Linksammlung zum Mammographie-Screening (bei Social Bookmarkdienst “Delicous” und wird von uns gepflegt. Die Linksammlung ermöglicht den Abruf von Dokumenten nach Autoren, Ländern, Erscheinungsjahr, Organisationen und Schlagworten)
Die sichere und in jedem Fall verlässliche, gefahrlose Form der “Brustkrebs-Früherkennung” ist leider noch nicht gefunden. Nach amerikanischen Muster sind Frauen auch bei uns in Deutschland “auf die Straße gegangen” (Brustkrebsdemonstrationen in den Jahren 2000 – 2002). Gleichzeitige politische Initiativen von unterschiedlichen Parteien mündeten in der Folge in einen fraktionsübergreifenden Bundestagsbeschluss zur Etablierung der Einführung des Mammographie-Screenings in Deutschland. Vorausgegangen war z.B. auch der Essener Brustkrebsskandal (Eine Katastrophe für die Frauen, DER SPIEGEL 15/2002 vom 08.04.2002, Seite 202). Industrielle Interessen von Geräteherstellern wie Ethicon und multinationalen Pharmakonzernen, die wiederum “Patientinnenorganisationen” bei ihren Aktivitäten gesponsert haben, sind aber auch nicht von der Hand zu weisen und werfen heute viele Fragen auf. Selbst der nicht gerade industrieferne größte Verband der amerikanischen Frauengesundheitsorganisationen National Breast Cancer Coalition NBCC änderte seine Position zur Durchführung von bevölkerungsbezogenen Mammographie-Screenings grundlegend bereits vor der Einführung in Deutschland dahingehend, dass Daten für die Empfehlung eines bevölkerungsbezogenen Screenings nicht ausreichend seien (s. dazu auch: Die Mammographie im Spiegel: Beginn einer Rückschau)
Die Debatte um das, was im Kontext der Früherkennung sinnvoll und hilfreich ist, geht weiter und wird voraussichtlich auch nicht so schnell abgeschlossen werden. Wichtig bleibt auch der Blick auf finanzielle Ressourcen, die für Früherkennungsverfahren eingesetzt werden. Wer alle Ressourcen für Diagnostikverfahren bei allen [meist gesunden] Frauen bereits verbraucht, hat möglicherweise keine ausreichenden Mittel für notwendige Therapien bei den erkrankten Frauen. Spezialisten für evidenzbasierte Medizin wie David L. Sackett beklagen bereits länger die “Arroganz der präventiven Medizin” (Sackett DL. The arrogance of preventive medicine. CMAJ 2002;167(4):363-4
Viele wichtige Publikationen zur Früherkennung liegen in deutscher Sprache nicht vor und sind Frauen bei uns damit nicht zugänglich. Dennoch versuchen wir, mehr für uns zu erschließen.
Die Schaffung von Transparenz in Hinsicht auf Wirksamkeit, Risiken und die Möglichkeit zu einer “informierten Entscheidung” sind Grundanliegen in Bezug auf die hier bereitgestellten Informationen. Die breite, häufig einseitige öffentliche Berichterstattung (entweder einseitig pro oder einseitig contra) erleichtert die Situation für Frauen nicht. Eine einseitige Stellungnahme für oder gegen einfache Handlungsanweisungen soll auch hier zum Mammographie-Screening nicht angeboten werden. Wir versuchen jedoch, aus der Perspektive von Frauen relevante Positionen an dieser Stelle zu sammeln und längerfristig zu dokumentieren.
Der Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland, der im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Senionren und Frauen im Dezember 1999 in Berlin herausgegeben wurde, hält (S. 27) fest:
“Die in Deutschland im Aufbau befindlichen Krebsregister bieten eine Basis für eine Verbesserung der Forschung zu Verbreitung, Risiken und zur Effektivität von Früherkennungsprogrammen.
Die Wirksamkeit von Früherkennungsprogrammen bei Brustkrebs für Heilungs- und Überlebenschancen steht außer Frage. Bei der Mammographie kommt es zum einen auf die Einhaltung entsprechender Qualitätsmaßstäbe an, zum anderen müssen ihre Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Frauen sollten ihre Entscheidung zur Teilnahme an einem Mammographiescreening immer in Kenntnis der Risiken und des Nutzens fällen können und individuell entscheiden, ob und welche Methoden der Früherkennung sie anwenden wollen.”
Weiterlesen:
Wie die Fraueninformation zum Mammographie-Screening nach den Vorgaben der Europäischen Leitlinien zu gestalten ist, s. Überblick hier!
Das Silikon, das im Mittelpunkt des Brustimplantate-Skandals steht, stammt von BAYER. Der Leverkusener Multi meldete BAYSILONE 1967 zum Patent an und vertrieb es zuletzt gemeinsam mit GENERAL ELECTRIC. Im Jahr 2006 trennte sich der Konzern von dem ganzen Silikon-Segment. Das vom Implantate-Hersteller POLY IMPLANT PROTHÈSE verwendete BAYSILONE stellte schon der neue Besitzer MOMENTIVE her, über den Chemie-Händler BRENNTAG gelangte die Substanz nach Frankreich.
BAYSILONE – dieses von BAYER im Jahr 1967 zum Patent angemeldete Silikon fand sich in den minderwertigen Brustimplantaten der französischen Firma POLY IMPLANT PROTHÈSE (PIP). Das Unternehmen setzte den in solcher Form nicht für medizinische Zwecke zugelassenen Stoff zusammen mit Silopren und dem krebserregenden Rhodorsil an und produzierte auf diese Weise unschlagbar billige Gel-Kissen. Entsprechend hoch fiel die Profit-Rate aus. „Eine Frage des Gewinns“ sei es gewesen, sich für diese Fabrikationsart zu entscheiden, sagte der PIP-Anwalt Yves Haddad dann auch laut Frankfurter Rundschau:
„Das ist Kapitalismus, so ist das eben“.
Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Im Jahr 2006 informierte der schottische Schönheitschirurg Awf Quaba die britischen Aufsichtsbehörden über gerissene Implantate, aus denen BAYSILONE & Co. austrat. Und auch das Silikon selber beanstandete er. „Es war auch offensichtlich, dass das in dem PIP-Implantat verwendete Silikon Irritationen verursachte“, so Quaba. Seine französischen KollegInnen gaben ab 2008 Schadensmeldungen ab. Aber es dauerte lange, bis die Behörden reagierten. Die französische AFSSAPS verhängte im März 2010 ein Verkaufsverbot und riet am 23.12. 2011 zu einer Herausnahme der Gel-Kissen. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ folgte nach einigem Zögern Anfang Januar 2012.
Das vornehmlich als Dichtungsmasse im Bau-Bereich verwendete BAYSILONE stammte aus dem Leverkusener Chemie-Park, über den Krefelder Chemikalien-Händler BRENNTAG gelangte es nach Frankreich. Hergestellt hatte es die Niederlassung des US-Unternehmens MOMENTIVE. Dieses hatte 2006 GE BAYER SILICONES übernommen, das 1998 von BAYER und GENERAL ELECTRIC (GE) gegründete Joint Venture, und damit auch die Rechte an BAYSILONE und anderen Silikon-Fabrikaten erworben. Die beiden Konzerne wollten ursprünglich mit solchen Produkten, hergestellt für Anwendungen im Maschinenbau, in der Elektronik-Industrie und in der Medizin, eine marktbeherrschende Stellung auf dem Gebiet der Silikon-Chemie erlangen, aber die Erwartungen erfüllten sich nicht, so dass sie sich zu einem Verkauf entschlossen. Ob sich schon GE BAYER SILICONES oder vor 1998 BAYER selber in der Lieferkette von PIP befand, konnte Stichwort BAYER nicht ermitteln.
Zumindest aber GE verfügt über einschlägige Erfahrungen in dem Bereich. Der Multi war gemeinsam mit DOW CORNING, einem Joint Venture von DOW CHEMICAL und CORNING das erste Unternehmen, das Silikon im industriellen Maßstab herstellte. Unter strenger Geheimhaltung kam es im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Silikon-Fett schützte Flugzeuge in großen Höhen vor einem Einfrieren der Instrumente und der von den Motoren produzierten Feuchtigkeit. Darüber hinaus isolierte die Substanz Zündkerzen, Transformatoren und Leitungen und diente als Dämmstoff und Antischaum-Mittel. „Das Fett, das half, den Krieg zu gewinnen“, hieß es deshalb nach 1945 über die Chemikalie.
Erst japanische ÄrztInnen entdeckten dann in der Zeit der US-Besatzung seine schönheitschirurgischen „Qualitäten“ und injizierten es Frauen zur Brustvergrößerung direkt. Der „Re-Import“ für diesen Verwendungszweck erfolgte bald. Das Silikon fand als Rohstoff der Schönheitsindustrie große Verbreitung und richtete verheerende Gesundheitsschäden an. Sie reichten von Gewebe-Entzündungen und Rheuma über Dickdarm-Erkrankungen und Wirbelsäulen-Problemen bis hin zu Fruchtschädigungen und Tod. Darum erging 1975 ein Verbot.
Aber DOW CORNING hatte schon vorgesorgt und verpacktes Silikon als Alternative ersonnen: Die ersten Implantate entwickelten die beiden plastischen Chirurgen Frank Gerow und Thomas Cronin im Auftrag des Unternehmens. Andere Konzerne folgten nach. Mit drei von ihnen, der MEDICAL ENGINEERING COOPERATION, der HEYER-SCHULTE-COOPERATION und der MCGHAN MEDICAL COOPERATION, trat GENERAL ELECTRIC von 1971 bis 1976 in Geschäftsbeziehungen. In enger Abstimmung mit den Firmen entwickelte GE spezielle Silikone für Brustvergrößerungen; RTV 6191, RTV 6193, RTV 6195 oder RTV 7100 lauteten die Bezeichnungen. Die Produktsicherheit hielt sich jedoch weiterhin in Grenzen. Es entstanden nämlich häufig Risse in den Implantaten, aus denen der Füllstoff entwich. Rheuma, Arthritis, Multiple Sklerose, Geschwür-Bildungen und Darm-Erkrankungen gehörten zu den Nebenwirkungen. Viele Frauen mussten ihren Beruf aufgeben und waren für immer an einen Rollstuhl gefesselt. Von „systemic silicone desease“ sprachen die MedizinerInnen. Auf 50.000 schätzte der Rechtsanwalt Geoffrey White im Jahr 2001 die Zahl der Opfer.
GENERAL ELECTRIC und die anderen Hersteller wussten von den Gesundheitsschädigungen. Schon 1958 bescheinigte eine GE-Studie dem Silikon, in den Organismus gelangen zu können. Wie spätere Untersuchungen der Firma ergaben, handelte es sich bei der Substanz nämlich keineswegs um einen chemisch inaktiven Stoff. Sie war nach den Erkenntnissen ihrer ForscherInnen sogar imstande, durch die Implantat-Hülle zu dringen. Angesichts dieser Gefahren und des Risikos späterer Schadensersatz-Prozesse beschloss der Konzern zunächst, Silikon nicht für medizinische Zwecke zu vermarkten, revidierte dann aber seine Entscheidung und stieg in das Brustimplantate-Business ein. Die Befürchtungen bestätigten sich bald. So heißt es 1976 in den Unterlagen des GE-Kunden HEYER-SCHULTE: „Dr. Vinnick ist besorgt darüber, dass das in den Implantaten benutzte GENERAL-ELECTRIC-GEL: 1. nicht stabil und 2. giftig ist.“ GE teilte wohl die Sorgen: Im selben Jahr zog sich das Unternehmen offiziell aus diesem Geschäftsfeld zurück. Und ist nach eigenem Bekunden auch nie wieder eingestiegen, jedenfalls nicht willentlich, wie es ein wenig relativierend in einer Anfang der 2000er Jahre abgegebenen Erklärung bekundet.
„GE SILICONES AMERICAS, GE BAYER SILICONES und GE TOSHIBA SILICONES werden nicht bewusst den Gebrauch unserer Produkte für Anwendungen empfehlen oder für Applikationen verkaufen, in denen sie länger als 29 Tage im menschlichen Körper verbleiben“, so der Konzern. Darüber hinaus bekräftigte er noch, kein Silikon für Injektionen oder Verhütungsmittel zu vermarkten.
GENERAL ELECTRIC gab dieses Statement Anfang der 2000er Jahre im Rahmen eines Prozesses ab. Zahllose solcher juristischen Auseinandersetzungen begleiteten die Brustvergrößerungen per Chemie. Von einem „Alptraum“ für die Multis sprach deshalb die Los Angeles Times. Über die erste Schadensersatzklage entschieden die RichterInnen 1977; sie sprachen dem Silikon-Opfer 170.000 Dollar zu. In späteren Jahren sollten die Summen dann noch beträchtlich steigen. 1994 kam es zur bisher größten Sammelklage in der US-amerikanischen Justizgeschichte. Allein DOW CHEMICAL sah sich am Ende mit 20.000 KlägerInnen konfrontiert. Wegen der Milliarden-Forderungen erklärte sich das Unternehmen Mitte der 1990er Jahre für zahlungsunfähig, schaffte es schließlich aber doch, die Krise zu überstehen. Nur GE konnte sich schadlos halten. Obwohl die Firma ihre Silikone in Kooperation mit den Implantat-Unternehmen entwickelt hatte, gelang es ihr, die Verantwortung für die Risiken und Nebenwirkungen der Silikon-Kissen seinen Kunden anzulasten.
Angesichts von über zwei Millionen operierter Frauen zwang der Medizin-Skandal auch die Aufsichtsbehörden zu handeln. 1992 verhängte die US-amerikanische „Food and Drug Administration“ (FDA) ein Moratorium für Implantate und andere Silikon-Anwendungsgebiete. So lange die Hersteller keine Unbedenklichkeitsnachweise vorlegen, bleibt der Verkauf untersagt, ordnete die FDA an. Und das hatte auch Konsequenzen für BAYSILONE. Es fiel unter die neue Richtlinie für Silikon-Produzenten und durfte nicht mehr in diaphragma-ähnlichen Barriere-Verhütungsmitteln wie LEA’S SHIELD zum Einsatz kommen.
„Die Silikone von DOW-CORNING, WACKER und BAYER sind komplett vom Frauenprodukte-Markt zurückgezogen worden“,
ließ der Kontrazeptiva-Hersteller 2002 wissen. Mit dem schlechten Image von Silikon hatte sich noch der Neubesitzer von GE BAYER SILICONE, die US-Firma MOMENTIVE, herumzuschlagen. Darum beteuerte der damalige Konzern-Chef John Rich 2007 in einem Interview zwar: „Im Allgemeinen zeigt Silikon eine gute Verträglichkeit mit dem menschlichen Körper“, beeilte sich anschließend aber festzustellen: „Wir engagieren uns nicht im Implantate-Markt“. „Willentlich“, hätte er hinzufügen müssen, wie es GE Anfang der 2000er Jahre tat, denn über den Chemie-Händler BRENNTAG geriet das BAYSILONE dann doch in die Gel-Kissen der Firma PIP.
