft transportieren soll.

Die Möglichkeiten der u.a. von Jo Spence entwickelten „Fototherapie“ sind bisher wenig genutzt worden. Die Fototherapie hätte Potential zur Dokumentation der Befindlichkeiten von an Krebs Erkrankten heute, sozial, auf den Zustand von Klassengesellschaft und Medizin bezogen.

Links

Jo Spence Exibition Page Mit Workshops und Slideshows

Jo Spence Memorial Archive (Terry Dennett, nur noch in den Internet-Archiven)

Judy Weiser: Phototherapy – Webseite (Judy Weiser (Jg. 1945) ist eine Psychologin, die unabhängig von Jo Spence bereits seit Jahrzehnten mit Fototherapie arbeitet. Judy Weisers theoretische Arbeit aus dem Buch PhotoTherapy Techniques, erschienen 1993,  wurde bereits mehrfach – u.a. von Rosy Martin,  s.o. – in einem Fachbeitrag in dem Buch Feminist Approaches to Art Therapy – erschienen 1997 - plagiiert.  Deutschsprachige Infoseite Phototherapeutische Techniken in Beratung und Therapie von Judy Weiser)

Bücher von und mit Jo Spence (Auswahl)

Photography. Richard Greenhill; Margaret Murray; Jo Spence. London : Macdonald Educational, ISBN 0-35606010-1 [Deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel: Besser fotografieren: Fotografie für Anfänger. Ravensburg 1980. ISBN 3473430420

Photography / Politics: One.  Erste Sammlung kritischer und theoretischer Aufsätze zur Fotografie, hrsg. von Jo Spence und Terry Dennett. 1987. ISBN 0-90689090-X

Photography / Politics: Two. Patricia Holland, Jo Spence, Simon Watney. Workshop: London 1986. ISBN 0-90689089-6

Putting Myself in the Picture: a Political, Personal and Photographic Autobiography. London: Camden Pr., 1986. ISBN 0-948491-14-0

Family Snaps. Jo Spence, Patricia Holland. London: Virago 1991. ISBN: 1-85381-270-6

Cultural Sniping: The Art of Transgression. London: Routledge, 1995. ISBN 0-415-08884-4, Buch bei Amazon durchblättern [Eine intensivere Auseinandersetzung mit diesem posthum erschienen Buch von Jo Spence folgt eventuell zu einem späteren Zeitpunkt hier auf dieser Webseite.]

Jo Spence : Beyond the Perfect Image: Photography, Subjectivity, Antagonism. Barcelona : Museu d’Art Contemporani, 2005, ISBN 84-89771-17-0

Jo Spence Projekte / Ausstellungen / Workshops / Filme (Auswahl)

1970er Jahre

  • Children photographed: Bilder von Kindern, 1. Ausstellung von Jo Spence, Gründung des “Children’s Rights Workshop”
  • Gypsies and Travellers, Fotografien von Jo Spence, Terry Dennett über das Leben der Roma in und um London.
  • Working Lives: Fotoporträts zu einem Buch mit mündlichen Erzählungen über die Geschichte des Ostlondoner Bezirks Hackney
  • Zusammenarbeit mit Terry Dennett: Entwicklung von Lehrmethoden, um Kinder in Fotografie zu unterrichten und Fotografie auf Abenteuerspielplätzen zu lehren, Fotografie-Workshop als unabhängiges Forschungs-, Publikations- und Archivprojekt von Jo Spence mitbegründet. (1974)
  • Woman and Work: Gesellschaftskritische Fotografien über die “unsichtbare Arbeit” von Frauen, Plakat Women and Work, 1975
  • Women Musicians: Kultur der Frauenbewegung
  • Organisation von Wanderausstellungen zur Arbeitergeschichte und den Kulturkämpfen der 1930er Jahre.
  • Who’s Holding the Baby? An Exhibition on Childcare 1978 (Anm.: „Holding the Baby“ umgangssprachlich im Engl. „den Schwarzen Peter haben”)
  • Beyond the Family Album, als Teil von Three Perspectives on Photography. Jo Spence geht „Abwesenheiten und Auslassungen in Familienarchiven“ nach und der Art, wie in Fotoalben Familiengeschichte geschrieben wird. The Hayward Gallery, London, 1979

