Zur Broschüre des „ Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit”
(Stand: April 2005), Download >> Text als pdf
Text: Gudrun Kemper und Gudrun Lüttgen, auch erschienen in: akf-info
Brustkrebssterblichkeit ist ein Gradmesser für den Stellenwert der Frau in der Gesellschaft schlechthin. Viele Länder sind daher bemüht, Frauen vor dem grausamen Schicksal, an Brustkrebs zu sterben oder ihre Brust zu verlieren, weil der Krebs zu spät gefunden wird, weitestgehend zu bewahren.
In einer „führenden Industrienation“mit funktionierendem Sozialversicherungssystem wie Schilda müsste die Brustkrebssterblichkeit im internationalen Vergleich dementsprechend möglichst niedrig sein. Die Überlebensraten der Eurocare-3-Study für die männlichen Bewohner liegen bei Prostatakrebs europaweit seit den 80er Jahren an der Spitze, aber Frauen mit Brustkrebs schafften es nur auf Rang 11. Die International Agency on Research on Cancer (IARC, Globocan Database, Stand: 2002) erlaubt Vergleiche. (1)
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Erkrankungszahlen
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Sterblichkeit
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Relation in Prozent
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| USA |
200.995
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42.913
|
20,04
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| Schweden |
6.586
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1.616
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23.02
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| Finnland |
3.609
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874
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23,22
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| Japan |
37.887
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9.178
|
24.25
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| Kanada |
19.540
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5.306
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27,17
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| China |
126.227
|
36.630
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29,01
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| Schilda (Deutschland) |
55.689
|
17.994
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32,31
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| Afghanistan |
2.021
|
874
|
43,24
|
| Türkei |
6.729
|
2.970
|
44,13
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| Mongolei |
64
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31
|
48,43
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Warum sterben in Schilda zu viele Frauen an Brustkrebs?
Bezieht man die Mortalitätsrate der Amerikanerinnen auf Frauen in Schilda, dürfte ihre Mortalität bei nur ca. 11.160 Todesfällen jährlich liegen.
Als Schlüsselerklärungen für schlechtere Überlebensraten in Westeuropa kommen fortgeschrittenes Tumorstadium, in Osteuropa außerdem schlechtere Therapien in Betracht. (2) Die Überlebensraten bei Brustkrebs spiegeln einerseits die Wirksamkeit sowie das Vorhandensein und den Zugang zu Therapiemaßnahmen wider, andererseits wird das Überleben –ähnlich wie die Inzidenz auch –durch das Ausmaß und den Zeitpunkt der Diagnose beeinflusst. (3)
In ganz Schilda gab es bis vor relativ kurzer Zeit – exakt bis zum 19.12.2003) nur ein einziges Brustzentrum(4), und auch dieses war nicht für Brustkrebs-Früherkennung zuständig. Symptomfreie Schildbürgerinnen unterzogen sich dafür im Rahmen der sogenannten Krebsvorsorge einer –nicht evidenzbasierten –Tastuntersuchung durch den Arzt oder nutzten verbotenerweise die sogenannte “graue” Mammographie.
Die Schildaer „Modellprojekte“- 2001 wurde mit zwei Mammographie-Screening-Modellprojekten in Bremen und Wiesbaden/Rheingau-Taunus-Kreis begonnen, 2003 kam eine dritte Modellregion hinzu: Weser-Ems in Niedersachsen – sollten jüngst erneut belegen, was die WHO im Cancer Prevention Handbook zum Breast Cancer Screening (5) längst festgestellt hat: Die Wirksamkeit des Mammographie-Screenings ist evident.
Schilda ist das einzige Land in der EU (ohne Ost-Erweiterung), das Frauen Brustkrebs-Früherkennung bisher –von den genannten Modellprojekten abgesehen –nicht anbietet. Die Schwedinnen, europäische Spitzenreiterinnen im Überleben, dürfen sie qualitätsgesichert seit 1986 in Anspruch nehmen. 1988 folgten Großbritannien und die Niederlande. Irland, Spanien, Finnland, Griechenland und Frankreich folgten 1989. Frauen in Portugal und Italien können seit 1990 zur Brustkrebs-Früherkennung gehen. Österreich startete 1991, Luxemburg, Belgien und Dänemark mit Faröer und Grönland 1992.
Frauen in Schilda dagegen wird ein qualitätsgesichertes Brustkrebs-Früherkennungsprogramm seit rund 20 Jahren vorenthalten. Nach Hochrechnungen hat dieses seitdem mindestens 70.000 Frauen das Leben gekostet.
Fehlanzeige für Früherkennungsforschung, aber auch für Qualitätssicherung und Expertise in der Brustkrebs-Früherkennung und Qualifizierung von Brustkrebs-FrüherkennungsexpertInnen in Schilda. Es kam nicht selten vor, dass selbst Frauen mit großen Tumoren bis dato die Empfehlung bekamen, diese „zu beobachten“. In Gutachten wird ihnen im Falle der Klage bescheinigt, dass 12 bis 18 Monate Zeitverzögerung bei der Behandlung keinen Unterschied ausmachen würden.
Mammographie-Screening entdeckt Brustkrebs zu 80 Prozent vor der Tastbarkeit (6), ebenso die nahezu vollständig „heilbaren“–da nicht metastasierenden – Vorstufen invasiver Karzinome. Diese frühzeitige Erkennung erspart den Frauen oftmals auch die sehr gefürchtete Amputation der Brust, und zwar sowohl bei Vorstufen wie auch invasiven Formen.
