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Brustkrebs in Deutschland, Europa und weltweit: Zahlen & Daten (Epidemiologie)

Hinweis: Sich eventuell “widersprechende” Zahlen in der nachfolgenden Zusammenfassung der aktuellsten und wichtigsten Zahlen liegen an den unterschiedlichen Quellen, Erfassungsmethoden, Schätzungen und ggf. einer unzureichenden Krebsregistrierung. Bitte ggf. die Quellen prüfen.

Deutschland

2010

Im Jahr 2010 sind in Deutschland 17466 Frauen an den Folgen von Brustkrebs gestorben, entsprechend 3,9% der weiblichen Verstorbenen. 140 337 “vollstationäre Behandlungsfälle” (stationäre Krankenhausbehandlung) betrafen im Jahr 2010 Brustkrebs. Quelle: Pressemeldung destatis v. 03.02.2012, s. auch  Todesursachen in Deutschland – Fachserie 12 Reihe 4 – 2010  (PDF / 531 kB)

 

Brustkrebssterblichkeit in Deutschland: 1999 - 2010

Brustkrebssterblichkeit in Deutschland 1999 - 2010, Download Daten als pdf

 

 

2008

Brustkrebs ist sowohl in Deutschland als auch in Europa die häufigste Krebsneuerkrankung bei Frauen. 27,8 Prozent aller Krebserkrankungen bei Frauen entfallen auf Brustkrebs. 57.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an Brustkrebs. 17.500 Frauen sterben pro Jahr an den Folgen einer Brustkrebserkrankung.
Das mittlere Erkrankungsalter an Brustkrebs liegt bei 63 Jahren. Andere Krebserkrankungen treten durchschnittlich erst sechs Jahre später auf. Während die Zahl an Neuerkrankungen bei Brustkrebs seit 1980 weiter ansteigt, nimmt die Sterblichkeit seit Mitte der 1990-er Jahre leicht ab.
Quelle:  BMG, BMU, Kooperationsgemeinschaft Mammographie

Im Jahr 2008 gab es bevölkerungsbezogen 16,71 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

Zusammenfassung aus dem Berliner Basisbericht 2008 zu Brustkrebs in der Hauptstadt (mit retrospektiven Daten).

2007

Mortalität: Nach Angaben von Destatis, Statistisches Bundesamt Deutschland, starben im Jahr 2007 insgesamt 16.780 Frauen an den Folgen von Brustkrebs.  Quelle: Statistisches Jahrbuch 2009.
Vollstationäre Behandlungsfälle: Die vollstationären Behandlungsfälle sind im Vergleich zum Jahr 2005 um rund 6.000 gesunken auf 147.222.

Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 16,70 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

2006

Häufigkeit: In Deutschland erkranken jährlich über 55.100 Frauen an Brustkrebs, davon etwa 23.200 im Alter unter 60 Jahren. Brustkrebs stellt die häufi gste Krebserkrankung bei Frauen dar. Diese Erkrankung ist für 26,8 % aller Krebsneuerkrankungsfälle bei Frauen und für deutlich mehr als ein Drittel (40 %) der Neuerkrankungen bei Frauen unter 60 Jahren verantwortlich. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei etwas über 62 Jahren, knapp 7 Jahre unter dem mittleren Erkrankungsalter bei Krebs insgesamt.
Mortalität: Im Jahr 2006 sind 17.268 Frauen an Brustkrebs gestorben. Quelle: Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 21.09.2007.
Trends: Die Brustkrebsinzidenz steigt in Deutschland seit 1970 stetig an, während die Mortalität seit Mitte der 1990er Jahre leicht sinkt. Brustkrebs ist in den bevölkerungsbezogenen Krebsregistern mittlerweile eine der am besten erfassten Lokalisationen. Damit bietet die Datengrundlage eine gute Basis für die Berechnung der deutschlandweiten Inzidenz.
Prognose:
Die relative 5-Jahres-Überlebensrate für Brustkrebspatientinnen beträgt, alle Stadien betrachtet, 79 Prozent.
Die Zunahme von Brustkrebserkrankungen seit 2002, die sich in den Schätzungen des Robert-Koch-Instituts spiegeln, führt die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister ” im Wesentlichen auf … den zunehmenden Einsatz der Mammographie zur frühzeitigeren Diagnose von Brustkrebs” zurück. Quelle:  Krebs in Deutschland: Häufigkeiten und Trends, 5. überarbeitete, aktualisierte Ausgabe, Saarbrücken, 2006
Direkte Krankheitskosten: Die direkten Krankheitskosten sind im Vergleich zum Jahr 2004 um über 300 Mio € angestiegen und werden auf 1.882 Milliarden € beziffert.  Quelle: Statistisches Jahrbuch 2009

Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 17,52 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

2005

Vollstationäre Behandlungsfälle: Im Jahr 2005 war Brustkrebs mit 153.000 Behandlungsfällen der zweithäufigste Behandlungsanlass – nach Herzmuskelschwäche mit 165.000 Fällen – in der stationären Krankenhausbehandlung von Frauen in Deutschland).
Quelle: Pressemeldung des statistischen Bundesamtes vom 05. März 2007

Mortalität: Im Jahr 2005 verzeichnete das statistische Bundesamt 17.455 Sterbefälle bei Frauen mit Brustkrebs. Quelle: Pressemeldung des statistischen Bundesamtes vom 15. September 2006. Exakt die gleiche Zahl ist in der Publikation “Todesursachen in Deutschland” des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2005 verzeichnet. ["Ungenauigkeiten können sich durch die Angaben der Ärzte und durch die subjektive Auswertung der Todesursachen in den Statistischen Landesämtern ergeben. Wie groß diese Ungenauigkeiten sind, konnte bis jetzt noch nicht quantifiziert werden."]

Zusammenfassung aus dem Berliner Basisbericht 2005 zu Brustkrebs in der Hauptstadt (mit retrospektiven Daten).

Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezigen 17,96 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

2004

Häufigkeit: Im Jahr 2004 erkrankten insgesamt 57.230 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Absolut gesehen war der Zuwachs bei den Fallzahlen um etwa 2.000 Erkrankungen am höchsten, jedoch verläuft der Anstieg von 2002 bis zum Jahr 2004 im Vergleich zu den Schätzungen der Vorjahre nicht mehr ganz so steil.
Quelle: Krebs in Deutschland 2003 – 2004, Häufigkeiten und Trends; eine gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V., 6. überarbeitete Auflage, 2008.

Vollstationäre Behandlungsfälle: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war Brustkrebs bei Frauen im Jahr 2004 der häufigste Grund für eine stationäre Behandlung. Insgesamt mussten Frauen sich im Jahr 2004 159.000 Mal vollstationär mit der Diagnose Brustkrebs im Krankenhaus behandeln lassen. Vergleichsweise wurden im Jahr 1994 noch 190.000 Krankenhausbehandlungen vollstationär durchgeführt. Sowohl 1994 als auch 2004 war dies nach der Entbindung der jeweils häufigste Grund für eine stationäre Behandlung bei Frauen. Quelle: Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes im September 1996 und im April 2006. Brustkrebs ist die gefährlichste Krebsart für Frauen, im Jahr 2004 starben 17.590 Frauen daran.
Quelle: Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 02. März 2006

Mortalität: 2004 sind in Deutschland nach Angabe des Statistischen Bundesamtes 17 592 Frauen (und 176 Männer) an den Folgen von Brustkrebs, der auch in diesem Jahr häufigsten krebsbedingten Todesursache, verstorben. 15 184 Todesfälle entfielen dabei auf die “alten” und 2 584 auf die “neuen” Bundesländer.
Quelle:  Todesursachenstatistik, Statistisches Bundesamt

Das Statistische Jahrbuch 2006 veröffentlicht ebenfalls Zahlen aus dem Jahr 2004.
Vollstationäre Behandlungsfälle: Hier lesen wir: 160.016 Patientinnen und Patienten wurden mit der Diagnose “Neubildungen der Brustdrüse” aus vollstationärer Behandlung entlassen. 2 PatientInnen waren unter 15 Jahren, 20.426 waren 15 bis 45 Jahre alt, 77.347 waren zwischen 45 und 65 Jahren, 58.578 zwischen 65 und 85 und 3.662 über 85 Jahre alt. Insgesamt waren dies 1.042 Männer und 158.974 Frauen, die im Jahr 2004 vollstationär mit Brustkrebs in Krankenhäusern in Deutschland behandelt wurden.
Mortalität: Bei den Sterbefällen unter Frauen waren 1 Patientin zwischen 5 und 15, es gab 4 Patientinnen zwischen 15 und 25, insgesamt 864 Frauen starben im Alter zwischen 25 und 45 Jahren, 5.226 der an Brustkrebs verstorbenen Frauen waren zwischen 45 und 65 Jahren alt. Bei Frauen im Alter zwischen 45 und 65 Jahren ist damit Brustkrebs auch in Deutschland die häufigste Todesursache im Jahr 2004. (Geringfügig weniger jüngere sowie vorallem ältere Frauen sterben jedoch häufiger an Krankheiten des Kreislaufssystem.) 4.380 Frauen starben im Jahr 2004 im Alter von 65 und 75 an Brustkrebs, die meisten Todesfälle betrafen jedoch die Frauen über 75 (mit 7.117 Fällen). Auch diese Zahlen werfen Fragen im Zusammenhang mit den Möglichkeiten der Brustkrebsfrüherkennung auf. Eine besondere Auswertung der Statistik nach “Screening-Alter” und “Screening-Teilnahme” könnte hier zukünftig Daten liefern. Doch wer wird uns diese Statistik in Deutschland liefern können?
Direkte Krankheitskosten: Interessant ist auch der Blick auf die direkten Krankheitskosten bei Frauen mit Brustkrebs. Im Vergleich zwischen den Jahren 2002 und 2004 kam es hier zu einem leichten Anstieg der Kosten von rund 1,694 Milliarden Euro im Jahr 2002 auf 1,745 Milliarden Euro im Jahr 2004. [Das Statistische Jahrbuch 2009 gibt allerdings 1.565 Milliarden € für 2004 an.] Brustkrebs ist eine Erkrankung mit hohen Folgekosten. Jedoch verursachen viele andere Erkrankungen weit mehr Kosten. So schlagen etwa “psychische Verhaltensstörungen”, “Kreislauferkrankungen” und “Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und Bindegewebes” mit mehr als acht mal soviel an Krankheitskosten zu Buche. Im Jahr 2002 entstanden 223,6 Mrd. Euro direkte Krankheitskosten für Männer und Frauen, rund 129 Mrd. Euro wurden dabei von den Frauen gebraucht. Im Jahr 2004 stiegen die direkten Krankheitskosten der Männer auf über 93,7 Milliarden, für Frauen auf 131,2 Milliarden Euro an. Etwas mehr als 1% (s.o.) entfallen damit auf direkte Krankheitskosten bei Brustkrebs.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2006

Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 18,40 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

2003

Mortalität: Zwei von 100 Frauen sterben an Brustkrebs. Im Jahr 2003 waren es 17.173 Frauen, die in Deutschland an Brustkrebs gestorben sind.
Quelle: Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 22. März 2005.

Schwerbehinderung: Mit Stand 31.12.2003 haben sich in Deutschland 174.798 Frauen als Schwerbehinderte mit den Folgen des Verlustes einer oder beider Brüste bei den Versorgungsämtern registrieren lassen, um eine Anerkennung als Schwerbehinderte zu erhalten.
Quelle: Destatis 2005

Häufigkeit: Brustkrebs bei Frauen macht 28 % aller aufgetretenen Krebserkrankungen aus.
Quelle: Krebs in Deutschland 2003 – 2004, Häufigkeiten und Trends; eine gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V., 6. überarbeitete Auflage, 2008.

Im Jahr 2007 gab es bevölkerungsbezogen 18,39 Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer minimalen Senkung. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

2002

Mortalität und Inzidenz: Im Jahr 2002 erkrankten 55.689 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Im gleichen Zeitraum starben 17.994 Frauen an den Folgen von Brustkrebs. Quelle: International Agency on Research on Cancer, GLOBOCAN, Stand 2002. Nach der Gesundheitsberichterstattung des Bundes starben im Jahr 2002 in Deutschland 17.780 Frauen an den Folgen von Brustkrebs, s. dazu auch Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 27.01.2004.

