Skip to content


Pink Ribbon Blues – Das Gayle Sulik-Buch

Aus den Facebook-Notizen vom November 2010 (zusammengestellt von G. Kemper)

Nachdem Barbara Ehrenreich mit Büchern wie Smile or Die – Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt klargestellt hat, wie unerbittlich die Werbung für positives Denken ein ganzes Land gefährdet, arbeitet die Medizinsoziologin Gayle Sulik mit ihrem im Oktober 2010 bei >>> Oxford University Press erschienenen Buch Pink Ribbon Blues heraus, wie der Umgang mit Brustkrebs in westlichen Gesellschaften Gesundheit von Frauen gefährdet. Die Autorin widmet sich sozialen und sprachlichen Aspekten, Auswirkungen der Berichterstattung in Massenmedien, kulturellen Aspekten, Ausflügen in die Krebsindustrie bis hin zur kritischen Betrachtung von Big Pharma und sie stößt ein Umdenken an. Dabei positioniert sie sich – und das ist eher unüblich und einnehmend – glaubwürdig bei den betroffenen Frauen. Gayke Sulik widmet ihr Buch ihrer Freundin Cathy Hoey, die an den Folgen von Brustkrebs starb. Weiterlesen …

Rubrik Bücher

Stichwort , , , , , , , ,


Pink!, (RED), and green: Impressions on [sl]acktivism, femin[in]ism, and where that leaves us on environmentalism oder Das Geschäft mit “Rosa”, “Rot” und “Grün”

English version (kickaction.ca)

Von Erika Jahn

rosa, rot und grünIch bin ein wenig besorgt über solche Tage, an denen wir mit einer Handtasche in der Hand auf dem Weg zur Hölle sind. An den meisten Tagen meines Lebens bin ich die ewige Optimistin, gestärkt durch MentorInnen, LehrerInnen und AktivistInnen, die die Welt verbessern können. Wir können Armut besiegen, wir können Geschlechtergerechtigkeit erreichen, wir können gesund sein und wir können in Frieden leben. Der Slogan unserer Generation ist: „Yes, we can!“, richtig?

Wenige meiner Wegbegleiterinnen würden sich selbst als apathisch bezeichnen. Die meisten benutzen wiederverwendbare Taschen im Supermarkt, wenige sind homophobisch, viele sind Vegetarierinnen und manche üben Yoga. Andere laufen noch für die Heilung oder bloggen und tweeten Meinungen zu Genderfragen, unterzeichnen Petitionen und kaufen (RED), pink! oder grüne Produkte zu ihrem „Lieblingsanlass“. Das alles sind Wege, mit denen wir etwas verändern können, richtig?

In meinem letzten Blogeintrag (>>> Warum ich rosa Brustkrebskrempel hasse & 6 gute Gründe für Querköpfe, um aufzupassen) habe ich einige meiner Bedenken bezüglich der aktuellen Trends im Feminismus beschrieben, nämlich besonders jene zu aufgemotzten feministischen Trends, die zu rosa und zu hübsch sind und die vor allem zu häufig einfach nur den Status Quo verteidigen. Ich bin besorgt, dass junge Feministinnen Mädchenhaftes mit Feminismus verschmelzen oder anders ausgedrückt, dass das Zelebrieren von Weiblichkeit mit Empowerment verwechselt wird. Ähnliches gilt auch für die Umweltbewegung usw.

Weiterhin, und es hängt zusammen, habe ich Bedenken wegen der Art und Weise, wie wir uns engagieren. Sorgen die aktuellen Formen von Aktivismus für genügend Stress? Erlaubt pink!, (RED) oder grün zu kaufen es, sich gut zu fühlen, während systemische Fragen zur Frauengesundheit, AIDS und Umwelt unbeachtet bleiben und geschwächt werden? Ist es damit getan, entsprechend eines farbcodierten ethischen Anspruchs einzukaufen? Macht das Clicken des „Like-Buttons“ auf Facebook bereits zur Aktivistin in einer Sache? Welche Art von AktivistInnen nährt die Kultur eines Konsum-Aktivismus und „Kaufen ___ (Adjektiv) für ___(Substantiv)“?

Im aktuellen Artikel „Wenig Veränderung: Warum die Revolution nicht getweeted wird“ (>>> Small Change: Why the revolution will not be tweeted) sorgt Malcolm Gladwell im New Yorker mit seiner Aussage, dass „es so aussähe, dass wir vergessen haben, was Aktivismus ist“, für eine Kontroverse. Gladwell meint, dass wir die Bedeutung und Effektivität von Social Media für einen sozialen Wandel überschätzt haben, während echter Aktivismus aus Beziehungen mit anderen AktivistInnen und persönlichem Bezug zu einem Thema resultiere. Er reklamiert für sich, dass wirksamer Aktivismus risikoreich ist und dass diejenigen, die sich online engagieren – eben Twitter-Revolutionen, wenn man so will – persönlich wenig investieren, und das wiederum bedeute minimale Auswirkungen auf einen sozialen Wandel.

„Es ist [z.B. bei Twitter] nicht notwendig, dass man sozial fest verwurzelte Normen und Gewohnheiten bekämpft“, schreibt Gladwell. „Tatsächlich ist es allein die Art des Engagements, die soziale Anerkennung und Lob bringt.“

Versteht mich nicht falsch, ich LIEBE mein getwitter und ich bin abhängig von Facebook. Ich habe Kurse belegt, wie man Social Media effektiver einsetzen kann, und mein Engagement für Online-Aktivismus ist ein großer Teil meines derzeitigen Jobs. Und … doch spüre ich wie Gladwell (für gewöhnlich) den wunden Punkt, und das ist es, warum ich weiterhin beunruhigt bin und mich bemühe, meine persönlichen Aktivitäten und die gegenwärtige Kultur des Aktivismus breiter zu hinterfragen.

Eine berühmte Feministin – zitiert nach Laurel Thatcher Ulrich – meinte, dass „eine wohlhabende Frau selten Geschichte schreibt“. Auf Autoaufklebern sehe ich diesen Spruch häufig, und obwohl es eine abgenutzte Plattitüde ist: es stimmt, aber nicht nur für Frauen. Diejenigen, die Angst haben, für Stress zu sorgen und „sozial fest verwurzelte Normen und Gewohnheiten zu bekämpfen“, wie Gladwell es nennt, werden selten Geschichte schreiben. Wenn wir Petitionen für Gleichgesinnte tweeten und allein dann bereit sind, unsere Meinung zu Scheinheiligkeit, Sexismus, Homophobie oder Rassismus in den Kreisen, wo man uns sowieso zustimmt, offen zu sagen, dann tun wir wenig, um diesen Normen entgegenzutreten. Nach Gladwells Betrachtung jedenfalls ist wirklicher Aktivismus risikoreich, und er kann Angst auslösen.

Ich kaufe, also bin ich

Wie auch immer, wir sind eine Generation, die gelernt hat, dass wir Kaufkraft haben und dass wir ethisch einkaufen können, um eine Sache zu unterstützen. Unsere Generation weiß, was es heißt, pink!, (RED) oder grün einzukaufen. Aber bewirkt dieses Kaufen in pink!, (RED) oder grün, um es mit Gladwell zu sagen, irgendetwas anderes als „soziale Anerkennung und Lob“? Viele von uns engagieren sich im Konsumaktivismus, und es scheint einfach ein fest verwurzelter Aspekt unserer gegenwärtigen Kultur und eine gängige, wirklich geniale Marketing-Strategie zu sein. Denn eine Sache, in der unsere Generation wirklich gut ist, ist Konsum.