Mit der Zeit gelang es dem Silikon jedoch, sich ein wenig von seinem schlechten Ruf zu befreien, denn mehrere Studien relativierten den Zusammenhang zwischen der Chemikalie und ernsthaften Erkrankungen. Das im Jahr des Silikon-Banns vom Kongress mit der Untersuchung der Langzeit-Folgen beauftragte „National Institute of Cancer“ fand keine Hinweise auf eine besondere Brustkrebs-Gefahr. Auch andere Karzinome traten bei den Frauen mit Implantaten nicht häufiger als bei nicht-operierten. Nur bei Lungenkrebs und Gehirntumor stießen die WissenschaftlerInnen auf erhöhte Zahlen. Frauen mit Gel-Kissen starben zwei bis dreimal so häufig an Gehirntumor und dreimal so häufig an einem Krebs der Atemwegsorgane wie Frauen ohne Silikon im Körper. Und nur letzteres erreichte eine statistische Relevanz. Ansonsten aber gaben die MedizinerInnen Entwarnung und stellten die Implantate sogar als Gesundbrunnen dar. Nicht nur von den meisten Krebs-Arten, sondern auch von Krankheiten des Immun-, Kreislauf- und Hormonsystems und der Verdauungsorgane waren Implantate-Trägerinnen nicht so oft betroffen wie ihre übrigen Geschlechtsgenossinnen, konstatierten die ForscherInnen.
Allerdings reichten die Daten oftmals für eine genaue Aufbereitung nicht aus. Bei Gewebe-Erkrankungen etwa hatten die Forscher nur Zugang zu 34 bis 40 Prozent der Kranken-Unterlagen. Und wenn sie auf Diagnosen wie „wahrscheinlich Rheuma“ stießen, was nicht selten vorkam, haben sie diese wegen des Unsicherheitsfaktors nicht mit in die Analyse der Nebenwirkungen einbezogen. „Das Risiko, aufgrund von Brustimplantaten eine Gewebestörung zu entwickeln, wurde, obwohl es etwas erhöht ist, als statistisch nicht signifikant betrachtet“, resümierte das Institut und mahnte weitere Untersuchungen zu dem Thema an.
Trotz solcher Unwägbarkeiten hatte die Erhebung einen großen Anteil daran, die Silikon-Einsätze zu rehabilitieren. Die Produzenten nahmen die Arbeit an Weiterentwicklungen auf und fassten Mut, die Gesundheitsbehörde von deren Unschädlichkeit überzeugen zu können. Dies gelang ihnen allerdings erst 2006. Im November des Jahres erteilte die FDA erstmals wieder Genehmigungen. Sie machte den Antragstellern MENTOR und ALLERGAN – berühmt-berüchtigt für BOTOX – allerdings strenge Auflagen.
So mussten die Hersteller Langzeit-Untersuchungen über die Verträglichkeit ihre Produkte durchführen. Die bisher vorliegenden Resultate sprechen nicht unbedingt für einen Qualitätssprung. Bei den 1008 MENTOR-Patientinnen traten nach der ersten Schönheitsoperation in 13,6 Prozent der Fälle Risse im Implantat auf; nach einer zweiten OP bei 15,5 Prozent. Bei Rekonstruktionen nach Entfernung der Brüste in Folge von Brustkrebs kam es nach dem ersten Eingriff bei 14 Prozent der Silikon-Kissen zu Beschädigungen, nach dem zweiten sogar bei 21,3 Prozent. Bei den ALLERGAN-Präparaten lag die Fehler-Quote ähnlich hoch. Zudem verrutschten bis zu 13,3 Prozent der Einsätze.
Über Brustschmerzen klagten bis zu 11,7 Prozent der Betroffenen. Abstoßungsreaktionen im Brustgewebe erlitten bis zu 27,5 Prozent, am höchsten lag der Wert bei Wiederholungs-OPs zur Brustvergrößerung. Für Brustkrebs, Rheuma und Muskelerkrankungen ergab die Auswertung keine erhöhte Gefährdung und bestätigte damit die Resultate des „National Institute of Cancer“. Allerdings beobachteten die WissenschaftlerInnen eine bisher in der Literatur nicht beschriebene Häufung von ALCL, einer Form von Lymphdrüsen-Krebs. Insgesamt deuten die Zahlen auf eine hohe Unzufriedenheit mit den Operationen hin. So ließen 53,4 Prozent der an Brustkrebs Leidenden die Silikon-Kissen wieder entfernen. Bei den Frauen, die sich aus kosmetischen Gründen für eine OP entschieden hatten, waren es bis zu 37,8 Prozent.
Trotzdem bescheinigt die FDA den Silikon-Kissen eine „akzeptable Sicherheit“ und überlässt es den Frauen selbst, auf Basis der verfügbaren Informationen über Nutzen und Risiken der chirurgischen Maßnahme zu entscheiden. Allerdings warnt die Gesundheitsbehörde: „Seien Sie sich bewusst, dass Brustimplantate zu lokalen Komplikationen führen können und dass die Wahrscheinlichkeit dafür mit den Jahren steigt. Die lokalen Komplikationen und Nebenwirkungen umfassen Bindegewebe-Schrumpfungen, Re-Operationen, Entfernung der Gelkissen und Implantat-Risse. Zudem mussten viele Frauen Erfahrungen mit Brustschmerzen, Faltenbildungen, Positionsveränderungen, Narbenbildungen und Infektionen machen.“
Immerhin hat es sich die „Food and Drugs Administration“ mit den Silikon-Implantaten bedeutend schwerer gemacht als ihre Pendants in den anderen Ländern. In Europa beispielsweise erging nie irgendein Verbot, und auch der PIP-Skandal hat nicht zur Folge, die Produktsicherheit der Gel-Kissen generell zu thematisieren. Er führt nur dazu, ein vermeintlich schwarzes Schaf aus der Herde auszusortieren. Sogar der Gebrauch von Polyurethan-Kunststoff zur Umhüllung des Silikons bleibt erlaubt, während die FDA diesen Stoff, den BAYER 1937 entwickelt hat, wegen seiner giftigen Wirkung für diese Anwendungsform schon 1991 aus dem Verkehr gezogen hat.
Der Leverkusener Multi wird vermutlich sagen, er vermarkte die Substanz „nicht willentlich“ für diesen Zweck. Willentlich nimmt er nur in einer Form am Brust-OP-Business teil: Er liefert mit MAKROLON-Folien einen hitzebeständigen und deshalb Sterilisationen standhaltenden Grundstoff für die Verpackungen der Implantate.
Wenn Großmutter und/oder Mutter Brustkrebs hatten, erkrankt auch die Tochter. Brustkrebs in der Familienanamnese ist nur ein Risikofaktor für diese Erkrankung. Einen oder mehrere dieser Risikofaktoren zu haben heißt nicht, dass eine Frau die Erkrankung auch entwickeln wird. Wenn ein Familienmitglied an Brustkrebs erkrankt ist, bedeutet das nicht automatisch, dass alle diese Krankheit bekommen oder dass ein genetisches Brustkrebs-Risiko immer vererbt wird. Nur fünf bis zehn Prozent aller Brustkrebsfälle können durch eine ererbte Genmutation erklärt werden. Und selbst ein Teil der Frauen, die eines der sogenannten “Brustkrebsgene”, das sie einem höheren Brustkrebsrisiko aussetzt, geerbt haben, werden die Krankheit niemals entwickeln.
Brustkrebs ist geheilt, wenn fünf Jahre nach der Diagnose kein Krebs nachweisbar ist.
Während das sogenannte Fünfjahresüberleben nach einigen Krebserkrankungen tatsächlich Heilung bedeutet, ist dieses bei Brustkrebs leider nicht der Fall. Das Risiko des Wiederauftretens von Brustkrebs ist in den ersten zwei Jahren nach der Diagnose am größten, doch leider kann Brustkrebs auch später wieder auftreten, und zwar unabhängig davon, wie viele Jahre seit Erstdiagnose vergangen sind (s. dazu >>> Langzeitüberleben und Rückfallrisiko bei Brustkrebs nach fünf Jahren im infoblog!).
Mammographien verhindern Brustkrebs. (“Früherkennung ist Dein bester Schutz”)
Mammographien können Brustkrebs nicht verhindern. Sie können nur Krebs erkennen, der bereits vorhanden ist. Kampagnen zum “Brustkrebsbewusstsein”, die Frauen dazu drängen, sich Mammographien zu unterziehen, basieren auf der Annahme, dass früh entdeckter Brustkrebs “geheilt” werden kann. Aber unabhängig davon, wie klein ein Tumor bei seiner Entdeckung ist, sind einige Brustkrebstumoren so aggressiv, dass sie mit den derzeit erhältlichen Therapien nicht wirksam – im Sinne einer endgültigen Heilung – behandelt werden können. Breast Cancer Action hat hierzu auf ihrer Website ein Positionspapier veröffentlicht, das auch bei uns in deutscher Sprache verfügbar ist: >>> Mammographie-Screening: Die Breast Cancer Action Position. Die Entscheidung zur Durchführung einer Mammographie muss individuell getroffen werden, nach Möglichkeit in Kenntnis von Chancen und Risiken dieser Maßnahme zur Früherkennung von Brustkrebs.
Mehr zur >>> Mammographie auf unserer Webseite und in der >>> Linksammlung zur Mammographie
Durch eine Mammographie kann Brustkrebs streuen.
Eine Mammographie, also eine Röntgenaufnahme der Brust, ist eine der besten Möglichkeiten zur Früherkennung und Diagnostik von Brustkrebs. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Brustkrebs durch eine Mammographie “streuen” könnte. Die Fähigkeit von Tumorzellen, zu “streuen”, also zu metastasieren, ist ein Kennzeichen der Brustkrebserkrankung. Warum ein Teil der Erkrankungen metastasiert, während dieses bei anderen Erkrankungen nicht passiert, steht nicht in einem nachweisbaren Zusammenhang mit der Mammographie. Das Risiko, durch eine zu späte Erkennung an einer nicht mehr heilbaren Brustkrebserkrankung zu versterben, wird zur Zeit höher eingestuft als das Risiko, durch eine Mammographie einen Schaden zu erleiden. Die persönliche Entscheidung für eine Mammographie sollte u.a. auf der Empfehlung bzw. Indikation von in dieser Fragestellung qualifizierten Ärztinnen oder Ärzten beruhen. In der ärztlichen Beratung sollten zuvor alle Fragen oder auch Bedenken besprochen werden können.
Mehr zur >>> Mammographie auf unserer Webseite und in unserer >>> Linksammlung zur Mammographie
Deos lösen Brustkrebs aus.
Es kursiert ein Gerücht, dass “der Hauptgrund für Brustkrebs der Gebrauch von Deodorants” ist, wobei behauptet wird, dass das in der Achselhöhle angewendete Produkt den Körper an der Ausscheidung von Giftstoffen hindert. Als weiterer Beleg wird ins Feld geführt, dass fast alle Brusttumoren im oberen äußeren Quadranten der Brust, wo sich die Lymphknoten befinden, entstehen. Ein Gerücht ist bekanntlich keine wissenschaftlich untermauerte Tatsache. Zwar enthalten viele Körperpflegemittel tatsächlich Inhaltsstoffe wie Phtalate und Parabene, die mit Brustkrebs in Verbindung gebracht werden. Viele Kosmetika und andere Körperpflegeprodukte enthalten Chemikalien, von denen entweder bekannt ist, dass sie im Verdacht stehen, Krebs auszulösen, das Hormonsystem zu stören und anderes. Auch konnte eine >>> Studie aus dem Jahr 2011 die Veränderung von Zellen des Brustgewebes durch Aluminiumchlorid, das in einigen Deos enthalten ist, nachweisen. Während der einmalige Gebrauch einer toxischen Chemikalie wenig schädlich sein mag, könnte der langjährige tägliche Gebrauch auch kleiner Dosen sehr wohl ein Gesundheitsrisiko darstellen. Versuchen Sie, sich im Interesse ihrer Gesundheit über Kosmetik-Produkte zu informieren, die keine schädlichen Stoffe enthalten. >>> Datenbank “Skin Deep” für sichere Kosmetika (leider nur in englischer Sprache). Einstieg in das Thema: >>> Sichere Kosmetika & Bedarfsgegenstände (Information des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg) sowie die Seite >>> Kosmetische Mittel auf der Website des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) mit weiterführenden Links.
Eine von acht Frauen bekommt Brustkrebs.
Diese vielzitierte statistische Größe (eine von acht, neun oder zehn …) ist das kumulative Risiko einer einzelnen Frau in 85 Lebensjahren. Sie bedeutet nicht, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine von acht Frauen Brustkrebs hat. Sie bedeutet vielmehr, dass – wenn alle 85 Jahre alt würden – eine von acht Frauen die Erkrankung irgendwann im Laufe ihres Lebens entwickelt. Die gute Nachricht dabei ist, dass sieben von acht (neun oder zehn) Frauen niemals Brustkrebs bekommen werden. Die schlechte Nachricht ist, dass der Anteil der erkrankenden Frauen in den vergangenen Jahrzehnten schnell angestiegen ist: Vor 30 Jahren war das Risiko während der gesamten Lebensdauer 1 zu 20.
Stress verursacht Brustkrebs.
Bisher konnten Studien keine wissenschaftlich fundierten Belege dafür erbringen, dass Menschen, die ängstlich oder gestresst sind, mit größerer Wahrscheinlichkeit Brustkrebs entwickeln als solche, die entspannter sind. (Unter dem Titel >>> The Breast Cancer Personality: How I Learned to Stop Worrying About Worrying hat Breast Cancer Action in seinem Newsletter Nr. 75 von Anfang 2003 hierzu ein ausführlicheres Papier in englischer Sprache veröffentlicht.)
Brustkrebsrisiko und Schadstoffe stehen in keinem Zusammenhang.
Es gibt zahlreiche Hinweise, die auf einen Zusammenhang zwischen Chemikalien und Brustkrebs deuten. Während an exakteren Erkenntnissen geforscht wird, sollten wir unseren Umgang mit Substanzen, die möglicherweise Krebs auslösen, vorsichtshalber weitestgehend einschränken. Mehr dazu in unserer Übersicht >>> Umwelt & Prävention / Literatur
Positives Denken verbessert die Überlebenschancen bei Brustkrebs.