2001

Mortalität: Im Jahr 2001 starben nach Angabe des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 17.504 Frauen an den Folgen von Brustkrebs. Quelle  Gesundheitsberichterstattung des Bundes

2000

Mortalität: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind im Jahr 2000 insgesamt 17.814 Frauen an Brustkrebs gestorben. Quelle  Gesundheitsberichterstattung des Bundes

In den Jahren 2000 – 2002  gab es bevölkerungsbezogen 19,86 (2000) 19,26 (2001) bzw. 19.30 (2002) Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

1999

Aufgrund von Brustkrebs erfolgten 200.099 stationäre Behandlungen im Jahr 1999, 12,5% mehr als noch 1993.
Quelle: 10 Jahre bundeseinheitliche Krankenhausstatistik

Die Erkrankungsraten bei Brustkrebs sind seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit kontinuierlich stark angestiegen. In den USA stieg die Erkrankungsrate um jährlich 1% (Daut et al 1996; Greenberg 1997). Diese Zahlen lassen sich nicht allein durch die steigende Lebenserwartung oder die frühe oder bessere Aufdeckung der Krebserkrankungen erklären, sondern stellen einen realen Anstieg dar. Ebenso wie die Erkrankungsraten nahmen in den hochentwickelten Ländern auch die Sterbefälle zunächst kontinuierlich zu und sind in den Ländern wie USA und Deutschland seit den 70/80er Jahren eher gleich bleibend. Bei der Sterblichkeit ist seit den 70er Jahren keine Steigerung mehr erkennbar. Die Wirksamkeit von Früherkennungsprogrammen steht außer Frage. Häufigste Krebs bedingte Todesursache bei Frauen in Deutschland ist Brustkrebs mit einem Anteil von 3,9% an der Gesamtsterblichkeit. Bei Frauen unter 65 Jahren (sog. “Frühsterblichkeit”) ist es mit 12,1% häufigste Todesursache von Frauen. Brustkrebs gehört in der Lebensmitte zu den häufigsten Krebstodesursachen bei Frauen. Das Sterbealter bei Frauen mit Brustkrebs liegt durchschnittlich bei 65,4 Jahren und liegt damit insbesondere beim Brustkrebs niedrig (im Vgl. zu Herz- und Kreislauferkrankungen liegt sie z.B. bei Arteriosklerose bei 85,2 und bei Herzinsuffizienz bei 83,5 Jahren).
Quelle: Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin, 1999.

1995

1995 starben in Deutschland 18.674 Frauen an Brustkrebs. Mit einem Anteil an der Gesamtsterblichkeit von 3,9% ist der Brustkrebs seit Jahren die häufigste Krebstodesursache bei Frauen. Die standardisierte Mortalitätsrate ist in den letzten fünfzehn Jahren leicht gestiegen und lag 1995 bei 34,0 Gestorbenen je 100.000 Frauen (siehe Abb. 5.5.1). Der starke Anstieg im Osten nach der Wiedervereinigung ist teilweise Folge der veränderten Dokumentation.
Die Brustkrebsmortalität steigt mit dem Alter deutlich an; im Osten liegen die Werte durchweg niedriger als im Westen

Brustkrebs macht 26,4% aller Krebserkrankungen und 17.9% aller Krebssterbefälle bei Frauen in Deutschland aus.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister in Deutschland 1999:9)

In den Jahren 1998  – 1999  gab es bevölkerungsbezogen 20,35 (1998) bzw. 19.93  (1999) Sterbefälle an Brustkrebs (ICD C 50) je 100.000 EinwohnerInnen in Deutschland. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes

Europa

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Europa. Es wird geschätzt, dass es jedes Jahr 350.000 Neuerkrankungen gibt, während 130.000 Frauen an den Folgen von Brustkrebs sterben. Brustkrebs ist damit verantwortlich für 26.5% aller Krebserkrankungen und für 17.5% aller Krebs bedingten Todesfälle bei Frauen. Die höchsten Inzidenzraten gibt es in den Niederlanden, Dänemark, Frankreich, Belgien und Schweden. Die niedrigsten Erkrankungsraten wurden in Mazedonien, Litauen, Weißrussland, Lettland und Estland beobachtet. In den 1950er bis 1960er Jahren wurde eine ansteigender Trend der Brustkrebssterblichkeit in Europa beobachtet. In einigen westeuropäischen Ländern fiel die Sterblichkeit in den 1970er bis 1980er Jahren etwas, während es insbesondere in einigen osteuropäischen Ländern zu einem weiteren Ansteigen der Brustkrebssterblichkeit kam. Es gibt große regionale Unterschiede in Bezug auf die Überlebensraten bei Brustkrebs in verschiedenen europäischen Ländern. Zwischen 1985 und 1989 haben in Schweden 81% der erkrankten Frauen Brustkrebs überlebt, während es in der Slowakei und in Polen nur 58% der Frauen waren. Es gibt außerdem große Unterschiede hinsichtlich der Therapieformen. Während in bei 65% der Patientinnen in England und bei 57% der Patientinnen in Frankreich eine konservative Chirurgie durchgeführt wurde, war dies in Estland nur bei 8% und in Spanien nur bei 13% der Frauen der Fall.
Quelle: ENCR Cancer Fact Sheets, Vol. 2, Dec. 2002

Die Erkrankungsraten für Deutschland liegen im europäischen Vergleich im Mittelfeld. In Belgien, Frankreich und Dänemark ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit höher, in den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen sowie den südeuropäischen Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal teilweise deutlich niedriger.
Quelle: Krebs in Deutschland, Herausgeber: Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut. 5. überarbeitete, aktualisierte Ausgabe, Saarbrücken, 2006

32.000 Frauen in Europa müssten nicht an Brustkrebs sterben, wenn Brustkrebs-Früherkennung flächendeckend in der Qualität der EU-Standards umgesetzt würde.
Quelle: European Guidelines on quality assurance in mammography screening. 4. Ed., Stand 2005

Mortalität: Brustkrebs ist für mehr als 4% der Todesfälle unter der weiblichen europäischen Bevölkerung verantwortlich und betrifft auch junge Frauen im Alter zwischen 45 und 64 Jahren (mehr als 12% der Todesfälle in dieser Altersgruppe).
Quelle: Mortalität in der EU, Statistik kurz gefasst, 2, 2004, ISSN 1024-4379, © Europäische Gemeinschaft

Die Mortalitätsrate in den europäischen Ländern schwankt nach den Angaben der WHO um über 50%, die Mastektomierate (Rate der Brustamputationen im Frühstadium der Erkrankung) schwankt sogar um bis zu 60%.
Quelle: WHO und “Surgical approaches to Early Breast Cancer”, J. Jassem et al. (March 2004): “Surgical Approaches to Early Breast Cancer”, International Collaborative Cancer Group (ICCG), Imperial College, London.

In der Europäischen Union erkrankt jede neunte Frau an Brustkrebs, jährlich sind dies 275.000 Frauen in der EU. Rund 79.000 Frauen sterben in der Europäischen Union jährlich an Brustkrebs. In der Europäischen Union ist Brustkrebs die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren.
Quelle: Europäisches Parlament, Bericht über Brustkrebs in der Europäischen Union, (2002/2279(INI)), Ausschuss für die Rechte der Frau und Chancengleichheit, Berichterstatterin: Karin Jöns, Stand 2002

Die Chancen, Brustkrebs zu überleben, sind in Europa nicht immer gleich gut. Nach den Zahlen der Eurocare II-Studie liegen Frauen in Deutschland auf Platz 7 in Europa, hinter Österreich, Dänemark, England, Estland, Finnland und Frankreich.
Quelle: Survival of adult cancer patients in Europe diagnosed from 1978 – 1989: The Eurocare II Study, European Journal of Cancer, Vol. 34, No 14.

„In Deutschland liegt auf der Basis der Daten der EUROCARE-2-Studie von 1999 die relative 5-Jahres-Überlebensrate von 71,7% nach wie vor unter dem europäischen Durchschnitt von 74,3%. …Deutschland ist besser platziert als in den Vorjahren. Aber die sogenannten Vorzeigeländer Schweden (80,6%), Frankreich (80,3%) und Finnland (78,4%) stehen mit ihrer 5-Jahres-Überlebensrate doch beachtlich vor Deutschland. Selbst im Vereinigten Königreich konnten durch Screening und den Aufbau von qualitätsgesicherten Brustzentren die Todesfälle kontinuierlich innerhalb von 10 Jahren von 1992 bis 2001 um 15% gesenkt werden, während im gleichen Zeitraum die Neuerkrankungen um 19% stiegen. Für Deutschland weist die gleiche Quelle nur Daten bis 1999 aus. Von 1992 bis 1999 ist die Zahl der Todesfälle bei uns um 4% zurückgegangen, im Vereinigten Königreich um 14,5%. Um auch letzte Zweifel an dieser Entwicklung auszuräumen und dem Argument entgegenzutreten, dass absolute Zahlen die Bevölkerungsentwicklung nicht berücksichtigten, sei auf die Entwicklung der Sterblichkeitsrate ASR(W) bei Brustkrebs von Deutschland und dem Vereinigten Königreich von 1973-1999 hingewiesen. In Deutschland stieg die Rate um 10% (18,9 in 1973 zu 19,7 in 1999), während sie im Vereinigten Königreich um 12% sank (27,6 in 1973 zu 22,0 in 1999).“
Quelle: Europa Donna, Karin Jöns

Großbritannien, Stand 2007

Die Brustkrebssterblichkeit in Großbritannien ist im Jahr 2007 auf 11.990 Todesfälle gesunken und damit auf dem niedrigsten Stand seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1971. Das besagen die Daten von “Cancer Research UK“. Man geht davon aus, dass sowohl das nationale Screening-Programm sowie bessere therapeutische Möglichkeiten und Qualitätsstandards bei der Behandlung für die nun vorgelegten Zahlen sind. In Großbritannien erkranken bei einer Bevölkerung von etwa 60.5 Millionen Menschen rund 45.500 Frauen jedes Jahr neu an Brustkrebs (im Vergleich: Deutschland mit 82.3 Millionen Menschen und ca. 55.000 Neuerkrankungen bei einer Sterblichkeit von ca. 18.000 Frauen). Auch in Großbritannien ist Brustkrebs die häufigste häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Die Neuerkrankungen sind in den vergangenen 25 Jahren in Großbritannien um 50% angestiegen.

Die Entwicklung in Großbritannien seit 1989

Im Jahr 1989 starben in Großbritannien 15.625 Frauen an Brustkrebs. Seitdem ist die Sterblichkeit um 200 bis 400 Fälle in jährlich gesunken – bis zum Jahr 2004. Im Jahr 2005 gab es wieder einen leichten Anstieg, 2006 und 2007 ist die Sterblichkeit jedoch wieder etwas gesunken.
Quelle: BBC News, Breast cancer deaths record low v. 22. April 2009

Weltweit

Weltweit erkrankten im Jahr 2002 insgesamt 1.151.298 Frauen an Brustkrebs. 410.712 Frauen starben im Jahr 2002 an Brustkrebs.
Quelle: International Agency on Research on Cancer, GLOBOCAN, Stand 2002

Die WHO gibt in ihrem Datenblatt “Fact sheet N°297″ vom Februar 2006 allerdings an, dass über eine halbe Million Frauen (502. 000 deaths/year) jedes Jahr weltweit an den Folgen von Brustkrebs sterben.
Quelle: WHO:  http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs297/en/

Brustkrebs nach Erkrankungshäufigkeit und Ländern weltweit: Eine Übersicht von Nation Master (Australien): Es ist sehr spannend, diese Statistik genau zu betrachten. Sie zeigt, dass in Schweden z.B. die Erkrankungshäufigkeit an Brustkrebs niedriger ist als in Deutschland, obwohl das Land Frauen seit 1986 Mammographie-Screening zur Verfügung stellt. Schweden hat in Europa nach den Daten der Eurocare-Studien auch die besten Überlebensraten. Dieses könnte sehr wohl ein Hinweis auf die gute diagnostische Qualität – gemäß der Vorgaben der Europäischen Leitlinien – unter bestmöglicher Vermeidung von Überdiagnostik sein. (Inzidenz Deutschland: 23.5 und Schweden 18,5 per 100.000 Frauen).

In den USA werden im Jahr 2005 insgesamt 211.240 Frauen neu an Brustkrebs erkranken.
Quelle: Forum with Michael Krasny im Interview mit Barbara Brennervon Breast Cancer Action.

In den USA werden im Jahr 2007 nach den Angaben der American Cancer Society voraussichtlich 178.480 neue Fälle von invasivem Brustkrebs diagnostiziert werden. Mit den Änderungen im Verordnungsverhalten der Hormonersatztherapie sind auch die Neuerkrankungsraten in den USA spürbar gesunken. Trotzdem wird prognostiziert, dass rund 40.460 Frauen im Jahr 2007 an Brustkrebs sterben werden.

Allerdings steigt insbesondere die Entdeckung von Brustkrebsvorstufen (z.B. DCIS) weiterhin an. Man rechnet mit 62.030 neuen Behandlungsfällen allein für 2007 in den Vereinigten Staaten.
Quelle: NWHRC

Seit dem zweiten Weltkrieg nimmt die Zahl der Brustkrebs-Neuerkrankungen bei Frauen weltweit zu. Vergleichszahlen aus den USA: In den 40er Jahren erkrankte in Amerika ca. jede 44. Frau an Brustkrebs, heute ist es bereits jede 7. Frau.

Lesen Sie dazu auch: Das urbane Leben der Frauen: Warum das Brustkrebsrisiko weltweit weiter steigt bei uns im infoblog!