Unsere Konsumkultur bietet unbegrenzte Möglichkeiten, sich als KonsumaktivistIn zu betätigen und als Gutmensch neu zu erfinden. (RED) zum Beispiel „ist die einfache Idee, die unsere unglaubliche kollektive Macht als KonsumentIn verwandelt in Finanzkraft, um anderen in Not zu helfen“[i]. Das Versprechen bei beiden ist klar: Einkaufsentscheidungen in pink! und (RED) können das Leben verändern, aber man riskiert auch nichts, versagt sich nichts und opfert nichts. Sind diese Bewegungen zielführend oder beziehen sie uns in Problemlösungen ein? Die (RED)-Bewegung erkennt unsere Identität und unsere Rolle der VerbraucherIn als Gutmensch an, ohne dabei zu berücksichtigen, dass diese Rolle zugleich der Brennstoff für Ungleichheit ist und diese sogar noch weiter anheizt, anstatt dass sie Auswirkungen auf diejenigen hat, für die sie in Anspruch nimmt, hilfreich sein zu wollen, den Armen in Afrika. Wohltätigkeitsmarketing bietet großen Konzernen die Möglichkeit, von unserem Wunsch, sich gut zu fühlen, zu profitieren, was übersetzt wird in ein gutes Gefühl zu diesem Konzern, der uns eben diese Möglichkeit gibt. Tatsächlich sind die 5 Cent, die Starbucks für den (RED)-Zweck spendet, 5 Cent, die sie nicht in Marketing und Werbung investieren müssen. Es gibt keinen Verlust und nur Gewinn für die Konzerne.

Für „rosa-Schleife-Einkäufe“ kann man das Gleiche feststellen, obwohl hier in manchen Fällen sogar etwas Heimtückisches passiert. Hersteller von Alkohol und Kosmetika, fettige Restaurants für Hähnchen-Flügel – etc. ohne Ende –, alle profitieren von den rosa-Schleife-Einkäufen, während sie meistens damit wahrscheinlich eher zu den Ursachen von Brustkrebs beitragen mit ihrem sehr fettigen Fast Food, toxischem Alkohol und ihren hormonbelasteten, chemiegeladenen Parfums und Rouges. Nebenbei, so meinen viele Berichterstatter in dieser Frage, wäre der einzige Grund, warum die Brustkrebs/pink-Ribbon-Kultur so erfolgreich im öffentlichen Raum sei, die Tatsache, dass sie einen guten Job macht bezüglich der Beibehaltung des Status Quo. Sie verstärke bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit und geschlechtsspezifische Normen, quasi als Symbol einer übersteigerten Mütterlichkeit, als ein gefundenes (dazu besonders sicheres) Fressen für Organisationen, Politiker und Prominente, das Ruder zu übernehmen, ohne sich dabei sonderlich anzustrengen.

Und was hat das alles mit Umweltschutz zu tun? Also, ich sehe, dass die grüne Bewegung in die Fußstapfen von pink! und (RED) getreten ist. Nicht unbedingt die gesamte grüne Bewegung per se, aber viele Firmen eröffnen uns inzwischen Möglichkeiten für „grüne“ Konsumgewohnheiten. Zu oft hat ihr Anspruch allerdings nur einen grünen Anstrich, und wichtiger noch, wie auch bereits bei den vorherigen Beispielen, bin ich besorgt, dass sie uns damit lediglich den Weg weisen, unsere Schuld durch grünen Konsum zu verringern, ohne substantielle Veränderungen in Lebensstil, Gewohnheiten und vor allem unserem Weg des Denkens.

Was denkst du? Gibt es Gründe, besorgt zu sein? Führt die Existenz solcher Kampagnen zu mehr Problembewusstsein und sollten wir nicht so hastig darin sein, sie zu beurteilen? Oder befriedigen sie nur unser Schuldbewusstsein, befreien uns von Verantwortung und erhalten den Status Quo? Ist persönliches Engagement zu wenig?

Die Autorin

Erika Jahn ist Projekt-Koordinatorin für Breast Cancer Action Montreal. Jahn hat in Harvard ihr geisteswissenschaftliches Studium (Theologie und Politikwissenschaften) absolviert und erprobt aktuell unabsichtlich und ungewollt existenzielle Qualitäten des Seins als Arbeitslose mit zwei akademischen Graden. Sie schreibt freiberuflich für diverse Medien, u.a. auch für >>> kickaction, eine Online-Community für Mädchen und junge Frauen.

Übersetzung aus dem Englischen: G. Kemper (mit freundlicher Genehmigung der Autorin), Abbildungsnachweis: BCAG u. Kickaction.ca

Weiterlesen

Mehr zum Charity-Thema: Teresa Odendahl-Rezension: Eigennutz statt Wohltätigkeit (Charity Begins at Home)

www.kickaction.ca: Kickaction.ca ist eine Community junger Frauen aus Kanada, die über das Web sprechen. Mit Bloggen und Ideentausch online beziehen sie Stellung zu Fragen, die sie betreffen. Sie benutzen Medien und das Internet aktiv zu ihrem eigenen Vorteil. Sie organisieren, mobilisieren und drücken sich aus, bilden Gemeinschaften, sie kritisieren und erfinden Neues.  Kickaction ist eine zweisprachige Community für junge Frauen, die für sich selbst denken, Standpunkte einnehmen und die kreativ sind, um positive Veränderungen in ihrer Community und in der Welt zu bewirken.


[i] Anspielung auf den Satz …“ is a simple idea that transforms our incredible collective power as consumers into a financial force to help others in need”, mit dem (RED)™, eine geschäftstüchtige “Charity”, vorgeblich Gelder für HIV und AIDS sammelt.

Rubrik Berichte

Stichwort , , , , , , , , , ,


Sulik-Blog: „Es ist Zeit, sich nicht länger was vorzumachen“

Mit der Aufforderung “It’s Time To Get Real” hat die US-amerikanische Medizinjournalistin Gayle Sulik eine kleine Bildersammlung ins Netz gestellt, um einige der zu Brustkrebs verbreiteten Botschaften auf ihre Bestandskraft hin zu untersuchen. Sie fordert, Holzwege zu verlassen, und will einen radikalen Richtungswechsel erreichen. Nachfolgenden Text aus Suliks Blog >>> Pink Ribbon Blues vom 3. März 2011 veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Text: Gayle Sulik / Übersetzung ins Dt. von G. Kemper

Die Kommerzialisierung der Krankheit Brustkrebs ist zunehmend im Trend. Mit dem Aufkommen der „rosa Schleife“ im Jahr 1992 wurde „Bewusstsein“ für Brustkrebs zum Motor einer rosafarbenen Verwandlung. Viele, einschließlich meiner Wenigkeit, haben gefragt: Was genau wird Menschen bewusst gemacht? Eine Untersuchung der imaginären rosa Produkte und Bewusstseinsaktivitäten zeigt eine klare Botschaft:

Brustkrebs exisitert.

Alle Frauen haben ein Risiko. [Tochter, Schwester, Mutter, Freund, Ehefrau, Großmutter, Kämpferin, Überlebende, Siegerin ...]

Habe Angst. [Niemand ist sicher. Noch.]

Entwickle ein Gefühl dafür.

Lass eine Mammographie machen. [Alle deine Freundinnen machen es.]

Habe Hoffnung. [Hoffnung ist schön.]

Zeig Courage.

Kämpfe.


Siege.
[Warum 60 Meilen im kühnsten Brustkrebs-Ereignis der Geschichte laufen? Weil alle ein langes Leben verdienen.]

Im rosa Patchwork aus Angst, Hoffnung, Courage, Schönheit und begeistertem Triumph nehmen Werbespots und andere werbende Materialien den Wunsch der Allgemeinheit auf, etwas gegen Brustkrebs zu tun. Mit dem Angebot eines endlosen Kampfes und der imaginären Heilung bietet das „rosa Brauchtum“ Mammographie und die Selbstuntersuchung der Brust als Formen der „Vermeidung“, während die kommerzielle Annäherung Menschen dazu bringt, den „Kampf“ durch rosa Konsum zu unterstützen.

Schließ dich dem Kampf an. KAUF die Klamotten.

Werbebotschaften sind zugleich Schuld daran, dass Menschen mitmachen, während ihnen vermittelt wird, dass Heilung außer Reichweite ist.

BMW fragt: Wie weit würdest DU fahren, um Heilung von Brustkrebs zu finden?
[Millionen Meilen, Millionen Dollars, die Millionen Leben betreffen.]

c

Doch Avon vermittelt, dass man Brustkrebs nicht heilen kann. Statt dessen kann man laufen.
["Ich kann Brustkrebs nicht heilen. Aber ich kann laufen."]

Und schließlich müssen Bürger zu Konsumenten, die rosa denken, rosa kaufen und sich rosa verhalten, gemacht werden, um im Falle von Brustkrebs ihre standhafte Unterstützung für „den guten Zweck“ zu demonstrieren.