Es gibt keinen Beleg dafür, dass eine optimistische Haltung angesichts einer Brustkrebs-Diagnose die Überlebenschance erhöhen kann. Es gibt Zeiten, in denen eine positive Haltung das einzige ist, was hilfreich ist, morgens aus dem Bett zu kommen, aber es ist nach einer Brustkrebsdiagnose auch normal, Traurigkeit, Wut oder Angst zu fühlen. Ein fröhliches Gesicht fälschlicherweise aufzusetzen kann hingegen tatsächlich ein Gefühl der Isolation verstärken und die Fähigkeit, die Krankheit zu bewältigen, damit vielleicht sogar negativ beeinträchtigen.
Brustkrebs ist eine tödlich verlaufende Erkrankung.
Eine Brustkrebsdiagnose ist nicht gleichbedeutend mit einem Todesurteil. >>> Aktuelle Daten zu Überlebensraten auch über den Zeitraum von fünf Jahren hinaus haben wir einer Forschungsarbeit entnommen, über die wir in unserem Blog im September 2008 berichtet haben.
Brustkrebs ist ansteckend.
Man kann sich nicht mit Brustkrebs anstecken oder ihn auf eine andere Person übertragen. Brustkrebs ist das Ergebnis unkontrollierten Zellwachstums.
Männer bekommen keinen Brustkrebs.
Leider manchmal doch. Gemäß >>> Gesundheitsberichterstattung des Bundes erkrankten im Jahr 2006 insgesamt 932 Männer an Brustkrebs, 29 Männer verstarben an dieser Erkrankung. Tendenz: steigend. Daher sollten auch Männer ihren Ärzten mitteilen, wenn sie Veränderungen ihrer Brust entdecken. Weitere Informationen beim Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ: >>> Brustkrebs beim Mann: Gibt es tatsächlich männliche Patienten?
Das Wissen, dass Veränderungen an den Genen BRCA1 oder BRCA2 vorliegen, kann helfen, Brustkrebs zu verhindern.
Während Veränderungen an diesen Genen bei Männern und Frauen eine Veranlagung für ein höheres Brustkrebsrisiko bedeuten, haben tatsächlich nur 5 – 10 % aller PatientInnen diese Genmutation. Dieses bedeutet jedoch keinen absoluten Zusammenhang. Die Ursachen für Brustkrebs sind nach wie vor nicht vollständig bekannt. Faktoren wie etwa die Alterung, die einer der Hauptrisikofaktoren für Brustkrebs ist, oder Brustkrebs in der Familie kann man nicht selbst beeinflussen. Es gibt bisher wenig evidenzbasierte Daten zu eventuellen medizinischen Interventionen, die eine Brustkrebserkrankung bei einer nachgewiesenen Genveränderung verhindern bzw. das Leben verlängern können. Im wesentlichen werden die selben Therapien, wie sie bereits an Brustkrebs erkrankte Frauen erhalten, prophylaktisch eingesetzt: Entfernung der Brüste und/oder Eierstöcke, starke antihormonelle Medikamente und regelmäßiges Screening. Das Risiko, tatsächlich an Brustkrebs zu erkranken, ist bei vorliegenden Genmutationen deutlich erhöht. In Deutschland besteht die Möglichkeit, sich in >>> Zentren für familiären Brustkrebs betreuen zu lassen. Weitere Informationen gibt es auch auf der Webseite des Deutschen Krebsforschungszentrums DKFZ: >>> Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2: Für welche Krebsfälle sind sie verantwortlich?
Abtreibung verursacht Brustkrebs.
Es ist eindeutig bewiesen, dass es zwischen einer Abtreibung und einer späteren Brustkrebs-Diagnose keinen Zusammenhang gibt.
Starker Stress verursacht Brustkrebs.
Es gibt keinen wissenschaftlich belegten Nachweis, der einen Zusammenhang zwischen Stress und dem Ausbruch von Brustkrebs belegen kann.
Brustkrebs wird durch eine einzelne Ursache ausgelöst.
Eine einzelne Ursache für Brustkrebs wurde bisher nicht gefunden. Verschiedene chemische Verbindungen werden heute mit der Entstehung von Brustkrebs in Zusammenhang gebracht. Es muss besser erforscht werden, was das Brustkrebsrisiko im Kontext mehrerer Ursachen, die zur Entstehung beitragen können, verringert. Mehr dazu in unserer Übersicht >>> Umwelt & Prävention / Literatur
Eine gesunde Lebensweise schützt vor Brustkrebs.
Der Versuch, ein “gesundes Leben” zu führen, könnte das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, reduzieren. Unglücklicherweise ist dieses jedoch keine Garantie für den sicheren Schutz vor Brustkrebs. Bei den meisten Brustkrebserkrankungen ist die Ursache immer noch unbekannt, während alle bekannten Risikofaktoren wie z.B. Familienanamnese, Lebensstil und Gene keinen Anhaltspunkt für den Grund der Erkrankung bieten. Einige WissenschaftlerInnen stehen auf dem Standpunkt, dass in diesen Fällen bestimmte toxische Chemikalien oder Umweltgifte die Ursache sein könnten. Eine bessere finanzielle Ausstattung von wissenschaftlichen Untersuchungen, die auch nach anderen Ursachen als dem “Lifestyle” (bezogen auf das Verhalten) der erkrankten Frauen forschen, könnte eine Schlüsselrolle bei der Suche nach den Ursachen von Brustkrebs spielen.
Medikamente sind die Lösung zur Prävention von Brustkrebs.
Tabletten zur Prävention von Brustkrebs wie z.B. bestimmte Medikamente, die antihormonelle Eigenschaften aufweisen, könnten zwar das Brustkrebsrisiko senken. Doch leider erhöhen sie gleichzeitig auch das Risiko für andere schwerwiegende Erkrankungen – inklusive Krebs. Die bisherigen Ansätze für eine medikamentöse Brustkrebsprävention sind gescheitert (s. dazu auch die Informationen zum >>> Abbruch der finanziellen Förderung der Stellar-Studie infoblog!).
Die Maßnahmen zur Entwicklung von Medikamenten zur “Vorbeugung” vor Brustkrebs entsprechen einer industriell geförderten Hoffnung, über eine Medikalisierung ein “Kraut gegen jede Krankheit” entwickeln zu können. Dieser einzig industrielle Ansatz verstellt gleichzeitig den Blick auf Bemühungen um eine primäre Prävention, nämlich die Ursachen für Brustkrebs zu finden und zu reduzieren. Geeignete Maßnahmen einer Primärprävention könnten auch das Risiko des Ausbruchs anderer Krankheiten – inklusive anderer Krebserkrankungen – verringern (s. dazu auch Ausschnitt aus dem Film: >>> No family history von Sabrina McCormick). Die übersteigerte Hoffnung und der gleichzeitig auch so bequeme Gedanke, dass Medikamente allein die Heilung oder Verhinderung von Erkrankungen bewirken könnten, sollte auf ein realistisches Maß zurückgeschraubt werden.
Hilft die Selbstuntersuchung der Brust, die Brustkrebssterblichkeit zu senken? Mythos oder was ist dran? Hier mehr lernen: >>> Selbstuntersuchung der Brust
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat Ende Februar 2012 Informationen für die Webseite www.gesundheitsinformation.de bereit gestellt, die sich mit Fragen rund um metastasierten Brustkrebs befassen. In diesem Spezial geht es nicht nur um Ursachen, Diagnose und Therapie, sondern auch um formelle Aspekte bezüglich Krankenkasse, Behörden usw. Ein großer Abschnitt befasst sich mit dem eigentlichen “Leben mit metastasiertem Brustkrebs”: Es geht um Trauer und Wut, die Frage nach der Bewältigung physischer Begleiterscheinungen, um das Zusammenleben mit Familie (Partnerschaft, Sexualität, Kinder und Enkel) und Freunden, aber auch berufliche Aspekte werden beleuchtet. Das IQWiG Spezial richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern auch an Angehörige. Das Spezial ist hier abrufbar: www.gesundheitsinformationen.de.
Es kann auch als Broschüre im PDF-Format heruntergeladen oder direkt von der Webseite gedruckt werden.
Ebenfalls vom November 2011 gibt es die “Patientenleitlinie Brustkrebs II – Die fortgeschrittene Erkrankung, Rezidiv und Metastasierung”, die von der Bundesärztekammer (BÄK) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) beiwww.patienten-information.de und zum Download als pdf (externe Links zur BÄK/KBV) angeboten wird.
Viele Patientinnen wollen und fordern sanftere, weniger schädigende alternative Krebsthreapien ein. Die mit ihren gravierenden Maßnahmen manchmal als wenig heilsam empfundene Schulmedizin bei Krebs wird dabei auf der einen Seite kritisch gesehen und löst auf der anderen Seite mit ihrem ökonomischen Hintergrund bei nicht wenigen Frauen Abneigung aus.
Das Geschäft mit der Hoffnung spielt überall eine Rolle.
Es ist bekannt, dass die meisten Krebspatientinnen auch “alternative” Methoden einsetzen. Sogenannte “alternative” oder auch “komplementäre” – also zusätzlich eingesetzte – Methoden (abgekürzt CAM für Complementary Alternative Medicine) sind oftmals aber ebenfalls ein Geschäft bzw. ein großer Markt. Die unterschiedlichen, teilweise sehr teuren Angebote sind kaum zu überschauen. Es gibt unseriöse Anbieter, die gefährliche – manchmal sogar lebensgefährliche – Methoden anbieten. Manches wird individuell aber auch hilfreich von Patientinnen empfunden.
Im gerade vom KID aktualisierten Informationsblatt “Alternative Krebsmedizin” (pdf, Stand: 15.12.2009) heißt es: “Ist eine Krebserkrankung weit fortgeschritten, ist es gerechtfertigt, auch experimentelle Methoden in Betracht zu ziehen.” Es werden Hinweise zur Einschätzung gegeben und viele Fragen gelistet, die hilfreich bei der Einschätzung von einzelnen Angeboten sein können.
Der KID berät auch zu Fragen bei alternativen Therapien unter der Rufnummer 0800 – 420 30 40.
Auch das Tumorzentrum Freiburg hat eine Broschüre, in der einzelne Therapien direkt angesprochen, herausgegeben, die unter dem Titel Komplementäre Verfahren (pdf, Stand 12/2007) erschienen ist. Die Information ist aktuell online nicht verfügbar.
Ältere Informationen zu komplementären Fragen finden sich auch hier:
Das Tumorzentrum München hat früher Informationen zu einzelen Maßnahmen bereitgestellt, die bei archive.org noch nachgelesen werden können:
Eine Art “Quackwatch”, ein Platz, wo differenziert gerade auch ungeprüfte, unbewiesene oder gefährliche Methoden kritisch in deutscher Sprache auf den Prüfstand gestellt werden, gibt es bisher nicht.
Silicon breast implant and components / Abb. Ilona Gaynor
Skandalöser Normalzustand
Recherchiert und geschrieben von Jan Pehrke (Journalist, Düsseldorf, Vorstand Coordination gegen BAYER-Gefahren, zuerst erschienen bei telepolis am 27.02.2012)
Skandale machen aus einem Ereignis etwas Singuläres und lösen es damit aus dem Gesamtzusammenhang. So war es auch im Fall der minderwertigen Brustimplantate der französischen Firma PIP: Ein gelernter Metzger, der aus Dichtungsmasse für den Bau Gel-Kissen zusammenrührt und damit Millionen macht – eine Ungeheuerlichkeit! Aber einer solchen Perspektive entgeht, dass auch das “Beauty-Business as usual” mit Silikon seit seinen Anfängen Risiken und Nebenwirkungen en masse produziert hat und erst jüngere Studien nicht mehr von einer erhöhten Brustkrebs-Gefahr ausgehen.
“Der Krieg ist der Vater aller Dinge” – dieser Ausspruch Heraklits trifft auch auf das Silikon zu. Während des 2. Weltkrieges erlebte es auf US-amerikanischer Seite unter strengster Geheimhaltung seinen ersten Einsatz in industriellem Maßstab. Parallel entwickelt von General Electric und Dow Corning, dem Joint Venture von Dow Chemical und Corning, bot es aufgrund seiner chemischen Eigenschaften – Stabilität und Hitzebeständigkeit – vielfache Verwendungsmöglichkeiten und kompensierte den damaligen Gummimangel. Silikon-Fett schützte Flugzeuge in großen Höhen vor einem Einfrieren der Instrumente und der Feuchtigkeit rund um die Motoren – eine häufige Absturzursache. Darüber hinaus isolierte die Substanz Zündkerzen, Transformatoren und Leitungen und diente als Dämmstoff und Antischaummittel.
“Das Fett, das half, den Krieg zu gewinnen”, hieß es deshalb nach 1945 über die Chemikalie. Mit der zivilen Nutzung haperte es dann zunächst ein bisschen. Die Verträge mit dem Militär liefen aus, weshalb das Silikon dem Dow-Corning-Wissenschaftler Earl L. Warrick zufolge kurzzeitig als Produkt ohne Markt dastand. Schnell jedoch eroberte es sich diesen zurück, vor allem als Isolier-Material. Darüber hinaus beeilten sich Warrick und seine Kollegen, ihm neue Anwendungsbereiche als Möbel-Politur, Dichtungsmasse, feuerfeste Farbe oder medizinisches Hilfsmittel zu erschließen.
Die Nadeln der Kleopatra
Im besiegten und besetzten Japan gab es dagegen keinen Konjunktureinbruch für das Produkt. Dafür sorgten die GIs, deren Nachfrage nach Prostituierten mit großen Oberweiten viele der Frauen dazu veranlasste, sich Silikon direkt in die Brüste spritzen zu lassen. Darum verschwanden aus den Beständen der US-Armee am Hafen von Yokahama große Mengen der siliciumorganischen Verbindung und landeten in den Händen zwielichtiger Operateure. Vorher hatten sie zu Paraffin, Ziegenmilch oder Vaseline gegriffen, teilweise mit desaströsen Ergebnissen; jetzt galt ihnen der Stoff aus den Docks als die ungefährlichere Alternative.