Video Breast Cancer Statistic con Hans Rosling: Breast Cancer Statistics bei gapminder.org, Creative Commons 2.0. Hans Rosling erklärt die Zahlen der International Agency for Research on Cancer (IARC) am Beispiel Schwedens. 1958 betrug das pro Kopf-Einkommen in Schweden 11.000 US $. Durchschnittlich 45 von 100.000 Frauen erkrankten in diesem Jahr an Brustkrebs. Hans Rosling stellt fest, dass duch den veränderten Lebensstil (z.B. weniger Sport, andere Stillgewohnheiten bzw. Ernährung) die Brustkrebsrate in den kommenden Jahren angestiegen sei. Betrachtet man die Sterblichkeit, so wird verhältnismäßig ein Absinken festgestellt. Im Jahr 2002 erkrankten 88 von 100.000 Frauen in Schweden, während 15 Frauen sterben. Leider wird die Sterblichkeit in Klarschrift für das Jahr 1958 nicht eingeblendet. Hans Rosling führt weiter aus, dass “in Schweden die meisten Frauen geheilt werden”, während in Pakistan bzw. Nigeria die Sterblichkeit weiterhin hoch sei. Hier müsse deswegen dafür gesorgt werden, dass die Behandlung der Erkrankung bezahlbar würde. Der “geringere Lebensstandard”, der sich durch das geringere Einkommen ausdrückt, hatte die Schwedinnen offensichtlich vor der Krankheit geschützt. Die Erkrankungsraten waren nur halb so hoch. Die Erklärungen erscheinen einleuchtend, doch ganz so einfach ist es nicht. Der Einfluss des Mammographie-Screenings in Schweden, Umweltbelastungen, die Frauen mit ihrem Körper tragen und Hormonaufnahme durch Kontrazeptiva, Umweltöstrogene bzw. “Hormonersatztherapie” fallen auf den Tisch. Die Finanzierbarkeit der Brustkrebstherapie ist außerdem weltweit und auch in westlichen Ländern inzwischen eine wichtige Frage.

Rubrik daten & zahlen

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Internettrends I: Social Networks und Facebook für Brustkrebs

Drehscheibe "Soziale Netzwerke" von Nancy White, Creative Commons 2.0

Drehscheibe 'Soziale Netzwerke' - Friendwheel von Nancy White, Creative Commons 2.0

Hilfreiche Hinweise zu Informationskompetenz und Krankheit, z.B. Hilfen für die sachliche Suche nach fachlichen Informationen, gute Quellen oder Hinweise zu Risiken – für Frauen mit Brustkrebs im Umgang mit dem Internet sind sie leider weitgehend Fehlanzeige. Das Internet verändert sich mit immer mehr neuen Angeboten (“Web 2.0/3.0″) und es gibt eine Reihe von Fallstricken, viel versteckte Werbung, Datenschutzprobleme, Psychostress, Zensur, Instrumentalisierung oder Risiken bei der Veröffentlichung eigener Inhalte. Naivität und Begeisterung der ersten Jahre im Umgang mit Information zu Krankheit und Gesundheit im Internet sind verflogen. Es ist Zeit, kritisch neu zu sichten. Einzelne Themenbereiche werden wir deswegen hier in loser Folge vorstellen, um Risiken zu verdeutlichen. Wir müssen nicht zwangsläufig den Stecker rausziehen und unsere Internetverbindung kappen, nur weil der Umgang mit dem Internet schwieriger und komplexer wird. Aber wir können uns schlauer machen, um die eigene Internetnutzung zumindest ein wenig besser zu verstehen und abzusichern.

Im New England Journal of Medicine (NEJM) erschien im November 201o der Artikel Pharmaceutical Marketing and the New Social Media von Jeremy A. Greene und Aaron S. Kesselheim, der uns den Anstoß gab, das Thema endlich anzugehen. Die Autoren befassen sich mit den neuen Internettrends, und zwar speziell mit Pharmamarketing in sog. „sozialen Medien“, zu denen auch Twitter und Facebook gehören. Nach eigenen Angaben erreicht Facebook in Deutschland (Stand Juli 2011) gerade die 20-Millionen-Marke bei den NutzerInnen. Unzählige Organisationen wie Medico International, Ärzte ohne Grenzen, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) und Women in Europe for a Common Future (WECF) – und wir – haben Facebook wegen der praktischen Funktionalität getestet und genutzt. Doch nach einer kurzen Probephase haben wir den Account wieder gelöscht, im Interesse unserer Leserinnen, darunter insbesondere den betroffenen Frauen, und zwar überwiegend aus Datenschutzgründen.

Multiplikatorennetzwerke, Austausch, Marketing

Social Media Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind Multiplikatorennetzwerke. Sie ermöglichen die blitzartige Verbreitung von Nachrichten und sind damit grundsätzlich nicht allein für den kritischen Informationsaustausch interessant. Pharmamarketing hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten in sämtliche Medien – von Plakatwänden über Zeitungen und Zeitschriften bis zu wissenschaftlichen Fachzeitschriften sowie Radio und Fernsehen – Einzug gehalten. Medien sind mehr und mehr zum Motor des Marketings der Medizinindustrie geworden. Pharmawerbung im Internet ist weit verbreitet, und im Internet überwiegt Werbung generell. Wo und was ist Werbung? Was ist Information und was Desinformation? Welche und wessen Information ist überhaupt vertrauenswürdig? Welche Interessen stecken hinter der Informationsverbreitung? Wie kann frau sich schützen, besonders vor Beeinflussung durch Werbung, die nicht auf den ersten Blick als solche erkannt wird? Im Interesse des Selbstschutzes sind diese Fragen wichtig.

Explosion im Marketing

In den USA haben sich die Marketingausgaben zur Verkaufssteigerung von Medikamenten lt. NEJM im Zeitraum 1996 bis 2008 von 579 Mio auf über 4 Milliarden US-$ jährlich etwa versiebenfacht, kaum eine sinnvolle Investition in die Gesundheit von Menschen, von denen in den USA viele nicht einmal eine Krankenversicherung haben. Obwohl die Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland zur Zeit noch gesetzlich verboten ist, finden wir nicht nur im Internet, sondern auch im Alltag mehr und mehr Spuren einer medikalisierten Gesellschaft praktisch überall. Wer bewusst darauf achtet, sieht sie plötzlich allerorten – Werbung für die Teilnahme an klinischen Studien in öffentlichen Verkehrsmitteln, großflächige Plakatwerbungen, die auf Impfungen oder Medikamente anspielen, ohne diese direkt zu nennen, weil dies noch verboten ist, Internetforen, die vor Werbung nur so wimmeln und in denen anonyme SchreiberInnen ihre Empfehlungen auch als PatientIn getarnt weitergeben. Als globaler Marktplatz ist das Internet schlicht Marketingplattform.

Wer ist zuständig?

In den USA hat die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Adminstration (FDA) die Aufgabe der öffentlichen Gesundheitspflege. Bei uns soll das Heilmittelwerbegesetz (Gesetz über die Werbung auf dem Gebiete des Heilwesens, kurz HWG) KonsumentInnen / PatientInnen schützen. Die zuständige Behörde ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die FDA sorgt beispielsweise dafür, dass bestimmte Spielregeln im Zusammenhang mit industriellen Werbebotschaften für Medikamente eingehalten werden. Bereits im September 2009 veranstaltete das Food and Drug Law Institute (Rechtsinstitut der FDA) für die FDA ein Hearing zum Web 2.0 (Ergebnisse zum Download bei bNet/CBS, pdf) und dem Umgang mit sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook. Tendenziell warten die Unternehmen in den USA, wenn es neue Medientrends gibt, auf die FDA-Vorgaben für „akzeptable Marketing-Praktiken“, auch weil dort sonst sehr hohe Strafen drohen können. Anfang des 20. Jahrhunderts waren zunächst nur ÄrztInnen der Manipulation durch Arzneimittelwerbung ausgesetzt. Informationsquelle als Entscheidungsgrundlage für ärztliches Handeln sollte nicht Werbung, sondern wissenschaftlich abgesicherte neutrale medizinische Fachinformation sein. Das “moderne Pharmamarketing” entdeckte die “Endverbraucher” der Produkte – Patientinnen, Patienten und Gesunde – ab Mitte des 20. Jahrhunderts.  Werbeaktionen wurden jetzt auch direkt an KonsumentInnen adressiert. Der Fachbegriff für diese Art der Werbung wird „Direct to Consumer Advertising“ (DTCA), also Direktwerbung für – verschreibungspflichtige – Medikamente bei den Konsumenten genannt. Die konkreten FDA-Regelungen für Werbung in “sozialen Netzwerken” wie Facebook und Twitter stehen zur Zeit noch aus.

Gesponserte Suchmaschinen

Auf EU-Ebene gibt es derzeit Bestrebungen und Lobbyismus, die direkte Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente – wie in den USA – auch für die Länder Europas zu legalisieren. Unser Projekt setzt sich seit Jahren gegen die Freigabe von Arzneimittelwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente ein. Bürgerschaftliche Initiativen wie die BUKO Pharma-Kampagne versuchen, über VerbraucherInnenschutz Einfluss zu nehmen, s. aktuell Den PatientInnen nützt es nicht. In den USA ist es Pharmafirmen in der Fernsehwerbung erlaubt, eine Webseite zu Medikamenten „für zusätzliche Informationen“ und kostenlose Telefonhotlines anzubieten. Eine Linie der FDA war dabei grundsätzlich, auf „Ausgewogenheit“ der Informationen zu bestehen und exakte Vorschriften dafür zu liefern. So müssen Nebenwirkungen mit nur einem Click direkt erreichbar und abrufbar sein. NEJM berichtet, dass es jedoch auch damit Probleme gäbe. So haben z.B. 14 Hersteller Suchmaschinen gesponsert, und die Risiken („Statement of Risks“) waren nicht wie vorgeschrieben verfügbar. Auch habe man inzwischen erkannt, dass die verordnete Risikokommunikation – also die einen Click weit entfernte Angabe von Risiken – möglicherweise nicht adäquat sei: Sie führe nicht notwendigerweise zu einer realistischen Darstellung von Risiken. Auch wir kennen Arzneimittelwerbung im TV, doch offiziell bisher nicht für verschreibungspflichtige Medikamente. Sie wird häufig versehen mit dem Hinweis: “Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker” – die für das Abwimmeln und Aufklären zu solchen Werbekampagnen allerdings nicht bezahlt werden.

Die Grenzen verwischen weiter

Ein Risiko, das mit der Nutzung von Social Media im Internet einhergeht, ist auch, dass die Anbieter selbst die Kontrolle über die Inhalte ihrer Webangebote verlieren, denn diese Inhalte werden im Web 2.0 üblicherweise von den BenutzerInnen selbst erstellt. Und damit verschwimmen die Grenzen vollends. Kommerzielle Inhalte sind nicht mehr getrennt v

on Inhalten der „UserInnen”. Kritischere  LeserInnen kommerzieller Brustkrebsforen kennen die Situation. Private Foren betroffener Frauen werden regelmäßig unterwandert, doch die Beweisführung bleibt schwierig. Wir raten deswegen von der Nutzung anonymer Internetforen grundsätzlich ab. Information steht und fällt mit der Kenntnis des Absenders.

NEJM weist ebenfalls darauf hin, dass die Grenze zwischen Blogosphäre und geschäftlichen Internetseiten längst effektiv verwischt sei. Google mit seinen Werbeblöcken neben den Suchergebnissen könne jede beliebige Werbung neben die Webseiten “sozialer” Netzwerke legen, und genau diese unsägliche Situation findet sich tatsächlich bei diversen Web 2.0-Anwendungen einschließlich und insbesondere bei Facebook. Direkt neben die Einträge von Non-Profit-Nutzern werden „kontextsensitive“ Werbeeinblendungen geschaltet, die wir nicht selbst beeinflussen können. Hier wird noch viel Druck auf die Anbieter der Netzwerke nötig sein, um Bremsen einzubauen, und es bleibt zu hoffen, dass Alternativen entstehen.

Kommerzielle Medizinportale – Beispiel Onmeda

In Deutschland blendet die dreifach „zertifizierte“ Webseite Onmeda rund um Foreneinträge zum Thema Brustkrebs Pharmawerbung ein, und zwar gleich vierfach: Die Werbung verlinkt jeweils auf die Webseite des Pharmakonzerns, Unterrubrik Krebserkrankungen:

  • obere Einblendung: Anzeige über die gesamte Seite, darunter
  • der kleinere Hinweis: „sponsored by Roche“. Da fragt es sich: Sponsert man sich hier die eigene Werbung? Und Brustkrebspatientinnen sind klug genug, kostenlos darum herum zu schreiben?
  • In der rechten Spalte befindet sich ein großes „Standbild“ mit dem Werbehinweis Roche Onkologie, ohne den Hinweis Anzeige (dieser befindet sich nur oben und unten).
  • Unten auf der Seite dann nochmals eine Anzeige für Roche. (s. Abbildung Screenshot, Abruf  11/2010)

Roche ist einer der umsatzstärksten Hersteller von onkologischen Medikamenten für die Indikation Brustkrebs. Die Angabe „sponsored by“ ist hinterlegt mit dem Hinweis, dass dieses Forum exklusiv mit Werbung eines einzelnen Kunden belegt ist. Fährt man mit der Maus über den sponsored-by Roche-Link, so erscheint http://network.gofeminin.de/… Wird die Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente in sozialen Netzwerken erst legal, könnten Medikamente und Chemotherapie hier nahtlos folgen. Onmeda schrieb weiter: „Onmedas Forenexperten richten sich ausschließlich nach ihrer klinischen Erfahrung und dem derzeitigen Stand von Wissenschaft und Forschung“ [Abruf 11/2010]. Weiterlesen Schöne neue Pharmawelt.