[Paula denkt pink!. Kauf und sammele pink. Hilf uns, 1 Million Dollar für den Kampf gegen Brustkrebs zu sammeln, wenn du diese großartigen Markenprodukte kaufst.]

http://gaylesulik.com/wp-content/gallery/cache/64__420x340_029-paulathinkingpink.jpg

Wenn diese Strategien funktionierten, könnte es wertvoll sein, Teil dieses endlosen rosa Stroms zu werden. Aber sie funktionieren nicht.

Das National Cancer Institute [NCI, das nationale Krebsinstitut der USA] sieht keine Reduktion von Brustkrebs am Horizont bzw. tatsächlich steigen die Krebserkrankungsraten weiterhin an. Die NCI-Daten zeigen außerdem, dass es in Hinsicht auf die Sterblichkeit nur einen minimalen Rückgang gibt: eine Reduktion von 8 Todesfällen auf 100.000 Menschen zwischen 1975 bis 2007. Die Rückfallquoten sind nach vie vor hoch. Mammographie-Screening funktioniert nicht [bzw. ist “insuffizient“]. Die Selbstuntersuchung der Brust konnte nicht zeigen, dass sie Tumoren eher erkennt oder die Sterblichkeit senkt. Das gesammelte Geld findet den Weg in Forschungsprojekte kaum. Diejenigen, deren Krebs im Stadium der Metastasierung ist, sind in der „rosa Kultur“ ebenso weitgehend unsichtbar wie auf der Tagesordnung der Forschung. Um es deutlich zu sagen: wir sind nicht dabei, den „Krieg“ zu gewinnen. Es gibt klare Grenzen des aktuellen Wohlfühl- und konsumbasierten Ansatzes der Brustkrebs-Früherkennung und Interessenvertretung. Eine meiner Leserinnen kommentierte dies so: Nur durch den gemeinsamen Druck auf den Wandel von Regierungspolitik, Forschungsförderung und Fokus haben wir eine Chance, diesen Trend zu verändern. Es ist Zeit, sich nicht länger etwas vorzumachen.

Dem kann ich nur zustimmen.

Beispiele für Trends in Europa:

Werbung für Mammographie-Screening (Foto-Ausstellung mit manipulativen Aussagen statt Wissensvermittlung)

Siemens-Spende an Komen-Organisation in Österreich (Finanznachrichten 03.03.2011, Spenden mit Marketing-Interessen)

Bildnachweis: Alle Abbildungen liegen im Blog der Medizinsoziologin Gayle Sulik und werden hier nur eingespielt. Ähnliche Beispiele von rosa Produkten (T-Shirts, Staubsauger, Bügeleisen, Haarföne, Fitness-Studios, Gelkissen zur Selbstuntersuchung und vieles mehr) werden zunehmend auch in Deutschland und Europa vermarktet.

Rubrik Brustkrebsmonat

Stichwort , , , , , , ,


Die “Kultur” der Geldsammelei gegen Brustkrebs: Das Samantha-King-Buch

Pink Ribbons Inc. von Samantha KingSamantha King:
Pink ribbons, inc. : breast cancer and the politics of philanthropy. Minneapolis : University of Minnesota Press, 2006. ISBN 0816648980, 9780816648986 9780816648, 993 0816648999

Infotext: Gudrun Kemper

Samantha King ist die Autorin des bereits im Jahr 2006 erschienenen Buchs >>> Pink Ribbon, Inc.. Sie schreibt zur Geschäftspraxis und dem geschäftlichen Treiben rund um Wohltätigkeit und Brustkrebs und hat am 6. Oktober 2010 anlässlich des derzeit wieder weltweit boomenden Brustkrebsmonats bei CBC Radio-Canada ein Interview gegeben (>>> anhören oder >>> downloaden , s. The Cancer Fundraising Culture, leider sind die Dateien nicht mehr online).

King greift die beliebte „Bewusstseins-Begründung“ („Bewusstsein gegen Brustkrebs“, im angloamerikanischen „Awareness“) für die geschäftlichen Aktivitäten im Zusammenhang mit Brustkrebs auf. Sie steht allerdings auf dem Standpunkt, dass Frauen in Sachen Brustkrebs bereits hyperbewusst seien.  Weiterlesen …

Rubrik Bücher

Stichwort , , , , ,


Willkommen in Krebsland – Aus dem Land der rosa Schleife

Zur Übersetzung“Willkommen in Krebsland” von Barbara Ehrenreich ist ein “Klassiker” für die Entdeckungsreise der Geschäftspraktiken zu Brustkrebs, erschienen im November 2001 im amerikanischen Original ist die Arbeit immer noch aktuell. Mit Jahren der Verspätung also hier in deutscher Sprache: Barbara Ehrenreichs Die Reise durch “Die Welt der rosa Schleife” erschien bereits damals in Harper’s Magazine:

“Ich dachte, es wäre eine von diesen Mammographien im Vorübergehen, ein Stopp in einer Serie von alltäglichen Verrichtungen wie Post, Supermarkt oder Fitnessstudio, aber ich verlor meine Nerven schon im Wartezimmer, und zwar nicht nur wegen der ungewöhnlichen Notwendigkeit, meine Brüste zu entblößen und diese röntgendichten Sternchen auf meine Nippel zu kleben. Ich war hier schon einmal vor vier Monaten, aber das war nur eine Standardvisite zur Vorbeugung, die von allen anständigen Plan-Versicherten erwartet wird, sobald sie 50 werden, und ich hatte dem nicht viel Beachtung geschenkt …” … Willkommen in Krebsland von Barbara Ehrenreich weiterlesen …

Rubrik BCAction, Berichte

Stichwort , , , , , , ,


Die Brustkrebs-Barbie

von Jeanne Sather
Jedes einzelne Teil, das die Brustkrebs-Barbie trägt, ist rosa: Handschuhe, Abendkleid, die gesprenkelte Stola, Lippenstift und die winzige rosa Schleife auf ihrer linken Schulter. Die Stola ist quer um die Schulter gelegt und im Rücken zusammengehalten, genau wie die kleine rosa Schleife als Symbol für das „Bewusstsein gegen Brustkrebs“. Die Verpackung ist natürlich auch rosa. Ich linse unter die vier Lagen von Tüll, die die Puppe von den Füßen bis zu den Knien bedeckt, um die Schuhe anzusehen und muss in der Tat feststellen, dass sie barfuß ist. Aber das ist ein Ablenkungsmanöver, vielleicht sind alle Puppen aus der Barbie-Sammlung wie diese eine „Pink-Label-Andenken-Puppe” barfuß? Oder bin ich etwa geneppt worden?
Als Frau, die mit Brustkrebs und minus einer Brust lebt und sich über jedes neu hinzugekommene „rosa-Schleife-Produkt“, das im “Namen der betroffenen Frauen” jedes Jahr im Oktober auf den Markt kommt, doch eigentlich freuen sollte, habe ein paar Fragen dazu im Kopf…Was sagt diese Schönheitskönigin oder Märchenprinzessin, diese PUPPE im rosa Kleid über mich und meine Erfahrungen mit Brustkrebs? Die Antwort ist: Nichts.

Nichts.

— Die Puppe vermittelt mir keine Hoffnung.

— Die Puppe vermittelt auch kein positives Bild einer tapfer mit Krebs lebenden Frau.

— Und mit dem Verkauf der Puppe sind nicht einmal geeignete Möglichkeiten verknüpft, Spenden gegen Brustkrebs zu sammeln.

Barbie, die Puppe, die für viele Frauen mit einer Art Hassliebe verknüpft ist, war immer schon ein bisschen mehr als nur eine Puppe, vor allem aber war sie über Jahrzehnte ein Bestseller. Natürlich, die Schizophrenie der US-Kultur bewirkt, dass wir sie wohl lieben. Die erste Barbie kam 1959 auf den Markt. Wenn diese Puppe mich repräsentiert, oder etwa die durchschnittliche Frau mit Krebs, so müsste sie älter sein. Ich war 43, Barbie ist 18 oder vielleicht 22 jetzt.