Schon früh verbreitete sich die Methode in ganz Ost-Asien. In den USA kam sie ebenfalls in Mode. “Silikon-Injektionen waren einer der ersten erfolgreichen japanischen Exporte nach Amerika”, konstatierte der Journalist John Byrne. Allerdings hatte es dort schon Vorstudien gegeben, beispielsweise von dem Arzt Harvey D. Kagan. Das Material der Wahl stellte dabei meistens das “200 Fluid” von Dow Corning dar, und auch die Kundengruppe unterschied sich nicht groß. In den Vereinigten Staaten waren es Prostituierte, Stripperinnen, Tänzerinnen, Animierdamen und Barfrauen, vornehmlich aus Las Vegas und Hollywood, deren Chefs oftmals die Kosten für die Eingriffe übernahmen. Später weitete sich der Kreis. Bis Mitte der 1970er Jahre hatten sich fast 100.000 Frauen einer OP mit den “Nadeln der Kleopatra” unterzogen, wie es in Anspielung auf die beiden heute in New York und London stehenden ägyptischen Obelisken bald hieß.
Die in dem Bild zum Ausdruck kommende Verschränkung von Pracht und Pein beschreibt die Folgen der “Pumping Parties” recht anschaulich. Wer mit Hilfe des Silikons schön sein wollte, musste nicht nur leiden, sondern manchmal sogar sterben. Das nicht sterilisierte Industrie-Silikon strahlte nämlich – in reiner Form und direkt verabreicht – in den ganzen Körper aus. Setzte es sich in den Lungen fest, löste es Entzündungen aus oder konnte sogar zu einem tödlichen Organversagen führen. Die beschriebenen Gesundheitsstörungen reichten von Blindheit, Rheuma und Dickdarm-Erkrankungen über Wirbelsäulenprobleme, Gewebe- und Fruchtschädigungen bis hin zu Knoten-Bildungen, Zysten und Verhärtungen. Nicht selten mussten die Mediziner Brustwarzen oder ganze Brüste entfernen.
Der Weg zum Medizinprodukt
Nach eigener Aussage bekam Dow Corning 1963 Kenntnis von der Zweckentfremdung ihres Produktes, als der Schönheitschirurg Dr. Harvey Kagan auf einem Kongress von seinen – natürlich durch die Bank erfolgreichen – Experimenten mit 2-Liter-Injektionen berichtete. Das Unternehmen hatte zwar selbst bereits ein Jahr vorher begonnen, Silikon für medizinische Zwecke zu entwickeln, aber als Einsatzgebiet für das “Medical Grade 360″ schwebten ihm damals weniger Brüste als vielmehr Beschichtungen von Spritzen, Nadeln und Schläuchen vor. Der Konzern stellte sich jedoch schnell auf die neue Absatzlage ein. Gemeinsam mit dem Verband der Schönheitschirurgen verkündete er: “Wir können es nicht genug betonen: Für medizinische Applikationen sollte nur ein medizinisches Silikon verwendet werden.”
“Medizinisch” war das mit dem “200 Fluid” baugleiche, lediglich gereinigte Erzeugnis aber vorerst nur in den Augen von Dow Corning, weshalb die Firma die Substanz nicht offiziell für diesen Zweck anbot. Dennoch erfreute es sich besonders in Las Vegas großer Beliebtheit. Das entging auch der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA nicht. 1964 stufte sie das Produkt als Arznei ein und verlangte Unbedenklichkeitsnachweise. Die konnte der Multi allerdings nicht oder nur unvollständig liefern. Die Prüfung zog sich lange hin, mit erfolgten und wieder zurückgezogenen Zulassungen zu Testzwecken und Ausnahmegenehmigungen für sieben Schönheitschirurgen.
Dann setzten die Gerichte diesem Versuch, die Injektionen durch einen verbesserten Füllstoff sicherer zu machen, ein Ende. Im Jahr 1975 stellte der Bundesstaat Nevada die Spritzorgien unter Strafe, nachdem ein Assistenzprofessor für Plastische Chirurgie dem Staatsanwalt Einblick in die Krankenakten tausender leidender Frauen gewährt hatte. Dennoch landeten die “Nadeln der Kleopatra” noch lange nicht auf dem Müll. Bis weit in die 1990er Jahre hinein fanden sich in der medizinischen Schattenwirtschaft Ärzte, die das Silikon direkt injizierten.
Alter Wein in neuen Schläuchen
Aber Dow Corning hatte schon vorgesorgt. Der Chemie-Riese hatte den Schönheitschirurgen Frank Gerow und Thomas Cronin bereits 1961 den Auftrag erteilt, Alternativen zu den Einspritzungen zu ersinnen. Ein Jahr später präsentierten die beiden ihre Erfindung. Sie verfielen darauf, die gefährliche Chemikalie einfach einzupacken und entwickelten so das erste Brust-Implantat.
Als Probandin stellte sich Timmie Jean Lindsey zur Verfügung. Die Texanerin hatte Gerow 1962 eigentlich nur aufgesucht, um sich die Tätowierungen auf ihren Brüsten entfernen zu lassen, aber gegen das Versprechen, ihr dafür die Ohren anzulegen, hatte der Mediziner ihre Einwilligung zu der OP erlangt. Zehn Jahre später begannen ihre Beschwerden. Die Brüste verhärteten sich, weil sich das Narbengewebe rund um das Gel-Kissen zusammenzog, und verursachten Schmerzen. Zudem klagte Lindsey über rheumatisches Fieber, Hautausschlag, chronische Müdigkeit und einen trockenden Mund. “Mir tat alles weh”, vertraute sie einer Journalistin 45 Jahre nach dem Eingriff an.
Einer großen Anzahl von Frauen erging es ähnlich. Bis heute zählt die Schrumpfung des Gewebes in der Umgebung des Implantats, die so genannte Kapsel-Kontraktur, zu den häufigsten Nebenwirkungen der Brustvergrößerungen. Aber auch das Silikon selber richtete weiter Unheil an, da sich die Hüllen oftmals als undicht erwiesen. Rheuma, Arthritis, Multiple Sklerose, Geschwürbildungen und Darmerkrankungen gehörten zu den beschriebenen Gesundheitsschädigungen; auch für Krebserkrankungen machten nicht wenige die Substanz verantwortlich. Zahlreiche Frauen mussten ihren Beruf aufgeben und waren für immer an einen Rollstuhl gefesselt. Von “systemic silicone desease” sprachen einige Mediziner; die Zahl der davon Betroffenen schätzte der Rechtsanwalt Geoffrey White 2001 auf 50.000.
Klagen über Klagen
Aber die Opfer setzten sich zur Wehr. 1977 gewinnt die erste Implantatträgerin einen Schadensersatzprozess und erhält 170.000 Dollar. Eine Vielzahl weiterer juristischer Auseinandersetzungen sollte folgen. 1984 muss Dow Corning schon 211.000 Dollar Entschädigung und 1,5 Millionen Dollar Strafe zahlen. 1992 kommt es zur bis dahin größten Sammelklage in der US-Geschichte gegen Dow und andere Gelkissen-Hersteller wie Baxter, Bristol-Myers Squibb und 3M. Im Mai 1995 sieht sich allein Dow Corning mit über 20.000 Verfahren konfrontiert und erklärt sich für zahlungsunfähig; erst 2004 kann die Firma ihre Geschäftstätigkeit wieder ungestört aufnehmen.
Die internen Firmenunterlagen, in welche die Gerichte während der Rechtsstreitigkeiten Einblick erhielten, offenbarten ein genaues Wissen der Unternehmen um die Risiken und Nebenwirkungen ihrer Produkte. So erbrachten die von Dow Corning in Auftrag gegebenen Tierversuche mit injiziertem “Medical Grade 360″-Silikon besorgniserregende Ergebnisse. “Die Resultate dieser Studie legen nahe, dass sich die Verteilung über den ganzen Körper erstreckt”, informierten die Wissenschaftler den Konzern. Implantate der Firma Baxter wiesen keine bessere Resultate auf: “Die Schlussfolgerung aus Studie 1: Vielleicht sind alle Gels chemisch aktiv.” Heyer-Schulte erhielt 1976 ebenfalls eine beunruhigende Nachricht. “Dr. Vinnick ist besorgt darüber, dass das in den Implantaten benutzte Gel von General Electric: 1. chemisch NICHT stabil und 2. GIFTIG ist”, hieß es in einem Memo. Und ein Mitarbeiter von Minnesota Mining gab zu bedenken: “Ich möchte noch einmal betonen, dass wir keine belastbaren, über einen langen Zeitraum erhobenen Daten über die Sicherheit des Gels haben.”
Genau nach solchen Untersuchungen verlangten aber die wegen zunehmender Berichte über Gesundheitsschäden alarmierten Schönheitschirurgen. Von Dow Corning bekamen sie zumindest virtuell, was sie wollten: Ein Firmen-Beschäftigter versicherte ihnen mit gekreuzten Fingern, das Unternehmen würde gerade eine solche Studie durchführen.
Auch sonst gestalteten die Implantate-Produzenten die Wirklichkeit gern nach ihren Wünschen. Da es ohne entsprechende akademische Unbedenklichkeitsnachweise nicht so einfach war, dem Industrie-Silikon einen “Medical Grade” zu verleihen, schlug ein Belegschaftsangehöriger von Minnesota Mining einfach vor, eine brancheneigene Bestimmung des Begriffs in Umlauf zu bringen. Auch gelang es der Industrie, die Festsetzung der Industriestandards für die Einsätze in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ein Heyer-Schulte-Manager bescheinigte deshalb einem ehemaligen Dow-Kollegen, der es zum Präsidenten der Gesellschaft gebracht hatte, die das US-amerikanische Pendant zu den bundesdeutschen DIN-Normen festlegt: “Er ist bereit, die Frauen der Zukunft der Geschäftsgier zu opfern.”
Rehabilitierung mit Fragezeichen
Dem gebot jedoch die FDA Einhalt. 1992 stoppte sie die Vermarktung der Implantate, die sich bis dahin 1,5 bis 2 Millionen US-Amerikanerinnen hatten einsetzen lassen. Solange die Hersteller keine aussagekräftigten Studien über die Produktsicherheit vorlegen können, bleibt der Verkauf untersagt, ordnete die Gesundheitsbehörde an.
Im selben Jahr beauftragte der Kongress das “National Institute of Cancer” (NIC) mit der Untersuchung der Langzeitfolgen. Die Forscher arbeiteten daraufhin 13.500 Patientinnenakten durch – und fanden keine Hinweise auf eine besondere Gesundheitsgefahr. Brustkrebs und andere Karzinome traten bei den Frauen mit Implantaten nicht häufiger als bei nicht-operierten. Nur bei Lungenkrebs und Gehirntumor stießen die Wissenschaftler auf erhöhte Zahlen. Frauen mit Gel-Kissen starben zwei bis dreimal so häufig an Gehirntumor sowie dreimal so häufig – und damit statistisch relevant – an einem Krebs der Atemwegsorgane wie Frauen ohne Silikon im Körper. Ansonsten aber gaben die Mediziner Entwarnung. Nicht nur von den meisten Krebsarten, sondern auch von Krankheiten des Immun-, Kreislauf- und Hormonsystems sowie der Verdauungsorgane waren Implantateträgerinnen nicht so oft betroffen wie ihre übrigen Geschlechtsgenossinnen, konstatierte das NIC.
Allerdings reichten die Daten oftmals für eine genaue Aufbereitung nicht aus. Bei Gewebe-Erkrankungen etwa hatten die Forscher nur Zugang zu 34 bis 40 Prozent der Krankenunterlagen. Und wenn sie auf Diagnosen wie “wahrscheinlich Rheuma” stießen, was nicht selten vorkam, haben sie diese wegen des Unsicherheitsfaktors nicht mit in die Analyse der Nebenwirkungen einbezogen. “Das Risiko, aufgrund von Brustimplantaten eine Gewebestörung zu entwickeln, wurde, obwohl es etwas erhöht ist, als statistisch nicht signifikant betrachtet”, resümierte das Institut und mahnte weitere Untersuchungen zu dem Thema an.
Trotz solcher Unwägbarkeiten hatte die Erhebung einen großen Anteil daran, die Silikon-Einsätze zu rehabilitieren. Die Produzenten nahmen die Arbeit an Weiterentwicklungen auf und fassten Zutrauen, dazu imstande zu sein, die Gesundheitsbehörde von deren Unschädlichkeit zu überzeugen. Dies gelang ihnen allerdings erst 2006. Im November des Jahres erteilte die FDA nach einem 14-jährigen Moratorium erstmals wieder Genehmigungen. Sie machte den Antragstellern MENTOR und ALLERGAN – unter anderem Produzent von BOTOX – allerdings strenge Auflagen.
So mussten die Hersteller Langzeituntersuchungen über die Verträglichkeit ihre Produkte durchführen. Die bisher vorliegenden Resultate sprechen nicht unbedingt für einen Qualitätssprung. Bei den 1008 MENTOR-Patientinnen traten nach der ersten Schönheitsoperation in 13,6 Prozent der Fälle Risse im Implantat auf; nach einer Wiederholungs-OP bei 15,5 Prozent. Bei Rekonstruktionen nach Amputation der Brüste in Folge von Krebs kam es nach dem ersten Eingriff bei 14 Prozent der Silikon-Kissen zu Beschädigungen, nach einem notwendig gewordenen zweiten sogar bei 21,3 Prozent. Bei den ALLERGAN-Präparaten lag die Fehler-Quote ähnlich hoch. Zudem verrutschten bis zu 13,3 Prozent der Einsätze.
Abstoßungsreaktionen im Brustgewebe erlitten bis zu 27,5 Prozent, am höchsten lag der Wert bei Wiederholungs-OPs zur Brustvergrößerung. Über Brustschmerzen klagten bis zu 11,7 Prozent der Betroffenen. Für Brustkrebs, Rheuma und Muskelerkrankungen ergab die Auswertung keine erhöhte Gefährdung und bestätigte somit die Resultate des “National Cancer Institutes”. Dafür beobachteten die WissenschaftlerInnen eine bisher in der Literatur nicht beschriebene Häufung von ALCL, einer Form von Lymphdrüsen-Krebs.
Insgesamt deuten die Zahlen auf eine hohe Unzufriedenheit mit den Operationen hin. So ließen 53,4 Prozent der an Brustkrebs Leidenden die Silikon-Kissen wieder entfernen. Bei den Frauen, die sich aus kosmetischen Gründen für eine Brustvergrößerung entschieden hatten, waren es bis zu 37,8 Prozent. Trotzdem bescheinigt die FDA den Silikon-Kissen eine “akzeptable Sicherheit” und überlässt es den Frauen selbst, auf Basis der verfügbaren Informationen über Nutzen und Risiken der chirurgischen Maßnahme zu entscheiden. Allerdings warnt die Gesundheitsbehörde:
Seien Sie sich bewusst, dass Brustimplantate zu lokalen Komplikationen führen können und dass die Wahrscheinlichkeit dafür mit den Jahren steigt. Die lokalen Komplikationen und Nebenwirkungen umfassen Bindegewebe-Schrumpfungen, Re-Operationen, Entfernung der Gelkissen und Implantatrisse. Zudem mussten viele Frauen Erfahrungen mit Brustschmerzen, Faltenbildungen, Positionsveränderungen, Narbenbildungen und Infektionen machen.