1980-er Jahre – Studium und danach

  • Remodelling Photo History: Zusammenarbeit mit Terry Dennett, warum Fotografie ganz bestimmte Sichtweisen konstruiert. Herrschende Formen visueller Repräsentation werden in Frage gestellt, um besser verständlich zu machen, dass die Kamera kein Fenster zur Welt ist. (1982)
  • Family, Fantasy, Photography: Eine Arbeit von vier Fotografiestudentinnen, u. a. auch von Jo Spence. (1982)
  • The Crisis Projects, 1982-1992
  • The Cancer Project / The Picture of Health. Gemeinsam mit anderen Frauen untersucht Spence ihre eigene Rolle als Krebspatientin sowie inhumane und infantilisierende Behandlungspraktiken, Bilder und Begriffe von Krankheit / Gesundheit. 1982 – 1990
  • Cancer Sisters: The Cancer Series. 1982-83
  • Photo Therapy: Jo Spence und Rosy Martin entwickeln die Fototherapie, wobei sie sich vor allem für die politische und therapeutische Macht des Geschichtenerzählens auf der Basis bestehender Familienalben und für inszenierte Studioarbeiten interessieren. 1984 – 1989
  • Decay Project. The Cancer Project. 1984
  • The Picture of Health? Jo Spence, Rosy Martin u.a. Camerawork, London. 1985
  • Transformation I, 1985
  • How Do I Begin to Take Responsability for My Body, 1985
  • Mother and Daughter Work, 1986
  • Don’t say cheese, say lesbian,  Rosy Martin, Jo Spence. Leeds Pavillion. 1986
  • Double exposure – the minefield of memory by Rosy Martin, Jo Spence. Photographers Gallery, London. 1987
  • Transforming the suit – What do lesbians look like? Rosy Martin, Jo Spence in ‘Body Politic’. Photographers Gallery, London. 1987
  • Behind net curtains, Rosy Martin, Jo Spence in ‘Family – my history – myself’. Untitled Gallery Sheffield. 1988
  • Cross Class Perspectives, 1988
  • Libido Uprising. 1989
  • Notes from our psychic family albums, Rosy Martin, Jo Spence in ‘Matter of facts’ – Contemporary British Photography – Musee des Beaux-Arts Nantes and touring in France. 1988-89
  • Dirty Linen – Phototherapy, Rosy Martin, Jo Spence. Muziekcentrum Enschede, ‘British Photography’,  Foto Biennale Enschede, Netherlands. 1989
  • Tip of the Iceberg: Fernsehproduktion von Jo Spence über die kulturelle und ideologische Bedeutung von Frauenbrüsten. Gesendet von BBC in England und SBS in Australien.  1989
  • Narratives of Dis-ease: Ritualisierte Vorgänge. Jo Spence, Tim Sheard. 1989/90
  • Jo Spence – collaborative works. National tour in Australia. 1990
  • Family Matters? Rosy Martin, Jo Spence in ‘Affairs of the Heart’. Untitled Gallery, Sheffield. 1991
  • Libido uprising, Jo Spence, Rosy Martin in ‘Exploring the unknown self – self-portraits of contemporary women’. Tokyo Metropolitan Museum of Photography. 1991
  • Missing Persons / Damaged Lives. Jo Spence in Zusammenarbeit mit Rosy Martin, Ya’acov Khan, David Roberts und Tim Sheard.  Leeds City Art Galleries. 1991
  • Libido Uprising, Jo Spence, Rosy Martin zusammen mit Unbecoming Mothers’ Jo Spence, Rosy Martin, Tim Sheard and Ya’acov Khan in ‘Embodiment’. Randolph Street Gallery. Chicago. November/December 1991
  • The Generation(s) of Meaning, Rosy Martin, Jo Spence, Penny Cloutte, Sue Isherwood zusammen mit  Unbecoming Mothers  in A Daughter’s View. Watershed, Bristol. 1991
  • A Personal Journey. Doku-Film von Claire Fletcher, 18 Min. Jo Spence diskutiert ihre Arbeiten in Erinnerung an The Family Album, Phototherapy, Class Stuggle und ihren Umgang mit Krankheit. (1992)
  • Body politics’, Rosy Martin, Jo Spence, Shari Caroline Diamond. PS 122 Gallery, 150 First Avenue, New York. January 1993
  • Middle class values? Jo Spence, Rosy Martin in Renegotiations: Class, Modernity and Photography’. Norwich Gallery. 1993
  • Jo Spence: Matters of concern, Collaborative Images 1982-92, Royal Festival Hall, London, and Impressions Gallery, York, 1994
  • Matters of concern: collaborative images 1982-1992, Jo Spence, Rosy Martin, David Roberts, Valerie Walkerdine, Terry Dennett, Ya’acov Khan and Maggie Murray. Festival Hall, London Sept/Oct 1994
  • Beyond the Perfect Image, Kunsthaus Graz, 2006
  • The Picture of Health? Jo Spence, Rosy Martin u.a., Documenta 12, Kassel  2007
  • The Crisis Projects, 1982-1992, Volokurakeskus Peri Photographic Centre, Turku, Finland, Juni – August  2008
  • Auto/Pathographies: Re-constructing Identity through Representations of Illness –  / (Selbst-)Darstellung des Krankseins in der zeitgenössischen Kunst u.a. mit Werken von Jo Spence zum Thema Sterblichkeit aus der Serie „The Final Project“. Kunstpavillon, Innsbruck. 2009.

Quellenangaben

Die überwiegend meisten Informationen über Jo Spence in diesem Artikel sind ihrem Buch Putting Myself in the Picture: a political, personal and photographic autobiography. London, Camden Press, 1986, ISBN 0-948491-14-0, entnommen.

[i] National Portrait Galery: Mirror Mirror. Self Portraits by Women Artists. Portrait 33, Jo Spence

[ii] Camera Austria, http://www.camera-austria.at/presse_offen/1972915_Biografie.pdf

[iii] Camera Austria, a.a.O.

[iv] “No I can’t do that, my consultant wouldn’t like it” in Silent Health: Women, Health and Representation (Camerawork, 1990). s. archive.org

[v] Kuhn, A. (Einleitung), in Jo Spence: Cultural Sniping: The Art of Transgression. London, Routledge 1995, ISBN: 0-415-08883-6 ; 0-415-08884-4

[vi] “Holding the Baby”, im Englischen auch Synonym für “den Schwarzen Peter”

[vii] Jo Spence, Putting Myself in the Picture: a political, personal and photographic autobiography. London, Camden Press, 1986, ISBN 0-948491-14-0, S. 151, “1982 onwards … Four years ago I was diagnosed as having breast cancer. …”

[viii] “Ich habe meine Brust gerahmt für die Nachwelt”, abgedruckt in: Bell, Susan E.: Living with breast cancer in text and image: making art to make sense, Qualitative Research in Psychology 2006; 3: S. 37

[ix] s. Interpretation Wikipedia, engl. Version

[x] Spence, a.a.O., S. 153

[xi] Spence, a.a.O., S. 151, Abbildung s. http://www.billedkunstmag.no/Content.aspx?contentId=1932

[xii] Bell, Susan E.: Photo Images: Jo Spence’s narratives of living with illness. Health, 2002, Vol. 6 (1): 5-30

[xiii] Spence, a.a.O., S. 155

[xiv] Spence, a.a.O., S. 155

[xv] … “my infantilization whilst being managed and ‚processed’ within a state institution“, Spence, a.a.O., S. 156

[xvi] Remembering Jo Spence, Terry Dennett im Interview mit Tina Takemoto.  Afterimage:
The Journal of Media Arts and Cultural Criticism vol. 36, no. 5 (2009)

[xvii] Remembering Jo Spence, a.a.O.

[xviii] … und auch heute noch beeinflusst, s. beispielsw. Arbeiten der Fotografin >>> Iza Moczarna-Pasiek, die mit ihren Arbeiten erneut Krebs und Frauenbild  in westlich geprägten Gesellschaften „einrahmt“.