Außerdem müsste die Barbie, wenn sie uns repräsentierte, mit einem Sortiment von Perücken und Kopftüchern ausgestattet sein, das haben die Designer bei Mattel, die die „glitzernde Tüllstola, die an den Kult der rosa Schleife erinnert“ entwarfen, vergessen. Auch haben sie eine Brustprothese (oder auch zwei) vergessen, und das, obwohl doch auch Ruth Handler, die die Barbie erfunden und nach ihrer Tochter benannt hat, bereits 1970 eine Mastektomie zur Behandlung ihrer Brustkrebserkrankung hatte. Presseberichten und der Konzerngeschichte zufolge war es ihr nicht möglich, eine Brustprothese zu finden, die sich natürlich anfühlt. Deswegen entwarf sie dann ihre eigenen, die sie sich 1975 mit dem Markennamen “Nearly me” (“Fast wie ich”) patentieren ließ. Ruth Handler starb im Jahr 2002 im Alter von 85 Jahren.

Die Brustkrebs-Barbie bräuchte eigentlich noch einige weitere essentielle Chemo-Accessoires, so etwa eine kleine, pinkfarbene Toilette mit Abzug, wenn das Erbrechen kommt. Und – natürlich – die Strümpfe für ihre Arme, um dem Lymphödem vorzubeugen. Diese könnten ebenfalls rosa sein, wie die Handschuhe. Okay, es macht nicht so viel Spaß, mir Barbie mit einem winzigen (rosafarbenen) BH und einer winzigen abnehmbaren Brust vorzustellen, zurück zum Punkt.

Warum sollte man diese Puppe kaufen?

Inspiration. Mattel sagt, die Puppe ist eine Inspiration. Ich sage: Nein. Worte wie Empowerment, Hoffnung und Stärke auf dem Schriftzug im inneren der Verpackung tun es nicht. Ich habe Brustkrebs, Runde 1 geht an mich.


Geld für den “guten Zweck”(Cause Marketing)

Mattel sagt, man will $ 100.000 für den Verkauf der Puppe an Komen spenden. Ich bin überwältigt bei so viel Großzügigkeit. Es ist nicht nur ihr Geld, und es sind Peanuts. Meine Krebsbehandlung wird mehr als 300.000 US-Dollar in diesem Jahr kosten. Das sind die Kosten für eine Frau in einem Jahr. Eine Spende von $ 100.000 wird kaum ausreichen für die Reagenzgläser bei einer durchschnittlichen klinischen Studie. Runde 2 für mich.

Als Geschenk für ein Kind, das von Brustkrebs betroffen ist

Mattel sagt auf der Rückseite der Brustkrebs-Barbie-Verpackung „Die Barbiepuppe bietet die großartige Möglichkeit, Kinder über die Krankheit und ihre Folgen (s. oben, Perücken, Toiletten etc.) zu schulen und Unterstützung, Hoffnung und Trost zu geben. Heute sind viele Kinder mit Brustkrebs konfrontiert, weil die Erkrankung die Mutter, Großmutter, Bekannte, Freundinnen oder ihre Lehrerinnen betrifft. Wir hoffen, dass die „Pink Ribbon Barbiepuppe“ hilft, den Dialog zu beginnen und den richtigen Ton zu unterstützen.“

Ich bin nicht hier, um Witze zu machen. Man sollte diesen Marketingschwindel nicht ernst nehmen und diese Puppe nicht für ein Kind kaufen, dessen Mutter oder Großmutter Brustkrebs hat. Bitte nicht. Es gibt bessere Geschenke: Deine Zeit, deine Achtung. Wenn ein kleines Kind sie haben will, meinetwegen als Krankenhausgeschenk oder damit es Doktor spielen kann. (Aber es ist so offensichtlich, mit einem Doktorkoffer um die Ecke zu kommen, wenn die Mutter im Bett liegt, also sollte man sehr sensibel sein.)

Meine beiden Söhne waren 8 und 13, als ich die Diagnose Brustkrebs erhielt. Und ich weiß, wie schwierig dieser Umstand gerade für Kinder sein kann. Es ist schwer zu glauben, dass Mattel gerade diesen letzten Punkt wirklich ernst nimmt. Da ist kein Hinweis auf der Website von Mattel, auch nicht auf der Elternseite, wo man sich einen Newsletter mit „Tipps für Eltern“ bestellen kann. Die Botschaft von Barbie war schon immer: Kauf mich. Fall nicht drauf rein, besonders nicht im Oktober.

Meine Brustkrebs-Barbie genießt mittlerweile die Konservendose mit rosa Campbell-Suppe in einem Schrein für die Ahnungslosen in Amerikas Konzernen.

Dank geht an Jeanne Sather für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und Veröffentlichung an dieser Stelle. Das © copyright liegt bei Jeanne Sather.

Jeanne Sather im Original lesen …

Jeanne Sathers Blog “The Assertive Cancer Patient” (Die durchsetzungsfähige Krebspatientin):http://www.assertivepatient.com/

http://www.assertivepatient.com/2006/10/breast_cancer_b_1.html

Rubrik Berichte

Stichwort , , , ,


Auch Charity braucht mehr Licht im Dunkel

von Gudrun Kemper

Download pdf

Die Forderung nach einem flächendeckenden, funktionierenden nationalen Krebsregister, wie bei der diesjährigen sogenannten “Aktion Lucia” thematisiert, ist richtig und gut. Weniger hingegen gefällt mir der Trend hin zu „Patientenorganisationen“, die sich mittlerweile auch bei uns in Deutschland in Richtung Geschäftsidee gemausert haben. Renate Haidinger (“brustkrebs muenchen e.V.” und “brustkrebs deutschland e.V.”) klagte auf der am 30.11.2006 vom Pharmakonzern Amgen „ausgeleuchteten“ Pressekonferenz zur „Aktion Lucia“ – die in diesem Jahr das Thema Krebsregister als Aufhänger hatte – über ihren Mangel an Einnahmen.

Die wichtige Arbeit von Krebs-Selbsthilfegruppen wird in Deutschland vorrangig von der Deutschen Krebshilfe finanziert. Allerdings können nicht alle Selbsthilfegruppen und Organisationen hier partizipieren, denn die Krebshilfe ist auf einige wenige große Verbände „abonniert“. Weitere finanzielle Unterstützung ist gem. § 20 Absatz 4 SGB V und § 29 SGB IX beziehungsweise § 31 Absatz 5 SGB VI z.B. über die gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen der „Selbsthilfeförderung“ erhältlich, freilich in geringerem Umfang und häufig “projektbezogen”.

Patientinnen-Initiativen können auch Spenden bei Privatpersonen sammeln und sie nehmen in der Regel Mitgliedsbeiträge ein. Auch können sie sich um Sponsoren bemühen, die keine einschlägigen Interessenkonflikte nahe legen, um jene Arbeit leisten zu können, die viele gut finden, nämlich unabhängige Interessenvertretung und Beratung und die Unterstützung von Betroffenen durch Betroffene. Wenn jedoch finanzielle Interessen ins Spiel kommen, immer dann, wenn der Ruf nach „dem Geld, das wir brauchen“ laut wird, fühle ich mich zunehmend unbehaglich.

Haidingers Behauptung: “Keiner hat Geld für uns” (Ärztezeitung v. 7.11.2006) darf man bei solchen Organisationen wie den ihren wohl guten Gewissens als „Klappern gehört zum Handwerk“ verstehen, denn die Liste ihrer zahlungskräftigen Sponsoren z.B. aus Pharma- und Kosmetikindustrie ist lang. Großzügig spenden diese an Brustkrebsorganisationen, die sich geschäftstüchtig im “pink Business” – dem Geschäft mit dem Brustkrebs – tummeln. Ausgerechnet über Geldmangel kann gerade Haidinger also nicht glaubwürdig klagen.

Mangel besteht aber trotzdem, z.B. an öffentlicher Transparenz über die Geldflüsse in als gemeinnützig anerkannten Organisationen und vielleicht noch in Bezug auf die Nachhaltigkeit der finanzierten Projekte, die bei genauer Betrachtung oftmals sehr wohl den Kontext der Interessenkonflikte offenbaren, in dem sie eingeworben werden. Mit anderen Worten: Es muss zunehmend auch kritisch hinterfragt werden, woher das Geld von Patientinnenorganisationen kommt und wohin es geht, weil es auch um unsere Interessen als Frauen im Kontext Brustkrebs geht. Weder “pink Business” noch pink ausgeleuchtete Gebäude bringen Frauen in Bezug auf die Senkung der Erkrankungsraten oder die Heilungserfolge bei Brustkrebs wirklich weiter. Patientenorganisationen werden auf diese Weise beteiligt am von der Aktion Lucia beklagten “Ränkespiel der Macht”. Und die Aktion Lucia benutzt ausgerechnet noch die “Schirmherrschaft des Kampfgeistes von Regine Hildebrandt”. Wer hat sich das ausgedacht? Es ist unglaublich!