Hierzulande hatten die Silikon-Einsätze hingegen bis zum Jahreswechsel nie unter Popularitätsverlusten zu leiden. Noch im Jahr 2002 befand das “Bundesinstitut für Arzneien und Medizinprodukte” (BfArM): “Nach dem derzeitigen Stand der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie nach der Risikobewertung auch auf europäischer Ebene ist aus Sicht des BfArM ein Verbot Silikongel-gefüllter Brustimplantate nicht angezeigt.” Es verwies auf eine “Weiterentwicklung der Produkte”. Zunächst sah das Institut nicht einmal bei den PIP-Anfertigungen Handlungsbedarf. Am 23. Dezember 2011 hatte es sich nicht dazu durchringen können, den betroffenen Frauen zu einer Herausnahme der Gelkissen Marke Eigenbau zu raten. Erst in den Tagen danach gelangte das BfArM zu bisher unbekannten Informationen und hat dann die Empfehlungen “auf der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse verschärft”, wie es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Maria Klein-Schmeink heißt.
Diese offenbarte zudem ein profundes Nichtwissen der staatlichen Institutionen über die Brustvergrößerungen. Weder über die Anzahl der Operationen in der Bundesrepublik noch über die Risiken und Nebenwirkungen gibt es Zahlenmaterial. Trotzdem hält die Bundesregierung die bisherige Praxis gegenüber solchen Medizinprodukten für “grundsätzlich ausreichend”. Lediglich bei Teilaspekten erkennt sie “Zentralisierungsbedarf”.
Ich empfinde es als einen Skandal, dass für Deutschland keine belastbaren Daten über die Sicherheit und Lebensdauer von Brustimplantaten vorliegen (…) Wir brauchen hier dringend mehr unabhängige Information und Aufklärung sowie schärfere Anforderungen an die tatsächliche Produktsicherheit (…) Völlig unverständlich ist es mir, wenn der Gesundheitsminister hier keinen Handlungsbedarf sieht, sondern nur auf das kriminelle Handeln des Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) verweist.
Aber das ist eben das Skandalöse an den Skandalen. Sie laufen stets nach demselben Schema ab: Das schwarze Schaf muss die Herde verlassen, ansonsten geht alles so weiter wie bisher. Deshalb dürfte dem Silikon als Rohstoff der Schönheitsindustrie noch eine ziemlich lange Lebensdauer beschieden sein.
Hinweis: Sich eventuell “widersprechende” Zahlen in der nachfolgenden Zusammenfassung der aktuellsten und wichtigsten Zahlen liegen an den unterschiedlichen Quellen, Erfassungsmethoden, Schätzungen und ggf. einer unzureichenden Krebsregistrierung. Bitte ggf. die Quellen prüfen.
Brustkrebssterblichkeit in Deutschland 1999 - 2010, Download Daten als pdf
2008
Brustkrebs ist sowohl in Deutschland als auch in Europa die häufigste Krebsneuerkrankung bei Frauen. 27,8 Prozent aller Krebserkrankungen bei Frauen entfallen auf Brustkrebs. 57.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an Brustkrebs. 17.500 Frauen sterben pro Jahr an den Folgen einer Brustkrebserkrankung.
Das mittlere Erkrankungsalter an Brustkrebs liegt bei 63 Jahren. Andere Krebserkrankungen treten durchschnittlich erst sechs Jahre später auf. Während die Zahl an Neuerkrankungen bei Brustkrebs seit 1980 weiter ansteigt, nimmt die Sterblichkeit seit Mitte der 1990-er Jahre leicht ab.
Quelle: BMG, BMU, Kooperationsgemeinschaft Mammographie
Im Jahr 2008 gab es bevölkerungsbezogen 16,71 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Zusammenfassung aus dem Berliner Basisbericht 2008 zu Brustkrebs in der Hauptstadt (mit retrospektiven Daten).
2007
Mortalität: Nach Angaben von Destatis, Statistisches Bundesamt Deutschland, starben im Jahr 2007 insgesamt 16.780 Frauen an den Folgen von Brustkrebs. Quelle: Statistisches Jahrbuch 2009.
Vollstationäre Behandlungsfälle: Die vollstationären Behandlungsfälle sind im Vergleich zum Jahr 2005 um rund 6.000 gesunken auf 147.222.
Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 16,70 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
2006
Häufigkeit:In Deutschland erkranken jährlich über 55.100 Frauen an Brustkrebs, davon etwa 23.200 im Alter unter 60 Jahren. Brustkrebs stellt die häufi gste Krebserkrankung bei Frauen dar. Diese Erkrankung ist für 26,8 % aller Krebsneuerkrankungsfälle bei Frauen und für deutlich mehr als ein Drittel (40 %) der Neuerkrankungen bei Frauen unter 60 Jahren verantwortlich. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei etwas über 62 Jahren, knapp 7 Jahre unter dem mittleren Erkrankungsalter bei Krebs insgesamt. Mortalität: Im Jahr 2006 sind 17.268 Frauen an Brustkrebs gestorben. Quelle: Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 21.09.2007. Trends: Die Brustkrebsinzidenz steigt in Deutschland seit 1970 stetig an, während die Mortalität seit Mitte der 1990er Jahre leicht sinkt. Brustkrebs ist in den bevölkerungsbezogenen Krebsregistern mittlerweile eine der am besten erfassten Lokalisationen. Damit bietet die Datengrundlage eine gute Basis für die Berechnung der deutschlandweiten Inzidenz.
Prognose:Die relative 5-Jahres-Überlebensrate für Brustkrebspatientinnen beträgt, alle Stadien betrachtet, 79 Prozent.
Die Zunahme von Brustkrebserkrankungen seit 2002, die sich in den Schätzungen des Robert-Koch-Instituts spiegeln, führt die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister ” im Wesentlichen auf … den zunehmenden Einsatz der Mammographie zur frühzeitigeren Diagnose von Brustkrebs” zurück. Quelle: Krebs in Deutschland: Häufigkeiten und Trends, 5. überarbeitete, aktualisierte Ausgabe, Saarbrücken, 2006 Direkte Krankheitskosten: Die direkten Krankheitskosten sind im Vergleich zum Jahr 2004 um über 300 Mio € angestiegen und werden auf 1.882 Milliarden € beziffert. Quelle: Statistisches Jahrbuch 2009
Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 17,52 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
2005
Vollstationäre Behandlungsfälle:Im Jahr 2005 war Brustkrebs mit 153.000 Behandlungsfällen der zweithäufigste Behandlungsanlass – nach Herzmuskelschwäche mit 165.000 Fällen – in der stationären Krankenhausbehandlung von Frauen in Deutschland).
Quelle: Pressemeldung des statistischen Bundesamtes vom 05. März 2007
Mortalität:Im Jahr 2005 verzeichnete das statistische Bundesamt 17.455 Sterbefälle bei Frauen mit Brustkrebs. Quelle: Pressemeldung des statistischen Bundesamtes vom 15. September 2006. Exakt die gleiche Zahl ist in der Publikation “Todesursachen in Deutschland” des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2005 verzeichnet. ["Ungenauigkeiten können sich durch die Angaben der Ärzte und durch die subjektive Auswertung der Todesursachen in den Statistischen Landesämtern ergeben. Wie groß diese Ungenauigkeiten sind, konnte bis jetzt noch nicht quantifiziert werden."]
Zusammenfassung aus dem Berliner Basisbericht 2005 zu Brustkrebs in der Hauptstadt (mit retrospektiven Daten).
Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezigen 17,96 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
2004
Häufigkeit: Im Jahr 2004 erkrankten insgesamt 57.230 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Absolut gesehen war der Zuwachs bei den Fallzahlen um etwa 2.000 Erkrankungen am höchsten, jedoch verläuft der Anstieg von 2002 bis zum Jahr 2004 im Vergleich zu den Schätzungen der Vorjahre nicht mehr ganz so steil.
Quelle: Krebs in Deutschland 2003 – 2004, Häufigkeiten und Trends; eine gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V., 6. überarbeitete Auflage, 2008.
Vollstationäre Behandlungsfälle:Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war Brustkrebs bei Frauen im Jahr 2004 der häufigste Grund für eine stationäre Behandlung. Insgesamt mussten Frauen sich im Jahr 2004 159.000 Mal vollstationär mit der Diagnose Brustkrebs im Krankenhaus behandeln lassen. Vergleichsweise wurden im Jahr 1994 noch 190.000 Krankenhausbehandlungen vollstationär durchgeführt. Sowohl 1994 als auch 2004 war dies nach der Entbindung der jeweils häufigste Grund für eine stationäre Behandlung bei Frauen. Quelle: Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes im September 1996 und im April 2006. Brustkrebs ist die gefährlichste Krebsart für Frauen, im Jahr 2004 starben 17.590 Frauen daran.
Quelle: Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 02. März 2006
Mortalität:2004 sind in Deutschland nach Angabe des Statistischen Bundesamtes 17 592 Frauen (und 176 Männer) an den Folgen von Brustkrebs, der auch in diesem Jahr häufigsten krebsbedingten Todesursache, verstorben. 15 184 Todesfälle entfielen dabei auf die “alten” und 2 584 auf die “neuen” Bundesländer.
Quelle: Todesursachenstatistik, Statistisches Bundesamt
Das Statistische Jahrbuch 2006 veröffentlicht ebenfalls Zahlen aus dem Jahr 2004. Vollstationäre Behandlungsfälle: Hier lesen wir: 160.016 Patientinnen und Patienten wurden mit der Diagnose “Neubildungen der Brustdrüse” aus vollstationärer Behandlung entlassen. 2 PatientInnen waren unter 15 Jahren, 20.426 waren 15 bis 45 Jahre alt, 77.347 waren zwischen 45 und 65 Jahren, 58.578 zwischen 65 und 85 und 3.662 über 85 Jahre alt. Insgesamt waren dies 1.042 Männer und 158.974 Frauen, die im Jahr 2004 vollstationär mit Brustkrebs in Krankenhäusern in Deutschland behandelt wurden. Mortalität:Bei den Sterbefällen unter Frauen waren 1 Patientin zwischen 5 und 15, es gab 4 Patientinnen zwischen 15 und 25, insgesamt 864 Frauen starben im Alter zwischen 25 und 45 Jahren, 5.226 der an Brustkrebs verstorbenen Frauen waren zwischen 45 und 65 Jahren alt. Bei Frauen im Alter zwischen 45 und 65 Jahren ist damit Brustkrebs auch in Deutschland die häufigste Todesursache im Jahr 2004. (Geringfügig weniger jüngere sowie vorallem ältere Frauen sterben jedoch häufiger an Krankheiten des Kreislaufssystem.) 4.380 Frauen starben im Jahr 2004 im Alter von 65 und 75 an Brustkrebs, die meisten Todesfälle betrafen jedoch die Frauen über 75 (mit 7.117 Fällen). Auch diese Zahlen werfen Fragen im Zusammenhang mit den Möglichkeiten der Brustkrebsfrüherkennung auf. Eine besondere Auswertung der Statistik nach “Screening-Alter” und “Screening-Teilnahme” könnte hier zukünftig Daten liefern. Doch wer wird uns diese Statistik in Deutschland liefern können? Direkte Krankheitskosten: Interessant ist auch der Blick auf die direkten Krankheitskosten bei Frauen mit Brustkrebs. Im Vergleich zwischen den Jahren 2002 und 2004 kam es hier zu einem leichten Anstieg der Kosten von rund 1,694 Milliarden Euro im Jahr 2002 auf 1,745 Milliarden Euro im Jahr 2004. [Das Statistische Jahrbuch 2009 gibt allerdings 1.565 Milliarden € für 2004 an.] Brustkrebs ist eine Erkrankung mit hohen Folgekosten. Jedoch verursachen viele andere Erkrankungen weit mehr Kosten. So schlagen etwa “psychische Verhaltensstörungen”, “Kreislauferkrankungen” und “Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und Bindegewebes” mit mehr als acht mal soviel an Krankheitskosten zu Buche. Im Jahr 2002 entstanden 223,6 Mrd. Euro direkte Krankheitskosten für Männer und Frauen, rund 129 Mrd. Euro wurden dabei von den Frauen gebraucht. Im Jahr 2004 stiegen die direkten Krankheitskosten der Männer auf über 93,7 Milliarden, für Frauen auf 131,2 Milliarden Euro an. Etwas mehr als 1% (s.o.) entfallen damit auf direkte Krankheitskosten bei Brustkrebs.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2006
Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 18,40 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Schwerbehinderung: Mit Stand 31.12.2003 haben sich in Deutschland 174.798 Frauen als Schwerbehinderte mit den Folgen des Verlustes einer oder beider Brüste bei den Versorgungsämtern registrieren lassen, um eine Anerkennung als Schwerbehinderte zu erhalten.
Quelle: Destatis 2005
Häufigkeit: Brustkrebs bei Frauen macht 28 % aller aufgetretenen Krebserkrankungen aus.
Quelle: Krebs in Deutschland 2003 – 2004, Häufigkeiten und Trends; eine gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V., 6. überarbeitete Auflage, 2008.
Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 18,39 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Mortalität: Im Jahr 2001 starben nach Angabe des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 17.504 Frauen an den Folgen von Brustkrebs. Quelle Gesundheitsberichterstattung des Bundes
2000
Mortalität: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind im Jahr 2000 insgesamt 17.814 Frauen an Brustkrebs gestorben. Quelle Gesundheitsberichterstattung des Bundes
In den Jahren 2000 – 2002 gab es bevölkerungsbezogen 19,86 (2000) 19,26 (2001) bzw. 19.30 (2002) Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Die Erkrankungsraten bei Brustkrebs sind seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit kontinuierlich stark angestiegen. In den USA stieg die Erkrankungsrate um jährlich 1% (Daut et al 1996; Greenberg 1997). Diese Zahlen lassen sich nicht allein durch die steigende Lebenserwartung oder die frühe oder bessere Aufdeckung der Krebserkrankungen erklären, sondern stellen einen realen Anstieg dar. Ebenso wie die Erkrankungsraten nahmen in den hochentwickelten Ländern auch die Sterbefälle zunächst kontinuierlich zu und sind in den Ländern wie USA und Deutschland seit den 70/80er Jahren eher gleich bleibend. Bei der Sterblichkeit ist seit den 70er Jahren keine Steigerung mehr erkennbar. Die Wirksamkeit von Früherkennungsprogrammen steht außer Frage. Häufigste Krebs bedingte Todesursache bei Frauen in Deutschland ist Brustkrebs mit einem Anteil von 3,9% an der Gesamtsterblichkeit. Bei Frauen unter 65 Jahren (sog. “Frühsterblichkeit”) ist es mit 12,1% häufigste Todesursache von Frauen. Brustkrebs gehört in der Lebensmitte zu den häufigsten Krebstodesursachen bei Frauen. Das Sterbealter bei Frauen mit Brustkrebs liegt durchschnittlich bei 65,4 Jahren und liegt damit insbesondere beim Brustkrebs niedrig (im Vgl. zu Herz- und Kreislauferkrankungen liegt sie z.B. bei Arteriosklerose bei 85,2 und bei Herzinsuffizienz bei 83,5 Jahren).