Rubrik ausstellungen, bücher, erfahrungen, fotografie, rezension, sachbücher

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Sarah Horton – Being Sarah! (Was wir lieben, müssen wir schützen …)

Es ist ein Anschlag und es ist natürlich nicht gerade das, was aktuell von überlebenden Brustkrebspatientinnen gern gesehen wird. Wer Krebs hat, muss dankbar sein, nicht aber eine “heilungsbessene Gesellschaft” kritisieren.  “Wir sehen die Zerstörung, die die Krankheit macht, nicht”, sagt Sarah Horton. Die moderne medizinische Therapie, Mastektomie, Chemotherapie, Haarverlust, Übelkeit, Silikonimplantate usw., all dies wird uns mit einer rosa Schleife verpackt. Sarah Horton stellt unbequeme Fragen nach den Verantwortlichen und ist eine andere Stimme – garantiert antipink  -, die den Rummel um die rosa Schleife scharf kritisiert, wenn auch leider wieder nur in englischer Sprache. Sie kommt aus Liverpool, spricht aber auch mit ihren Bildern zu uns. Und vielleicht deswegen lohnt es sich doch, auch für die eine oder andere von uns hier, einen Blick auf Sarahs Webseiten, Videos, ihre Bilder oder ihr Buch „Being Sarah“, das sie selbst verlegt hat, zu werfen. Sarahs Mann Ronnie unterstützt und begleitet sie. Er macht Fotos, übernimmt die technische Unterstützung bei den Videos.

Sarahs Themen sind „pink washing“, die ungesunde Geschäftemacherei mit Brustkrebs und Wahlmöglichkeiten bei der Therapie, die es einfach geben muss. Der „qualitätsgesicherte“, „leitliniengerechte“, „einzig richtige“ und „evidenzbasierte“ Weg ist eben nicht immer der einzig mögliche und passt auch nicht für Jede. Sarah berichtet über ihre Erfahrungen mit dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS in Großbritannien („We love the NHS. And we talk about it.“, tja, wenn wir das über die verworrene Situation unserer „Gesundheitsreform“ hier in Deutschland doch auch sagen könnten …), und sie thematisiert Krebsvermeidung und die Zusammenhänge zwischen Brustkrebs und Umweltbelastung.

Ein Trugschluss ist die “alles klar”-Mentalität, dass wir doch eigentlich ganz gut leben damit, mit all den Therapien, dass Brustkrebs doch heute „heilbar“ ist und „vollständig geheilt“ werden kann. Unsere westlichen Gesellschaften ignorieren die Debatte über Vermeidung. Warum ist das so, und was hat das mit den heiklen politischen Fragen über die Ursachen von Krebs zu tun?

In der vergangenen Woche ist Sarah nach Brüssel gefahren. Sie hat wieder ein Video mitgebracht, mit Bildern aus dem Europäischen Parlament, Bilder von Sandra Steingraber, Biologin, Umweltwissenschaftlerin, Mutter, Autorin, Krebsüberlebende. Steingraber stellt unermüdlich die Ursachen zu Krebs auf die Tagesordnung. „Was wir lieben, müssen wir schützen“ (What we love, we must protect) – Sandra Steingraber, Europäisches Parlament, November 2011. Das Video im Europäischen Parlament entstand mit Hilfe von Helen Lynn.

Mehr von Sarah Horton

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Feminismus in Echtzeit: Jessica Yee zu Repression im Feminismus

Jessica Yee

Jessica Yee

Bitchmedia hat in ihrer Rubrik Bibliobitch das neue Buch Feminismus FOR REAL: Deconstructing the Academic Industrial Complex of Feminism (Feminismus in Echtzeit: Dekonstruktion des akademisch industriellen Kompex im Feminismus), hrsg. von Jessica Yee, unter die Lupe genommen. Jessica Yee, die Herausgeberin, beschreibt sich selbst als Frau mit zwei Seelen, als multiethnisch indigene Hip-Hop-Feministin, die sich für vor allem für reproduktive Gerechtigkeit einsetzt. Sie hat >>> Native Youth Sexual Health Network, ein Gesundheitsnetzwerk, dass sich insbesondere für reproduktive Gesundheit indigener Frauen einsetzt, gegründet.

Vor dem Hintergrund eines 500 Jahre alten Erbes von Kolonialisierung und Unterdrückung erforscht Feminismus FOR REAL, was zur Existenz von “Feminismus” geführt hat und definiert, was Feminismus ist und warum es Feminismus gibt.

In einer Zeit, in der beispielsweise Simone de Beauvoir’s Buch Le Deuxième Sexe (dt. Das andere Geschlecht) nicht mehr wirklich präsent heute ist und viele Entwicklungen Feminismus unterminieren, erscheint es wichtig, den Wandel, den auch die Kommunikationswissenschaftlerin Angela McRobbie in Top Girls: Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes aufgreift, mit neuen repressiven Strukturen, die Frauen betreffen, gerade auch in der Medizin, ins Zentrum zu stellen.

Die von Jessica Yee zusammengestellte Anthologie stellt sich Überprevilegierungen im akademischen Umfeld entgegen und beginnt mit einer Auseinandersetzung mit dem „feministisch-industriellen“ Komplex, untersucht industrielle Einflüsse auf das Verhalten von Frauen. Wenn Feminismus eigene Formen der Unterdrückung findet, stellen sich neue Fragen, wie damit umzugehen ist.

Mit mehr als 20 weiteren Autorinnen geht Yee der Frage auf den Grund, wo „das große F“ für Feminismus versagt hat. Viele der Autorinnen nutzen ihre eigenen Erfahrungen in akademischen Umgebungen und dem „Mainstream-Feminismus“ für ihre Kritik. Diese sehr spezifischen Erfahrungen haben die Autorinnen in Organisationsstrukturen und Forschungseinrichtungen für Frauenfragen gesammelt. Unterschiedliche Bewertungen von Verhaltensweisen bei Frauen, auch solchen, die öffentliche Personen unterschiedlicher Ethnizität betreffen oder feindseelige Empfindungen von Frauen unterschiedlicher Ethnizität in Studiengängen der Frauenforschung fördern zutage, dass die Feindseeligkeiten dabei auch heute noch bevorzugt von – einzelnen – weißen Frauen ausgehen, die Schwierigkeiten damit haben, sich in einem Raum mit Frauen anderer Ethnizität  zu arrangieren. Rassismus im Feminismus sei bisher eher als Fußnote betrachtet worden. Ashley McAlister, die den Bibliobitch-Beitrag zu Feminismus FOR REAL geschrieben hat, merkt dazu an, dass Akademikerinnen ihre eigenen Verhaltensweisen im akademischen Umfeld überdenken müssen, für eine Entwicklung von feministischen „Klassenräumen“, die weniger unterdrücken. Einzelne der Frauen sind Studienabbrecherinnen, andere haben viel Erfahrung im Umgang und der Zusammenarbeit mit Master-Absolventinnen.