Die neue Broschüre „Brustkrebs Früherkennung – Informationen zur Mammographie“- eine Entscheidungshilfe?
Das „Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit“macht sich nun nicht etwa dafür stark, dass Frauen in Schilda den gleichen Standard bei der Früherkennung erhalten wie die Amerikanerinnen, die weltweit die besten Überlebensraten haben. Auch die Etablierung der Brustkrebs-Früherkennung direkt an Brustzentren, so wie die europäischen Anforderungen dieses idealerweise vorgeben, ist kein Thema für diese Broschüre. Vielmehr erwies das Netzwerk den Frauen –typisch Schilda –einen neuen Bärendienst.
„Erstmals eine Grundlage für eine informierte Entscheidung“verheißt die entsprechende Presseerklärung des „Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit, an dem ausgerechnet die Organisationen von Frauen mit Brustkrebs, von denen immerhin über 360.000 in Deutschland leben, gar nicht beteiligt wurden. In bekannter Schildaer Manier werden dafür Indizien gegen die Früherkennungsmammographie verzerrend zusammengestellt. Die Fakten, die für den Nutzen der Früherkennung sprechen, verschleiern die Autorinnen gänzlich.
Als einseitige Verzerrung ist auch zu verstehen, wenn Frauen vermittelt wird, dass die Therapie von Vorstufen „möglicherweise“mehr schadet als die Vorstufe selbst. Vorstufen sind ein Nährboden, auf dem sich innerhalb von sehr wenigen Jahren (7) invasive Karzinome entwickeln können. Das müssen Frauen wissen. Bei Entdeckung von Vorstufen ist über sämtliche vorliegenden Informationen zu ihrem Charakter und zu Optionen im Umgang damit ein „informed consent“herzustellen. Die Pathologie kann hier jedoch wertvolle Entscheidungshilfen zum Charakter der individuell vorliegenden Vorstufe geben und allein die betroffene Frau muss sich entscheiden, wie sie weiter vorgehen möchte.
Schlecht gemeint und gut gelungen (8):
Als Entscheidungshilfe gründlich verfehlt: Was bleibt Frauen in Schilda? Eigentlich nur, den Kopf in den Sand zu stecken, da frühe therapeutische Interventionen sinnlos erscheinen. Nicht etwa fortgeschrittener Brustkrebs, sondern Mammographie-Screening kann Frauen schaden. Zudem zeigt in der Broschüre eine pseudoevidenzbasierte Graphik, dass die Schildbürgerin mit Früherkennung und Brustkrebstherapie zum exakt gleichen Zeitpunkt wie ohne Früherkennung stirbt. Früherkennung bringt es demnach nicht. Wissen um Verlauf und Natur der Brustkrebserkrankung werden weiter ignoriert und allein Hilflosigkeit bleibt, die weitere Frauen in Schilda Leben kostet, statt Brustkrebs frühzeitig wirksam etwas entgegenzusetzen.
Mammographie-Screening kann vielmehr als Einstieg in eine europäische Qualitätssicherung für Frauen mit Brustkrebs in Deutschland verstanden werden. Eine neue Broschüre, die auch die Vorteile der Brustkrebs-Früherkennung klar benennt, muss her.
Quellen:
1. IARC-Globocan-Daten für einige willkürlich ausgewählte Länder, Stand 2002, = aktuellste verfügbare Daten zum Publikationszeitpunkt.
2. Eurocare 3 Summary: Cancer Survival in Europe at the End of the 20th Century. Ann Onc 2003; 14 (suppl 5): 128-149.
3. Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Schweizer Medizinischen Fakultäten, Evaluation des Nationalen Krebsbekämpfungsprogramms.
4. IBZ Interdisziplinäres Brustzentrum Düsseldorf Gerresheim
5. WHO: Breast Cancer Screening. IARC Handbooks of cancer prevention, 7, 2002, S. 179, (50-69 J.: “sufficient evidence”, 40-49 J. “limited evidence”, klin. Palpation & SUB “inadequate evidence”)
6. National Institute of Health (NIH), Journal of the National Cancer Institute, Oct., 20, 2004
7. Zeitintervall zwischen DCIS-Diagnose und der Diagnose des invasiven Karzinoms: 4 bis 10 Jahre nach Page (1982), (Hinweis der Autorinnen: Uns sind Einzelfälle bekannt, in denen bereits in wesentlich kürzerer Zeit ein Karzinom auf dem Boden einer nicht behandelten Vorstufe gefunden wurde, die obengenannten Werte sind Durchschnittswerte).
8. Anspielung auf die Pressemeldung der Max-Planck-Gesellschaft “Gut gemeint und schlecht gelungen“, die andere Broschüren kritisiert und die hier besprochene unverständlich hoch lobt (“sachlich und vollständig über Nutzen und Risiken der Mammographie zur Früherkennung von Brustkrebs”), obwohl in dieser Broschüre, leicht nachzuprüfen, der “Nutzen” der Mammographie nicht vollständig dargestellt wird.
Der hier wiedergegebene Text wurde zuerst veröffentlich in AKF-Info, 04/2005.
Weiterlesen:
- Mammographie-Screening als Einstieg in eine europäische Qualitätssicherung für Frauen mit Brustkrebs in Deutschland(Stand: 2004)
- Kommunikation im Mammographie-Screening (nach EU-Leitlinien)
- Linksammlung zum Mammographie-Screening (wird fortlaufend ergänzt)
- Berichterstattung zur Mammographie im infoblog!
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Stichwort: Mammografie, Mammografie-Screening
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