Quelle: Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin, 1999.
1995
1995 starben in Deutschland 18.674 Frauen an Brustkrebs. Mit einem Anteil an der Gesamtsterblichkeit von 3,9% ist der Brustkrebs seit Jahren die häufigste Krebstodesursache bei Frauen. Die standardisierte Mortalitätsrate ist in den letzten fünfzehn Jahren leicht gestiegen und lag 1995 bei 34,0 Gestorbenen je 100.000 Frauen (siehe Abb. 5.5.1). Der starke Anstieg im Osten nach der Wiedervereinigung ist teilweise Folge der veränderten Dokumentation.
Die Brustkrebsmortalität steigt mit dem Alter deutlich an; im Osten liegen die Werte durchweg niedriger als im Westen
Brustkrebs macht 26,4% aller Krebserkrankungen und 17.9% aller Krebssterbefälle bei Frauen in Deutschland aus.
Quelle: Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister in Deutschland 1999:9)
In den Jahren 1998 – 1999 gab es bevölkerungsbezogen 20,35 (1998) bzw. 19.93 (1999) Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes
Europa
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Europa. Es wird geschätzt, dass es jedes Jahr 350.000 Neuerkrankungen gibt, während 130.000 Frauen an den Folgen von Brustkrebs sterben. Brustkrebs ist damit verantwortlich für 26.5% aller Krebserkrankungen und für 17.5% aller Krebs bedingten Todesfälle bei Frauen. Die höchsten Inzidenzraten gibt es in den Niederlanden, Dänemark, Frankreich, Belgien und Schweden. Die niedrigsten Erkrankungsraten wurden in Mazedonien, Litauen, Weißrussland, Lettland und Estland beobachtet. In den 1950er bis 1960er Jahren wurde eine ansteigender Trend der Brustkrebssterblichkeit in Europa beobachtet. In einigen westeuropäischen Ländern fiel die Sterblichkeit in den 1970er bis 1980er Jahren etwas, während es insbesondere in einigen osteuropäischen Ländern zu einem weiteren Ansteigen der Brustkrebssterblichkeit kam. Es gibt große regionale Unterschiede in Bezug auf die Überlebensraten bei Brustkrebs in verschiedenen europäischen Ländern. Zwischen 1985 und 1989 haben in Schweden 81% der erkrankten Frauen Brustkrebs überlebt, während es in der Slowakei und in Polen nur 58% der Frauen waren. Es gibt außerdem große Unterschiede hinsichtlich der Therapieformen. Während in bei 65% der Patientinnen in England und bei 57% der Patientinnen in Frankreich eine konservative Chirurgie durchgeführt wurde, war dies in Estland nur bei 8% und in Spanien nur bei 13% der Frauen der Fall.
Quelle: ENCR Cancer Fact Sheets, Vol. 2, Dec. 2002
Die Erkrankungsraten für Deutschland liegen im europäischen Vergleich im Mittelfeld. In Belgien, Frankreich und Dänemark ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit höher, in den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen sowie den südeuropäischen Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal teilweise deutlich niedriger.
Quelle: Krebs in Deutschland, Herausgeber: Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut. 5. überarbeitete, aktualisierte Ausgabe, Saarbrücken, 2006
Die Mortalitätsrate in den europäischen Ländern schwankt nach den Angaben der WHO um über 50%, die Mastektomierate (Rate der Brustamputationen im Frühstadium der Erkrankung) schwankt sogar um bis zu 60%.
Quelle: WHO und “Surgical approaches to Early Breast Cancer”, J. Jassem et al. (March 2004): “Surgical Approaches to Early Breast Cancer”, International Collaborative Cancer Group (ICCG), Imperial College, London.
Die Chancen, Brustkrebs zu überleben, sind in Europa nicht immer gleich gut. Nach den Zahlen der Eurocare II-Studie liegen Frauen in Deutschland auf Platz 7 in Europa, hinter Österreich, Dänemark, England, Estland, Finnland und Frankreich.
Quelle: Survival of adult cancer patients in Europe diagnosed from 1978 – 1989: The Eurocare II Study, European Journal of Cancer, Vol. 34, No 14.
„In Deutschland liegt auf der Basis der Daten der EUROCARE-2-Studie von 1999 die relative 5-Jahres-Überlebensrate von 71,7% nach wie vor unter dem europäischen Durchschnitt von 74,3%. …Deutschland ist besser platziert als in den Vorjahren. Aber die sogenannten Vorzeigeländer Schweden (80,6%), Frankreich (80,3%) und Finnland (78,4%) stehen mit ihrer 5-Jahres-Überlebensrate doch beachtlich vor Deutschland. Selbst im Vereinigten Königreich konnten durch Screening und den Aufbau von qualitätsgesicherten Brustzentren die Todesfälle kontinuierlich innerhalb von 10 Jahren von 1992 bis 2001 um 15% gesenkt werden, während im gleichen Zeitraum die Neuerkrankungen um 19% stiegen. Für Deutschland weist die gleiche Quelle nur Daten bis 1999 aus. Von 1992 bis 1999 ist die Zahl der Todesfälle bei uns um 4% zurückgegangen, im Vereinigten Königreich um 14,5%. Um auch letzte Zweifel an dieser Entwicklung auszuräumen und dem Argument entgegenzutreten, dass absolute Zahlen die Bevölkerungsentwicklung nicht berücksichtigten, sei auf die Entwicklung der Sterblichkeitsrate ASR(W) bei Brustkrebs von Deutschland und dem Vereinigten Königreich von 1973-1999 hingewiesen. In Deutschland stieg die Rate um 10% (18,9 in 1973 zu 19,7 in 1999), während sie im Vereinigten Königreich um 12% sank (27,6 in 1973 zu 22,0 in 1999).“
Quelle: Europa Donna, Karin Jöns
Großbritannien, Stand 2007
Die Brustkrebssterblichkeit in Großbritannien ist im Jahr 2007 auf 11.990 Todesfälle gesunken und damit auf dem niedrigsten Stand seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1971. Das besagen die Daten von “Cancer Research UK“. Man geht davon aus, dass sowohl das nationale Screening-Programm sowie bessere therapeutische Möglichkeiten und Qualitätsstandards bei der Behandlung für die nun vorgelegten Zahlen sind. In Großbritannien erkranken bei einer Bevölkerung von etwa 60.5 Millionen Menschen rund 45.500 Frauen jedes Jahr neu an Brustkrebs (im Vergleich: Deutschland mit 82.3 Millionen Menschen und ca. 55.000 Neuerkrankungen bei einer Sterblichkeit von ca. 18.000 Frauen). Auch in Großbritannien ist Brustkrebs die häufigste häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Die Neuerkrankungen sind in den vergangenen 25 Jahren in Großbritannien um 50% angestiegen.
Die Entwicklung in Großbritannien seit 1989
Im Jahr 1989 starben in Großbritannien 15.625 Frauen an Brustkrebs. Seitdem ist die Sterblichkeit um 200 bis 400 Fälle in jährlich gesunken – bis zum Jahr 2004. Im Jahr 2005 gab es wieder einen leichten Anstieg, 2006 und 2007 ist die Sterblichkeit jedoch wieder etwas gesunken.
Quelle: BBC News, Breast cancer deaths record low v. 22. April 2009
Die WHO gibt in ihrem Datenblatt “Fact sheet N°297″ vom Februar 2006 allerdings an, dass über eine halbe Million Frauen (502. 000 deaths/year) jedes Jahr weltweit an den Folgen von Brustkrebs sterben.
Quelle: WHO: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs297/en/
Brustkrebs nach Erkrankungshäufigkeit und Ländern weltweit: Eine Übersicht von Nation Master (Australien): Es ist sehr spannend, diese Statistik genau zu betrachten. Sie zeigt, dass in Schweden z.B. die Erkrankungshäufigkeit an Brustkrebs niedriger ist als in Deutschland, obwohl das Land Frauen seit 1986 Mammographie-Screening zur Verfügung stellt. Schweden hat in Europa nach den Daten der Eurocare-Studien auch die besten Überlebensraten. Dieses könnte sehr wohl ein Hinweis auf die gute diagnostische Qualität – gemäß der Vorgaben der Europäischen Leitlinien – unter bestmöglicher Vermeidung von Überdiagnostik sein. (Inzidenz Deutschland: 23.5 und Schweden 18,5 per 100.000 Frauen).
In den USA werden im Jahr 2005 insgesamt 211.240 Frauen neu an Brustkrebs erkranken.
Quelle: Forum with Michael Krasny im Interview mit Barbara Brennervon Breast Cancer Action.
In den USA werden im Jahr 2007 nach den Angaben der American Cancer Society voraussichtlich 178.480 neue Fälle von invasivem Brustkrebs diagnostiziert werden. Mit den Änderungen im Verordnungsverhalten der Hormonersatztherapie sind auch die Neuerkrankungsraten in den USA spürbar gesunken. Trotzdem wird prognostiziert, dass rund 40.460 Frauen im Jahr 2007 an Brustkrebs sterben werden.
Allerdings steigt insbesondere die Entdeckung von Brustkrebsvorstufen (z.B. DCIS) weiterhin an. Man rechnet mit 62.030 neuen Behandlungsfällen allein für 2007 in den Vereinigten Staaten.
Quelle: NWHRC
Seit dem zweiten Weltkrieg nimmt die Zahl der Brustkrebs-Neuerkrankungen bei Frauen weltweit zu. Vergleichszahlen aus den USA: In den 40er Jahren erkrankte in Amerika ca. jede 44. Frau an Brustkrebs, heute ist es bereits jede 7. Frau.
Video Breast Cancer Statistic con Hans Rosling: Breast Cancer Statistics bei gapminder.org, Creative Commons 2.0. Hans Rosling erklärt die Zahlen der International Agency for Research on Cancer (IARC) am Beispiel Schwedens. 1958 betrug das pro Kopf-Einkommen in Schweden 11.000 US $. Durchschnittlich 45 von 100.000 Frauen erkrankten in diesem Jahr an Brustkrebs. Hans Rosling stellt fest, dass duch den veränderten Lebensstil (z.B. weniger Sport, andere Stillgewohnheiten bzw. Ernährung) die Brustkrebsrate in den kommenden Jahren angestiegen sei. Betrachtet man die Sterblichkeit, so wird verhältnismäßig ein Absinken festgestellt. Im Jahr 2002 erkrankten 88 von 100.000 Frauen in Schweden, während 15 Frauen sterben. Leider wird die Sterblichkeit in Klarschrift für das Jahr 1958 nicht eingeblendet. Hans Rosling führt weiter aus, dass “in Schweden die meisten Frauen geheilt werden”, während in Pakistan bzw. Nigeria die Sterblichkeit weiterhin hoch sei. Hier müsse deswegen dafür gesorgt werden, dass die Behandlung der Erkrankung bezahlbar würde. Der “geringere Lebensstandard”, der sich durch das geringere Einkommen ausdrückt, hatte die Schwedinnen offensichtlich vor der Krankheit geschützt. Die Erkrankungsraten waren nur halb so hoch. Die Erklärungen erscheinen einleuchtend, doch ganz so einfach ist es nicht. Der Einfluss des Mammographie-Screenings in Schweden, Umweltbelastungen, die Frauen mit ihrem Körper tragen und Hormonaufnahme durch Kontrazeptiva, Umweltöstrogene bzw. “Hormonersatztherapie” fallen auf den Tisch. Die Finanzierbarkeit der Brustkrebstherapie ist außerdem weltweit und auch in westlichen Ländern inzwischen eine wichtige Frage.
Hilfreiche Hinweise zu Informationskompetenz und Krankheit, z.B. Hilfen für die sachliche Suche nach fachlichen Informationen, gute Quellen oder Hinweise zu Risiken – für Frauen mit Brustkrebs im Umgang mit dem Internet sind sie leider weitgehend Fehlanzeige. Das Internet verändert sich mit immer mehr neuen Angeboten (“Web 2.0/3.0″) und es gibt eine Reihe von Fallstricken, viel versteckte Werbung, Datenschutzprobleme, Psychostress, Zensur, Instrumentalisierung oder Risiken bei der Veröffentlichung eigener Inhalte. Naivität und Begeisterung der ersten Jahre im Umgang mit Information zu Krankheit und Gesundheit im Internet sind verflogen. Es ist Zeit, kritisch neu zu sichten. Einzelne Themenbereiche werden wir deswegen hier in loser Folge vorstellen, um Risiken zu verdeutlichen. Wir müssen nicht zwangsläufig den Stecker rausziehen und unsere Internetverbindung kappen, nur weil der Umgang mit dem Internet schwieriger und komplexer wird. Aber wir können uns schlauer machen, um die eigene Internetnutzung zumindest ein wenig besser zu verstehen und abzusichern.
Im New England Journal of Medicine (NEJM) erschien im November 201o der Artikel Pharmaceutical Marketing and the New Social Media von Jeremy A. Greene und Aaron S. Kesselheim, der uns den Anstoß gab, das Thema endlich anzugehen. Die Autoren befassen sich mit den neuen Internettrends, und zwar speziell mit Pharmamarketing in sog. „sozialen Medien“, zu denen auch Twitter und Facebook gehören. Nach eigenen Angaben erreicht Facebook in Deutschland (Stand Juli 2011) gerade die 20-Millionen-Marke bei den NutzerInnen. Unzählige Organisationen wie Medico International, Ärzte ohne Grenzen, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) und Women in Europe for a Common Future (WECF) – und wir – haben Facebook wegen der praktischen Funktionalität getestet und genutzt. Doch nach einer kurzen Probephase haben wir den Account wieder gelöscht, im Interesse unserer Leserinnen, darunter insbesondere den betroffenen Frauen, und zwar überwiegend aus Datenschutzgründen.