Feminism for RealKrysta Williams und Ashling Ligate beschreiben, wie persönliche Gespräche herabgewürdigt wurden, als nicht legitimiert für den akademischen Diskurs. Wenn dies passend erscheint, um akademische Forschungsstrukturen in der Krebsmedizin nicht zu stören, so passt diese Beschreibung auch hier recht gut. Als Akademikerin in der Frauenforschung habe sie oft gespürt, so Ligate, wie stark sie gefordert ist, Berge zu besteigen, damit Erfahrungen bzw. Lernen auf der Basis von Gleichberechtigung als legitime und fundierte Quellen von Wissen anerkannt werden. So wie Zitate aus wissenschaftlichen Arbeiten müssten auch persönliche Erfahrungen Eingang in wissenschaftliche Arbeiten finden.
Yee geht Grundsätzen des Feminismus nach, einem Schwerpunkt in Feminism FOR REAL, sie betrachtet die Widersprüche unterdrückender Reglementierungen von feministischer Seite in einer Relation zu dem Bild gleichwertiger Frauen. In einem Radiointerview hält Yee außerdem auch fest, dass es in ihrem Buch um sehr viel mehr – auch um Grenzüberschreitungen – ginge, und nicht allein um Frauenrechte. Das Buch lässt jene mitreden, die sich ausgeschlossen fühlen vom Feminismus und es lässt Frauen zu Wort kommen, die nicht einverstanden sind mit diesem Ausschluss. Feminsmus FOR REAL ist ein Aufruf zur Umkehr, die Zurückweisung von Ignoranz und eine Aufforderung zur Konfrontation mit der unbequemen Wahrheit: dass viele von uns auch im Feminismus Unterdrückung erfahren, auch dass wir selbst verantwortlich sind für die Tatsache, dass viele vom akademischen bzw. von Mainstream-Feminusmus ausgeschlossen sind.

Feminismus FOR REAL kann über Bitch Media bestellt werden. Es ist erschienen als Teil 4 in der Reihe Our Schools / ourselves bei Canadian Centre for Policy Alternatives, Ottawa 2011.

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Unter dem Radar – Krebs und Kalter Krieg: Spurensuche zu Ellen Leopolds Under the Radar: Cancer and the Cold War

Titelblatt: Under the Radar - Cancer and the Cold War von Ellen Leopold

Titelblatt: Under the Radar - Cancer and the Cold War von Ellen Leopold

 

 

[Text: Gudrun Kemper]

Fukushima bietet erneut einen dringlichen Ansatzpunkt, um über die Wirkung von künstlich erzeugter Strahlung nachzudenken. Künstlich erzeugte radioaktive Strahlung ist allgegenwärtig. „Die Schäden durch Strahlung im Zusammenhang mit Programmen aus der Zeit des >>> Kalten Krieges haben uns buchstäblich überrollt mit einer wahren Flutwelle von potentiell krebserregenden Stoffen im Strom von Waren und Dienstleistungen der Nachkriegszeit“, sagt Ellen Leopold in ihrem Buch „Under the Radar: Cancer and the Cold War“ (S. 29) und arbeitet einige weitere unbequeme Zusammenhänge auf. Neue Technologien des „Atomzeitalters“ und ihre politische Forcierung fallen nicht zufällig in die gleiche Zeitspanne: Nuklearmedizin, Atomkrieg, Atomkraftwerke.

Ellen Leopold geht mit ihrem Buch Mechanismen der Angst, Zynismus, Ausbeutung und der unentwegten Propaganda bzw. Manipulation der Öffentlichkeit durch Medien und Politik nach, die die tägliche Diskussion zu Krebs in „modernen“ westlichen Gesellschaften bis heute bestimmen. Sie sucht den roten Faden politischer und ökonomischer Verschmelzungen, der seit vielen Jahrzehnten, in jüngerer Zeit sogar mit zunehmender Tendenz, die Medizin durchzieht. Ellen Leopolds Arbeit hat für das Verständnis der Auswirkungen von Strahlung die gleiche Wertigkeit wie die von Rachel Carson. Carson hat mit ihren Schriften und Arbeiten für ein anderes Verständnis im Umgang mit Chemikalien in unserer Gesellschaft über alle Widerstände hinweg gesorgt und ist bis heute eine Art „Mutter der Umweltbewegung“. So sieht es jedenfalls Barbara Brenner, bis Ende 2010 Geschäftsführerin von Breast Cancer Action.[i]

Nachdenken [Fukushima]

Eine offene Diskussion zu Krebserkrankungen in unserer Zeit, verursacht durch Hiroshima, Tschernobyl, Fukushima (…), weltweit und hier bei uns in Deutschland, fand und findet nicht statt. Gegen Ende des 2. Weltkriegs war die Diagnose Krebs eine Botschaft des Todes. Heute, rund 65 Jahre später, reden viele beschönigend von „chronischer Erkrankung“. Überlebensraten sind marginal angestiegen, Erkrankungsraten haben sich vervielfacht und das schreckliche Wort Krebs sorgt weiterhin für Terror und Schuld und inspiriert Wissenschaftler und Politiker zur Kriegführung. Ellen Leopolds Buch Under the Radar ist nicht nur vor dem Hintergrund der Fukushima-Katastrophe aktuell. Die Autorin befasst sich nicht allein mit Brustkrebs. Zusammenhänge der Entstehung von Krebs, Politik, Ursachen und die paradoxe Entwicklung von Therapiemethoden sind das Hauptthema des Buches. Leopold betrachtet die Geschichte der Atomwissenschaft und die Ausweitung der Nutzung von Strahlung zu Therapiezwecken.