Öffentliche Gesundheitspflege versus Marketinginteressen

NEJM berichtet außerdem, dass die FDA auch zu der Position kommen könne, dass sich die „faire Balance“ zwischen Werbung und Risikokommunikation in sozialen Netzwerken nicht auf eine Weise herstellen lässt, die kompatibel mit Interessen der öffentlichen Gesundheitspflege ist. Das könnte in der Konsequenz ein Verbot der Werbung in „Social Media“ bedeuten. Wenn es aber anders käme, und das sagen MedienexpertInnen bereits voraus, nämlich dass durch die FDA neue Regelungen für die Werbung in „Social Media“ wie Foren, Blogs, Sozialen Netzwerken etc. geschaffen werden, dann stehe eine neue Explosion des Marketings bevor.

Weitere einzelne Aspekte zum Pharmamarketing in Social Media

  • Jeremy Greene und Aaron Kesselheim, die Autoren des NEJM-Artikels, halten weiter fest, dass es einen Mangel an Forschung zu Zusammenhängen und Auswirkungen auf Gesundheit gäbe. Regelungen dürften jedenfalls nicht nur von denen getroffen werden, die ihre wirtschaftlichen Interessen in dieser Sache haben.
  • ÄrztInnen müssten sich darüber im Klaren sein, auf welche medizinischen Botschaften ihre PatientInnen in „Social Media“ treffen. Sie müssten auch die Auswirkungen dieser Medien verstehen lernen, insbesondere im Zusammenhang mit Produktmarketing.
  • Und wieder: Interessenkonflikte müssten offen gelegt werden. Bei gesponserten PatientInnenorganisationen – Beispiel mamazone – klappt dies gerade im Zusammenhang mit Brustkrebs nicht. Öffentliche Kontrolle ist hier völlig Fehlanzeige. Die Organisation legt selbst nicht offen. Einige Daten finden sich für mamazone (€ 58.934 Pharmaspenden 2010, Abruf 11/2011) und ihren Förderverein (€ 67.050 Pharmaspenden 2010, Abruf 11/2011) jedoch in der IQTG Transparenz Datenbank. Solchen Organisationen wie mamazone empfehlen wir auch auf Facebook: Bitte dann gut sichtbar neben den Postings und Forderungen für neue Produkte: Wir werden gesponsert von … !!!
  • Und die Sozialen Netzwerke selbst müssten angeben, ob sie gesponsert werden oder Interessenkonflikte haben, ebenso wie Autoren in den sozialen Netzwerken, besonders wenn sie dort eine Rolle als führende AutorInnen von „Social Media“-Inhalten inne haben.
  • Außerdem dürften alle nur wahrheitsgemäße Informationen zu Produkten oder Medikamenten anbieten, Informationen also, die wahrheitsgemäß Risiken und zu erwartenden Nutzen berichten (nach Greene und Kesselheim).

FDA im Nachteil

Die Autoren warnen außerdem vor Markenüberwachung und Klageverfahren durch Big Pharma, mit denen sie ihre Interessen aggressiv verträten. Die FDA jedoch könne mit ihren begrenzten Ressourcen Social Media vergleichsweise nicht hinreichend verfolgen. Und diese Ressourcenfrage werden wir auch bei unseren Behörden wiederfinden. Noch scheint es kaum vorstellbar, dass deren Power ausreicht, im notwendigen Umfang überhaupt Information für PatientInnen bereitzustellen.

Am Rande angemerkt: Die FDA ist natürlich bei Facebook, und für das deutsche IQWiG gibt es eine Gruppe mit der schönen Ansage: IQWIG bleibt unabhängig, der man beitreten kann.

Zensur, Macht, Abhängigkeit und Netzneutralität bei Facebook

Viele Frauen mit Brustkrebs weltweit nutzen Facebook freimütig. Viele zeigen die Folgen der Therapie in Bildern. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die Britin Sharon Adams (s. auch Im Jahr 16 nach Matuschka), die von Facebook wegen der Veröffentlichung ihrer Mastektomienarbe gesperrt wurde. Hier musste sich erst eine Gruppe gründen: GET SHARON ADAMS PICTURE BACK ON FACEBOOK FOR BREAST CANCER. Unter dem damit aufgebauten öffentlichen Druck rückte Facebook seine Netzneutralität partiell wieder ein Stückchen gerade. Sharon Adams darf ihre Fotos wieder zeigen, so wie es unzählige Frauen weltweit auf Facebook heute auch tun. Wer sich für Beispiele zu Macht und Abhängigkeit interessiert, dem sei Zensur – Facebook schmeißt Konkurrenten raus im Berliner Tagesspiegel v. 24.11.2010 und Lamebook: Facebooks versehentliche Zensur v. 23.11.2010 bei netzwertig.com zur Lektüre empfohlen. Zensur, Macht, Manipulation und Abhängigkeit spielen aber auch in anderen Internetmedien oder bei den Suchmaschinen eine Rolle. Sie sind nicht auf Facebook beschränkt.

Patientinnengruppen auf Facebook – Kleine Stichprobe

Nimmt man die Facebook-Seiten von Patientinnengruppen aus Deutschland zu Brustkrebs näher unter die Lupe, wird man schnell feststellen, dass es auch hier noch viele offene Fragen gibt und dass Regelungen, um sich wenigstens vom Produktmarketing fernzuhalten, Sponsoring offen zu legen oder personenbezogene Daten zu schützen, zur Zeit überwiegend Fehlanzeige sind. Facebook-Seiten von Patientenorganisationen sind anders als die persönlichen Accounts öffentlich zugänglich und können von außen gelesen werden. Es sind auch viele Namen von Frauen mit Brustkrebs dort öffentlich zugänglich.

Beispiel personenbezogene Daten
“M.M. aus G.-Stadt (hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes gekürzt) wurde von einem Team von SternTV begleitet. In der viertelstündigen Reportage am 03.03.2010 wurden die Beweggründe für eine prophylaktische Brustdrüsenentfernung mit allen Höhen und Tiefen sehr anschaulich dargestellt. In dem anschließenden Chat ergab sich dann auch die Möglichkeit, … mit Günther Jauch noch ein Foto für die Website zu schießen.“

Wer schon den Mut hat, mit Brustkrebs ins Fernsehen zu gehen, muss mit dieser Öffentlichkeit eben klarkommen, werden einige vielleicht sagen. Doch ob „Stern“ oder eine Fernsehsendung, sie sind in der Regel nicht permanent online im Volltext recherchierbar. Patientinnen, die einige Jahre später einfach weiterleben und mit ihrer Diagnose nicht mehr überall präsent sein wollen, müssen dann feststellen, dass das digitale Gedächtnis der Welt (Internet) dauerhaft für Präsenz sorgt. Und Personensuchmaschinen wie Yasni stellen das alles fein säuberlich personenbezogen zusammen.

Beispiel Studienmarketing im Facebook-Account einer Patientinnengruppe
„ … Dieser neue Wirkstoff bietet Hoffnung auf eine zielgerichtete Therapie. Die aktuellen Forschungsergebnisse zu den so genannten XXX-Inhibitoren sind vielversprechend. Eine weitere Studie ist jetzt endlich auch in Deutschland gestartet.“ Erinnert das nur an Pharmawerbung? Und die Risikokommunikation? Was, wenn die XXX-Inhibitoren (als beliebiges Beispiel) nicht Hoffnung erfüllen, sondern nutzlos sind oder Frauen sogar schaden? Will die Patientinneninitiative das?

Beispiel Produktmarketing / Klinikmarketing im Facebook-Account
„…  Diese Analyse am frischen Tumorgewebe kann Patientinnen, die keinen Lymphknotenbefall im Achselbereich haben, einen Hinweis geben, ob sie eine vorbeugende Chemotherapie benötigen oder nicht. Die Kostenübernahme wurde durch die Unterzeichnung eines Versorgungsvertrages mit der X-Klinik möglich, die eines der erfahrensten Fachlabore zur Durchführung dieses Testverfahrens betreibt.“ Was aber, wenn die angepriesenen Tests nicht halten können, was sie versprechen? Wenn sie die Krankenkassen nur Geld kosten und Frauen weiter entmündigen? Wenn die Entscheidung über Chemotherapie mit einem Test und nicht anhand einer adäquaten, evidenzbasierten Risikokommunikation in Kenntnis des zu erwartenden Schadens und Nutzens getroffen wird?

Fazit:
Für Patientinnengruppen und Selbsthilfe gibt es keine Not, bei Facebook ins Marketing für andere einzusteigen, sie tun es aber. Warnhinweise zum Datenschutz sind Fehlanzeige.

Empfehlungen und Nachdenken

  • Nur solche Anbieter im Web 2.0 auswählen, bei denen zumindest die öffentlichen Daten jederzeit vollständig selbst gelöscht werden können. Es gibt immer Alternativen.
  • Den Mehrwert von Anwendungen kritischer hinterfragen: Wollen wir wirklich die Werbeumgebung für Pharmawerbung mit persönlichen Erfahrungen bestücken?
  • Vorsicht mit Namen und Krankheitsdaten.
  • Einträge mit Krankheitsdetails zur eigenen Person – wenn sie denn überhaupt gemacht werden – immer mal wieder löschen!

Freilich, der doppelte Boden der digitalen Daten bleibt: Bei den Anbietern „Sozialer Netzwerke“ werden die Daten durch das Löschen in der Regel nämlich nicht gelöscht. Die Anbieter lassen sich bei der Anmeldung sogar vielfach auch bestätigen, dass sie Daten nicht löschen müssen. Richtig ist: Persönliche Namen müssen immer gelöscht werden. Auch hier wird viel öffentlicher Druck nötig sein, um mehr Datenschutz durchzusetzen. Bei Facebook sind immerhin die öffentlichen personenbezogenen Daten grundsätzlich mit einem Click einfach zu löschen, auch wenn es mühsam ist.

Und im omnipräsenten Medizinmarketing können wir zumindest kommerzielle Anbietern generell kritisch betrachten und solche Non-Profit-Projekte, die wirtschaftliche Interessen in ihre Angebote geschickt verweben – gemeint ist die gesponserte Selbsthilfe – einfach besser meiden: auch bei Facebook.

Wir werden die Reihe “Internettrends” gelegentlich fortsetzen.

Weiterlesen

Datenschutz bei Facebook

Aktueller Artikel: Datenschutz – Facebook muss auf Behörden-Webseiten verschwinden (Berliner Zeitung v. 23.12.2011)

Buchempfehlung: Die Facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft, von Sascha Adamek, ISBN 978-3453601802

Weiterführende Info aus den Frauengesundheitsnetzwerken bietet auch: The Push to Prescribe – Die Verschreibungs-Offensive, hrsg. von Anne Rochon Ford. Das wichtige Buch liegt leider nur in englischer Sprache vor.

Quellenangabe / Originalartikel im Open Access (frei zugänglich, aber in englischer Sprache): Pharmaceutical Marketing and the New Social Media, Jeremy A. Greene, Aaron S. Kesselheim, N Engl J Med 2010; 363:2087-2089

Twitter-Tweeds zum Thema dieses Berichts: Suche bei Twitter nach: #FDASM

Artikel in der TAZ v. 15.10.2010 Wie US-Behörden Facebook nutzen: Eigene Abteilung zum Schnüffeln

Rubrik basiswissen, fraueninformation, info für angehörige, informationskompetenz

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Von der Selbsthilfe zum Selbstschutz

Neulich im Brustzentrum ...  ein Selbsthilfe-Comic

Neulich im Brustzentrum ... ein Selbsthilfe-Comic

Selbsthilfe – im juristischen Sinne  - nach BGB, dem Bürgerlichen Gesetzbuch, ist ausnahmsweise zulässig, wenn “obrigkeitliche Hilfe” nicht rechtzeitig zu erlangen ist (Wikipedia Selbsthilfe (Recht)). Oft geht es bei Selbsthilfe um die Verteidigung von Besitz. Unser Leben ist unser kostbarster Besitz.

Selbsthilfegruppen  sind “Zusammenschlüsse von Menschen, die ein gleiches Problem oder Anliegen haben und gemeinsam etwas dagegen bzw. dafür unternehmen möchten. Typische Probleme sind etwa der Umgang mit chronischen oder seltenen Krankheiten, mit Lebenskrisen oder belastenden sozialen Situationen” (s. Wikipedia  Selbsthilfegruppe).

Was kann Selbsthilfe leisten?