Quellen:

http://www.aktionlucia.de/content_aktion_lucia.htm

http://www.aerztezeitung.de/docs/2006/11/07/199a0803.asp?cat=

Rubrik Brustkrebs Deutschland, Kampagnen, Organisationen

Stichwort , ,


Komen – Wie Brustkrebs vermarktet wird: Mary Ann Swissler’s “Marketing of Breast Cancer”

Stand: September 2002 (Text: Mary Ann Swissler, Übersetzung: Gudrun Kemper) >>> Download als pdf

Die Komen Foundation, Erfinderin des zig-100-Städte-Race for the Cure (“Lauf für die Heilung”), verfolgt privatwirtschaftliche Interessen, die im Widerspruch zu ihren mit der Mission der Wohltätigkeit betriebenen Lauf-Events stehen.

The Marketing of Breast Cancer by Mary Ann Swissler
The Marketing of Breast Cancer by Mary Ann Swissler >>> zum Originaltext

Judy Brady kann mit Rampenlicht nur wenig anfangen. Doch ausgestattet mit etwas Grips im Kopf kann sie einiges zu dem Begriff des „Brustkrebs-Marketings“ sagen. Eines der schlimmsten Beispiele, sagt sie, ist die in Dallas ansässige Susan G. Komen Foundation und ihre jährliche Spendenaktion, das 5K Race for the Cure. [Seit 1999 führt Komen diese Läufe übrigens auch in Deutschland durch.]

Die Toxic-Link-Koalition und Brady wandten sich jetzt gegen die in über 110 Städten in den USA – und darüber hinaus – durchgeführten Festivitäten. Die Läufe, so stellen sie fest, lenkten den Schwerpunkt nur auf die Suche nach einer medizinischen Heilung von Brustkrebs und weg von Umweltbedingungen, die die Krankheit verursachen, weg von Menschen ohne Krankenversicherung und weg vom politischen Einfluss, den Konzerne auf die durchschnittliche Patientin ausübten.

Um diese Punkte zu verdeutlichen, haben Brady und ihre Koalition seit 1994 eine hörbare und sichtbare Präsenz bei den jährlichen Läufen in San Francisco aufgebaut. Ob Flugblätter oder handgemalte Schilder und Banner, sie stehen im Gegensatz zur ausgelassenen und euphorischen Lauf-Atmosphäre. Bis zu einer Million TeilnehmerInnen wurden allein im Jahr 2000 begrüßt, die die Ziellinie mit Live-Musik, inspirierenden Reden und einer bunt geschmückten Meile mit Ständen erreichten. Rosa – die „Farbe der internationalen Brustkrebs-Bewegung“ – ist überall, auf Mützen, T-Shirts und Bändern. Ein Gefühl von Gemeinsinn und Freundschaft durchweht die Feier von Hunderten, manchmal Tausenden von Frauen mit Brustkrebs und den FreundInnen der Überlebenden.

„Was fehlt, ist die Wahrheit“, schrieb Brady im Frühling 2001 in einem Zeitungsartikel für das >>> Women’s Cancer Resource Center, einem Selbsthilfezentrum in Berkeley. „Es gibt keine Diskussion darüber, wie man die Krankheit vermeiden kann, außer in Bezug auf den persönlichen Lebensstil (Ernährung zum Beispiel). Es wird auch nicht darüber gesprochen, wie wir mehr gesunde Nahrungsmittel herstellen oder wie industrielle Karzinogene eingedämmt werden können. Es wird nicht gesprochen über Belastungen im Trinkwasser oder die globale Erwärmung.”

“Ich denke, dass umweltbedingte Ursachen von Krebs wirklich nicht genügend anerkannt werden”, stellt auch Dr. C. W. Jameson von der amerikanischen Gesundheitsbehörde „National Institutes of Health” fest. “Wir müssen die Aufmerksamkeit mehr darauf ausrichten, damit Menschen besser informierte Entscheidungen, wie und wo sie leben oder welche Berufe sie wählen, treffen können”, so Jameson, zugleich Leiter des Zweijahresberichts zu Krebs verursachenden Stoffen, veröffentlicht durch das Institut für Umweltwissenschaften.

Die Messung dieser Karzinogene bleibt trotz der jüngeren Erkenntnisse dazu schwierig. “Die Messung von Kontaminationen in der Umwelt hat sich immer weiter verbessert”, meint Dr. Michael McGeehin, Direktor des nationalen Zentrums für Umweltgesundheit (CDC National Center for Environmental Health). Aber bis zum Nachweis der Korrelation zwischen Giften und Krebs – wie auch zwischen Kontamination, Entwicklung und Ausbruch einer Tumorerkrankung – können Jahrzehnte vergehen.

Brady und ihre Koalition sind nachhaltig mit ihrer Botschaft. Doch die Kreise, die sie damit ziehen, sind vergleichsweise klein, besonders wenn man sie mit denen der Komen-Stiftung und ihrer Gründerin wikipedia Nancy G. Brinker vergleicht. Unter der Regierung von George W. Busch war Brinker US-Botschafterin in Ungarn. Jetzt ist Brinker die „E. F. Hutton der Brustkrebs-Welt“ – wenn sie spricht, hören alle zu. [Anm. d. Übers: Ein in den USA bekannter Werbeslogan einer der größten amerikanischen Investmentfirmen, nämlich E. F. Hutton, war: „Wenn E. F. Hutton spricht, hören die Leute zu.“]

Brinker setzt auf den Blockbuster-PR-Wert des 5K Race for the Cure. Das ganze Jahr ist der Kalender voll mit Krebsläufen kummervoller, noch hoffnungsvoller Patientinnen und ihrer Angehörigen, die zusammen mit schwanzwedelnden Medien von Brinker und ihrer Organisation das Bild konservieren, dass sie auf der Seite der durchschnittlichen amerikanischen Frau steht, die auf tragische Weise von Brustkrebs betroffen ist. Die meisten Leute wären wohl schockiert, wenn sie herausfänden, dass die Komen-Stiftung dabei half, das Gesetz für die Patientinnenrechte der Frauen, für das sie sich angeblich seit 1982 engagieren, zu blockieren.

Trotz ihrer Selbstdarstellung als „Patientenvertreterin der letzten 20 Jahren“ vor einem Parlamentsgremium im Jahr 2001, die „Zugang zur bestmöglichen medizinischen Versorgung für alle Patientinnen mit Brustkrebs“ fordert, zeigen die Aufzeichnungen der förderalen Wahlkommission, dass die Komen-Stiftung und ihre Verbündeten in den Jahren 1999, 2000 und 2001 gegen das verbraucherfreundlichere Patientenrechtegesetz gestimmt haben. Dazu unterstützte Brinker im August 2001 lautstark ihren alten Freund George W. Bush bei der Sicherung eines “starken Patienten”-Gesetzes, während sich die meisten InteressenvertreterInnen der PatientInnen verraten fühlten.

Brinkers Unterstützung für Bush sollte nicht überraschen, seit Bush Nancy Brinker nur wenige Monate zuvor – gegen Ende Mai 2001 – für den Posten als US-Botschafterin nominierte. Ohne Zweifel unterstützte der Präsident Brinker auch am 3. August 2001 im Kongress bei der Wahl für diese Position in Ungarn, weniger als 24 Stunden nachdem die Version des Weißen Hauses, genannt HMO-Rechtegesetz, am 2. August 2001 verabschiedet wurde.

Links und rechts vom Patientenrechtegesetz

Durch die schwindelerregenden Kosten im Gesundheitswesen wurde in den 1980er Jahren die Patientenrechte-Bewegung angestoßen, und bei den Präsidentschaftswahlen 1992 war sie eine zentrale Frage. Präsident Clinton versuchte erfolglos, die Absicherung für nicht versicherte Patienten und mehr Patientenschutz zu erreichen. „Seitdem wurde immer wieder versucht, eine Managed-Care-Reform auf Capitol Hill wiederzubeleben“, so das Center for Responsive Politics [Anm. d. Übers.: überparteiliche Arbeitsgruppe, die sich mit Geldflüssen und ihren Auswirkungen in den USA befasst].