„Gemeinsame Entscheidungsfindung“ und „informierte Einwilligung“ – Der Präzedenzfall

Leopold beginnt ihr Buch mit der Geschichte einer jungen Hausfrau und Mutter, Irma Natanson (Jg. 1921), die 1955 an Brustkrebs erkrankte. Natanson erkrankte in der Zeit >>> vor Betty Friedan, vor der zweiten feministischen Welle, in einer Zeit, bevor „artige“ Menschen überhaupt über eine Krankheit wie Brustkrebs sprachen.[ii]

Irma Natansons Eintritt in einen komplexen medizinischen Leidensweg fand plötzlich und unvorbereitet statt, ohne kritischeres Verständnis, wie es in den letzten beiden Jahrzehnten im Zuge der Ökonomisierung der Medizin zwischen ÄrztInnen und PatientInnen heute etwas üblicher geworden ist. Schnell und passiv durchlief Natonson Mastektomie und Entfernung der Lymphknoten. Lymphknotenbefall war nicht nachweisbar. Die Krankheit war ihr als medizinischer Notfall vermittelt worden. Eine Woche später war sie bei dem Radiologen, den ihr Chirurg empfohlen hatte. Die zuvor in Kanada entwickelte Kobalt-Bestrahlung wurde in den 1950er Jahren experimentell angewendet. Natansons Krankenhaus war eines der ersten, die das Verfahren in den USA einsetzten. Dass man sich eine Frau aus der Mittelschicht, die passiv genug gewesen sei, dabei klaglos mitzumachen, gesucht habe, sei kein Zufall gewesen.[iii] In ihrem Artikel >>> Irma Natanson and the Legal Landmark Natanson v. Kline schreibt Ellen Leopold kritisch, dass insbesondere Frauen diejenigen seien, an denen etwas Neues ausprobiert würde. Häufig ahnten sie nicht, dass sie als Versuchskaninchen dienten. Das Bewusstsein dafür ist auch heute gering, obwohl unzählige Versuche für gesundheitsbezogene Situationen und Krankheiten vor dem Hintergrund der Entwicklung profitträchtiger Medizinprodukte Hochkonjunktur haben. Schutzmechanismen und Warnhinweise sind dafür in der Regel schlechter als für bereits zugelassene Medikamente und Produkte.[iv] Auf dem Weg zur „Evidenz“ stellen Frauen ihren Körper zur Verfügung, um neue Hypothesen zu testen, und in diesem Fall seien sie sowohl experimentelle „Subjekte“ wie auch Patientinnen, so Leopold.

Irma Natanson erlitt bei dem an ihr durchgeführten Experiment schwerste Schäden. In der Folge der immensen Strahlendosis, die Natanson verabreicht wurde, mussten ihr anschließend wegen schwerer Verbrennungen mehrere nekrotisierende Rippen, Brustwand und umfangreiche ulzerierende Hautpartien entfernt werden. Es blieb eine dauerhafte Behinderung, die Gesundheit und Lebensqualität ernsthaft beeinträchtigte, ohne Hoffnung auf Rückkehr zur Normalität. Mehr als 20 Operationen folgten. Ein Lungenflügel stellte den Dienst so gut wie ein. Die Blutversorgung eines Arms war stark eingeschränkt. Es kam zum langsamen Absterben von Gewebe, einige Finger mussten amputiert werden. Natanson war Klavierspielerin. Es folgten endlose Infektionen und ein Zustand, den keine Chirurgie jemals mehr hätte reparieren können. Weitere Details werden an dieser Stelle ausgespart.[v]

Ein Gerichtsurteil mit Folgen

Enorme Rechnungen für die medizinische Behandlung fielen an. Der behandelnde Arzt hatte im Vorfeld der „Therapie“ nicht vor Risiken gewarnt und nicht darauf hingewiesen, dass es sich um ein experimentelles Verfahren handelte, mit dem man bisher kaum Erfahrungen hatte.[vi] Natanson blieb nicht passiv. Schließlich verklagte sie ihren Arzt: wegen mangelhafter Aufklärung über Behandlungsrisiken und wegen der nicht sachgemäß durchgeführten „Therapie“, die mehr ein Experiment denn eine Therapie gewesen sei. Sie gewann den Prozess. Eine bisher nicht offengelegte Summe zur Entschädigung wurde gezahlt. Der Prozess sorgte auch deswegen für Aufsehen, weil sichtbar wurde, welche Schäden am Körper einer Frau durch die Therapie von Brustkrebs entstanden. Sie waren der Anstoß zu Diskussionen über die informierte Einwilligung („informed consent“) und die gemeinsame Entscheidungsfindung („shared decision“). Sind sind heute in der Aufklärung bei medizinischen Eingriffen „Standard“. ÄrztInnen diesseits und jenseits des Atlantiks sind juristisch verpflichtet, PatientInnen über Nutzen, Risiken und mögliche Nebenwirkungen medizinischer Maßnahmen aufzuklären.

Brustkrebs war noch 50 Jahre später in den USA der häufigste Grund für juristische Auseinandersetzungen wegen Kunstfehlern, in jüngerer Zeit auch wegen falsch bewerteter Mammographien. In Deutschland gab es den Essener Brustkrebsskandal, allerdings wegen krimineller Energie in der Pathologie. Eine breitere Aufarbeitung des >>> Essener Brustkrebsskandals lässt noch auf sich warten. Wer die Rechtsprechung in Deutschland intensiv verfolgt, kann sehen, dass Brustkrebs weiterhin häufig ein Klagegrund ist. Es gibt jedoch keine Transparenz bei den erwirkten Urteilen. Selbst die Recherche ist schwierig, weil >>> Finanzinvestoren am Verkauf deutscher Gerichtsurteile verdienen[vii]. Auch die Ausgangssituation für Klagen ist für betroffene Frauen in Deutschland schwieriger. Ein PatientInnenrechtegesetz existiert bis heute nicht und die geplanten Ausgestaltungen geben wenig Anlass zur Hoffnung.[viii]

>>> (pdf) Natanson v. Kline ist bis heute ein häufig zitiertes Urteil, wenn es um das Konzept der informierten Entscheidung geht. Irma Natanson lebte mit den Folgen des Experiments noch weitere 30 Jahre und starb schließlich an den Folgen einer fortgeschrittenen Krebserkrankung „unbekannter Herkunft“ (sog. >>> CUP-Syndrom).

Industrielle Expansion

Ellen Leopold betrachtet Natansons Geschichte nicht allein vor allem vor dem Hintergrund militärischer, industrieller und Regierungsinteressen bei der Ausweitung des medizinischen Gebrauchs nuklearer Techniken. Die Entwicklung der sogenannten Kobalt-Bombe (für die Behandlung mit Kobalt 60), die Kontroverse um radioaktive Niederschläge („Fallouts“), Krebsforschung, auch Strahlenschutzstandards standen in den 1950er Jahren auf der Tagesordnung. Natansons Geschichte sei beispielhaft für die damalige Zeit und nicht allein persönlich tragisch. Natanson sei Opfer der rasanten industriellen Expansion in der Medizin. Privatisierung, Ökonomisierung und das „auf den Markt“-Bringen neuer Behandlungen im Zusammenhang mit der Therapie von Krebs waren der fortan beschrittene Weg (S. 80). Die Strahlentherapie ist heute sehr viel sicherer geworden, das betont auch Leopold, auch wenn viele Dinge sich auch über 50 Jahre hinweg bis in die heutige Zeit hinein eben nicht grundlegend verändert hätten.