Multiplikatorennetzwerke, Austausch, Marketing
Social Media Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind Multiplikatorennetzwerke. Sie ermöglichen die blitzartige Verbreitung von Nachrichten und sind damit grundsätzlich nicht allein für den kritischen Informationsaustausch interessant. Pharmamarketing hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten in sämtliche Medien – von Plakatwänden über Zeitungen und Zeitschriften bis zu wissenschaftlichen Fachzeitschriften sowie Radio und Fernsehen – Einzug gehalten. Medien sind mehr und mehr zum Motor des Marketings der Medizinindustrie geworden. Pharmawerbung im Internet ist weit verbreitet, und im Internet überwiegt Werbung generell. Wo und was ist Werbung? Was ist Information und was Desinformation? Welche und wessen Information ist überhaupt vertrauenswürdig? Welche Interessen stecken hinter der Informationsverbreitung? Wie kann frau sich schützen, besonders vor Beeinflussung durch Werbung, die nicht auf den ersten Blick als solche erkannt wird? Im Interesse des Selbstschutzes sind diese Fragen wichtig.
Explosion im Marketing
In den USA haben sich die Marketingausgaben zur Verkaufssteigerung von Medikamenten lt. NEJM im Zeitraum 1996 bis 2008 von 579 Mio auf über 4 Milliarden US-$ jährlich etwa versiebenfacht, kaum eine sinnvolle Investition in die Gesundheit von Menschen, von denen in den USA viele nicht einmal eine Krankenversicherung haben. Obwohl die Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland zur Zeit noch gesetzlich verboten ist, finden wir nicht nur im Internet, sondern auch im Alltag mehr und mehr Spuren einer medikalisierten Gesellschaft praktisch überall. Wer bewusst darauf achtet, sieht sie plötzlich allerorten – Werbung für die Teilnahme an klinischen Studien in öffentlichen Verkehrsmitteln, großflächige Plakatwerbungen, die auf Impfungen oder Medikamente anspielen, ohne diese direkt zu nennen, weil dies noch verboten ist, Internetforen, die vor Werbung nur so wimmeln und in denen anonyme SchreiberInnen ihre Empfehlungen auch als PatientIn getarnt weitergeben. Als globaler Marktplatz ist das Internet schlicht Marketingplattform.
Wer ist zuständig?
In den USA hat die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Adminstration (FDA) die Aufgabe der öffentlichen Gesundheitspflege. Bei uns soll das Heilmittelwerbegesetz (Gesetz über die Werbung auf dem Gebiete des Heilwesens, kurz HWG) KonsumentInnen / PatientInnen schützen. Die zuständige Behörde ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die FDA sorgt beispielsweise dafür, dass bestimmte Spielregeln im Zusammenhang mit industriellen Werbebotschaften für Medikamente eingehalten werden. Bereits im September 2009 veranstaltete das Food and Drug Law Institute (Rechtsinstitut der FDA) für die FDA ein Hearing zum Web 2.0 (Ergebnisse zum Download bei bNet/CBS, pdf) und dem Umgang mit sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook. Tendenziell warten die Unternehmen in den USA, wenn es neue Medientrends gibt, auf die FDA-Vorgaben für „akzeptable Marketing-Praktiken“, auch weil dort sonst sehr hohe Strafen drohen können. Anfang des 20. Jahrhunderts waren zunächst nur ÄrztInnen der Manipulation durch Arzneimittelwerbung ausgesetzt. Informationsquelle als Entscheidungsgrundlage für ärztliches Handeln sollte nicht Werbung, sondern wissenschaftlich abgesicherte neutrale medizinische Fachinformation sein. Das “moderne Pharmamarketing” entdeckte die “Endverbraucher” der Produkte – Patientinnen, Patienten und Gesunde – ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Werbeaktionen wurden jetzt auch direkt an KonsumentInnen adressiert. Der Fachbegriff für diese Art der Werbung wird „Direct to Consumer Advertising“ (DTCA), also Direktwerbung für – verschreibungspflichtige – Medikamente bei den Konsumenten genannt. Die konkreten FDA-Regelungen für Werbung in “sozialen Netzwerken” wie Facebook und Twitter stehen zur Zeit noch aus.
Gesponserte Suchmaschinen
Auf EU-Ebene gibt es derzeit Bestrebungen und Lobbyismus, die direkte Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente – wie in den USA – auch für die Länder Europas zu legalisieren. Unser Projekt setzt sich seit Jahren gegen die Freigabe von Arzneimittelwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente ein. Bürgerschaftliche Initiativen wie die BUKO Pharma-Kampagne versuchen, über VerbraucherInnenschutz Einfluss zu nehmen, s. aktuell Den PatientInnen nützt es nicht. In den USA ist es Pharmafirmen in der Fernsehwerbung erlaubt, eine Webseite zu Medikamenten „für zusätzliche Informationen“ und kostenlose Telefonhotlines anzubieten. Eine Linie der FDA war dabei grundsätzlich, auf „Ausgewogenheit“ der Informationen zu bestehen und exakte Vorschriften dafür zu liefern. So müssen Nebenwirkungen mit nur einem Click direkt erreichbar und abrufbar sein. NEJM berichtet, dass es jedoch auch damit Probleme gäbe. So haben z.B. 14 Hersteller Suchmaschinen gesponsert, und die Risiken („Statement of Risks“) waren nicht wie vorgeschrieben verfügbar. Auch habe man inzwischen erkannt, dass die verordnete Risikokommunikation – also die einen Click weit entfernte Angabe von Risiken – möglicherweise nicht adäquat sei: Sie führe nicht notwendigerweise zu einer realistischen Darstellung von Risiken. Auch wir kennen Arzneimittelwerbung im TV, doch offiziell bisher nicht für verschreibungspflichtige Medikamente. Sie wird häufig versehen mit dem Hinweis: “Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker” – die für das Abwimmeln und Aufklären zu solchen Werbekampagnen allerdings nicht bezahlt werden.
Die Grenzen verwischen weiter
Ein Risiko, das mit der Nutzung von Social Media im Internet einhergeht, ist auch, dass die Anbieter selbst die Kontrolle über die Inhalte ihrer Webangebote verlieren, denn diese Inhalte werden im Web 2.0 üblicherweise von den BenutzerInnen selbst erstellt. Und damit verschwimmen die Grenzen vollends. Kommerzielle Inhalte sind nicht mehr getrennt v
on Inhalten der „UserInnen”. Kritischere LeserInnen kommerzieller Brustkrebsforen kennen die Situation. Private Foren betroffener Frauen werden regelmäßig unterwandert, doch die Beweisführung bleibt schwierig. Wir raten deswegen von der Nutzung anonymer Internetforen grundsätzlich ab. Information steht und fällt mit der Kenntnis des Absenders.
NEJM weist ebenfalls darauf hin, dass die Grenze zwischen Blogosphäre und geschäftlichen Internetseiten längst effektiv verwischt sei. Google mit seinen Werbeblöcken neben den Suchergebnissen könne jede beliebige Werbung neben die Webseiten “sozialer” Netzwerke legen, und genau diese unsägliche Situation findet sich tatsächlich bei diversen Web 2.0-Anwendungen einschließlich und insbesondere bei Facebook. Direkt neben die Einträge von Non-Profit-Nutzern werden „kontextsensitive“ Werbeeinblendungen geschaltet, die wir nicht selbst beeinflussen können. Hier wird noch viel Druck auf die Anbieter der Netzwerke nötig sein, um Bremsen einzubauen, und es bleibt zu hoffen, dass Alternativen entstehen.
Kommerzielle Medizinportale – Beispiel Onmeda
In Deutschland blendet die dreifach „zertifizierte“ Webseite Onmeda rund um Foreneinträge zum Thema Brustkrebs Pharmawerbung ein, und zwar gleich vierfach: Die Werbung verlinkt jeweils auf die Webseite des Pharmakonzerns, Unterrubrik Krebserkrankungen:
obere Einblendung: Anzeige über die gesamte Seite, darunter
der kleinere Hinweis: „sponsored by Roche“. Da fragt es sich: Sponsert man sich hier die eigene Werbung? Und Brustkrebspatientinnen sind klug genug, kostenlos darum herum zu schreiben?
In der rechten Spalte befindet sich ein großes „Standbild“ mit dem Werbehinweis Roche Onkologie, ohne den Hinweis Anzeige (dieser befindet sich nur oben und unten).
Unten auf der Seite dann nochmals eine Anzeige für Roche. (s. Abbildung Screenshot, Abruf 11/2010)
Roche ist einer der umsatzstärksten Hersteller von onkologischen Medikamenten für die Indikation Brustkrebs. Die Angabe „sponsored by“ ist hinterlegt mit dem Hinweis, dass dieses Forum exklusiv mit Werbung eines einzelnen Kunden belegt ist. Fährt man mit der Maus über den sponsored-by Roche-Link, so erscheint http://network.gofeminin.de/… Wird die Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente in sozialen Netzwerken erst legal, könnten Medikamente und Chemotherapie hier nahtlos folgen. Onmeda schrieb weiter: „Onmedas Forenexperten richten sich ausschließlich nach ihrer klinischen Erfahrung und dem derzeitigen Stand von Wissenschaft und Forschung“ [Abruf 11/2010]. Weiterlesen Schöne neue Pharmawelt.
Öffentliche Gesundheitspflege versus Marketinginteressen
NEJM berichtet außerdem, dass die FDA auch zu der Position kommen könne, dass sich die „faire Balance“ zwischen Werbung und Risikokommunikation in sozialen Netzwerken nicht auf eine Weise herstellen lässt, die kompatibel mit Interessen der öffentlichen Gesundheitspflege ist. Das könnte in der Konsequenz ein Verbot der Werbung in „Social Media“ bedeuten. Wenn es aber anders käme, und das sagen MedienexpertInnen bereits voraus, nämlich dass durch die FDA neue Regelungen für die Werbung in „Social Media“ wie Foren, Blogs, Sozialen Netzwerken etc. geschaffen werden, dann stehe eine neue Explosion des Marketings bevor.
Weitere einzelne Aspekte zum Pharmamarketing in Social Media
Jeremy Greene und Aaron Kesselheim, die Autoren des NEJM-Artikels, halten weiter fest, dass es einen Mangel an Forschung zu Zusammenhängen und Auswirkungen auf Gesundheit gäbe. Regelungen dürften jedenfalls nicht nur von denen getroffen werden, die ihre wirtschaftlichen Interessen in dieser Sache haben.
ÄrztInnen müssten sich darüber im Klaren sein, auf welche medizinischen Botschaften ihre PatientInnen in „Social Media“ treffen. Sie müssten auch die Auswirkungen dieser Medien verstehen lernen, insbesondere im Zusammenhang mit Produktmarketing.
Und wieder: Interessenkonflikte müssten offen gelegt werden. Bei gesponserten PatientInnenorganisationen – Beispiel mamazone – klappt dies gerade im Zusammenhang mit Brustkrebs nicht. Öffentliche Kontrolle ist hier völlig Fehlanzeige. Die Organisation legt selbst nicht offen. Einige Daten finden sich für mamazone (€ 58.934 Pharmaspenden 2010, Abruf 11/2011) und ihren Förderverein (€ 67.050 Pharmaspenden 2010, Abruf 11/2011) jedoch in der IQTG Transparenz Datenbank. Solchen Organisationen wie mamazone empfehlen wir auch auf Facebook: Bitte dann gut sichtbar neben den Postings und Forderungen für neue Produkte: Wir werden gesponsert von … !!!
Und die Sozialen Netzwerke selbst müssten angeben, ob sie gesponsert werden oder Interessenkonflikte haben, ebenso wie Autoren in den sozialen Netzwerken, besonders wenn sie dort eine Rolle als führende AutorInnen von „Social Media“-Inhalten inne haben.
Außerdem dürften alle nur wahrheitsgemäße Informationen zu Produkten oder Medikamenten anbieten, Informationen also, die wahrheitsgemäß Risiken und zu erwartenden Nutzen berichten (nach Greene und Kesselheim).
FDA im Nachteil
Die Autoren warnen außerdem vor Markenüberwachung und Klageverfahren durch Big Pharma, mit denen sie ihre Interessen aggressiv verträten. Die FDA jedoch könne mit ihren begrenzten Ressourcen Social Media vergleichsweise nicht hinreichend verfolgen. Und diese Ressourcenfrage werden wir auch bei unseren Behörden wiederfinden. Noch scheint es kaum vorstellbar, dass deren Power ausreicht, im notwendigen Umfang überhaupt Information für PatientInnen bereitzustellen.
Zensur, Macht, Abhängigkeit und Netzneutralität bei Facebook
Viele Frauen mit Brustkrebs weltweit nutzen Facebook freimütig. Viele zeigen die Folgen der Therapie in Bildern. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die Britin Sharon Adams (s. auch Im Jahr 16 nach Matuschka), die von Facebook wegen der Veröffentlichung ihrer Mastektomienarbe gesperrt wurde. Hier musste sich erst eine Gruppe gründen: GET SHARON ADAMS PICTURE BACK ON FACEBOOK FOR BREAST CANCER. Unter dem damit aufgebauten öffentlichen Druck rückte Facebook seine Netzneutralität partiell wieder ein Stückchen gerade. Sharon Adams darf ihre Fotos wieder zeigen, so wie es unzählige Frauen weltweit auf Facebook heute auch tun. Wer sich für Beispiele zu Macht und Abhängigkeit interessiert, dem seiZensur – Facebook schmeißt Konkurrenten raus im Berliner Tagesspiegel v. 24.11.2010 und Lamebook: Facebooks versehentliche Zensur v. 23.11.2010 bei netzwertig.com zur Lektüre empfohlen. Zensur, Macht, Manipulation und Abhängigkeit spielen aber auch in anderen Internetmedien oder bei den Suchmaschinen eine Rolle. Sie sind nicht auf Facebook beschränkt.
Patientinnengruppen auf Facebook – Kleine Stichprobe
Nimmt man die Facebook-Seiten von Patientinnengruppen aus Deutschland zu Brustkrebs näher unter die Lupe, wird man schnell feststellen, dass es auch hier noch viele offene Fragen gibt und dass Regelungen, um sich wenigstens vom Produktmarketing fernzuhalten, Sponsoring offen zu legen oder personenbezogene Daten zu schützen, zur Zeit überwiegend Fehlanzeige sind. Facebook-Seiten von Patientenorganisationen sind anders als die persönlichen Accounts öffentlich zugänglich und können von außen gelesen werden. Es sind auch viele Namen von Frauen mit Brustkrebs dort öffentlich zugänglich.