Auch an “Zertifizierungen” und “Qualitätskriterien” für Selbsthilfe ist in den vergangenen Jahren ernsthaft gearbeitet worden, um im Meer der Vielfalt Steuerungsmechanismen für die Mächtigen zu finden. Noch in den Anfängen der Selbsthilfebewegung schien Selbsthilfe ein Synonym für   “Unabhängigkeit” zu sein.  Heute geht es verstärkt um Verteilungskämpfe. Selbsthilfe, und dabei besonders einzelne Gruppierungen, die sich mit Brustkrebs befassen, haben in jüngerer Zeit auch ein anderes Image geprägt, weil sie sich beispielsweise von “Big Pharma” (globalen Pharmakonzernen) sponsern lassen.[1] Das ist ein Problem, weil in der Selbsthilfe zu Brustkrebs auch die Auseinandersetzung mit Medikamenten, ihren Wirkungen und Nebenwirkungen, eine kaum zu unterschätzende Rolle spielt.  Einzelne extrem überteuerte Medikamente zur Behandlung von Krebs haben überdies lebensgefährliche Nebenwirkungen, keine lebensverlängernden Wirkungen und unter mitunter falschen Versprechungen wie „Heilung“, “Lebensqualität” und fragwürdiger “Lebensverlängerung” wird ihre Finanzierung dem „Solidarsystem“ überlassen, auf dass es untergehe. Und Selbsthilfe schweigt (mehrheitlich), sogar gesetzliche Krankenkassen schweigen. Gesetzliche Krankenkassen, die zur Selbsthilfeförderung gesetzlich verpflichtet sind, sorgen sogar dafür, dass einzelne massiv gesponserte Gruppierungen noch mehr Geld aus den von der Solidargemeinschaft aufgebrachten Mitteln erhalten.[2]

Selbsthilfe in Zeiten des politisch forcierten Sozialabbaus, im neoliberalen Sinne ausgelegt, beinhaltet verschiedene Risiken, beispielsweise “das Risiko, dass Menschen sich selbst überlassen werden.”[3] Gern benutzt wird heute auch gern der Begriff des „Empowerment“. „Hilfe zur Selbsthilfe“ als Ressource die scheinbar nichts kostet, wird „bruchlos in neoliberale Denkgebäude eingemeindet“.[4] So ist Brustkrebs-Selbsthilfe heute mitunter Werbeträger für medizinische Einrichtungen, Beigabe für „Infotainment“ zum Thema Brustkrebs, Mitgestalterin von industriell finanzierten Marketingevents.[5] Die Instrumentalisierung der „Brustkrebsselbsthilfe“ in Deutschland – oder Europa oder den USA – als Plattform für Pharmawerbung, Werbung für gesetzliche Krankenkassen, Produktwerbung aller Art und nicht zuletzt zur politischen Durchsetzung medizinisch-industrieller Interessen wird Forschungsgegenstand noch für viele Jahre bleiben.

Vermeidung ist die Heilung (“Prevention is the Cure”)

Von einer Chemikalie zur anderen - Krebs, das individuelle Schicksal?

Von einer Chemikalie zur anderen - Krebs, das individuelle Schicksal?

Unzählige Projekte, die bereits über die letzten Dekaden hinweg aufgebaut wurden, verweisen zumindest im angloamerikanischen Sprachraum auf den notwendigen Richtungswechsel, nämlich dass die Vermeidung von Krankheiten Priorität haben muss.  Nur hierzulande hat sich an der Haltung, dass die Therapie der Weg ist, bisher zumindest was Fachgesellschaften und Charities betrifft, nichts Grundsätzliches geändert.

Von Brustkrebs betroffene Frauen haben relevante Anliegen. Sie gehören nicht unter den Teppich gekehrt. Sie gehen alle an. Tatsächlich vorhandene, das Leben von Frauen in vielfältiger Weise bedrohende Missstände müssen beseitigt werden. Immerhin 123 Frauen haben sich im Jahr 2010 an ärztliche Schlichtungsstellen wegen Fehlbehandlungen gewandt.[6] Wer redet über sie? Frauen mit Brustkrebs wurden minderwertige Silikonimplantate eingesetzt.[7] Wen interessiert das daraus resultierende Leiden heute überhaupt noch? Frauen sterben in der Folge von Brustkrebstherapien, noch bevor der Krebs tödlich verläuft. Wer zählt sie? Was ist mit der Generation Kinder, der Ungeborenen, der Töchter und Enkelinnen? Frauen heute finden in der Regel Lebensbedingungen, die Krankheit und schwere Krankheit vorprogrammieren. Bereits in der Schwangerschaft wird Krankheit durch hormonelle Belastung angelegt. Eine mit Schadstoffen belastete Umwelt, gesundheitsgefährdende Chemikalien in Nahrungsmitteln, Gefährdungen am Arbeitsplatz, Wohngifte usw. usw. usw. Es reicht uns nicht, gescreent zu werden. Es reicht uns nicht, therapiert zu werden. Wir wollen, dass die Ursachen für Brustkrebs gefunden werden. Wir wollen, dass Brustkrebs auslösende Ursachen abgestellt werden. Wir wollen gesunde Lebenswelten.

Der etwas andere Informationsstand - Treffpunkt Krebs

Der etwas andere Informationsstand - Treffpunkt Krebs

Material für Patientinnen-Informationsveranstaltungen:

Neulich im Brustzentrum – Ein Fotoroman (pdf)

Die verkannte Gefahr: Brustkrebs und Umweltbelastung (pdf, Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. und Women in Europe for a Common Future e.V.)

[Weitere Materialien folgen ...]

Unabhängiges Selbsthilfeprojekt für jüngere Frauen

Treffpunkt Krebs
“Treffpunkt Krebs” – eine Selbsthilfe- und Gesprächsgruppe für jüngere Frauen mit oder nach Krebs in der Region Tübingen und Reutlingen - geht einen anderen Weg. Die Arbeit in der Gruppe und die Begleitung bei Krebs, Hilfestellung und Unterstützung schließt einen kritischen Blick bei gesundheits”politischen” Fragen, z.B. bei Informationsveranstaltungen und Fortbildungen,  nicht aus, im positiven Sinne für Frauen und Patientin.

Weiterlesen

Krebs und die Ursachen: Ein Film bricht alle Regeln von Tim King in der Rubrik unser körper – unser leben


[1] ungezählige Veröffentlichungen, einige dazu s. http://www.delicious.com/conflicts/selbsthilfe

[2] s. auch infoblog! v. 20.03.2011 Alles ganz legal: Birgit Fisher wird Pharmalobbyistin. Das von der Pharmaindustrie gesponserte Projekt „Mum hat Brustkrebs“ der Initiative mamazone, in dem Kinder – unserer Meinung nach unangemessen – mit Behandlungsdetails zur Therapie von Brustkrebs konfrontiert werden, wurde beispielsweise von der Barmer Ersatzkasse finanziell „gefördert“. Ob diese Mittel zurückgezahlt werden mussten, ist nicht bekannt. S. Augsburger Allgemeine, Barmer unterstützt Projekt mamazone v. 25.05.2010

[3] Armbruster, Hürgen, Leiter der Dienste für seelische Gesundheit bei der eva in „Experten in eigener Sache“ in TSA 11/06,

[4] Herriger, Norbert: Empowerment in der sozialen Arbeit, Stuttgart, Kohlhammer 2006, ISBN 3-17-019075-X, S. 85, weiter: Das Empowerment-Konzept wird ordnungspolitisch vereinnahmt, es wird zum modisch klingenden Kürzel für eine soziale Praxis, die unter der Leitformel „Fördern und Fordern“ ihre Bemühungen allein und ausschließlich in die (Wieder-)Herstellung von marktfähigem Arbeitsvermögen investiert und auf diese Weise arbeitsstrukturelle Zwänge ungefiltert in die lebensweltliche Rationalität „durchschaltet“. Mit dieser Indienstnahme für eine Politik autoritärer Fürsoglichkeit aber verliert das Empowerment-Konzept seine emanzipatorische Kraft, es wird zum bloßen Kontrollwächter an den Grenzlinien zwischen sozialer Integration und Desintegration. In der Antwort auf diese Zumutungen einer neoliberal verkürzten Sozialpolitik bleibt daher festzuhalten: Eine empowerment-orientierte Soziale Arbeit, will sie nicht zum Erfüllungsgehilfen der neuen sozialstaatlichen Zwangsprogrammatik werden, muss auf dem Eigensinn der Lebensentwürfe ihrer Adressaten beharren.

[5] s. auch infoblog! v. 03.05.209 Achtung, Patientinnen-Informationsveranstaltung! Medizinmarketing vom Feinsten, Bericht von Beate Schmidt

[6] Statistische Erhebung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für das Statistikjahr 2010. Bundesärztekammer 2011

[7] s. infoblog! v.  07.04.2010 Rückruf von Brustimplantaten der Firma Poly Implant Prothèse (P.I.P.): Erhöhte Anzahl von Rissen (Rupturen) und lokalen Entzündungsreaktionen festgestellt,

Rubrik basiswissen, fraueninformation, informationskompetenz, selbsthilfe

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Lymphödem bei Brustkrebs – Literaturhinweis

christiane bernsen: was tun bei lymphödemChristine Bernsen
Lymphödem bei Brustkrebs – was tun? Ein Ratgeber für Patientinnen, Angehörige und andere Interessierte
Bremen: Uni-Med Verlag.
1. Auflage 2008 (ISBN 383742037X, 978-3837420371), 57 S. mit zahlreichen Abbildungen
2. neubearbeitete Auflage 2011 (ISBN 383741017X, 978-3-8374-1287-1)
€ 22,80

Christine Bernsen (Jg. 1969) hat einen Ratgeber für Patientinnen mit Lymphödem nach Brustkrebs erstellt. Ihr wie ein medizinisches Fachbuch aufgebautes Büchlein ist das einzige verfügbare in deutscher Sprache, das sich so spezialisiert mit der Thematik befasst. Die Autorin ist Krankenschwester mit Weiterbildung zur Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin, Breast Care Nurse und selbst betroffen. Das kleine Büchlein enthält Daten zum Lymphödem und stellt Therapiemöglichkeiten vor. Ergänzend gibt die Autorin weitere Literaturempfehlungen und listet TherapeutInnen und spezialisierte medizinische Einrichtungen zur Behandlung des Lymphödems auf.

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Thorax-Kompressionsversorgung: Alltagstest (Webseite Christine Bernsen)
Auszüge aus der neuen Auflage 2011 (Webseite Christine Bernsen)

Rubrik brustkrebs, lymphödem, physiotherapie, therapie

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Mammographie-Screening (Die Mammographie zur Brustkrebs-Früherkennung: Eine Übersicht )

  • Linksammlung zum Mammographie-Screening (bei Social Bookmarkdienst “Delicous” und wird von uns gepflegt. Die Linksammlung ermöglicht den Abruf von Dokumenten nach Autoren, Ländern, Erscheinungsjahr, Organisationen und Schlagworten)

Die sichere und in jedem Fall verlässliche, gefahrlose Form der “Brustkrebs-Früherkennung” ist leider noch nicht gefunden. Nach amerikanischen Muster sind Frauen auch bei uns in Deutschland “auf die Straße gegangen” (Brustkrebsdemonstrationen in den Jahren 2000 – 2002). Gleichzeitige politische Initiativen von unterschiedlichen Parteien mündeten in der Folge in einen fraktionsübergreifenden Bundestagsbeschluss zur Etablierung der Einführung des Mammographie-Screenings in Deutschland. Vorausgegangen war z.B. auch der Essener Brustkrebsskandal (Eine Katastrophe für die Frauen, DER SPIEGEL 15/2002 vom 08.04.2002, Seite 202). Industrielle Interessen von Geräteherstellern wie Ethicon und multinationalen Pharmakonzernen, die wiederum “Patientinnenorganisationen” bei ihren Aktivitäten gesponsert haben, sind aber auch nicht von der Hand zu weisen und werfen heute viele Fragen auf. Selbst der nicht gerade industrieferne größte Verband der amerikanischen Frauengesundheitsorganisationen National Breast Cancer Coalition NBCC änderte seine Position zur Durchführung von bevölkerungsbezogenen Mammographie-Screenings grundlegend bereits vor der Einführung in Deutschland dahingehend, dass Daten für die Empfehlung eines bevölkerungsbezogenen Screenings nicht ausreichend seien (s. dazu auch: Die Mammographie im Spiegel: Beginn einer Rückschau)

Die Debatte um das, was im Kontext der Früherkennung sinnvoll und hilfreich ist, geht weiter und wird voraussichtlich auch nicht so schnell abgeschlossen werden. Wichtig bleibt auch der Blick auf finanzielle Ressourcen, die für Früherkennungsverfahren eingesetzt werden. Wer alle Ressourcen für Diagnostikverfahren bei allen [meist gesunden] Frauen bereits verbraucht, hat möglicherweise keine ausreichenden Mittel für notwendige Therapien bei den erkrankten Frauen. Spezialisten für evidenzbasierte Medizin wie David L. Sackett beklagen bereits länger die “Arroganz der präventiven Medizin” (Sackett DL. The arrogance of preventive medicine. CMAJ 2002;167(4):363-4

Viele wichtige Publikationen zur Früherkennung liegen in deutscher Sprache nicht vor und sind Frauen bei uns damit nicht zugänglich. Dennoch versuchen wir, mehr für uns zu erschließen.

Die Schaffung von Transparenz in Hinsicht auf Wirksamkeit, Risiken und die Möglichkeit zu einer “informierten Entscheidung” sind Grundanliegen in Bezug auf die hier bereitgestellten Informationen. Die breite, häufig einseitige öffentliche Berichterstattung (entweder einseitig pro oder einseitig contra) erleichtert die Situation für Frauen nicht. Eine einseitige Stellungnahme für oder gegen einfache Handlungsanweisungen soll auch hier zum Mammographie-Screening nicht angeboten werden. Wir versuchen jedoch, aus der Perspektive von Frauen relevante Positionen an dieser Stelle zu sammeln und längerfristig zu dokumentieren.