PatientInnen sei zwar durch die Gesundheitsberichterstattung in Massenmedien beigebracht worden, ihre ÄrztInnen zu fragen, wie oft sie ein Therapieverfahren bereits durchgeführt hätten. Aber das sei etwas ganz anderes, als ein Therapieverfahren selbst zu hinterfragen. PatientInnen wurden auch bei uns Deutschland in den vergangenen Jahren dahingehend „erzogen“, Ärzte nach höheren Standards und therapeutischen Optionen zu befragen, auf einer zweiten Meinung zu bestehen und sich selbst mehr Informationen zu suchen. Nur ein winziger Teil der PatientInnen werde sich jemals [bei so komplexen Erkrankungen wie Krebs] hinreichend informiert fühlen. Ein weitaus größerer Teil der Patientinnen [in den USA] habe nicht einmal adäquaten bzw. regulären Zugang zu ÄrztInnen. Und auch diese Tendenz, keinen hinreichenden Zugang zu ÄrztInnen mehr zu erhalten, ist in den vergangenen Jahren als Preis der Ökonomisierung in unserem Gesundheitssystem spürbarer geworden in den endlosen Wartezeiten, in wenigen Minuten, die ein Arztbesuch maximal in Anspruch nehmen darf, bei ÄrztInnen, die inzwischen überdies so viele andere Verpflichtungen wie Administration, Vorträge, Patienteninformationsveranstaltungen, Fortbildungen, Kongressbesuche, Qualitätssicherungen, Evaluationen, Benchmarkings, Controllings etc. neben der medizinischen Versorgung übernommen haben.

Leopold sieht auch die neue Verpflichtung zur Eigeninitiative von PatientInnen kritisch. So werde der Patientin lediglich noch mehr von den Lasten einer ernsten Diagnose auf die Schultern gelegt. Man bürde ihr die Unzulänglichkeiten der medizinischen Wissenschaft unter der Erscheinungsform des „shared decision-making“ auf. Leopold hält deswegen Forderungen nach mehr Eigeninitiative bei PatientInnen sowohl für unrealistisch wie auch für unfair.[ix]

Hinter verschlossenen Türen

Leopold setzt steigende Krebserkrankungsraten in einen Kontext mit der konform ansteigenden Zunahme der Kontamination durch ionisierende Strahlung. Nur dissidente WissenschaftlerInnnen warnten vor der gleichzeitigen Zunahme von Krebserkrankungen. Auf den ersten Blick haben die von Leopold parallel betrachteten Inhalte „Krebstherapie“ und „Kalter Krieg“ nichts miteinander zu tun. Bereits die Verknüpfung der beiden Themen ist ungewöhnlich. Es gibt, wie Leopold feststellt, zu diesen kritischen Themen keine öffentliche Diskussion, die die Öffentlichkeit auch erreiche, und das sei Teil des Problems. Kontroversen, die bezüglich der Richtung und der „Rentabilität“ des investierten Kapitals (Return on Invest) bestünden, fänden hinter geschlossenen Türen statt, in der wissenschaftlichen [politischen, industriellen] Community. Vieles sei deswegen spekulativ, da es nur schwer mit absoluter Sicherheit zu dokumentieren sei. Leopold will jedoch dazu bewegen, tiefer bzw. weiter zu schauen. Sie richtet den Blick auf Umweltbelastungen, zu denen die Kontamination mit gesundheitsgefährdender Strahlung gehört. Sie wünscht sich eine öffentlich wahrnehmbare politische Diskussion, gut finanzierte Forschung, repräsentiert auf den oberen Ebenen staatlicher Forschungseinrichtungen ebenso wie im Parlament.

Dunkle Flecken der Medizingeschichte

Auch wenn es zwischen „Krebs“ und dem „Kalten Krieg“ auf den ersten Blick keine Verbindung zu geben scheint, die auf Hiroshima folgenden Atomversuche und die Produktion und

Tests mit Nuklearsprengköpfen haben einen Einfluss darauf gehabt, dass ansteigende Krebsraten in den USA diesbezüglich nicht untersucht wurden, so wie es bei uns bis heute keine zugänglichen Untersuchungsergebnisse mit Zahlen in Bezug auf Tschernobyl gibt. Die Atomversuche hätten nicht fortgesetzt werden können, wenn bekannt gewesen wäre, dass Menschen in der Folge an Krebs sterben.[xiv]

Wer die jüngste Medizingeschichte betrachtet, konnte beobachten, wie trotz hoher Strahlenbelastung die Computertomographie mehr und mehr eingesetzt wird, wie mit der intraoperativen Bestrahlung der Brust in Brustzentren verstärkt geworben oder wie beim Darmkrebs-Screening mittels Computertomographie[xv] Strahlung eingesetzt wird, ohne dass dafür entsprechende Standards in den Leitlinien stehen und ausreichende Langzeitstudien vorlägen. Bei medizinischen Untersuchungen gibt es einen ansteigenden Trend hin zum Einsatz von Methoden, die ohne Strahlenbelastung nicht auskommen.[xvi] Nur wenige kritische ExpertInnen warnen, andere verkaufen die „Dienstleistung“. Ärzte hätten, so Leopold, dabei versagt, ihre Patienten zu schützen, besonders wenn sie im Kontext tödlich verlaufender Krankheiten nach Ausflüchten suchten (S. 94), während sie experimentelle Therapieversuche intensiv nutzten. Eine ähnlich kommerziell betriebene Intensität des Experimentierens lässt sich gegenwärtig auch in der profitorientierten medikamentösen „modernen“ Forschung auf einem Höchststand beobachten. Der Wechsel, der zu diesem Arsenal klinischer Studien für chemotherapeutische Medikamente gesorgt habe, sei auch durch einen Artikel im New England Journal of Medicine aus dem Jahr ausgelöst worden, der dem „Krieg gegen den Krebs“ Erfolglosigkeit attestiert habe.[xvii] Auch die Kanadierin und Brustkrebsbetroffene Shirley Farlinger ist auf der Suche nach Antworten. Sie hat sich mit Leopolds Buch befasst und weist auf die Notwendigkeit einer von den USA unabhängigen, eigenen öffentlich finanzierten Forschung zu Strahlung und ihren Wirkungen aus sämtlichen Quellen hin.[xviii]