In den Jahren 1999, 2000 und 2001 wurden extrem unterschiedliche Versionen eines Patientenrechtegesetzes eingeführt. Die Kritiker meinen, dass beide Versionen wenig für eine universelle Versicherung der zig Millionen Unversicherten bieten. “Sie ändern nichts an den Fehlanreizen der Geldgrube der Managed-Care-Unternehmen und Arbeitgeber, die den Gesundheitsbedürfnissen der Patienten entgegen stehen. Und sie reduzieren nicht die gewaltigen Kosten, von denen viele nur darauf gerichtet sind, Dienstleistungen zu begrenzen“, schrieb die frühere Herausgeberin des New England Journal of Medicine, Marcia Angell, in der New York Times in einem Gastkommentar. […]

Großzügiges Lobbying

Es ist kein Zufall, dass Komen auf der Seite der Republikaner steht. Die Vereinbarung vom 12. Juli 2001 zwischen dem Präsidenten und fünf Unternehmen für Rabattkarten für Medicare-Patienten schloss eine Firma namens Caremark Rx ein, in der nach den Finanzunterlagen Nancy Brinker Mitglied des Vorstands ist. Ein weiterer Anbieter, Merck-Medco, ist eines der vielen Pharmaunternehmen, die im Komen-Anlageportfolio gefunden wurden. (Nancy Brinker ist von allen Vorstandssitzen einschließlich Komen zurückgetreten, als sie gewählt wurde.) Sollten die Verträge genehmigt werden, würden die Rabattverträge bis zu 10 Prozent Rabatt auf Marken-Medikamente bieten. […]

Ebenfalls an Bord für das Komen-Patientenrechtegesetz ist Akin Gump, die viertgrößte Lobbyfirma im Lande, deren Mitgliederliste sich liest wie ein Who-is-Who der Gegenreformer zur Gesundheitsversorgung. Akin Gump hat direkte Verbindungen zur Health Benefits Coalition, einem Zusammenschluss von Versicherern, Autoherstellern, Restaurants und anderen mächtigen Handelsgruppen, und trat als geschlossene Front gegen Verbesserungen der Rechte von Patienten im Kongress auf. […]

Patientenvertreter oder “Bush-Pioniere”?

Die Brinkers haben im Laufe der Jahre dazu beigetragen, dass George W. Bush im Bundesstaat Texas den Sitz des Gouverneurs und den des Präsidenten einnehmen konnte. Ihre phänomenalen Fähigkeiten im „Fundraising“ brachten ihnen den Spitznamen “Bush-Pioniere” ein. Es folgten Positionen im Ausschuss für den [in den USA obligatorischen] Ball zur Amtseinführung des Präsidenten, für den eine Spende von mindestens $ US 25.000 benötigt wird. Auf die Eigeninitiative von Nancy Brinker hin kamen an Spenden für Bush und die Republikaner zu den Gouverneurswahlen fast $ US 256.000 zusammen …

Es kommt nicht überraschend, dass die Komen-Stiftung im Jahr 2000, dem einzigen Jahr, für das solche Unterlagen vorlagen, Brinker International Aktien [Anm. d. Übers. Aktien aus den Geschäften des im Jahr 2009 verstorbenen früheren Ehemannes von Nancy Brinker, dessen Geschäftsinteressen denen für mehr Patientenrechte konkret entgegenstanden] hielt. Die Stiftung besitzt auch Depots mit Aktien von mehreren Pharmaunternehmen und von General Electric, einem der größten Hersteller von Mammographie-Geräten weltweit.

Im Jahr 1998 war die Komen Foundation die einzige nationale Brustkrebsorganisation, die sich bei den FDA-Hearings für den Einsatz des Medikaments Tamoxifen zur Vermeidung von Brustkrebs bei gesunden Frauen mit Brustkrebsrisiko eingesetzt hatte, während die anderen Brustkrebsorganisationen sich vehement dagegen aussprachen. Der Hersteller, AstraZeneca, hat Komen lange unterstützt, “Fortbildungsetats” geleistet und sichtbare Präsenz beim “Race for the Cure” gezeigt. Und im Jahr 2000 hat der Mutterkonzern Zeneca Inc. „Multinational Business Services“ engagiert, einen Lobbyisten der Health Benefits Coalition als Gegenreformer für ein besseres Patientenrechtegesetz.

Tamoxifen ist heute eines der am häufigsten eingesetzten, erfolgreichen Brustkrebsmedikamente, doch Gruppen wie >>> National Women’s Health Network (Nationales Netzwerk Frauen und Gesundheit), >>> Breast Cancer Action, Medical Consumers Union und die Aktivistin Marilyn McGregor gaben bei der FDA-Anhörung sämtlich kritische Statements gegen eine Zulassung des Medikaments zur Vermeidung von Brustkrebs ab und verwiesen auf die Gefahr des Endometriumkarzinoms sowie die fragwürdigen Methoden bei der Definition von „Frauen mit Risiko“.

Wenig überraschend sind auch die Aktien im Wert von einer halben Million Dollar, die Nancy Brinker bei US Oncology – einer Kette gemeinnütziger Behandlungszentren – besitzt, in deren Aufsichtsrat sie zumindest von 1999 bis 2001 nach Unterlagen der Firma saß. Die Werbeagentur von US Oncology ist nach Datenlage gleichzeitig auch für den Tabakkonzern Phillip Morris tätig gewesen. […]

Blick aus dem Schützengraben

Der Aktienbesitz und die engen Beziehungen von Komen unterscheiden sich von denen der meisten anderen Patientenorganisationen zu Brustkrebs. Selbst Insider der amerikanischen Innenpolitik [Anm. d. Übers: s. wikipedia11 beltway insider] wie National Breast Cancer Coalition (NBCC), die eine wichtige Rolle bei der Schaffung der nationalen Forschungs- und Früherkennungsagenda spielte, und die in den frühen 1990er Jahren fast über Nacht entstand, ist vergleichsweise streng. Als der Kompromiss des Gesetzentwurfs für das neue Patientenrechtegesetz angekündigt wurde, war die NBCC als eine unter vielen Organisationen entsetzt. „Spät in der Nacht und hinter verschlossenen Türen“, war in der Pressemeldung der Koalition im August 2001 zu lesen, „haben Mitglieder des Kongresses das, was ein starkes und durchsetzbares Patientenrechtegesetz gewesen wäre, in eine Farce verwandelt. Der „Kompromiss“, so die NBCC weiter, „ist schlimmer als das geltende Recht, während es weiterhin [nicht die Patienten, sondern] die >>> HMOs [Leistungsanbieter im amerikanischen Gesundheitssystem] schützt. „Der ausgehandelte “Kompromiss”, dem die Kongressmitglieder zugestimmt haben“, so NBCC, „ist [sogar] schlimmer als geltendes Recht … Er erschwert die Klagemöglichkeiten für Patienten und vereinfacht sie für HMOs.“

„Alle Geschäftsverbindungen mit einer Nähe zur Krebsindustrie werfen bei Organisationen, die versuchen, die Öffentlichkeit zu beeinflussen, immer viele Fragen auf“, stellt auch Sharon Batt, die Autorin des wegweisenden Buches >>> Patient no more: The Politics of Breast Cancer, die einen Lehrstuhl zu Frauengesundheit und Umwelt an der kanadischen Dalhousie Universität inne hat, fest. „Wer in Vorstandsetagen und Gesellschaften Geschäftsinteressen mit Richtlinien zur Krebsbehandlung vertritt, ist einem noch weit größeren Umfang von Interessenkonflikten ausgesetzt, als bei der alleinigen Einnahme von Geldern. Von einem Vorstandsmitglied wird erwartet, dass es die Interessen der Gesellschaft fördert”, stellt Batt klar, die sich bei der FDA-Anhörung 1998 ebenfalls gegen Tamoxifen [zur medikamentösen Brustkrebsprävention] aussprach. “Zwar nimmt die NBCC Geld von der Pharmaindustrie, aber ich bezweifle, dass ihre Vorstandsfrauen in Vorstandsetagen sitzen“, eine Tatsache, die durch eine Sprecherin der NBCC kürzlich in einem Interview auch bestätigt wurde.