Der Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland, der im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Senionren und Frauen im Dezember 1999 in Berlin herausgegeben wurde, hält (S. 27) fest:
“Die in Deutschland im Aufbau befindlichen Krebsregister bieten eine Basis für eine Verbesserung der Forschung zu Verbreitung, Risiken und zur Effektivität von Früherkennungsprogrammen.
Die Wirksamkeit von Früherkennungsprogrammen bei Brustkrebs für Heilungs- und Überlebenschancen steht außer Frage. Bei der Mammographie kommt es zum einen auf die Einhaltung entsprechender Qualitätsmaßstäbe an, zum anderen müssen ihre Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Frauen sollten ihre Entscheidung zur Teilnahme an einem Mammographiescreening immer in Kenntnis der Risiken und des Nutzens fällen können und individuell entscheiden, ob und welche Methoden der Früherkennung sie anwenden wollen.”

Weiterlesen:

Wie die Fraueninformation zum Mammographie-Screening nach den Vorgaben der Europäischen Leitlinien zu gestalten ist, s. Überblick hier!

Stichwort: Mammografie, Mammografie-Screening

Rubrik früherkennung, mammographie

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Screenshot

Screenshot Internetforum für Frauen zum Thema Brustkrebs

Screenshot Internetforum für Frauen zum Thema Brustkrebs – Dieser Screenshot ist ein Beispiel. 11/2011: Onmeda zeigt hier aktuell Werbung für andere Produkte. Zurück zum Artikel Internettrends I: Social Networks und Facebook für Brustkrebs

Rubrik informationskompetenz


Gerichtsurteile zu Brustkrebs

Justice - Rebecca Ortega

Justice - Rebecca Ortega

2011 /11. Mai / Bundessozialgericht Kassel

Verordnung von Mistel, Homöpathische Arzneimittel – Vorinstanz: LSG Essen, L 11 KA 101/06
Steht es mit dem in § 34 Abs 1 S 3 SGB 5 festgelegten Auftrag, der therapeutischen Vielfalt Rechnung zu tragen, im Einklang, nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel der besonderen Therapieeinrichtungen der Anthroposophie und Homöopathie dadurch in die Arzneimittelversorgung nach den Vorgaben des § 34 Abs 1 S 2 SGB 5 (Therapiestandard zur Behandlung einer schwerwiegenden Erkrankung) einzubeziehen, dass ihre Verordnungsfähigkeit auf die für allopathische Arzneimittel geltenden Indikationsgebiete einschließlich der die Indikation eingrenzenden Anwendungsvoraussetzungen beschränkt wird? Zumindest für die Erkrankung und Therapieziele in der Onkologie scheint nun geklärt zu sein, dass homöopathische und anthroposopische Medikamente zu Lasten gesetzlicher Krankenkassen verordnet werden dürfen. Siehe Bericht in den Nachrichten des >>> Dt. Ärzteblatts v. 16. Mai 2011 und Pressemeldung des Gemeinsamen Bundesausschuss v. 16.05.2011 ( Az. des Urteils: B 6 KA 25/10 R)

2010 / 24. Juni / OLG Koblenz

Selbst Verantwortung übernehmen ist erforderlich: Keine Erinnerungspflichten der ÄrztInnen bei Krebsverdacht >>> U 5 186/10

2010 / 17. März / OLG Köln

Schmerzensgeld 60.000 € für unnötige Brustamputation (OLG Köln, >>> AZ 5 U 5109)

Die individuelle Aufklärung einer Patientin bei “verdächtigen Befunden” ist zwingend notwendig. Ohne hinreichende Aufklärung werden bei verdächtigen Befunden unter Umständen Entscheidungen getroffen, die zu erheblichen und in diesem Einzelfall im Ergebnis unnötigen Folgen führt.

2010 / 03 USA

Patentierung der Brustkrebsgene BRCA 1 und BRCA2: >>> Die Befreiung der Brustkrebsgene

2009/ Mai / Bundessozialgericht

Keine Protonentherapie bei Brustkrebs >>> B 6 A1/R08

2002 bzw. 2006 “Off-Lable-Use-Urteile” >>> Off-Lable-Use bei Wikipedia

Rubrik gerichtsurteile

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Brustkrebs: Hormone, Schwangerschaft, Stillen

Internetversion des Artikels: Die fruchtbare Zeit: Gefahrenzone für Brustkrebs? Erschienen in: Deutsche Hebammenzeitschrift 6/2010

Text: Gudrun Kemper

ÄrztInnen kennen epidemiologische Daten und Zusammenhänge und die weltweiten Unterschiede bei der Entstehung und dem Vorkommen von Brustkrebs – wenn sie sich auf Brustheilkunde (Senologie) spezialisiert haben. Doch Frauen erschließen sich die Zusammenhänge nicht so leicht. Die Berichterstattung zu Brustkrebs konzentriert sich auf Einzelschicksale, Maßnahmen zur Früherkennung von Brustkrebs und neue Medikamente. Aus dem Blickfeld fallen Lebensbedingungen von Frauen, die mehr mit der Entstehung der Krankheit zu tun haben, als die meisten von uns wissen.

Seit den 1970er Jahren hat sich die Häufigkeit von Brustkrebs relativ etwa verdoppelt. So erreichen uns Meldungen über steigende Erkrankungszahlen und täglich neue Bruchteile einer mehr oder weniger richtigen Information. Bereits in medizinischen Papyri um 1550 vor Christus wird Brustkrebs beschrieben. Über die Häufigkeit in früheren Zeiten gibt es keine wirklich sicheren Zahlen. Vor 100 Jahren war die Krankheit jedoch seltener als heute. Seit dem Jahr 1900 ist die Müttersterblichkeit massiv gesunken. Brustkrebsraten und Brustkrebssterblichkeit sind jedoch angestiegen.

Epidemiologie – Globale Unterschiede
Über Mechanismen und Ursachen der Entstehung und Vermeidung von Brustkrebs wissen wir noch immer zu wenig. Das gilt allgemein genauso wie speziell – im Zusammenhang von Schwangerschaftsverhütung, Schwangerschaft und Stillen. „Schwangerschaft ist keine Krankheit“, so heißt es. Und doch werden manche Krankheiten, wie Brustkrebs bei einer Schwangeren, heute in Medien verstärkt diskutiert. Zwar wird ein Anstieg der Erkrankungsraten von Brustkrebs auch während der Schwangerschaft ständig prognostiziert, doch die epidemiologisch abgesicherten Zahlen dazu fehlen. Der große wissenschaftliche Durchbruch zur Vermeidung oder Heilung von Brustkrebs fehlt weiterhin, und einige WissenschaftlerInnen geben das inzwischen sogar offen zu (Norton 2007). Über die Jahrzehnte sind einzelne Zusammenhänge entdeckt worden. Doch das Wissen ist Frauen nicht zugänglich.

Welche hormonellen Einflüsse kommen durch Schwangerschaft und Stillzeit zum Tragen und was hat das mit Brustkrebs zu tun? In den stark industrialisierten Ländern haben nur wenige Frauen ein niedriges Brustkrebsrisiko. Das sagt die britische >>> Professorin für Epidemiologie Dr. Valerie Beral von der Universität von Oxford in Großbritannien. Sie vergleicht die Situation von Frauen, die in westlichen, industrialisierten Regionen leben mit der von Frauen in den ländlichen Regionen Afrikas und Asiens, wo nur eine von 100 Frauen erkranke. Einschränkend muss hier allerdings ergänzt werden, dass Frauen in diesen ländlichen Regionen oft keinen hinreichenden Zugang zu medizinischen Leistungen haben. Die Registrierung der Krankheit lässt in diesen Regionen außerdem zu wünschen übrig und sie ist selbst bei uns verbesserungsfähig. Die Zahlen sind deswegen mit Vorsicht zu betrachten. Wie groß ist das Risiko in westlichen Ländern wirklich?

Und was können Frauen heute wirklich tun?

Beral hat auf dem jährlichen, weltweit bedeutendsten Brustkrebskongress, dem >>> San Antonio Breast Cancer Symposium, im Dezember 2009 einen epidemiologischen Überblick über die Ursachen und die Vermeidung von Brustkrebs gegeben. Sie ging dabei weltweiten Unterschieden nach. So sei lange bekannt, dass die Krankheit in Ländern mit geringem Einkommen selten und in Ländern mit hohem Einkommen häufiger auftritt.

Kinderlosigkeit und Brustkrebs in früheren Zeiten
Dass reproduktive Faktoren eine Rolle spielen, wurde bereits aus Forschungsarbeiten Mitte des 18. und 19. Jahrhunderts abgeleitet (Ramazzini 1743, Rignoni-Stern 1842). Die Brustkrebssterblichkeit bei kinderlos gebliebenen Nonnen lag in der Untersuchung von Rignoni-Stern aus dem Jahre 1842 fast siebenfach höher als bei anderen Frauen. Nach seiner Untersuchung starben 36 von 1.350 Nonnen (2,7 Prozent) an Brustkrebs, während in der Vergleichsgruppe von 72.837 Frauen nur 289 (0,4 Prozent) an Brustkrebs verstarben. Die erste Fallkontrollstudie zu Brustkrebs kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass unverheiratete Frauen häufiger erkrankten. Länger als zwei Jahrhunderte nahm man deswegen an, dass eine der Hauptursachen von Brustkrebs sei, dass Frauen ihre Brüste nicht für ihre „natürlichen Zwecke“ nutzten. Auch die britische Ärztin und Pionierin der modernen Epidemiologie >>> Janet Elizabeth Lane-Claypon (1877–1967) konnte nachweisen, dass Frauen mit mehr als fünf Kindern seltener an Brustkrebs erkrankten als Frauen, die durchschnittlich „nur“ 3,5 Kinder hatten. Auch der positive Effekt des Stillens wurde in diesen Forschungsarbeiten gezeigt (Lane-Claypon 1926). Neuere Studien und Metaanalysen haben immer wieder ähnliche Ergebnisse zeigen können. Mit der Anzahl der Geburten ging das statistische Brustkrebsrisiko für die Frauen zurück.

Epidemiologie im Rückblick
In den letzten 100 Jahren sind Brustkrebs-Erkrankungen weltweit stark angestiegen. Im Jahr 1910 wies die amerikanische Krebsstatistik 3.610 Todesfälle durch Brustkrebs nach (Bogen 1935). Die Anzahl der Einwohner ist seitdem um den Faktor 3,9 von knapp 80 auf gut 308 Millionen angestiegen und die Brustkrebssterblichkeit hat sich verzehnfacht. In den USA wird mit rund 40.000 Todesfällen jährlich gerechnet.

Zum Vergleich die Zahlen aus Deutschland: Die Brustkrebssterblichkeit bei Frauen lag in den Jahren 2000 bis 2007 zwischen 17.814 und 16.780 und entspricht damit etwa 3,7 Prozent aller Todesfälle (Destatis 2009, GEKID Atlas 2010, s. auch >>> Aktuelle Zahlen zu Brustkrebs und Krebs (Deutschland 2000 – 2007) und >>> Brustkrebs in Deutschland, Europa und weltweit. Nach Zahlen der WHO haben sich die Erkrankungszahlen von 1980 bis zum Jahr 2000 weltweit von 572.100 auf 1.050.348 fast verdoppelt.

Ursachen und Lebensstil
Die Internationale Krebsforschungsbehörde IARC geht mit ihren zuletzt erhobenen Zahlen aus dem Jahr 2002 von jährlich 1,15 Millionen Brustkrebsneuerkrankungen weltweit aus. Beral prognostizierte ein weiteres Ansteigen auf weltweit über zwei Millionen Fälle für das Jahr 2040. Wenn sich Bevölkerungsexplosion und Zunahme der Brustkrebsinzidenz auf dem aktuellen Niveau halten, erreichen wir diese unglaubliche Zahl wahrscheinlich bereits deutlich eher. Und die Ursachen?

Ernährung
Nachweislich steigern Überernährung und Übergewicht das Brustkrebsrisiko. Der Einfluss von Ernährungsgewohnheiten beginnt mit der künstlichen Säuglingsnahrung und dem Rückgang des Stillens. Nicht gestillte Säuglinge nehmen schon in den ersten acht Lebenstagen sehr viel schneller an Gewicht zu (Lane-Claypon 1912) als gestillte Säuglinge. Lebensstil und Ernährung von Mädchen haben sich seit dem 19. Jahrhundert kontinuierlich verändert. In der Folge sind Mädchen heute größer und schwerer (Tanner 1970). Aber auch hormonelle Faktoren, wie beispielsweise >>> Umweltöstrogene (endokrine Disruptoren) werden für Übergewicht heute mit verantwortlich gemacht.