Verantwortlichkeit

Sind Patientinnen selbst verantwortlich für die schmerzhaften und schwierigen Behandlungen, die ihre Ärzte ihnen verschreiben? Ellen Leopold stellt Verantwortlichkeiten für Krebs als Krankheit, bei der die Verantwortung den Betroffenen zugeschrieben wird – bedingt durch den persönlichen Lebensstils oder etwa verpasste Früherkennung – grundsätzlich in Frage. Sie ortet die Verantwortung an anderer Stelle, einige Beispiele:

  • Kampagnen wie >>> Atoms for Peace sollten Sicherheit und Vertrauen in nukleare Techniken vermitteln.
  • Die kommerzielle Expansion von Nukleartechnologien sei ohne große Kontrolle vorangetrieben worden.
  • Die Komplexizität der Verbindungen zwischen Regierung und Industrie beschreibt Leopold in entsetzlichen Details.[x]
  • Das medizinische Establishment (nicht ÄrztInnen generell, Machtinhaber!) sieht Leopold besonders kritisch: sorglos und indifferent im Umgang mit Strahlung, und zwar sowohl im Umgang mit Röntgenuntersuchungen, explizit der Mammographie, ebenso aber auch beim Einsatz in der Therapie von Krebs.[xi]
  • Tausende von Menschen seien verstrahlt worden. An den Folgen von experimentellen Krebsbehandlungen mit Strahlen starben Menschen. Die Washington Post notierte im Jahr 1981 620 Todesfälle infolge von experimentellen Krebsbehandlungen.[xii]
  • Krankenhäuser hätten dem Marketingdruck nachgegeben, Geräte angeschafft und eingesetzt, bereits bevor hinreichende statistische Evidenz die Sicherheit der Anwendung dokumentiert hätte, mit der Folge, das häufiger unsichere Dosierungen verabreicht worden wären.

Ellen Leopold sucht nach ethischen Verantwortlichkeiten und findet sie zum Beispiel bei der >>> Kommission für Atomenergie (AEC), bei der Werbung der amerikanischen Regierung für Strahlung als Weg der Krebsbekämpfung, angetrieben durch die industrielle Expansion der Nachkriegszeit und eine militärische Art des Denkens.[xiii]

Leopolds Lösungsansatz liegt nicht auf der persönlichen Arzt-/PatientInnenbeziehung. Die Kriegs- und Krebsmetaphern existieren weiterhin. Viele Frauen werden auch zukünftig glauben, sie müssten „Feuer mit Feuer bekämpfen“, mit der in Sicherheit wiegenden Annahme, dass nur die schwerste Therapie irgendwelche Überlebenschancen biete. Die Geschwindigkeit, in der die Therapie durchgeführt wird – s. Irma Natanson – bleibt für viele bestimmender Faktor: „Hauptsache, es ist raus“.

Ellen Leopold zeigt Zusammenhänge unseres Verständnisses und der Diskussion über Krebs auf, die in Verstrickungen des Kalten Krieges ihre Wurzeln haben: Aktuelle Verwerfungen zwischen individuellen und Konzernverantwortlichkeiten bei ansteigenden Erkrankungsraten und Forschung, die Behandlung an die Stelle von Vermeidung stellt, mit Therapien, die patentiert und vermarktet werden können. All dies reflektiert nach Leopold die – vielfach verborgene – Strategie des Kalten Krieges. Selbst die Sprache, die zur Beschreibung der Behandlung der Krankheit benutzt würde, könne entsprechend bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Leopold dokumentiert militärische und Regierungspositionen ebenso wie industrielle und medizinische Betrachtungsweisen von Strahlung und Atomenergie, um die Einflüsse der Nachkriegszeit auf Krebs durch das Brennglas des Kalten Krieges zu untersuchen. Sie stellt den militärisch-industriellen Komplex als verantwortlich heraus, der in „Partnerschaft“ mit Medizin Nebenprodukte des Krieges so schnell wie möglich kommerzialisiert habe, ein Prozess, der Unterstützung bei Krebsspezialisten gefunden hätte. Zuerst habe die US-Regierung versucht, die Risiken bzw. Schäden der durch ihre Atomversuche verursachten Fallouts zu ignorieren, vor allem auch hinsichtlich der Anerkennung rechtlicher Ansprüche der Opfer. Sie befand sich jedoch im Gleichklang mit EpidemiologInnen, die die Verantwortlichkeit für Krebserkrankungen und ihre Entstehung im persönlichen Lebensstil als „lifestyle factors“ – zum Beispiel beim „Rauchen“ – verorteten, jedenfalls aber weitab von der Exposition durch ionisierende Strahlung und anderen künstlich hergestellten und die Umwelt durchdringenden Karzinogenen. Natürlich verursacht Rauchen ebenfalls Krebs, sogar Brustkrebs im Einzelfall. Ggf. lasse sich aber selbst auch das „Rauchen“ noch als Ablenkungsmanöver instrumentalisieren.

Beim militärisch-industriellen Komplex verortet Leopold auch die Verantwortlichkeit für die Umwidmung der Nutzung von Strahlung für immer mehr medizinische Einsatzbereiche, einschließlich Mammographie. Die These von Leopold sei hier, dass diese Technologien beispielhaft für die Art der militaristischen Herangehensweise bzw. des militaristischen Denkens innerhalb der amerikanischen Medizin ist.[VI] Dies schlage sich nachhaltig nieder im „Krieg gegen den Krebs“. Wir finden ihn wieder in den Metaphern und der Sprache der medialen Berichterstattungen, wo „Prominente“ fortgesetzt Krebs besiegen oder manchmal auch den „Kampf verlieren“. Aber auch „Früherkennung“ und aggressive therapeutische Interventionen hätten in dieser Strategie ihre Wurzeln, bevorzugt gegenüber der Primärprävention,[VI] der keine Priorität eingeräumt wird. Wenig Chancen also für konsequentere Wege der Vermeidung von Krebs durch Ursachenbekämpfung und die Vermeidung von gesundheitsgefährdender Strahlung.

Und wie geht es weiter?

Im Jahr 1950 starben rund 200.000 Menschen in den USA an den Folgen von Krebs. Im Jahr 2010 waren es mehr als 562.000.[xix] Die Bevölkerung der USA hat sich verdoppelt, während sich die Sterblichkeit an Krebs fast verdreifacht hat. Auch wenn die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA in diesem Zeitraum von ca. 69 auf 77 Jahre angestiegen ist, scheint zumindest der „Krieg gegen den Krebs“ bisher nicht wirklich erfolgreich zu sein.