Beispiel personenbezogene Daten “M.M. aus G.-Stadt (hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes gekürzt) wurde von einem Team von SternTV begleitet. In der viertelstündigen Reportage am 03.03.2010 wurden die Beweggründe für eine prophylaktische Brustdrüsenentfernung mit allen Höhen und Tiefen sehr anschaulich dargestellt. In dem anschließenden Chat ergab sich dann auch die Möglichkeit, … mit Günther Jauch noch ein Foto für die Website zu schießen.“
Wer schon den Mut hat, mit Brustkrebs ins Fernsehen zu gehen, muss mit dieser Öffentlichkeit eben klarkommen, werden einige vielleicht sagen. Doch ob „Stern“ oder eine Fernsehsendung, sie sind in der Regel nicht permanent online im Volltext recherchierbar. Patientinnen, die einige Jahre später einfach weiterleben und mit ihrer Diagnose nicht mehr überall präsent sein wollen, müssen dann feststellen, dass das digitale Gedächtnis der Welt (Internet) dauerhaft für Präsenz sorgt. Und Personensuchmaschinen wie Yasni stellen das alles fein säuberlich personenbezogen zusammen.
Beispiel Studienmarketing im Facebook-Account einer Patientinnengruppe
„ … Dieser neue Wirkstoff bietet Hoffnung auf eine zielgerichtete Therapie. Die aktuellen Forschungsergebnisse zu den so genannten XXX-Inhibitoren sind vielversprechend. Eine weitere Studie ist jetzt endlich auch in Deutschland gestartet.“ Erinnert das nur an Pharmawerbung? Und die Risikokommunikation? Was, wenn die XXX-Inhibitoren (als beliebiges Beispiel) nicht Hoffnung erfüllen, sondern nutzlos sind oder Frauen sogar schaden? Will die Patientinneninitiative das?
Beispiel Produktmarketing / Klinikmarketing im Facebook-Account
„… Diese Analyse am frischen Tumorgewebe kann Patientinnen, die keinen Lymphknotenbefall im Achselbereich haben, einen Hinweis geben, ob sie eine vorbeugende Chemotherapie benötigen oder nicht. Die Kostenübernahme wurde durch die Unterzeichnung eines Versorgungsvertrages mit der X-Klinik möglich, die eines der erfahrensten Fachlabore zur Durchführung dieses Testverfahrens betreibt.“ Was aber, wenn die angepriesenen Tests nicht halten können, was sie versprechen? Wenn sie die Krankenkassen nur Geld kosten und Frauen weiter entmündigen? Wenn die Entscheidung über Chemotherapie mit einem Test und nicht anhand einer adäquaten, evidenzbasierten Risikokommunikation in Kenntnis des zu erwartenden Schadens und Nutzens getroffen wird?
Fazit:
Für Patientinnengruppen und Selbsthilfe gibt es keine Not, bei Facebook ins Marketing für andere einzusteigen, sie tun es aber. Warnhinweise zum Datenschutz sind Fehlanzeige.
Empfehlungen und Nachdenken
Nur solche Anbieter im Web 2.0 auswählen, bei denen zumindest die öffentlichen Daten jederzeit vollständig selbst gelöscht werden können. Es gibt immer Alternativen.
Den Mehrwert von Anwendungen kritischer hinterfragen: Wollen wir wirklich die Werbeumgebung für Pharmawerbung mit persönlichen Erfahrungen bestücken?
Vorsicht mit Namen und Krankheitsdaten.
Einträge mit Krankheitsdetails zur eigenen Person – wenn sie denn überhaupt gemacht werden – immer mal wieder löschen!
Freilich, der doppelte Boden der digitalen Daten bleibt: Bei den Anbietern „Sozialer Netzwerke“ werden die Daten durch das Löschen in der Regel nämlich nicht gelöscht. Die Anbieter lassen sich bei der Anmeldung sogar vielfach auch bestätigen, dass sie Daten nicht löschen müssen. Richtig ist: Persönliche Namen müssen immer gelöscht werden. Auch hier wird viel öffentlicher Druck nötig sein, um mehr Datenschutz durchzusetzen. Bei Facebook sind immerhin die öffentlichen personenbezogenen Daten grundsätzlich mit einem Click einfach zu löschen, auch wenn es mühsam ist.
Und im omnipräsenten Medizinmarketing können wir zumindest kommerzielle Anbietern generell kritisch betrachten und solche Non-Profit-Projekte, die wirtschaftliche Interessen in ihre Angebote geschickt verweben – gemeint ist die gesponserte Selbsthilfe – einfach besser meiden: auch bei Facebook.
Wir werden die Reihe “Internettrends” gelegentlich fortsetzen.
Weiterführende Info aus den Frauengesundheitsnetzwerken bietet auch: The Push to Prescribe – Die Verschreibungs-Offensive, hrsg. von Anne Rochon Ford. Das wichtige Buch liegt leider nur in englischer Sprache vor.
Quellenangabe / Originalartikel im Open Access (frei zugänglich, aber in englischer Sprache): Pharmaceutical Marketing and the New Social Media, Jeremy A. Greene, Aaron S. Kesselheim, N Engl J Med 2010; 363:2087-2089
Twitter-Tweeds zum Thema dieses Berichts: Suche bei Twitter nach: #FDASM
Selbsthilfe – im juristischen Sinne - nach BGB, dem Bürgerlichen Gesetzbuch, ist ausnahmsweise zulässig, wenn “obrigkeitliche Hilfe” nicht rechtzeitig zu erlangen ist (Wikipedia Selbsthilfe (Recht)). Oft geht es bei Selbsthilfe um die Verteidigung von Besitz. Unser Leben ist unser kostbarster Besitz.
Selbsthilfegruppen sind “Zusammenschlüsse von Menschen, die ein gleiches Problem oder Anliegen haben und gemeinsam etwas dagegen bzw. dafür unternehmen möchten. Typische Probleme sind etwa der Umgang mit chronischen oder seltenen Krankheiten, mit Lebenskrisen oder belastenden sozialen Situationen” (s. Wikipedia Selbsthilfegruppe).
Was kann Selbsthilfe leisten?
Auch an “Zertifizierungen” und “Qualitätskriterien” für Selbsthilfe ist in den vergangenen Jahren ernsthaft gearbeitet worden, um im Meer der Vielfalt Steuerungsmechanismen für die Mächtigen zu finden. Noch in den Anfängen der Selbsthilfebewegung schien Selbsthilfe ein Synonym für “Unabhängigkeit” zu sein. Heute geht es verstärkt um Verteilungskämpfe. Selbsthilfe, und dabei besonders einzelne Gruppierungen, die sich mit Brustkrebs befassen, haben in jüngerer Zeit auch ein anderes Image geprägt, weil sie sich beispielsweise von “Big Pharma” (globalen Pharmakonzernen) sponsern lassen.[1] Das ist ein Problem, weil in der Selbsthilfe zu Brustkrebs auch die Auseinandersetzung mit Medikamenten, ihren Wirkungen und Nebenwirkungen, eine kaum zu unterschätzende Rolle spielt. Einzelne extrem überteuerte Medikamente zur Behandlung von Krebs haben überdies lebensgefährliche Nebenwirkungen, keine lebensverlängernden Wirkungen und unter mitunter falschen Versprechungen wie „Heilung“, “Lebensqualität” und fragwürdiger “Lebensverlängerung” wird ihre Finanzierung dem „Solidarsystem“ überlassen, auf dass es untergehe. Und Selbsthilfe schweigt (mehrheitlich), sogar gesetzliche Krankenkassen schweigen. Gesetzliche Krankenkassen, die zur Selbsthilfeförderung gesetzlich verpflichtet sind, sorgen sogar dafür, dass einzelne massiv gesponserte Gruppierungen noch mehr Geld aus den von der Solidargemeinschaft aufgebrachten Mitteln erhalten.[2]
Selbsthilfe in Zeiten des politisch forcierten Sozialabbaus, im neoliberalen Sinne ausgelegt, beinhaltet verschiedene Risiken, beispielsweise “das Risiko, dass Menschen sich selbst überlassen werden.”[3] Gern benutzt wird heute auch gern der Begriff des „Empowerment“. „Hilfe zur Selbsthilfe“ als Ressource die scheinbar nichts kostet, wird „bruchlos in neoliberale Denkgebäude eingemeindet“.[4] So ist Brustkrebs-Selbsthilfe heute mitunter Werbeträger für medizinische Einrichtungen, Beigabe für „Infotainment“ zum Thema Brustkrebs, Mitgestalterin von industriell finanzierten Marketingevents.[5] Die Instrumentalisierung der „Brustkrebsselbsthilfe“ in Deutschland – oder Europa oder den USA – als Plattform für Pharmawerbung, Werbung für gesetzliche Krankenkassen, Produktwerbung aller Art und nicht zuletzt zur politischen Durchsetzung medizinisch-industrieller Interessen wird Forschungsgegenstand noch für viele Jahre bleiben.
Vermeidung ist die Heilung (“Prevention is the Cure”)
Von einer Chemikalie zur anderen - Krebs, das individuelle Schicksal?
Unzählige Projekte, die bereits über die letzten Dekaden hinweg aufgebaut wurden, verweisen zumindest im angloamerikanischen Sprachraum auf den notwendigen Richtungswechsel, nämlich dass die Vermeidung von Krankheiten Priorität haben muss. Nur hierzulande hat sich an der Haltung, dass die Therapie der Weg ist, bisher zumindest was Fachgesellschaften und Charities betrifft, nichts Grundsätzliches geändert.
Von Brustkrebs betroffene Frauen haben relevante Anliegen. Sie gehören nicht unter den Teppich gekehrt. Sie gehen alle an. Tatsächlich vorhandene, das Leben von Frauen in vielfältiger Weise bedrohende Missstände müssen beseitigt werden. Immerhin 123 Frauen haben sich im Jahr 2010 an ärztliche Schlichtungsstellen wegen Fehlbehandlungen gewandt.[6] Wer redet über sie? Frauen mit Brustkrebs wurden minderwertige Silikonimplantate eingesetzt.[7] Wen interessiert das daraus resultierende Leiden heute überhaupt noch? Frauen sterben in der Folge von Brustkrebstherapien, noch bevor der Krebs tödlich verläuft. Wer zählt sie? Was ist mit der Generation Kinder, der Ungeborenen, der Töchter und Enkelinnen? Frauen heute finden in der Regel Lebensbedingungen, die Krankheit und schwere Krankheit vorprogrammieren. Bereits in der Schwangerschaft wird Krankheit durch hormonelle Belastung angelegt. Eine mit Schadstoffen belastete Umwelt, gesundheitsgefährdende Chemikalien in Nahrungsmitteln, Gefährdungen am Arbeitsplatz, Wohngifte usw. usw. usw. Es reicht uns nicht, gescreent zu werden. Es reicht uns nicht, therapiert zu werden. Wir wollen, dass die Ursachen für Brustkrebs gefunden werden. Wir wollen, dass Brustkrebs auslösende Ursachen abgestellt werden. Wir wollen gesunde Lebenswelten.
Der etwas andere Informationsstand - Treffpunkt Krebs
Material für Patientinnen-Informationsveranstaltungen:
Unabhängiges Selbsthilfeprojekt für jüngere Frauen
Treffpunkt Krebs
“Treffpunkt Krebs” – eine Selbsthilfe- und Gesprächsgruppe für jüngere Frauen mit oder nach Krebs in der Region Tübingen und Reutlingen - geht einen anderen Weg. Die Arbeit in der Gruppe und die Begleitung bei Krebs, Hilfestellung und Unterstützung schließt einen kritischen Blick bei gesundheits”politischen” Fragen, z.B. bei Informationsveranstaltungen und Fortbildungen, nicht aus, im positiven Sinne für Frauen und Patientin.
[2] s. auch infoblog! v. 20.03.2011 Alles ganz legal: Birgit Fisher wird Pharmalobbyistin. Das von der Pharmaindustrie gesponserte Projekt „Mum hat Brustkrebs“ der Initiative mamazone, in dem Kinder – unserer Meinung nach unangemessen – mit Behandlungsdetails zur Therapie von Brustkrebs konfrontiert werden, wurde beispielsweise von der Barmer Ersatzkasse finanziell „gefördert“. Ob diese Mittel zurückgezahlt werden mussten, ist nicht bekannt. S. Augsburger Allgemeine, Barmer unterstützt Projekt mamazone v. 25.05.2010
[3] Armbruster, Hürgen, Leiter der Dienste für seelische Gesundheit bei der eva in „Experten in eigener Sache“ in TSA 11/06,
[4] Herriger, Norbert: Empowerment in der sozialen Arbeit, Stuttgart, Kohlhammer 2006, ISBN 3-17-019075-X, S. 85, weiter: Das Empowerment-Konzept wird ordnungspolitisch vereinnahmt, es wird zum modisch klingenden Kürzel für eine soziale Praxis, die unter der Leitformel „Fördern und Fordern“ ihre Bemühungen allein und ausschließlich in die (Wieder-)Herstellung von marktfähigem Arbeitsvermögen investiert und auf diese Weise arbeitsstrukturelle Zwänge ungefiltert in die lebensweltliche Rationalität „durchschaltet“. Mit dieser Indienstnahme für eine Politik autoritärer Fürsoglichkeit aber verliert das Empowerment-Konzept seine emanzipatorische Kraft, es wird zum bloßen Kontrollwächter an den Grenzlinien zwischen sozialer Integration und Desintegration. In der Antwort auf diese Zumutungen einer neoliberal verkürzten Sozialpolitik bleibt daher festzuhalten: Eine empowerment-orientierte Soziale Arbeit, will sie nicht zum Erfüllungsgehilfen der neuen sozialstaatlichen Zwangsprogrammatik werden, muss auf dem Eigensinn der Lebensentwürfe ihrer Adressaten beharren.
Christine Bernsen
Lymphödem bei Brustkrebs – was tun? Ein Ratgeber für Patientinnen, Angehörige und andere Interessierte
Bremen: Uni-Med Verlag.
1. Auflage 2008 (ISBN 383742037X, 978-3837420371), 57 S. mit zahlreichen Abbildungen
2. neubearbeitete Auflage 2011 (ISBN 383741017X, 978-3-8374-1287-1)
€ 22,80
Christine Bernsen (Jg. 1969) hat einen Ratgeber für Patientinnen mit Lymphödem nach Brustkrebs erstellt. Ihr wie ein medizinisches Fachbuch aufgebautes Büchlein ist das einzige verfügbare in deutscher Sprache, das sich so spezialisiert mit der Thematik befasst. Die Autorin ist Krankenschwester mit Weiterbildung zur Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin, Breast Care Nurse und selbst betroffen. Das kleine Büchlein enthält Daten zum Lymphödem und stellt Therapiemöglichkeiten vor. Ergänzend gibt die Autorin weitere Literaturempfehlungen und listet TherapeutInnen und spezialisierte medizinische Einrichtungen zur Behandlung des Lymphödems auf.