Menarche
Das Alter von amerikanischen Mädchen bei Menarche liegt heute bei durchschnittlich 12,6 Jahren (Steingraber 2007, Nelson 2007). Mädchen, bei denen die Menarche vor dem Alter von zwölf Jahren eintritt, haben ein um 50 Prozent höheres Brustkrebsrisiko als Mädchen, bei denen es erst mit 16 so weit ist. Bei 14 Prozent der Mädchen zeigen sich bereits Zeichen der Brustentwicklung zwischen dem achten und neunten Geburtstag, und bei 50 Prozent der Mädchen ist diese Entwicklung beim zehnten Geburtstag sichtbar (Steingraber 2007). Die frühe Menarche ist im Zusammenhang mit Brustkrebs als Risikofaktor anerkannt. Sie wird durch Körpergröße und Gewicht gesteuert (De Waard 1977, Hitchcock 1985).

Umwelt
In einem komplexen Zusammenspiel von Ernährung, psychosozialen Faktoren und verschiedenen Umwelteinflüssen – beispielsweise durch >>> Umweltöstrogene (endokrine Disruptoren) – werden Mädchen heute vorzeitig „erwachsen“. Weitere Faktoren im Lebensstil von Frauen und Mädchen kommen hinzu.

Alkoholkonsum
Auch Alkoholkonsum lässt das Risiko ansteigen. So prognostizierte Valerie Beral den Amerikanerinnen eine jährliche Senkung der Brustkrebshäufigkeit um über 22 Prozent, relativ 40.000 Erkrankungsfälle weniger, wenn Frauen kein Übergewicht hätten und auf Alkohol sowie Hormonersatztherapien (HET) verzichteten (CGHFBC 2002), ohne aber die einzelnen Faktoren genauer aufzuschlüsseln. Auch Bewegungsmangel und die höhere Lebenserwartung spielten eine Rolle.

Hormontabletten
Antibabypille (Kontrazeptiva) oder Hormontabletten gegen „Wechseljahresbeschweren“ (HET) erhöhen das Erkrankungsrisiko ebenfalls. Das hat auch Beral 2009 erneut anhand von Daten aufgezeigt. Die Brustkrebs verursachenden Wirkungen von allen Hormontabletten seien ihrer Meinung nach jedoch vorübergehender Natur. (Wer allerdings erkrankt, erkrankt nicht “vorübergehend”.) Mit dem Bekanntwerden des durch die Hormonersatztherapie (HET) erhöhten Risikos für Brustkrebs setzten besonders in den USA viele Frauen ihre Medikamente einfach ab. Dies führte dort zu einem schlagartigen Abfall der Brustkrebsrate (Ravdin 2007), was sich in den staatlichen Krebsregistern bei Erkrankungsraten und Todesfällen widerspiegelte. Die wohl bekannteste Brustkrebsexpertin weltweit, die Chirurgin >>> Dr. Susan Love, die heute eine nach ihr benannte Stiftung zur Erforschung von Brustkrebs (>>> Dr. Susan Love Research Foundation) in Santa Monica leitet, bezeichnete dies in der New York Times als den bisher größten Erfolg in der Bekämpfung von Brustkrebs (NYT 2009). Nicht eine Therapie mehr, sondern eine Therapie weniger hat diesen Erfolg bewirkt.

Antibabypille
Auch die Antibabypille führt zu einem – lt. Beral allerdings „nur“ moderaten – Anstieg von Brustkrebs. Das Erkrankungsrisiko fällt in den zwölf Jahren nach der Einnahme vollständig wieder zurück auf die Risikostufe von Frauen, die nie die Pille genommen haben (CGHFBC 1996). Für die HET lasse sich ebenfalls keine anhaltende Gefahr nachweisen. Das Risiko sei nur während der Einnahme und kurz danach erhöht, so Beral. Dennoch gibt es keinen Anlass, die Nebenwirkungen dieser Medikamente zu verharmlosen.

Schwangerschaftsabbruch
Ein Schwangerschaftsabbruch (oder auch eine erlittene Fehlgeburt) erhöhen das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, nicht. Dies ist mit Daten einer umfassenden Reanalyse aus 53 epidemiologischen Studien, in die über 83.000 Frauen mit Brustkrebs eingeschlossen wurden, belegt. Bevor diese umfassende Untersuchung 2004 veröffentlicht wurde, ist der Schwangerschaftsabbruch immer wieder als Risikofaktor für Brustkrebs diskutiert worden. Kleinere Studien, die Hinweise für diese Diskussion geliefert hatten, waren jedoch bei genauer Betrachtung nicht belastbar. Valerie Beral, die bei der Überprüfung der Studien mitgearbeitet hat, kommentierte damals das Ergebnis dahingehend, dass die Gesamtheit der weltweit verfügbaren epidemiologischen Daten darauf hinweise, dass sich keine Nebeneffekte für das spätere Brustkrebsrisiko ergäben (CGHFBC 2004).

Teenager und Mutterschaft
Legt man Valerie Berals Theorie zugrunde, so ist das Alter der Erstgebärenden nach wie vor der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor, um das Brustkrebsrisiko von Frauen in Industrieländern spürbar zu senken. Die inzwischen rund 40 Jahre alten Untersuchungen, die Beral in San Antonio 2009 zitierte, belegen dies mit immer wieder neu bestätigten Daten. Wenn das durchschnittliche Alter der Mütter beim ersten Kind von hypothetischen 25 Jahren auf 19 Jahre gesenkt würde, so Beral, würde die kumulative Brustkrebshäufigkeit zurückgehen. Der lebenslang anhaltende Schutz für Frauen, die als späte Teenager Mutter werden, senke in den „reichen Ländern“ das Brustkrebsrisiko von 6,3 auf 5,2 Prozent. Zum Vergleich: In ländlichen Regionen Afrikas und Asiens liegt die Brustkrebshäufigkeit bei Frauen, die mit spätestens 19 Jahren Mutter werden, bei nur einem Prozent.

Das durchschnittliche Alter von Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, liegt in Deutschland momentan bei knapp 30 Jahren. In sieben Regionen in Nord- und Südamerika, Europa, Osteuropa und Asien wurden bei unterschiedlichen ethnischen Gruppen standardisierte Studien durchgeführt. Im Ergebnis trugen überall diejenigen Frauen, die vor dem 18. Lebensjahr ihr erstes Kind bekamen, nur ein Drittel des Brustkrebsrisikos im Vergleich zu Frauen, die erst mit 35 oder später erstmals Mutter wurden. Der schützende Effekt hielt bis zum 75. Lebensjahr und darüber hinaus an.

Frauen, die ihr erstes Kind mit unter 20 Jahren bekamen, hatten im Vergleich zu Kinderlosen ein um 50 Prozent geringeres Erkrankungsrisiko. Im Vergleich zu Müttern über 35 reduzierte sich ihr Brustkrebsrisiko um 40 Prozent. Bei Erstgebärenden ab 30 Jahren stieg das Risiko mit jedem weiteren Jahr linear an (MacMahon 1970).

„Späte“ Mutterschaft und Kinderzahl
Veränderungen des Reproduktionsverhaltens wie späte Mutterschaft und sinkende Kinderzahlen sind heute in industrialisierten Ländern zur Normalität geworden. Die Einführung der künstlichen Säuglingsnahrung von Nestlé gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat nicht nur die Stillgewohnheiten weltweit nachhaltig beeinflusst.

Bei erster Schwangerschaft im Alter von über 35 Jahren wird von einem überdurchschnittlich erhöhten Brustkrebsrisiko ausgegangen. In der vergleichenden internationalen Studie zeigte sich auch, dass Frauen, die mit über 35 erstmals Mutter wurden, offensichtlich mit weiteren Geburten ihr Brustkrebsrisiko zusätzlich erhöhten. Ihr Risiko lag 20 Prozent über dem der Frauen ohne Kinder (MacMahon 1970).

Kinderzahl und Brustkrebs
Die erwähnte Studie über sieben Regionen zeigte in unterschiedlicher Ausprägung auch, dass Frauen mit fünf und mehr Geburten – im Vergleich zu kinderlosen Frauen – ein um 40 bis 60 Prozent geringeres Krebsrisiko tragen. Die Anzahl der Geburten hatte hier im Vergleich zur Teenagerschwangerschaft allerdings nur einen eher untergeordneten Einfluss.

Schwangerschaft und Brustkrebs
Die meisten Schwangeren und Stillenden denken nicht an Krebs (Petrek 1994). Brustkrebs in der Schwangerschaft ist tatsächlich eher selten, wird aber als  besonders aggressiv eingestuft (Aebi 2008). Die „internationale Fachwelt“ hat sich mehr oder weniger darauf geeinigt, dass heute weltweit durchschnittlich eine von rund 3.000 Frauen in der Schwangerschaft von Brustkrebs betroffen ist. Diese Zahl wird unverändert seit mehr als zehn Jahren in der amerikanischen Datenbank >>> Physician Data Query (PDQ) des Nationalen Krebsinstituts genannt. Mindestens ebenso lange wird ein weiteres Ansteigen prognostiziert, aber Daten fehlen. Vorausgesetzt, die Zahlen stimmen, so kann man anhand der Geburten in Deutschland sehr vorsichtig schätzen, dass jedes Jahr rund 220 Frauen im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft an Brustkrebs erkranken. Über den Trend einer Zunahme kann man bisher nur spekulieren. Genauere Daten sind weder national noch international zu ermitteln. Deutschland gehört bisher zu den Ländern ohne funktionierendes nationales Krebsregister. Die Dachdokumentationen des Robert Koch-Instituts zu Krebs und Häufigkeit in Deutschland geben für „Brustkrebs in der Schwangerschaft“ keinen näheren Aufschluss zu den Entwicklungen bei uns. Die onkologischen SpezialistInnen in Deutschland übernehmen die internationalen Zahlen. Das Durchschnittsalter von Patientinnen mit Brustkrebs in der Schwangerschaft liegt demnach zwischen 32 und 38 Jahren (Keleher 2002). Unabhängig von einer Schwangerschaft liegt das statistische Brustkrebsrisiko bei Frauen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren bei eins zu 252 (Regierer & Possinger 2005).

Schwangerschaft und Brustkrebsgene
Nur die Gruppe der Frauen mit den Brustkrebsgenen BRCA1 und BRCA2 kann vom Schutz einer „Teenagerschwangerschaft“ wahrscheinlich nicht profitieren. Das hat eine kanadische Studie bereits untersucht (Jernstrom 1999). Bei Frauen mit BRCA-Mutationen (BRCA: BREAST CANCER, Brustkrebs) erhöht jede Schwangerschaft das Risiko, ab einem Alter von 40 Jahren an Brustkrebs zu erkranken, während Kinderlosigkeit das Risiko verringert (Jernstrom 1999). Eine Studie verglich 1.260 Frauen mit bekannter BRCA-Mutation mit Frauen ohne solche Genveränderung. Sie kam zu dem Ergebnis, dass das Brustkrebsrisiko in den ersten zwei Jahren nach der Schwangerschaft am größten war. Mehr Schwangerschaften führten in dieser Untersuchung nur bei Frauen mit BRCA2-Mutation ab dem Alter von 50 zu einem höheren Brustkrebsrisiko (Cullinane 2005).

Frauen, die von den BRCA-Genveränderungen betroffen sind, haben auch in Schwangerschaft und Stillzeit ein höheres Brustkrebsrisiko. In der Gruppe der Frauen, die innerhalb dieser Zeit Brustkrebs entwickeln, sind sie wahrscheinlich überrepräsentiert (Johannsson 1998, Shen 1999). ÄrztInnen und Hebammen können mit Achtsamkeit und Fachwissen viel für schwangere Brustkrebspatientinnen, die von BRCA betroffen sind, tun.

Schwangerschaft und Stillen
Zahlreiche Geburten und lange Stillzeiten werden Frauen immer wieder als schützende Faktoren vermittelt. Erst mit dem Austragen der ersten Schwangerschaft ist die Entwicklung der Brust abgeschlossen (Love 1990). Doch das schnelle Zellwachstum des Brustgewebes in Schwangerschaft und Stillzeit kann auch die Vermehrung jeglicher krebsartiger Zellen in der Brust stimulieren (MacMahon 1970). Wahrscheinlich ist hier eine Ursache von Brustkrebs in der Schwangerschaft zu suchen. Auch führen die zum Schutz des Fetus in der Schwangerschaft eintretenden Veränderungen im Immunsystem der Mutter zu einer Senkung der natürlichen Killerzellen (Murphy 2008). Diese Killerzellen sind für die Abwehr von Krebserkrankungen wichtig. Beides würde erklären können, warum die schützenden Effekte nur bei einer Schwangerschaft in jungen Jahren zum Tragen kommen: Bei 20-Jährigen bilden sich kaum Krebszellen, die zum Wachstum angeregt werden könnten. Mit zunehmendem Lebensalter wird die Wahrscheinlichkeit dafür langsam höher.