Die Autorin

Ellen Leopold erkrankte 1990 an Brustkrebs und engagierte sich damals für das Women’s Community Cancer Project (WCCP). Heute ist sie Mitglied des >>> National Advisory Council von Breast Cancer Action. Leopold ist auch die Autorin von A Darker Ribbon: Breast Cancer, Women, and Their Doctors in the Twentieth Century (Die dunklere Schleife: Brustkrebs, Frauen und ihre Ärzte im 20. Jahrhundert, erschienen 1999) und Coautorin von The World of Consumption (Die Welt des Konsums, gemeinsam mit Ben Fine, erschienen 1993). Sie forscht seit Jahrzehnten zum Thema Brustkrebs und war wissenschaftliche Mitarbeiterin der University of London sowie wirtschaftspolitische Beraterin im >>> Greater London Council, bis dieser von Margaret Thatcher im Jahr 1986 abgeschafft wurde. Sie ging später nach Massachusetts in den USA und veröffentlichte Artikel zum Thema Brustkrebs unter anderem in „The Nation“ und der „Chicago Tribune“.

Ellen Leopold: Under the Radar online

Under the Radar ist erschienen in der Reihe Critical Issues in Health and Medicine bei Rutgers Univ. Press im November 2008. ISBN: 978-0813544045. Eine deutschsprachige Ausgabe von Ellen Leopolds Buch „Under the Radar“ fehlt. Die englische Ausgabe ist im Buchhandel, in Bibliotheken (s. KVK) und teilweise online verfügbar bei:

Ebrary
http://site.ebrary.com/lib/academiccompletetitles/docDetail.action?docID=10251790 (bei Timeout einfach neu laden)
Google Books
http://books.google.de/books?id=8rY7Mn1qs6IC

Weiterlesen

Die Weltgesundheitsorganisation: Unter der Knute der Lobby von Andreas Zumach, Genf: „Wenn es um die gesundheitlichen Gefahren durch atomare Strahlung geht, regelt die Weltgesundheitsorganisation die Fragen einvernehmlich mit der Internationalen Atomenergie-Organisation.“ WOZ 14.04.2011


[i] Barbara Brenner auf der Verlagswebseite Rutgers University Press

[ii] Q&A with Ellen Leopold, 31.10.2008, Rugters University Press Blog

[iii] Julia A. Ericksen: Under the Radar: Cancer and the Cold War by Ellen Leopold; The Biopolitics of Breast Cancer: Changing Cultures of Disease and Activism by Maren Klawiter; From Pink to Green: Disease Prevention and the Environmental Breast Cancer Movement by Barbara L. Ley; Bearing Witness: Living with Ovarian Cancer edited by Kathryn Carter and Laurie Elit, Signs, Volume 36, Issue 2, Page 496-501, January 2011.

[iv] Die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin sind beispielsweise gegenwärtig [Stand 2011] in bisher nicht gekanntem Umfang gepflastert mit Werbung für klinische Studien zu allen möglichen Krankheiten und Symptomen.

[v] Mehr Details der Krankengeschichte sind dokumentiert in: The silent world of doctor and patient von Jay Katz u. Alexander Morgan Capron im Kapitel 3, darauf weist Ellen Leopold in ihrem Artikel Irma Natanson and the Legal Landmark Natanson v. Kline hin.

[vi] Toon, Elizabeth: Doctors enlisted to fight evil cells: Under the radar: Cancer and the Cold War. Times Higher Education 23.07.2011, http://www.timeshighereducation.co.uk/story.asp?storycode=407463

[vii] Jura-Datenbanken: So verdienen Finanzinvestoren am Verkauf deutscher Urteile, Konrad Lischka, Spiegel online v. 12.04.2011, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,druck-755813,00.html

[viii] s.a. Pressemeldung SoVD v. 08.04.2011, http://www.sovd.de/1822.0.html

[ix] Q & A, a.a.O.

[x] Julia A. Ericksen: Under the Radar: Cancer and the Cold War by Ellen Leopold; The Biopolitics of Breast Cancer: Changing Cultures of Disease and Activism by Maren Klawiter; From Pink to Green: Disease Prevention and the Environmental Breast Cancer Movement by Barbara L. Ley; Bearing Witness: Living with Ovarian Cancer edited by Kathryn Carter and Laurie Elit, Signs, Volume 36, Issue 2, Page 496-501, January 2011.

[xi] Julia A. Ericksen: Under the Radar: Cancer and the Cold War by Ellen Leopold; The Biopolitics of Breast Cancer: Changing Cultures of Disease and Activism by Maren Klawiter; From Pink to Green: Disease Prevention and the Environmental Breast Cancer Movement by Barbara L. Ley; Bearing Witness: Living with Ovarian Cancer edited by Kathryn Carter and Laurie Elit, Signs, Volume 36, Issue 2, Page 496-501, January 2011.

[xii] Farlinger, Shirley: Under the Radar, Peacemagazine

[xiii] Angela N. H. Creager: Cancer and the Cold War and Contested Medicine: Cancer Research and the Military, Bull. Hist. Med. 2010, 84, S. 151 – 152, http://muse.jhu.edu/journals/bulletin_of_the_history_of_medicine/v084/84.1.creager.html

[xiv] Farlinger, Shirley: Under the Radar, Peacemagazine

[xv] Scientists Say F.D.A. Ignored Radiation Warnings, Harris Gardiner, New York Times v. 29.03.2010

[xvi] s. auch Vorsicht in punkto Strahlen

[xvii] Progress against Cancer? John C. Bailar, III, and Elaine M. Smith, N Engl J Med 1986; 314:1226-1232, May 8, 1986, http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM198605083141905

[xviii] Farlinger, Shirley: Under the Radar, Peacemagazine

[xix] Nach Elayne Clift, Breast Cancer Action Book Review: Under the Radar v. März 2009, http://bcaction.org/2009/03/21/book-review-under-the-radar-cancer-and-the-cold-war/, aktualisiert mit Daten  Cancer, Facts and Figures 2010 (ppt), American Cancer Society. Die Bevölkerung der USA ist im benannten Zeitraum von rd. 157 Mio (1950) auf 318 Mio (2010) angewachsen (Zahlen: UN World Population Prospects).

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