Breast Cancer Action (BCA) aus San Francisco geht noch einen Schritt weiter und lehnt alle Spenden von Unternehmen, die Geld mit Brustkrebs verdienen, wie Pharmafirmen, Tabak- und Pestizid-Hersteller sowie Einrichtungen, die Krebs behandeln, als Sponsoren ab. BCA hat außerdem eine Kampagne gestartet, um ähnliche Sponsoring-Beziehungen transparent zu machen, die mit einer Avon Kosmetik-Spendenaktionen zusammenhängen. Barbara Brenner, Geschäftsführerin von Breast Cancer Action, erklärt: ‘Mit den zunehmenden Bemühungen der Unternehmen um Imagetransfer, mit dem sie sich einen wohltätigen Anstrich durch die Unterstützung von Krebsorganisationen verschaffen wollen, wird es schwierig bis unmöglich, zu unterscheiden, ob die Positionen einer Hilfsorganisationen auf ihren eigenen gut durchdachten Gedanken beruhen oder ob sie nur den Wünschen derjenigen entsprechen, die die Rechnung bezahlen.’

Batt ist bei Brinker in „unheimlicher Weise an die frühere sogenannte Krebsaktivistin Mary Lasker erinnert. „Ihr Mann, der Werbespezialist Albert Lasker, schuf die berühmte Zigarettenwerbung ‘Reach for a Lucky Instead of a Sweet.’ (Greif zur Lucky[-Zigarette] anstatt nach was Süßem). Von den 1940er bis in die 1960er Jahre setzte Lasker ihre geschäftlichen und gesellschaftlichen Verbindungen ein, um die Amerikanische Krebsgesellschaft (American Cancer Society, ACS) von einer kleinen, lokalen Wohltätigkeitsorganisation in die reichste und mächtigste Gesundheits-Charity der Welt zu verwandeln. Die ACS wurde zur Fürsprecherin, die Leitlinien, Krebsforschung und Früherkennung zum lukrativen Geschäft machte, mit wenig Verbindung zum Wohl von PatientInnen oder zur Vermeidung von Brustkrebs. Die Komen Foundation ist die Reinkarnation der ACS, nur spezifisch für Brustkrebs.

Batt meint außerdem, dass eine der Gefahren von Komens Erfolg auch ist, dass nur diejenigen Botschaften, die diese Organisationen oder die Republikaner nicht gefährden, zu den Medien oder bis zum Kongress durchdringen. In den 1990er Jahren zum Beispiel sei es der NBCC und kleineren Organisationen gelungen, das National Cancer Institute und andere staatliche Einrichtungen zu überzeugen, damit zu beginnen, unterschiedliche Gruppen von Frauen wie ethnische Minderheiten, lesbische Frauen und arme Frauen in Gesundheitskonzepte einzuschließen. Doch jetzt hörten die Machthaber in Regierung und Geschäftswelt eher den „hochkarätigen Race for the Cure“ und andere Firmen- und Komen-Lieblinge wie den Nationalen Breast Cancer Awareness Month (Brustkrebsmonat). „Das Problem mit diesen Bewusstseinsprogrammen ist“, so Batt, „dass mit den Programmen nur Behandlungen für solche Frauen finanziert werden, denen mit der früheren Diagnose ihres Krebses nicht geholfen wird. Und sie verewigen den Schwerpunkt auf Mammographie-Screening anstatt bei Vermeidung, besserer Behandlung und gerechter Versorgung.” Es sei ein Kampf gegen Windmühlen. „Zum einen hat die Komen-Stiftung mehr Geld. Anders ausgedrückt sind die freundlichen, beruhigenden Meldungen für die eigenen Programme in den Medien eine rosarote Brille. Das heißt, die Öffentlichkeit wird mit dem Silberlöffel gefüttert mit heroischen Geschichten von Frauen im Kampf gegen die Krankheit und den neuesten „Wundermitteln“. Doch auf Versicherungskosten, Umwelt und Interessenkonflikte wird kein Blick verschwendet.” Nancy Brinker hat ein großes Publikum erreicht, indem sie sich selbst als objektive Patientenvertreterin ausgewiesen und eine Agentur eingeschaltet hat, für Rundfunk- und TV-Experten wie ABCs Dr. Nancy Snyderman, Dr. Bernie Siegel Griffe, Dr. Joyce Brother und Jane Brody von der New York Times.

Die Abspaltung der Umwelt

Ein Thema, das im Zusammenhang mit Brinker nicht existiert, ist die Notwendigkeit einer sauberen Umwelt. Es mag daran liegen, dass der internationale petrochemische Riese Occidental Corp., ein großer Unterstützer von Komen, und die gleichen Leute, die uns den Love Canal gebracht haben, ein 4.000-Quadratmeter “Glas und Marmor Büro” für Komen auf dem Gelände von Occidental im Dallas Hauptquartier gespendet hat. Die Öl-Industrie, einschließlich Occidental, betrieb in den Jahren 2000 und 2001 erfolgreiche Lobbyarbeit für lockerere Luft-, Wasser- und Chemie-Umweltgesetze (EPARegulations), während gleichzeitig Wissenschaftler der Regierung berichteten, dass Auto- und Industrie-Emissionen Krebs verursachen. Im März 2002 trat lediglich ein „Gesetz für saubere Luft“ (Clean Air Act rules) mit einer Verzögerung von zwei Jahren in Kraft, das die Schadstoffemissionen aus 80.000 industriellen Quellen betrifft.

Offiziell ist die Komen-Gruppe “pro-Umwelt” und forderte mit NBCC und Frauengruppen in den späten 1990er Jahren dazu auf, Verbindungen zwischen Brustkrebs und Umweltgiften zu erforschen. Es dauerte allerdings, bis die entsprechende gesetzliche Regelung >>> Breast Cancer and Environmental Research Act [inzwischen mehrfach aktualisiert] im Mai 2001 eingeführt werden konnte. Komens Lobbyisten unternahmen wenig oder gar keine Anstrengungen, um für das Gesetz bzw. die Konzepte dahinter zu kämpfen, so ist den Akten der Mitte des Jahres 2001 eingereichten Aufzeichnungen über die Aktivitäten der Interessenvertretung Evans & Black und Akin Gump zu entnehmen. Black und Vertreter von Occidental saßen mit Nancy Brinker gemeinsam im Komitee für die Busch-Amtseinführung.

Zufälligerweise haben sich auch Occidental-Lobbyisten im Jahr 2001 mit dem Patientenrechtegesetz befasst. Charles Black, einer der Occidental-Lobbyisten und Ehegatte von Evans & Blacks Judy Black, ein führender Stratege bei den Republikanern, ist außerdem ein beharrlicher Lobbyist für Brinker International. Charles Black ist Vorstandsmitglied der American Conservative Union, einer Gruppe, die Pharma-Preiskontrollen definiert als “eine bittere Pille für die amerikanischen Verbraucher” und “auf die pharmazeutische Industrie prügeln”. Und Black saß, gemeinsam mit vielen Occidental-Vertretern, mit Nancy Brinker im Komitee für die Bush-Amtseinführung.

American Way – der amerikanische Weg?

Komens politischer Bias und Interessenkonflikte umgehen eine öffentliche Kontrolle in erster Linie, weil Lobbyisten und Non-Profit-Organisationen wie Komen uns nur ein paar Details ihrer Arbeit berichten. So wie der Sprecher einer Washingtoner Verbraucherorganisation witzelte: “Politiker wollen nicht einmal zugeben, dass sie mit Lobbyisten reden, noch weniger als sie zugeben würden, mit welchen sie gesprochen haben oder warum.”

Im Jahr 2001 haben beispielsweise Evans & Black sowohl die Version der Republikaner als auch die der Demokraten zum Patientenrechtegesetz in ihrem Interessenregister („disclosure report“) gelistet, in den Jahren 1999 und 2000 jedoch nur die der Republikaner. Auch die Akin & Gump-Reporte verzeichnen Lobbyarbeit „im Zusammenhang“ mit der liberaleren Version des Senats. Im Resultat ist es nicht möglich, zu beweisen, für welche Version nun Lobbyarbeit gemacht wurde. Aber es ist sowieso eine klare Sache – da Komen die wikipedia11 GOP-Version [also die Version der Republikaner] unzweideutig als “stark” charakterisiert hat – wie die engen und langjährigen Beziehungen zu Präsident Bush und der Republikanischen Partei mit ihren industriellen Interessenkonflikten. Die Komen-Lobbyistin Rae F. Evans lehnte es ab, darüber zu sprechen, welche Gesetzgebung sie beim Patientenrechtegesetz angesteuert habe bzw. wie ihre Position dazu sei, weil es „unethisch“ wäre. Außerdem stellte sie fest: “Es ist nur ein Problem für Journalisten.”