Schützt Stillen vor Brustkrebs?
Über Jahrhungerte ist vermutet worden, dass Stillen zur Verringerung des Brustkrebsrisikos beiträgt. Auch Beral verwies 2009 erneut auf diesen Schutz. Eine Überprüfung (Reanalyse) der Daten aus 47 Studien in 30 unterschiedlichen Ländern wurde 2002 veröffentlicht. Hier flossen Daten von über 50.000 Brustkrebspatientinnen und einer fast doppelt so großen Vergleichsgruppe mit Frauen, die nicht an Brustkrebs erkrankt waren, ein. Die internationale Krebsforschungsbehörde IARC stützt sich in ihrem Faktenpapier zu Brustkrebs auch auf diese Daten. Sie hält fest, dass die verfügbaren Daten zwar schwach seien, es aber möglicherweise eine geringfügige Reduktion des Brustkrebsrisikos durch Stillen gäbe (ENCR/IARC 2002, CGHFBC 2002). In der breit angelegten Überprüfung wurde festgestellt, dass die Stillzeiten bei Frauen mit Brustkrebs durchschnittlich kürzer waren (9,8 gegenüber 15,6 Monaten). Je länger Frauen stillten, desto besser seien sie gegen Brustkrebs geschützt. In einzelnen der kleineren Studien zum Stillen konnte der positive Effekt des Stillens jedoch entweder gar nicht oder erst im Zusammenhang mit sehr langen Gesamtstillzeiten – über 60 Monate und länger – nachgewiesen werden. In der Schlussfolgerung kommt das AutorInnenkollektiv der Reanalyse zu der Interpretation, dass fehlende oder kurze Stillzeiten typisch für Frauen in den entwickelten Ländern seien und Stillen hier einen wichtigen Beitrag zur Senkung von Brustkrebs leisten könne (CGHFBC 2002).

Stillen und Brustkrebsgene
Auch Frauen, bei denen eine BRCA1-Mutation vorliegt, senken ihr Brustkrebsrisiko, wenn sie länger als ein Jahr stillen (Jernström 2004).

Stillzeit und Brustkrebs
In der Stillzeit können – wie sonst auch – Knoten in der Brust auftauchen. Wie in der Schwangerschaft soll Brustkrebs auch in der Stillzeit öfter mit einer schlechteren Prognose verknüpft sein (Guinee 1994). Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass die Diagnose hier häufiger verspätet gestellt wird. Jeder Knoten, der nicht durch Ausstreichen oder Massage wieder verschwindet, muss in der Stillzeit also schnell und sicher ärztlich abgeklärt werden, auch wenn verschiedene gutartige Veränderungen wie etwa Milchzysten (Galaktozelen) ursächlich sein können.

Stillen als Brustkrebsursache?
Auch die Zusammensetzung von Muttermilch und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit werden Frauen und Wissenschaft noch lange weiter beschäftigen. Muttermilch ist in den letzten 30 Jahren durch Umweltbelastungen mit den gleichen Chemikalien – wie beispielsweise PCB, DDT, Lösungsmitteln und Schwermetallen – kontaminiert, die unter anderem wiederum für den Anstieg des Brustkrebsrisikos verantwortlich gemacht werden. Die Schadstoffe sammeln sich im Laufe des Lebens im Körper an und werden über die Muttermilch weitergegeben. Die Biologin Dr. Sandra Steingraber verweist darauf, dass eine Frau während des Stillens 20 Prozent dieser eigenen Körperbelastung an den Säugling weitergibt (Steingraber 2001). Frauengruppen setzen sich seit einigen Jahren für eine Forschung zum Thema gesündere Brustmilch ein (Tarkan 2001).

Früherkennung in Schwangerschaft und Stillzeit: Selbstuntersuchung?
Für die Selbstuntersuchung der Brust konnte generell belegt werden, dass sie die Sterblichkeitsrate bei Brustkrebs nicht senkt. In großen Studien erwies sich sogar eine Zunahme von negativen Auswirkungen (Semiglazov 1999, Thomas 2002). Dennoch wird die Selbstuntersuchung wegen des Risikos der verspäteten Diagnose in Schwangerschaft und Stillzeit häufig empfohlen. Eine umfassende klinische Untersuchung mit entsprechendem Studienergebnis gibt es dazu jedoch nicht. Was also tun in Schwangerschaft und Stillzeit? Die Brüste erkunden und auf natürliche Veränderungen achten. Es ist schön, zu erfahren, wie die Brüste sich anfühlen. Die Suche nach Krebs sollte nicht im Vordergrund stehen, so schreibt Susan Love in ihrem „Brustbuch“.

Zukunftsvision der Brustkrebsforschung
Valerie Beral, die seit 1989 die Abteilung für Krebsepidemiologie an der Universität von Oxford leitet und in verschiedenen internationalen Arbeitsgruppen mitarbeitet, sieht bis heute die Zusammenhänge rund um das Kinderkriegen als die wichtigsten Einflussgrößen zur Senkung des Brustkrebsrisikos. Die Häufigkeit von Brustkrebs in Mitteleuropa würde sich mehr als halbieren, wenn Frauen dieselben Reproduktionsgewohnheiten hätten wie in Entwicklungsländern. Allerdings schätzt sie die Möglichkeiten von Veränderungen selbst als unrealistisch ein. Beral hat 2009 gut untersuchte ältere Daten und abgesicherte Forschungsarbeiten wieder ans Licht gebracht. Ihre futuristisch anmutende Vision von 2009 ging in die Richtung, dass die Schwangerschaft in ihren Auswirkungen auf die weibliche Brust und den Körper der Frau mit einer Art Impfung imitiert werden könne. In jungen Frauen würden Kurzzeitwirkungen von Hormonen während Spätschwangerschaft und Stillzeit für lebenslangen Schutz sorgen. Beral, die in ihrer Präsentation keine Interessenkonflikte mit Pharmafirmen angab, beschrieb einen entsprechenden‚ hormonellen Impfstoff für junge Frauen als Ziel einer langfristigen Präventionsstrategie. Auf die Vermeidung der beständigen Kontamination mit Umwelthormonen ging sie dagegen nicht ein.

Diese neuerliche Idee einer Medikalisierung von Frauen weckte wenig Begeisterung. Das amerikanische Nationale Krebsinstitut (NCI) hat die sogenannte >>> STELLAR-Studie (Study to evaluate Letrozole and Raloxifene) bereits im Sommer 2007 gestoppt – nach einer Reihe erfolgloser medikamentöser Versuche. Damit hatte man sich vorerst von dem Weg verabschiedet, die hormonelle Situation von Frauen zur Brustkrebsprävention über Medikamente zu beeinflussen. Wirkungen und Nebenwirkungen standen in einem sehr ungünstigen Verhältnis, und der Schaden war größer als der Nutzen. Frauenorganisationen in den USA bewerteten Berals Beitrag kritisch. Ihr wurde ein Rückfall hin zu den Erklärungsmustern des beginnenden 20. Jahrhunderts bescheinigt.

Über die Jahrzehnte wurde mehr oder weniger versteckt die Botschaft übermittelt, dass das Verlassen des „sicheren Platzes“ – Heim, Herd und Mutterschaft – das Brustkrebsrisiko verhaltensbedingt steigert. Das hat langfristig zu einer Interpretation der Daten geführt, die sich am Verhalten von Frauen orientiert. Verhältnisprävention, und damit Forschung an Lebensverhältnissen und Ursachen von Brustkrebs in der Lebensumwelt von Frauen, blieb dagegen über Jahrzehnte einfach links liegen. Dieser Ansatz wird Frauen bis heute in hinreichendem Umfang verweigert (Brenner 1997). Gründe für das so stark gehäufte Auftreten von Brustkrebs in den Industrienationen sind bisher nicht wirklich geklärt. Ernährung, Chemikalien und Umweltfaktoren werden diskutiert. Frauen selbst haben inzwischen verschiedene Organisationen gegründet, die konsequent Umweltaspekte in den Vordergrund stellen.

Wie eine Reihe anderer Fraueninitiativen arbeitet auch die >>> Umweltsoziologin Dr. Sabrina McCormick von der staatlichen Universität in Michigan, USA, am Thema Umwelt und Brustkrebs. Sie versucht, im Rahmen ihrer Forschungsprojekte den offenen Fragen auf den Grund zu gehen (McCormick 2007, 2009). Beral vertrat die Auffassung, dass Frauen einfach Pech hätten, wenn sie unabhängig von Reproduktionsfaktoren an Brustkrebs erkrankten. Die Widersprüchlichkeiten dieses „Pechs“ wurden beleuchtet: So erkrankten Frauen nach einem Umzug vom Land in die Großstadt sehr viel schneller an Brustkrebs, als dass sie ihre Gewohnheiten im Zusammenhang mit dem Kinderkriegen änderten. „Strahlende Techniken“ sind auf dem Vormarsch. Mammographie und auch die Computertomographie, die ohne ionisierende Strahlung nicht auskommen, werden immer breiter eingesetzt – zusätzlich zu ansteigenden Strahlenbelastungen im Alltag. Auch verdienten hormonwirksame Substanzen, sogenannte endokrine Disruptoren, sehr viel mehr Aufmerksamkeit, da sie über Nahrung, Trinkwasser und Kosmetika vom Körper aufgenommen werden. All das hat Beral unter den Tisch fallen lassen.

Perspektiven – Wie geht es weiter?
Niemand kann heute ernsthaft erwarten, dass Frauen ihre Familienplanung von statistischen Wahrscheinlichkeiten einer unsicheren Brustkrebsprävention abhängig machen. Frauen in westlichen Ländern werden in der überwiegenden Mehrheit ihr erstes Kind nicht unter 20 bekommen. Im Umgang mit hormonellen Medikamenten und hormonell wirksamen Stoffen aller Art wäre eine kritische Diskussion wichtig, die Frauen über Risiken ehrlicher informiert. Unzweifelhaft ist der gegenwärtige Wissensstand unbefriedigend. Alle Daten eignen sich weder, um das Brustkrebsrisiko einer individuellen Frau sicher vorherzusagen, noch um Brustkrebs sicher zu vermeiden. Die Brustkrebsforschung der vergangenen Jahrzehnte hat sich stark auf die medikamentöse Therapie konzentriert. Die Anzahl der durchgeführten Studien ist unüberschaubar geworden. Die Sensibilisierung bei Brustkrebs verursachenden Chemikalien – etwa in Kosmetika oder Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln – steckt noch in den Kinderschuhen. Neben Krebs verursachenden Stoffen und Strahlen rückt bei vielen Krebserkrankungen – so auch bei Brustkrebs – das Krebs auslösende Potenzial von Viren ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Verschiedene Standardlehrbücher zum Mammakarzinom halten bereits lange fest, dass Grundlagenforschung unbedingt notwendig sei, um Möglichkeiten einer infektiösen Verbreitung von Brustkrebs durch Viren weiter zu erforschen (Kreienberg 2002 & 2006). Diese Ansätze verfolgt auch Susan Love mit ihrer Forschungsstiftung, der Dr. Susan Love Research Foundation. Sie forscht in verschiedenen Projekten an Brustkrebs als Viruskrankheit und geht davon aus, dass Viren bei Brustkrebs die zentrale Rolle spielen (Love 2010).

Bildnachweis: Lorena Ulloa, Creative Commons 2.0 Non-Commercial – Share alike

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Brustkrebs und Rauchen als Risikofaktor

Rubrik risikofaktoren


Silikonimplantate bei Brustkrebs

Ist eine die Brust erhaltende Operation bei Brustkrebs nicht möglich, wird Frauen oftmals die “Wiederherstellung” der Brust mit oder ohne Verpflanzung von Eigengewebe angeboten. Auch Implantate aus Silikon werden bei solchen Operationen zur “Rekonstruktion” in den Körper der Frau eingesetzt. Silikonimplantate können häufig nicht dauerhaft in der Brust verbleiben, weitere Nachoperationen werden dann notwendig. Eine Reihe von Komplikationen können sich einstellen, die jedoch angesichts der Diagnose Brustkrebs zunächst unter Umständen als zweitrangig betrachtet werden. Dennoch sollten Frauen sich sehr genau informieren, bevor sie chirurgisch-rekonstruktiven Maßnahmen zustimmen, um Risiken und mögliche Folgeproblematiken besser einschätzen zu können.

Die Stiftung Warentest hat im Dezember 2003 den Artikel >>> Materialtest an Frauen (bitte auf pdf-Icon auf der Webseite der Stiftung Warentest klicken) veröffentlicht, der sich zwar grundsätzlich mit Brustimplantaten im Zusammenhang mit Brustvergrößerung befasst, Risiken und Nebenwirkungen sind beim Einsatz nach Brustkrebsoperation jedoch ggf. von noch größerer Tragweite.

Leider gibt es keine kritischen Informationen zum Einsatz von Silikon in die Brust nach Brustkrebs. Wir raten Frauen deswegen zu größter Vorsicht. Silikon in der Brust trägt mit Sicherheit nicht zur physischen Gesundheit bei und kann weitere erhebliche Gesundheitsprobleme verursachen.

Weitere Informationen:

Alternativen zu Silikon & Co:   Frauen, die sich nicht “rekonstruieren” ließen

Entschließung des Europa-Parlaments zu Brustimplantaten

Silikonimplantate in der Brust: Gefährliche Kosmetik?

Silikonimplantate: Bericht zum Stand in den Vereinigten Staaten (Stand 2007)

Siliconegate (Frauenzeitschrift EMMA, 1996, trotzdem relevant)

Weitere Links in unserer Linksammlung zu Brustkrebs

Rubrik brustkrebs, brustrekonstruktion, plastische chirurgie, therapie

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