Komens unbekümmerter Lobbyismus ist möglich wegen einer kaum bekannten Regelung in der amerikanischen Steuergesetzgebung, die vor einem Vierteljahrhundert geschrieben wurde. 1976 wurde [in den USA] nationalen Non-Profit-Organisationen das Recht eingeräumt, professionelle Lobbyisten anzustellen oder mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, unter Beibehaltung von Steuervorteilen.

Non-Profit-Organisationen können nach einer Richtlinie der Steuerbehörde (IRS Fact Sheet) 20% ihrer ersten $ 500.000 jährlichen Einnahmen für Lobbying von der Steuer absetzen, 15% von der nächsten halben Million und so weiter, bis zu $ 1 Million pro Jahr. Auf diese Weise wird schließlich der gesamte Betrag abzugsfähig, so dass die Komen-Stiftung, wie sie nachdrücklich konstatiert, „Null Dollar“ für Lobbyarbeit aufbringt. Können Aktienbesitz, Vorstandsposten, Wahlkampfspenden und langjährige Geschäftsbeziehungen ohne spürbare Auswirkungen auf die Mission einer gemeinnützigen Organisation bleiben? Natürlich ist es schwierig, jeden Interessenkonflikt zu beweisen, und selbst einer Hilfsorganisation für Krebspatienten ist es lt. Bennett Weiner, dem Leiter der >>> Better Business Bureau Wise Giving Alliance, einer nationalen Organisation zur Bewertung von Wohltätigkeitsorganisationen, gesetzlich erlaubt, gut vernetzt und industriefreundlich politisch rechts zu stehen, „solange sie das erfüllen, was in ihrem Leitbild steht“.

Im Falle von Komen heißt dieses Leitbild “Krebs als eine lebensbedrohliche Erkrankung durch Forschung, Aufklärung und Ausbildung zu stoppen”, so die Aussage von Komen. Aber, so Weiner weiter, es sei falsch, dass Komen-Informationsmaterialien, Webseite und öffentliche Statements Nancy Brinker als eine so zentrale Person herausstellten – oder Norman Brinker beispielsweise –, während so relevante Bereiche ihres Lebens wie Vorstandsposten in privaten Krebsbehandlungseinrichtungen, Aktieninteressen, Lobbyinteressen oder ihr politischer Aktivismus als wikipedia11 GOP-Lieblinge weggelassen würden. Weiner meint: “Wenn eine Wohltätigkeitsorganisation, die Verbindungen zur Industrie hat, der Öffentlichkeit unter anderem medizinische Empfehlungen gibt, dann muss die Öffentlichkeit in der Lage sein, diese Information objektiv zu nutzen.” […] Ende Juni 2002 hat U.S. Senator John Edwards (Demokrat aus North Carolina) folgende Stellungnahme veröffentlich: “(Ich) bleibe optimistisch, dass die Verhandlungen mit dem Weißen Haus eine Einigung über sinnvollen Patientenschutz herbeiführen, die der Kongress noch dieses Jahr verabschieden könnte.”

Die Stiftung bestreitet, dass sie Geld für Lobbyismus ausgibt, und sie leugnet, dass sie einzig und allein auf die Programme der Republikaner zu Gesundheitsfürsorge und Umwelt ausgerichtet ist. In einem Antwortschreiben auf Fragen für diesen Artikel vom September 2001 verteidigt eine Komen-Sprecherin Norman Brinker als hingebungsvollen “Ehrenamtlichen”. Die Stiftung schien sich sogar durch Nennung ihres neuen ausländischen Postens von Nancy Brinker zu distanzieren.

Die vollständige Offenlegung braucht Zeit, bedenkt man das gewaltige Wirrwarr von politischen, geschäftlichen und persönlichen Verbindungen, die hiermit verbunden sind. Sogar ein Sprecher aus dem Büro von Senator Edwards, ein überzeugter Verfechter des liberalen Patientenrechtegesetzes, erinnert sich an die Komen-Stiftung als einen seiner größten Kunden bei Fleishman-Hillard, der sechstgrößten PR-Firma weltweit. Wie Judy Brady herausstellt, repräsentieren die Komen-Stiftung, und insbesondere die Brinkers, die systematische Korruption des normalen Geschäftsbetriebs in einer von Unternehmen dominierten Gesellschaft. “Es wäre ein Fehler, die Komen-Stiftung zu dämonisieren”, sagt Brady. “Sie haben die besten Absichten, und ich glaube wirklich, dass sie denken, sie tun Gutes – mit einem großen G.”

“Was sie nicht sehen, ist, dass dieser normale Geschäftsbetrieb der Grund dafür ist, warum wir Krebs haben.”

Mit freundlicher Genehmigung und Dank! an Mary Ann Swissler.

Mary Ann Swissler verweist darauf, dass die Komen-Foundation aktuell (Stand Jan. 2011) nicht mehr allein dem äußersten rechten politischen Flügel nahestünde und nicht mehr allein Industrie-Lobbyisten die Politik der Stiftung bestimmten; zu ihren Führungskräften zählten inzwischen auch Demokraten, und nicht allein Republikaner. Wenige Sätze, gekennzeichnet mit [...], wurden gekürzt, da sie für das Verständnis in der dt. Version weniger relevant erscheinen.

Originaltext: The Marketing of Breast Cancer bei Alternet

Mary Ann Swissler ist Schriftstellerin und Journalistin aus New Jersey. Dieser Artikel wurde durch finanzielle Unterstützung des Fund for Investigative Journalism [Fonds für investigativen Journalismus] in Washington, D.C., ermöglicht.

Weiterlesen

Aktuelle Berichterstattung: Komen oder Patente “für die Heilung”

Rubrik Komen

Stichwort , , ,


Teresa Odendahl: Charity Begins at Home

Teresa Odendahl: Charity Begins at Home: Generosity und Self-Interest among the Philantrophic Elite (Nächstenliebe beginnt zuhause: Großzügigkeit und Eigennützigkeit der wohltätigen Elite). New York: Basic Books 1990. ISBN 0-465-00962-X

Teresa Odendahls Buch ist bereits 1990 in den USA erschienen und auch heute inhaltlich sehr aktuell. Hier dämmert uns erst jetzt, dass im System von Wohltätigkeit und Spendenpraxis – beispielsweise im Zusammenhang hiesiger Krebsorganisationen – etwas nicht stimmen kann. Transparenz der Geldflüsse in Vereinen, Stiftungen und bei den großen Non-Profit-Organisationen ist üblicherweise Fehlanzeige. Weiterlesen … 

Rubrik Bücher

Stichwort , , , ,




start: aktuell - neue beiträge
lernen: daten & zahlen | risikofaktoren | selbstuntersuchung der brust | mammographie | mrt | inflammatorischer brustkrebs | genexpressionsprofile | leitlinien | ... mehr lernen
brustkrebs & umwelt: gesundheitspolitik | positionen | haus & garten | umweltverschmutzung | unser körper - unser leben | ... mehr zu brustkrebs & umwelt
aktuelle berichte im infoblog!: brustkrebsdiagnose | kongressberichte | medikamente | nachdenken!!! | petitionen | neue wege | ... mehr im infoblog!
ethik: anfänge | forschung | sponsoring | vor der geburt auf brustkrebs testen? | ethikLinks | patientenverfügung | patientinnenschutz | sterbehilfedebatte | ... mehr
ressourcen: bücher | broschüren | film & fernsehen | veranstaltungen | video | vorträge | zeitungen & zeitschriften | ... mehr ressourcen
archiv: 2003 | 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | ... mehr im archiv
über uns: suche & erweiterte suche | aktionen | impressum & disclaimer | kontakt | netzwerke | pressemeldungen | sitemap | ... mehr über uns
social networks: twitter | ... mehr netzwerke
---
© 2011 Breast Cancer Action Germany
www.bcaction.de - CMS >>> infoblog